Die fremde Spionin

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Juni 2021
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27066-7 (ISBN)
 

Vom Bau bis zum Fall der Berliner Mauer - Auftakt der großen deutsch-deutschen Romantrilogie

Ria ist zehn Jahre alt, als ihre Eltern von der Staatssicherheit abgeholt werden. Sie wird von ihrer kleinen Schwester getrennt und in einer Adoptivfamilie untergebracht. Seither führt Ria in Ostberlin ein scheinbar angepasstes Leben. Erst als der BND sie als Informantin rekrutiert, sieht sie ihre Chance gekommen. Mithilfe des westlichen Geheimdienstes will Ria sich an der DDR rächen und endlich ihre Schwester wiederfinden. Doch dann erfährt sie im Sommer 1961 von einem ungeheuerlichen Plan, der ihr Schicksal und die Zukunft beider deutscher Staaten für immer verändern könnte.



weitere Ausgaben werden ermittelt

Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, hat 13 Romane und 7 Sachbücher geschrieben. Er ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u. a. mit dem C. S.-Lewis-Preis, dem Sir-Walter-Scott-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine große Spionin-Trilogie erzählt die Geschichte einer mutigen Frau - und drei Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte.

1

Fjodor Sorokin schrieb einen falschen Namen in das Meldeformular und erfand eine Adresse in Dortmund.

»Wie lange werden Sie bleiben, Herr Budeit?« Der Hotelangestellte nahm das Formular mit professionellem Lächeln in Empfang. Er spähte auf die Zeile für das Abreisedatum, die Sorokin leer gelassen hatte.

»So lange es nötig ist«, sagte Sorokin. »Vier, fünf Tage.«

»Sie sind geschäftlich hier?«

Sorokin sah ihn statt einer Antwort kalt an. Schließlich nickte er.

»Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.« Der Hotelangestellte kam um den Tresen herum und wollte den rotbraunen Lederkoffer nehmen, aber Sorokin griff schneller zu. Nun beeilte sich der Angestellte, vor Sorokin am Aufzug zu sein und die Ruftaste zu betätigen. Sie standen da, während der Fahrstuhl näherkroch, und der Angestellte fragte: »Sind Sie zum ersten Mal in München?«

Zwei Jahre war es her, dass er hier gewesen war und den ukrainischen Exilpolitiker Lew Rebet getötet hatte. Stepan Andrijowytsch Bandera würde eine schwierigere Aufgabe darstellen. »Ja, zum ersten Mal«, antwortete er. »Können Sie mir ein Restaurant empfehlen?«

Der Hotelangestellte empfahl Böttner oder Röttner in der Theatinerstraße, er hörte nicht genau zu.

Vor drei Jahren war bereits ein Kollege an Bandera gescheitert, vor zwei Jahren ein weiterer. Er war gewarnt. Er würde vorbereitet sein. Bandera war ein ukrainischer Nationalheld, und er war Kopf der OUN, der Organisation Ukrainischer Nationalisten.

Sie fuhren hinauf. Der Angestellte schloss ihm das Zimmer auf und wies hinein, als handle es sich um ein nobles Penthouse. Sorokin drückte ihm ein Fünf-Mark-Stück in die Hand und schloss die Tür hinter sich. Er setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch.

Er musste also hinein. Musste ihn töten, ohne Geräusch und ohne Spuren, und dann wieder hinauskommen. Die Makarow kam nicht infrage, selbst mit Schalldämpfer war die Gefahr, dass man den Schuss hörte, zu groß. Bandera arbeitete unter anderem für den BND, sicher hatten sie Wachposten aufgestellt. Fiel ein Schuss, würden die das Haus stürmen. Und in der Wohnung hielt Bandera womöglich selbst Überraschungen bereit.

Sorokin zog das Dossier aus dem Koffer und schlug es auf. Bandera hatte im Krieg seine eigene kleine Privatarmee angeführt. Unter dem Decknamen Konsul II hatte er für die Wehrmacht gearbeitet, dann war er abtrünnig geworden und hatte einen unabhängigen ukrainischen Staat ausgerufen, was die Deutschen nicht dulden konnten. Sie brachten Bandera nach Sachsenhausen, ließen ihn aber nach drei Jahren wieder frei, damit er den ukrainischen Widerstand gegen die Rote Armee anführte. Er täuschte sie und folgte wieder seinem eigenen Programm. Seitdem versuchte er, der Sowjetunion mit seiner OUN die Ukraine abspenstig zu machen, und war damit ein natürlicher Verbündeter des BND. Hinzu kamen die Informationen, an die er durch seine Wühltätigkeit gelangte und die er an den Westen weitergab. Seit fünfzehn Jahren lebte er im Verborgenen. Er führte in der Bundesrepublik einen falschen Namen, hatte geheiratet und zog drei Kinder groß.

Sorokin prägte sich das Foto ein, dann nahm er die losen Seiten aus der Mappe, ging ins Badezimmer, legte das Dossier ins Waschbecken und zündete es an. Die Flammen gaben dem Raum ein gespenstisch blaues Licht. Als auch das Foto zu hauchdünnem schwarzem Kohlenstoff verbrannt war, zerteilte er die knisternden Reste und spülte sie im Waschbecken hinunter.

Er schlief gut, so wie immer, wenn es darauf ankam. Das Kissen war hart, das Bett durchgelegen, trotzdem erwachte er nach einer traumlosen Nacht und war im Vollbesitz seiner Kräfte. Zum Frühstück aß er eine Schüssel Haferflocken und eine Banane, die erste seit zwei Jahren, und trank echten Bohnenkaffee. Dann ging er in die Stadt und traf einige Vorbereitungen.

Er kannte die »Verkleidungskoffer«, die es bei der ostdeutschen Staatssicherheit gab und die auch manche beim KGB benutzten. Vorräte von Perücken, falschen Bärten, verschiedenen Brillen, Kosmetika, mit denen sich die Hautfarbe ändern ließ. Von solchen Hilfsmitteln hielt er nichts. Sie lenkten vom Eigentlichen ab.

Wenn man sich tarnen wollte, ging es um eine Geschichte. Man verkörperte eine andere Person. Tauchte in deren Alltagsgebaren ein. In einem Bahnhof war ein Koffer wichtiger als ein falscher Bart. In einer Einkaufsstraße brauchte man ein Tragenetz, keine Perücke.

Der Schnurrbart, den er heute angelegt hatte, war bloß eine Nebensache, eine kleine Unterstützung. Viel wichtiger war der Kinderwagen. Er schob ihn in die Kreittmayrstraße. Seine Sorge war, dass der Kinderwagen neu wirken könnte, auch wenn er ihn mit Milchflecken versehen hatte und mit den Rädern auf dem Spielplatz durch den Sandkasten gefahren war. Ein aufmerksamer Mensch konnte riechen, dass der Kinderwagen unbenutzt war.

Als er sich dem Haus Nummer sieben näherte, beugte er sich in den Wagen vor und stopfte die Babydecken, die er gekauft hatte, fester um die Puppe. Er ließ kaum eine Handbreit des Puppenkopfes sehen und zog der Puppe die Babymütze tief in die Stirn. Zusätzlich stellte er den Sonnenschutz auf, sodass man sich weit über den Kinderwagen hätte beugen müssen, um hineinzublicken.

Er entdeckte die Posten sofort. Einer von ihnen stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und las eine Zeitung, der andere saß auf einer Parkbank nahe dem Hauseingang. Sie waren zu gut rasiert für Müßiggänger.

Wenn der auf der Parkbank Schwierigkeiten machte und ihn in einen Kampf verwickelte, hatte der auf der anderen Straßenseite Deckung hinter einem parkenden Auto, konnte seinerseits aber ungehindert auf ihn schießen. Es war keine gute Ausgangslage.

Trotzdem näherte er sich der Haustür. Der Posten stand von der Bank auf und trat auf ihn zu. »Hat die Mama keine Zeit?«

Sorokin tat irritiert.

Versöhnlicher fragte der Posten: »Wie heißt denn der Kleine?«

»Es ist eine Sie.« Sorokin sprach mit gedämpfter Stimme. »Luisa. Sie schläft gerade, ich werde sie im Hausflur stehen lassen. Man ist so froh, einmal Ruhe zu haben.«

Der Posten versuchte, einen Blick in den Kinderwagen zu werfen, aber der Sonnenschutz hinderte ihn, und drin im Wagen war es schattig. Ich hätte mir die Hose zerknittern sollen, dachte Sorokin. Immerhin hatte er sich einen Schluck Milch auf die Schulter gespuckt, das bemerkte der Posten jetzt. Sorokin sah, wie sein Blick am länglichen weißen Fleck hängen blieb.

»Zu wem wollen Sie denn?«

»Zu meiner Tante.« Forsch trat er an das Klingelfeld heran und wählte einen Namen, der mit weiblicher Handschrift geschrieben war. Er drückte die Klingel.

Als er sich wieder zum Kinderwagen wandte, sah er, dass der Mann auf der anderen Straßenseite die Zeitung faltete und um das parkende Auto herumtrat, im Begriff, die Straße zu überqueren und ebenfalls zu ihm zu kommen.

Die Sache wurde heiß.

Ein Puls von 175 war nichts Gutes. Man konnte nicht mehr richtig sehen. Man war nicht Herr seiner selbst. Aber wer zum dritten oder vierten Mal in einen Schusswechsel geriet, der lernte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Der Puls ging nur noch auf 120 hoch, oder auf 110.

Wann öffnete diese verdammte Person? Er überlegte, sich nah an die Klingeln heranzustellen, sodass die Posten nicht sahen, wo genau er die Finger hatte, und rasch einen anderen Klingelknopf zu drücken, aber auch die Bewegung zum Klingelfeld würde ihn verdächtig machen. Wer nichts zu verbergen hatte, dem war es gleichgültig, ob er etwas länger vor der Haustür wartete.

Jenseits einer Pulsfrequenz von 145 passierten unangenehme Dinge. Komplexe Bewegungsabläufe wurden schwierig. Man konnte die Hände nicht mehr richtig koordinieren. Bei einem Puls von 175 schaltete sich das Großhirn ab, und das Mittelhirn übernahm, was für die kognitiven Prozesse nicht gut war. Der Blick verengte sich, das Blut wurde aus den äußeren Muskeln abgezogen und konzentrierte sich auf die inneren Muskeln, um sie hart zu machen, damit bei einer Verletzung möglichst wenig Blut verloren ging. Man konnte sich nicht einmal mehr an die Notrufnummer erinnern. Mit diesem Puls wählte man 000 oder irgendwelchen Unsinn.

Er zwang sich zur Ruhe und schärfte seinen Geist. Das Handschuhfutter war mit Bleigranulat gefüllt, seine Schläge würden Wirkung zeigen. Zog der zweite Posten eine Waffe, würde er den ersten als Schutzschild vor sich stoßen, während er selbst die Makarow aus dem Halfter löste. Dann würde er beide umlegen.

Eine Frau in grün gemusterter Kittelschürze erschien in der Tür.

»Fasst du kurz mit an?«, fragte er, bevor sie etwas sagen konnte, und schob den Kinderwagen voran.

Wie in einem Reflex öffnete sie die Tür weit genug, dass er hindurchkam.

Bat man Menschen um simple Handgriffe, fassten sie zu, ohne lange nachzudenken. Die Hilfsbereitschaft war vor allem bei Frauen tief verankert. Die Fremde nahm den Kinderwagen vorn und trug ihn widerspruchslos mit ihm die Treppe hoch.

Auf der ersten Treppenflucht warf er einen Blick zurück. Gerade fiel die Haustür wieder ins Schloss. Die Posten standen draußen und redeten.

Die Frau strahlte ihn an, als wollte sie ihn heiraten. »Was für ein toller Vater. Man sieht viel zu selten, dass auch mal die Väter ihr Kind spazieren fahren.« Das Tragen strengte sie an. Trotzdem hörte sie nicht auf zu lächeln. »Welche Etage?«

Banderas falscher Nachname hatte in der zweiten Zeile gestanden. Er sagte: »Die dritte. Oje, das tut mir leid, dass ich Sie...

"Jüngste Zeitgeschichte wird so spannend und nachvollziehbar aufbereitet und hautnah erlebbar."

"Unglaublich spannend!"

"Spannend, fesselnd und faszinierend entsteht vor dem inneren Auge ein Abschnitt der jüngeren deutschen Geschichte, der unser Land für immer veränderte."

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