Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

Roman
 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2009
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-23535-9 (ISBN)
 
"Ich bin bestellt." Eine junge Frau in einer Großstadt in Rumänien auf dem Weg zum Verhör beim Geheimdienst. Sie hat diese Fahrt mit der Straßenbahn schon oft machen müssen, doch diesmal hat sie aus einer Vorahnung heraus Handtuch, Zahnpasta und Zahnbürste eingepackt. Unterwegs lässt sie ihr Leben an sich vorüberziehen: die Kindheit in der Provinz, die halberotische Gier nach dem Vater, die Deportation der Großeltern, das sporadische Glück, das ihr mit Paul gelingt, auch wenn sein Trinken für ihre Liebe eine Last ist. Außen: starre Uhrzeiten, Haltestellen, ein- und aussteigende Personen, vorbeiziehende Straßen. All dies soll ablenken und führt doch immer wieder zurück zu: "Ich bin bestellt."
Doch an diesem Tag hält der Fahrer an der Station, an der sie aussteigen muss, nicht an. Und sie beschließt zum ersten Mal, nicht zum Verhör zu gehen.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • Höhe: 2 mm
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  • Breite: 1 mm
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  • Dicke: 1 mm
  • 0,66 MB
  • 1 gr
978-3-446-23535-9 (9783446235359)
3446235353 (3446235353)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

 

 

Major Albu hebt meine Hand an den Fingerspitzen und drückt mir die Nägel zusammen, daß ich schreien könnte. Mit der Unterlippe küßt er meine Finger, die obere hält er frei, damit er reden kann. Er gibt mir den Handkuß immer auf die gleiche Art, aber beim Reden sagt er immer etwas anderes:

Na na, deine Augen sind heute entzündet.

Mir scheint, dir wächst ein Schnurrbart, in deinem Alter ein bißchen früh.

Ach, das Händchen ist heute eiskalt, hoffentlich nicht vom Kreislauf

Oje, dein Zahnfleisch schrumpft, als wärst du deine Oma.

Meine Oma ist nicht alt geworden, sage ich, es blieb ihr keine Zeit, die Zähne zu verlieren. Was mit den Zähnen meiner Oma war, wird Albu wissen, darum erwähnt er sie.

Als Frau weiß man, wie man heute aussieht. Und daß ein Handkuß erstens nicht weh tut, zweitens nicht naß ist, drittens auf die Rückseite der Hand gehört. Wie ein Handkuß auszusehen hat, wissen Männer besser als Frauen, Albu bestimmt auch. Sein ganzer Kopf riecht nach Avril, einem französischen Parfüm, das auch mein Schwiegervater, der Parfümkommunist, benutzte. Alle anderen Leute, die ich kenne, würden es nicht kaufen. Es kostet auf dem Schwarzmarkt mehr als ein Anzug im Laden. Vielleicht heißt es auch September, den bitteren, rauchigen Geruch von brennendem Laub verwechsle ich aber nicht.

Wenn ich mich an den kleinen Tisch gesetzt habe, sieht Albu, daß ich die Finger an meinem Rock reibe, nicht nur, um sie wieder zu spüren, sondern auch, um die Spucke abzuwischen. Er dreht an seinem Siegelring und schmunzelt. Und wenn schon, Spucke kann man abwischen, sie trocknet sogar von selbst und ist nicht giftig. Spucke hat jeder im Mund. Andere spucken auf den Gehsteig und zerreiben es mit dem Schuh, weil es sich nicht einmal auf dem Gehsteig gehört. Albu spuckt bestimmt nicht auf den Gehsteig, in der Stadt, wo man ihn nicht kennt, spielt er den feinen Herrn. Meine Nägel tun weh, aber er hat sie noch nie blau gedrückt. Sie tauen wieder auf, als kämen eiskalte Hände plötzlich ins Warme. Daß ich glaub, mir rutscht das Hirn vornüber ins Gesicht, das ist das Gift. Demütigung, wie soll man es anders sagen, wenn man sich am ganzen Körper barfuß fühlt. Nur was dann, wenn sich mit dem Wort nicht viel sagen läßt, wenn das beste Wort schlecht ist.

 

 

Seit drei Uhr heute morgen hab ich gehorcht, wie der Wecker tickt: Bestellt, bestellt, bestellt... Im Schlaf tritt Paul quer durchs Bett und zuckt zurück, so schnell, daß er ohne aufzuwachen selber erschrickt. Das ist eine Angewohnheit. Mein Schlaf ist vorbei. Ich liege wach und weiß, daß ich die Augen schließen müßte, um wieder einzuschlafen. Aber ich schließe sie nicht. Ich habe das Schlafen schon öfter verlernt und wieder lernen müssen, wie es geht. Es geht ganz einfach oder gar nicht. Alles schläft gegen Morgen, auch Katzen und Hunde streifen nur die halbe Nacht um die Mülltonnen. Wenn man weiß, daß man doch nicht schlafen kann, ist es leichter, im dunklen Zimmer an etwas Helles zu denken, als vergebens die Augen zuzudrücken. An Schnee, geweißte Baumstämme, weiße Zimmer, viel Sand - damit hab ich mir öfter, als mir lieb war, bis es hell wurde, die Zeit vertrieben. Heute morgen hätte ich an Sonnenblumen denken können, und tat es auch, aber vergessen, daß ich für Punkt zehn bestellt bin, kann ich dabei nicht. Seit der Wecker bestellt, bestellt, bestellt tickte, habe ich an Major Albu denken müssen, noch bevor ich an mich und Paul gedacht habe. Heute war ich, als Paul zuckte, schon wach. Ich hatte schon, als das Fenster grau wurde, an der Zimmerdecke ganz groß Albus Mund gesehen, die rosa Zungenspitze hinter der unteren Zahnreihe, und die mokante Stimme gehört:

Warum die Nerven verlieren, wir fangen erst an.

Nur wenn ich zwei, drei Wochen nicht bestellt bin, werde ich von Pauls Beinen geweckt. Dann bin ich froh, es zeigt sich, daß ich wieder gelernt habe, wie das mit dem Schlafen geht.

Wenn ich das Schlafen wieder gelernt hab und Paul morgens frage: was hast du geträumt, kann er sich an nichts erinnern. Ich zeige ihm, wie er mit gespreizten Zehen ausschlägt, dann die Beine schnell zurücknimmt und die Zehen krümmt. Ich zieh den Stuhl vom Tisch in die Küchenmitte, setz mich hin, halte die Beine in die Luft und führe das Ganze vor. Paul kann dabei lachen, und ich sage:

Du lachst über dich.

Na ja, vielleicht bin ich im Traum Motorrad gefahren und habe dich mitgenommen, sagt er.

Das Zucken ist wie vorpreschen und mittendrin fliehen, ich bilde mir ein, es kommt vom Trinken. Das sage ich nicht. Und nicht, daß die Nacht das Torkeln aus Pauls Beinen mitnimmt. So muß es sein, sie packt es an den Knien, zieht es zuerst in die Zehen, dann ins sackdunkle Zimmer. Und gegen Morgen, wenn die Stadt ganz für sich schläft, ins Schwarze auf der Straße draußen. Wenn es nicht so wäre, könnte Paul beim Aufwachen nicht gerade stehen. Wenn die Nacht von jedem den Suff nimmt, müßte sie gegen Morgen voll sein bis zu den Sternen. Es trinken so viele in der Stadt.

Kurz nach vier sind auf der Ladenstraße unten die Lieferwagen angekommen. Sie zerreißen die Stille, brummen viel und liefern wenig, einige Kisten mit Brot, Milch und Gemüse und viele mit Schnaps. Wenn da unten das Essen ausgeht, finden Frauen und Kinder sich damit ab, die Schlangen gehen auseinander, die Wege führen nach Haus. Aber wenn die Flaschen ausgehen, verfluchen die Männer ihr Leben und ziehen das Messer. Die Verkäufer reden ihnen zu, aber das hält nur, bis sie wieder draußen sind. Sie gehen auf die Suche, streichen in der Stadt herum. Die ersten Schlägereien gibt es, weil sie keinen Schnaps finden, die nächsten, weil sie vollgesoffen sind.

Der Schnaps wächst zwischen den Karpaten und der dürren Ebene im Hügelland. Da stehen Pflaumenbäume, daß man die winzigkleinen Dörfer dazwischen kaum sieht. Ganze Wälder, im Spätsommer blau angeregnet, die Äste tragen sich krumm. Der Schnaps heißt wie das Hügelland, doch niemand benutzt den Namen auf dem Etikett. Namen bräuchte er keinen, es gibt nur einen Schnaps im Land, und die Leute nennen ihn nach dem Bild des Etiketts: «Zwei Pflaumen». Die beiden Pflaumen mit aneinander gelehnten Wangen sind den Männern so vertraut wie den Frauen die Heilige Maria mit dem Kind. Es heißt, die Pflaumen zeigen die Liebe zwischen dem Trinker und der Flasche. In meinen Augen ähneln die Pflaumen mit aneinander gelehnten Wangen mehr den Hochzeitsbildern als der Maria mit dem Kind. Auf keinem Bild in der Kirche ist der Kopf des Kindes so hoch wie der seiner Mutter. Das Kind lehnt die Stirn an die Wange der Heiligen, seine Wange an ihren Hals und sein Kinn an ihre Brust. Außerdem kommt es zwischen dem Trinker und der Flasche wie bei den Paaren auf den Hochzeitsbildern, sie machen einander zunichte und lassen einander nicht los.

Ich trage auf meinem Hochzeitsbild mit Paul keine Blumen, keinen Schleier. Mir glänzt die Liebe neu in den Augen, doch ich heirate zum zweiten Mal auf diesem Bild. Unsere Wangen lehnen wie zwei Pflaumen aneinander. Seit Paul so viel trinkt, ist unser Hochzeitsbild Wahrsagerei. Wenn Paul bis zum späten Abend auf Sauftour in der Stadt ist, hab ich Angst, daß er nie mehr nach Hause kommt und sehe das Hochzeitsbild an der Wand so lange an, bis sich der Blick verschiebt. Dann schwimmen unsere Gesichter, die Stellung unserer Wangen ändert sich, zwischen ihnen steht ein bißchen Luft. Meist schwimmt Pauls Wange von meiner Wange weg, als käme er spät nach Haus. Aber er kommt, Paul ist noch immer nach Haus gekommen, sogar nach dem Unfall.

Manchmal wird polnischer Büffelgrasvodka geliefert, der süßbittere, gelbe. Er wird zuerst verkauft. In jeder Flasche steht ein langer, ertrunkener Halm, der beim Einschenken zittert, aber nie umfällt oder herausgeschwemmt wird. Trinker sagen:

Der Grashalm bleibt in der Flasche wie die Seele im Körper, darum behütet er die Seele.

Zu dem brennenden Geschmack im Mund und dem flackernden Suff im Kopf gehört dieser Glaube. Die Trinker öffnen die Flasche, das Einschenken gluckst im Glas, der erste Schluck läuft in den Hals. Die Seele, die immer zittert, nie umfällt und den Körper nie verläßt, fängt an, behütet zu werden. Auch Paul behütet seine Seele und muß sich keinen Tag sagen, daß sein Leben nicht zu packen ist. Vielleicht wäre es gut ohne mich, doch wir sind gerne zusammen. Der Schnaps nimmt den Tag weg und die Nacht den Suff. Aus der Zeit, als ich noch frühmorgens zur Konfektionsfabrik mußte, weiß ich, daß die Arbeiter sagten: Das Laufwerk der Nähmaschinen ölt man durch die Rädchen, das Gehwerk der Menschen durch den Hals.

Damals fuhren Paul und ich jeden Tag um Punkt fünf mit dem Motorrad zur Arbeit. Wir sahen die Lieferwagen vor den Läden, die Fahrer, Kistenträger, die Verkäufer und den Mond. Jetzt höre ich nur den Lärm und gehe nicht zum Fenster, und sehe auch den Mond nicht an. Ich weiß noch, daß er wie ein Gänseei auf der einen Seite des Himmels aus der Stadt hinausgeht und auf der anderen die Sonne kommt. Daran hat sich nichts geändert, auch bevor ich Paul kannte und zu Fuß bis zur Straßenbahn ging, war es so. Es war mir auf dem Fußweg nicht geheuer, daß am Himmel oben etwas Schönes ist, und auf der Erde unten kein Gesetz, welches das Hinaufsehen verbietet. Es war also erlaubt, dem Tag etwas abzuluchsen, bevor er elend wurde in der Fabrik. Ich fror, weil ich mich nicht satt sehen konnte, nicht weil ich zu dünn angezogen war. Der Mond ist zerfressen um diese Zeit, weiß am Ende der Stadt nicht wohin. Der Himmel muß den Boden loslassen, wenn es hell wird. Die Straßen laufen steil hinunter und hinauf auf ebener Erde. Die Straßenbahnwagen fahren hin und her wie beleuchtete Zimmer.

Auch die Straßenbahnen kenne ich von...

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