Das Steinzeit-Virus

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2021
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25786-6 (ISBN)
 
Wie viel Tier steckt noch in uns?

Kruger-Nationalpark, Südafrika: Von einem mysteriösen Virus befallen, mutiert ein Elefant innerhalb weniger Tage zu einer prähistorischen Spezies mit vier Stoßzähnen. Wenig später sind auch Affen, Zebras und andere Arten von der Epidemie betroffen. Während die französische Paläontologin Anna Meunier nach den Ursachen sucht, greift das Virus auf den Menschen über. Innerhalb weniger Tage wird die Zeit um Millionen Jahre zurückgedreht: Homo sapiens wird Homo erectus. Panik bricht aus in New York, Paris, Genf und bald auf der ganzen Welt angesichts dieser mit Fell überzogenen, stummen und unberechenbaren Gestalten. Meunier und ihr Team versuchen verzweifelt, die Regression der Menschheit zu stoppen. Und sie müssen sich die Frage stellen: Sind das noch Menschen oder Bestien, die es zu bekämpfen gilt?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,99 MB
978-3-641-25786-6 (9783641257866)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Xavier Müller ist Physiker und arbeitet in Frankreich als Wissenschaftsjournalist. »Das Steinzeit-Virus« ist sein erster in Deutschland veröffentlichter Roman.

Prolog
Provinz Mpumalanga, Südafrika, 13. Juni


Petrus-Jacobus Willems wollte gerade seinen letzten Rundgang beginnen, als der Alarm ausgelöst wurde und die Starre dieses Sommertags durchbrach, ein schriller Ton an der Grenze des Erträglichen. Die Hündin Chaka stieß ein Knurren aus, das sich allmählich zu einem Jaulen auswuchs. Ihre Wirbelsäule wurde von Krämpfen geschüttelt, doch erstaunlicherweise machte sie Anstalten, sich zurückzuziehen, statt sich wie sonst auf die Bedrohung zu stürzen. Der Wachmann musste einmal fest an ihrer Kette ziehen, um sie wieder zur Ordnung zu rufen.

Mit einem Blick schätzte er die Lage ab. Hinter den Scheiben im ersten Stockwerk blinkte wütend ein rötliches Licht. Höchste Alarmstufe, dachte er, immer noch starr vor Schreck. Es war das erste Mal seit seinem Arbeitsantritt vor sechs Monaten, dass sich hier etwas Derartiges ereignete, und allmählich wurde er unruhig. Bei einem Zwischenfall waren die Vorschriften eindeutig: das gesamte Gebiet abriegeln, nachdem das Personal evakuiert worden war, keinerlei Versuch unternehmen, das Innere des Gebäudes zu betreten, dann das äußere Gitter absperren und sich entfernen. Sonst nichts.

Die Eingangstür flog krachend auf. Drei Männer in Labor­kitteln tauchten auf, die Gesichter waren mit Schutzmasken verhüllt. Sie stürmten in Richtung des Parkplatzes hinter dem Laboratorium. Dann erschien eine Frau. Sie war in Tränen aufgelöst. Petrus-Jacobus näherte sich ihr, wobei er darauf achtete, ruhig zu bleiben, um sie nicht noch mehr aufzuregen.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Schwer atmend, als bekäme sie keine Luft, schüttelte sie den Kopf. Als sich das Gittertor langsam öffnete, veranlasste das Geräusch sich verbiegenden Blechs Petrus-Jacobus dazu, sich kurz umzudrehen. In ihrer Eile waren zwei der drei Labor­mitarbeiter mit ihren Autos aneinandergeschrammt. Was für Vollidioten! Fassungslos über ihre Dummheit verdrehte er die Augen, bevor er sich wieder der weinenden Frau zuwandte, doch auch diese eilte bereits zu ihrem staubigen Ford.

Als sie losfuhr, bemerkte er, dass zwei weitere Autos unter den Bäumen standen. Eins davon war sein eigenes, ein Pick-up, den er zu einem Schleuderpreis und für einen »besonderen Gefallen« erstanden hatte. Chaka entfuhr ein kurzer Kläffer des Protests, sodass er ein weiteres Mal an ihrer Kette riss und die Hündin dann weiterzog.

Der Doc erschien auf der Schwelle zum Laboratorium. Seine Gesichtshaut wirkte wächsern, seine Augen waren gerötet und traten ihm aus den Höhlen. Petrus-Jacobus hatte mit ihm in sechs Monaten kaum fünfzig Worte gewechselt, doch der Typ sollte die Einrichtung eigentlich leiten, und an ihn sollte er sich im Notfall wenden.

»Was ist denn da los?«

»Schließen Sie einfach ab, und verschwinden Sie dann von hier.«

»Und was ist mit Andries? Soll ich auf den warten?«

Andries Joubert war der zweite Wachmann, der heute nach ihm Dienst schob, ein wortkarger Kerl, nach dem man allerdings die Uhr stellen konnte.

»Ist nicht nötig. Er wird es schon kapieren, wenn er vor verschlossenem Tor steht. Oder ich rufe ihn an. Hauen Sie jetzt ab.«

»Und was ist mit dem Alarm? Lassen wir den einfach plärren?«

»Verdammte Scheiße . das ist ein automatisiertes System! Avanti!«

Der Mann machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Sobald er in seinem Angeber-Cabrio saß, fuhr er mit quietschenden Reifen an und wirbelte dabei eine Staubwolke auf, die den Wachmann und seine Hündin vollständig einhüllte.

Der Alarm heulte weiter ohrenbetäubend, aber der schrille Ton erschien ihm inzwischen weniger aggressiv. »Avanti!«, hatte der Doc ihn aufgefordert. Petrus-Jacobus konnte den Typen nicht leiden .

Die Panzertür des Gebäudes stand sperrangelweit offen. Sie war mit einem Code gesichert, den er niemals hatte knacken können. In sechs Monaten war das jetzt die erste Gelegenheit. Die einzige, dachte er. Er zögerte. Chaka schien sich inzwischen wieder eingekriegt zu haben. Was riskierte er schon? Das Laboratorium lag in einer Einöde, darauf hatten sie geachtet, und Andries traf erst in einer guten halben Stunde hier ein - falls sie ihn nicht vorher benachrichtigten. Eine derart günstige Gelegenheit würde sich nicht so schnell wieder bieten.

Nachdem er sich noch ein letztes Mal umgesehen hatte, beschloss der Wachmann hin­einzugehen. Chaka folgte ihm artig, doch er spürte ihren Widerwillen.

»Ganz sachte, meine Hübsche, wir drehen nur kurz eine Runde, dann hauen wir auch ab.«

Während er sich durch den weiß gekachelten Flur vorarbeitete, drangen die ersten Schreie an seine Ohren, unterbrochen von kurzen Stößen, als ob irgendwer versuchte, die Wände zum Einsturz zu bringen. Die Luft schien unter der Lautstärke des Alarms und des Gebrülls zu zittern. Petrus-Jacobus ­­­sagte sich, es wäre vielleicht besser umzukehren, doch andererseits hatte er sich jetzt darauf eingelassen und wusste, dass es hier Tiere gab. Er war sich diesbezüglich deshalb so sicher, weil er zufällig ein halbes Dutzend Lieferungen mitbekommen hatte. Am Ende hatten die Schreie auch ihr Gutes, denn so wusste er immerhin, in welche Richtung er gehen musste.

Schleichend ergriff Nervosität von ihm Besitz, und er beschleunigte seinen Schritt. Die Gelegenheit war einfach zu günstig; nach dieser Aktion könnte er sich einen Luxusurlaub leisten oder ein neues Gewehr wie das von Gus, dem Kumpel, mit dem er immer auf die Jagd ging. Seltsamerweise flößte Chakas Folgsamkeit ihm die nötige Menge Mut ein, um weiterzugehen. Die Boerboel-Hündin würde ihm bis in die Hölle folgen . und solange sie bei ihm war, fürchtete er sich nicht vor allzu vielen Dingen.

Durch die Türen, die das Laborpersonal aufgrund der überstürzten Flucht einfach hatte offen stehen lassen, entströmte dem Raum, aus dem die Schreie drangen, ein strenger Geruch. Hier waren also die Tiere untergebracht. Ihm fielen das gelb-schwarze Symbol, das Gefahr anzeigte, das überaus wichtige Magnetschloss sowie ein ebenfalls geöffneter Durchgang zu einem zweiten Raum an der hinteren Wand und eine Metalltreppe auf. Die gut zwanzig Affen waren in ihre Käfige gesperrt: Kapuzineraffen, Gibbons, Paviane und drei Meerkatzen, die vor Angst halb verrückt waren. Außerdem ein Schimpanse; logischerweise waren Experimente mit dieser Spezies nicht gestattet, aber wen scherte schon das Gesetz?

Petrus-Jacobus musterte ihn mit geschultem Auge, dann trat er näher zu ihm. Die Entscheidung für das Tier fiel, weil es das einzige war, das nicht brüllte. Er hätte seine Ausrüstung aus dem Auto holen sollen, ein Netz oder einen Korb, doch er hatte schon genug Zeit verloren, und es kam nicht infrage, noch einmal hierher zurückzukehren. Er durchwühlte die Taschen seines Anzugs und zog ein paar Handschuhe hervor, die er stets bei sich trug. Das Leder war dick genug, um ihn vor etwaigen Bissen zu schützen.

Der Käfig war nur mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert. Vorsichtig öffnete er die Gittertür. Das Tier schaute ihn verächtlich an, dabei wirkte es ein wenig teilnahmslos. Offenbar stand es unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Er streckte die Hand in den Käfig und zog es sanft zu sich heran. Auf einmal schien der Schimpanse wieder zum Leben zu erwachen - er stieß ihn von sich und sprang nach draußen auf den gefliesten Boden. Als er jedoch die Hündin bemerkte, erstarrte er. Chaka knurrte dumpf, bevor sie in Angriffsposition ging.

»Ruhig, Chaka! Sitz!«

Doch die Boerboel-Hündin hörte nicht auf ihn, sondern blieb weiterhin vor dem Affen stehen, der begonnen hatte, heftig auf seinen Hinterbeinen hin und her zu schaukeln, wobei er eine Reihe von Schreien ausstieß.

Alles geschah nun innerhalb eines Wimpernschlags. Der Primat warf sich nach vorn, die Hündin jaulte auf, das Jaulen wurde zu einem wütenden Gebell, und alles war vorbei, bevor Petrus-Jacobus die Gelegenheit zum Eingreifen erhielt.

»Verdammt, er hat dich gebissen!«

Der Schimpanse flüchtete auf einen Metallschrank und begann dort hysterisch zu jammern. Erst dann fiel dem Wachmann auf, dass der Alarm verstummt war und auch die Affen in den Käfigen keinen Mucks mehr von sich gaben. Alle starrten in seine Richtung, als wären sie fasziniert von der Szene, die sich gerade vor ihnen abgespielt hatte.

Es wäre doch idiotisch, mit leeren Händen wieder abzuziehen, vor allem jetzt, da sich die Tiere wieder beruhigt hatten! Der Schimpanse würde auf seinem Schrank sitzen bleiben, solange man ihn nicht angriff. Außerdem ließ sich ein Kapuzineraffe ohnehin leichter weiterverkaufen.

Während er aus dem Augenwinkel auf den Schrank schielte, entschied Petrus-Jacobus sich für ein Männchen, an dem keine Spuren irgendeiner Misshandlung sichtbar waren. Er öffnete den Käfig und packte den Affen mit erhöhter Vorsicht, doch das Tierchen schmiegte sich an ihn und drückte sein Köpfchen in die Falten seiner Jacke.

»Nichts wie weg hier!«

Chaka ließ sich nicht zweimal bitten und winselte vor Ungeduld. Trotzdem nahm er sich die Zeit, die Tür hinter sich zuzuziehen, bis er das Klicken des Magnetschlosses hörte. Sollten sich doch die anderen um den Schimpansen kümmern, das ging ihn nichts mehr an.

Er lief Richtung Ausgang, der Hündin hinterher. In dem langen Gang hallte die Stille bedrohlich wider, und diese Abwesenheit jedes Geräuschs erschien ihm inzwischen schlimmer als der Lärm. All das nur für ein Kapuzineräffchen . Ohne diese teuflische Panik hätte er den hinteren Raum auch noch...

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