Wellenkrieg

Agentenfunk und Funkaufklärung des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968
 
 
Christoph Links Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2017
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86284-403-6 (ISBN)
 
Funk und Funkaufklärung waren und sind gut gehütete Geheimnisse moderner Nachrichtendienste. Armin Müller beleuchtet u. a. anhand der BND-Akten erstmals umfassend, welche Anforderungen, Möglichkeiten und Grenzen diesen wichtigen Teil der Auslandsaufklärung bestimmten. Er untersucht, wie die Organisation Gehlen nach dem Zweiten Weltkrieg die technische Abteilung ihres Nachrichtendienstes organisierte. Sie baute zum einen Verbindungen zu ihren Quellen hinter dem Eisernen Vorhang auf, den sogenannten Agentenfunk. Zum anderen erfasste sie mit ihrer Funkaufklärung Kommunikation und Signale des Gegners. Darüber hinaus wurde die Abteilung entscheidend für die Verteidigungsplanungen des Dienstes und die Zusammenarbeit mit der jungen Bundeswehr.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Armin Müller: Jahrgang 1974, Diplom-Ingenieur für Schiffsbetriebstechnik; Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Osteuropäischen Geschichte sowie Friedens- und Konfliktforschung in Marburg, Gießen und Quito; ab 2010 freier Mitarbeiter am heutigen ZMSBw; 2012 - 2015 wiss. Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, 2017 Promotion.

I. Wellenkrieg


Am Anfang war das Heer. Es hatte die deutsche Geschichte geprägt, bestimmt und vor sich hergetrieben, bis die einstmals größte Landstreitkraft Mitteleuropas in der Stunde null aufhörte zu existieren. Dies galt zumindest für die meisten Soldaten des Zweiten Weltkriegs - doch nicht alle kehrten nach Hause in ihr ziviles Leben zurück. Für manche setzte sich die Konfrontation in veränderter Art und Weise fort. Für manche von ihnen blieb es weiterhin ein unsichtbarer Konflikt, ausgetragen im elektromagnetischen Spektrum. Leise, unbemerkt, ohne Kampfhandlungen - doch mit Verlusten.

1. Von Zossen nach Pullach


Stunde null

Für Oberstleutnant Hermann Baun, einen der exponiertesten Vertreter der frühen Organisation Gehlen, endete der Zweite Weltkrieg am 29. Juli 1945. An diesem Tag wurde er vom 80th MIS Detachement in Hinterberg bei Sonthofen verhaftet und nach Freising ins 3rd Army Interrogation Center, den sogenannten Freising Cage überstellt.1 Im Krieg hatte Baun die Leitstelle I für Frontaufklärung Ost (»Walli I«) unterstanden, zu der Generalmajor Reinhard Gehlen als Leiter der 12. Abteilung im Generalstab des Heeres Fremde Heere Ost (FHO) in der Spätphase des Krieges enge Verbindungen aufgebaut hatte. Baun hatte Gehlen damit das geliefert, was dessen Abteilung fehlte: eigene Aufklärungskräfte an und hinter der Ostfront.2 Hierzu wurde Baun im August und September 1945 von den US-Amerikanern intensiv befragt:

His preliminary interrogation took place on 17 August at the 3rd Army Interrogation Center, where it was noted that he was knowledgable on the subjects of the organization and personnel of the Leitstelle I Ost down to FAK [Frontaufklärungskommando] level and in this connection drew up charts to show the overall organization of the German Intelligence services and their relationship to the FHO, the German High Command and the Nazi Party during the period from June 1941 to March 1945. He also furnished information and sketches to show the movement and ultimate location of FAK units which had been under his command and of the final Bavarian resting place of Leitstelle I Ost sections and files.3

Dies passte zu den Informationen, die man von Reinhard Gehlen erhalten hatte - Baun wurde auf Anordnung des Military Intelligence Service Center (MISC)4 nach Oberursel verlegt. Am 19. September traf Baun dort auf Gerhard Wessel, der nach der Abreise der Gehlen-Gruppe in die Vereinigten Staaten von Wiesbaden dorthin verlegt worden war.5 Von den amerikanischen Stellen war zunächst geplant, Baun und seine Kontakte nur für die Gegenspionage einzusetzen. Es gelang nach eigener Darstellung jedoch Wessel und Baun, die amerikanische Seite von einer Ausweitung der Arbeit auf die Beschaffung mit dem Ziel einer Aufklärung der sowjetischen Streitkräfte zu überzeugen. Diese begann Anfang April 1946.6 Zur selben Zeit wurde ein wichtiger Mitarbeiter Bauns aus der US-amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Ferdinand Bödigheimer7 - ursprünglich Lehrer - war schon vor dem Krieg bei der Abwehr-Funkstelle »Eiserne Hand«8 tätig gewesen. Im Krieg hatte er unter Baun die Position des Agentenfunkleiters Ost inne, er war also zuständig für die Funkkommunikation mit Bauns Quellen hinter den feindlichen Linien. Wie viele andere Funker, die von der Abwehr kriegsverpflichtet worden waren, war er leidenschaftlicher Amateurfunker - er galt als ausgewiesener Experte seines Faches und hatte bereits mehrere Standardwerke zur Amateurfunktechnik verfasst.9 Im Mai 1946 begann er unter dem persönlichen Decknamen »Banner« in Oberursel unter der Abdeckung HQ-Eucom Meterological Survey Unit APO 575 US-Army mit dem Aufbau einer Kurzwellenerfassung und einer Funkbetriebsgruppe für den eigenen Führungs- und Agentenfunk.10 Intern trug dieses Unternehmen die Bezeichnung Signal Section. Man rekrutierte zunächst erfahrenes Funkpersonal der Wehrmacht, um die schon vorhandenen drei Horchfunker zu verstärken. Schon früh war die Ausrichtung klar: »[.] broadcast stations located in Soviet occupied areas and transmitting in Russian, Ukrainian, Polish and German«.11

Die im Juni gestartete Einstellungsoffensive war anscheinend erfolgreich, im Juli 1946 wurden Gliederung und Stärke der Berndt-Group - nach Bauns Decknamen »Berndt«, künftig Information Group - wie folgt angegeben:

(1) Berndt, in Charge of Information Group

(2) Staff Members [handschriftlich:] (6)

(3) Agents

(4) Radio Monitors [handschriftlich:] (15)

[.]12

Aus anderen Unterlagen lässt sich die Stärke von 15 Mann nicht belegen. Sicher ist, dass im Juni und August 1946 die Gruppe um zwei Fernmelder, Decknamen »Wolfert« und »Schneider«, erweitert wurde.13 Ebenso ist nicht ersichtlich, was diese 15 radio monitors im Einzelnen machten, man kann aber davon ausgehen, dass nur ein Teil von ihnen tatsächlich mit Kopfhörern vor Kurzwellen-Empfängern saß. Zur Nachrichtenaufklärung gehörten auch die Betriebs- und Verkehrsauswertung der erfassten Funkverkehre, die Meldung der zusammengefassten Erfassungsergebnisse - und auch um die technische Infrastruktur musste sich jemand kümmern. Sicher wurde aber mit dem Aufbau einer Kurzwellenerfassung und einer Funkbetriebsgruppe für den eigenen Führungs- und Agentenfunk begonnen. Neben sowjetischen Radiosendungen stieß man in der Kurzwellenerfassung auf Sprechfunkverkehre der sowjetischen Luftwaffe, die von da an gezielt aufgeklärt wurden.14 Die Arbeitsbedingungen scheinen provisorisch gewesen zu sein. Ein Mitarbeiter der Funkaufklärung erinnert sich folgendermaßen:

Erster Sitz der Org.: Oberursel, innerhalb des amerikanischen Compounds, getarnt als amerikanische Dienststelle. Die Gesamtstärke der dort tätigen MA [Mitarbeiter] betrug im Herbst 1946 ca. 30-40 Personen. Arbeit daselbst in primitivsten Verhältnissen, unter erschwerten Bedingungen. Der Arbeitsund gleichzeitige Schlafraum der ersten drei MA unseres Bereiches befand sich in einem Dachraum oberhalb der Garage.15

Dies liest sich kleiner, als es tatsächlich war: Die erste Erfassungsstelle war vermutlich der Dachboden eines freistehenden Garagengebäudes auf dem Grundstück der als »Blue House« bezeichneten Opel-Villa,16 das deutlich größer als eine herkömmliche Garage ausfiel. Die Villa bildete zusammen mit den benachbarten drei Villen den »Basket« genannten Compound17 und diente zur Unterbringung der vor Ort bereits versammelten und der sich Anfang Juli auf dem Rückweg aus den USA befindlichen Angehörigen der Abteilung Fremde Heere Ost. Nachdem Letztere, auch einige Familienangehörige, Ende Juli in Basket eingetroffen waren, waren alle vier Häuser gut gefüllt.18 Unter welchen Bedingungen die Zusammenziehung erfolgte, beschrieb Joachim von Seydlitz-Kurzbach,19 Reinhard Gehlens Schwager, der im gleichen Zeitraum zur Keimzelle der Organisation stieß:

Als ich vom damaligen US-Capt. Waldmann aus dem Camp King bei Oberursel, in dem man mich eingesperrt hatte, abgeholt wurde, war ich zunächst sehr skeptisch, was meine Zukunft betraf. Aber der freundliche Captain, der in einem Opel Admiral angefahren war, zerstreute meine Bedenken. Daß ich an Stelle von Seydlitz nun Seibold heißen sollte, irritierte mich natürlich. Aber ich hatte keine Zeit für Überlegungen, denn nach kurzer Zeit bog der Wagen in ein umzäuntes Areal mit drei Villen ein.20

Infolge des Platzmangels zog Bauns »Information Collection Organisation« im August 1946 in das Opel-Jagdhaus im Weihersgrund um, allerdings ohne die Signal Section. Für das fernmeldetechnische Personal beschlagnahmten die US-Amerikaner das Hotel Wenzel in Schmitten im Taunus.21 Hier begannen auch die ersten Funklehrgänge mit Geräten aus Wehrmachtsbeständen.22 Doch diese Zwischenstation währte nicht lange, schon im April 1947 hieß es erneut umziehen. Die US-Army hatte der Organisation Gehlen eine weitere Liegenschaft im Taunus zur Verfügung gestellt: Schloss Kransberg.23 Hier begann nun mit dem Aufbau der ersten Horchstelle der Organisation Gehlen die eigentliche Arbeit auf dem Sektor der Funkaufklärung. Mit Wirkung vom 23. April 1947 wurde die Gruppe - vermutlich auch wegen ihrer zentralen Bedeutung für die interne Kommunikation der expandierenden Organisation Gehlen - aus dem Bereich Baun herausgenommen und Reinhard Gehlen direkt zugeordnet. Gleichzeitig wurden die den Außenstellen zugeteilten Funksachbearbeiter fachlich der Signal Section unterstellt.

Bödigheimer rekrutierte den Funkabwehrspezialisten Albert Heine,24 der ihm aus dem Krieg bekannt war. Der ehemalige Marineoffizier trat im April 1947 seinen Dienst auf Schloss Kransberg an und beschreibt mit prägnanten Worten das Leben in der frühen Organisation Gehlen rückblickend wie in einem Militärlager:

Ich wurde etwas an meine Bordzeit erinnert, nur hatte es da ja keine weiblichen Wesen gegeben. Die Zigaretten, die es als Teil des Entgeltes gab, konnte man rauchen oder mitnehmen. Meine Frau belebte damit den Frankfurter Schwarzmarkt. Bald entdeckte ich, daß die Funker aus dem vielen AmiZucker fast reinen...

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