Die Eifersüchtigen

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97158-4 (ISBN)
 
Der nahende Tod des Vaters bringt sie alle zusammen. Nach langen Jahren fernab der Heimat kehren Peter Garren und seine Geschwister Anna, Tamás, Albert und Edgár in ihr Elternhaus zurück. Dort werden sie konfrontiert mit einem feinmaschigen Netz aus unausgesprochenen Gesetzen, die das bürgerliche Elternhaus seit jeher geprägt haben. Eifersüchtig beäugen sich die Geschwister, alte Streitigkeiten holen sie ein, und über allem liegt die Stimmung nervösen Wartens. Was geschieht, wenn mit dem Ende Patriarchen das einzige verschwunden sein wird, das sie verbunden hat? Bedeutet das den Untergang ihrer Dynastie? - »Die Eifersüchtigen« gilt als spätes Hauptwerk Sándor Márais, in dem er die Grundaussage seines Werkes zusammenfasst. Atmosphärisch dicht und psychologisch meisterhaft erzählt es vom Verfall einer bürgerlichen Familie.
  • Deutsch
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  • 2,00 MB
978-3-492-97158-4 (9783492971584)
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Sandor Marai, geboren 1900 in Kaschau (heute Slowakei), starb 1989 in San Diego, Kalifornien. Er gehörte in den Dreißigerjahren zu den gefeierten Autoren in ganz Europa, geriet aber nach seiner Emigration in Vergessenheit. Mit dem internationalen Erfolg seines wiederentdeckten Romans "Die Glut" wurde Sándor Marai als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gefeiert. Seit 1998 erscheinen seine Tagebücher, essayistischen Schriften und zahlreichen Romane im Piper Verlag.

La und der Schmerz

La war seit anderthalb Jahren Péter Garrens Geliebte. Péter gab ihr an jedem Monatsersten Geld, und auch später, wenn sie darum bat, während des Monats. Ihr Vater war Zimmermann in Würzburg, mit bürgerlichem Namen hieß sie Karola Thinne. Mit sechzehn Jahren war sie mit einem Nürnberger Bauunternehmer durchgebrannt, einem älteren, knausrigen und in weiten Kreisen geehrten Bürger; von ihm bekam sie zum Schluss ein goldenes Kreuz zum Geschenk und dreihundert Franken. Dieses Kreuz hatte sie sich an einer dünnen Goldkette um den Hals schmieden lassen. Wenn sie nackt war, rutschte das Kreuz zwischen ihre vollen Brüste und glänzte dort wie ein glühendes, schmerzhaftes Stigma. Karola war tief und sanft religiös. Manchmal, wenn sie nackt im Bett lag, klammerte sie sich mit beiden Händen an das Kreuz wie eine Ertrinkende. Das Bett, dieses Behältnis der Leidenschaft, explodierte um La, die Sehnsucht riss sie mit sich fort, sie musste sich an etwas festhalten. Dann schlug sie die Arme nach hinten, schloss die Augen und warf sich in die Kissen. In diesen Augenblicken war sie wirklich eine Ertrinkende, die von der Strömung mitgerissen wurde, sie kümmerte sich um nichts mehr, es hätte ihr auch nichts ausgemacht, wenn man sie aufs Rad geflochten oder umgebracht hätte. Ihr grobes und kindliches Gesicht wurde dann schön und ernst.

Jeden Morgen ging sie zur Messe; manchmal direkt aus einem Vergnügungslokal oder zwischen zwei Umarmungen, aus den Armen verkaterter, vor sich hin murmelnder Gelegenheitsliebhaber. Péter wusste, dass man Karola nicht einschränken konnte. Sie hatten sich in der Bibliothek kennengelernt; Karola Thinne suchte Skizzen für das Kostüm, das sie zum Ball des Statthalters tragen wollte. Die Bücher erschreckten sie, und sie sah sich hilfesuchend um. Mit Péter, der ihr zu Hilfe kam, sprach sie in der ersten Stunde mit so demütiger und erschrockener Stimme wie ein ertapptes Stubenmädchen. Als sagte sie in einem fort: »Ja, gnädiger Herr. Nein, gnädiger Herr.« Aber als sie endlich das Kostüm gefunden hatten, begann sie vertraulich und zufrieden zu lachen. Als hätte sie unterdessen etwas über Péter in Erfahrung gebracht und könne im Besitz dieses Wissens nun mit ihm tun, was sie wollte. Zuerst wollte sie Eis essen gehen, und Péter gab sofort nach. Unterwegs kauften sie ihr ein Paar Schuhe. Eine Stunde, nachdem sie sich kennengelernt hatten, stritten sie schon auf einem verkehrsreichen öffentlichen Platz wie Eheleute. Karola ging rasch, schlug vor den Kirchen ein Kreuz, sah Péter von Zeit zu Zeit von der Seite her an und lachte zufrieden. Ihr Silberblick wirkte auf die Männer betörend und kindlich wie eine Hexengabe. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und schielte so unterhaltsam und selbstvergessen, als feixte sie nur aus Langeweile, zur Unterhaltung der Erwachsenen.

Die Erwachsenen waren für Karola die Männer; mit den Frauen stand sie auf Kriegsfuß. Nur die Nonnen mochte sie; den Ursulinen der Stadt brachte sie jeden Sonnabend Geschenke, und die Oberin, die ihr geduldig und besorgt zuhörte, überschwemmte sie mit ihren Bekenntnissen. Die Männer, erzählte Karola der Oberin, könnten einfach nicht ohne sie leben. Sie könne nichts dafür und wolle es auch nicht. Die Männer, jeder Mann, hätten eine persönliche Angelegenheit mit Karola, während der Arbeit, wenn sie einen Turm bauten oder gerade jemanden zum Tode verurteilten, würden sie plötzlich unruhig, weil sie auf der Erde lebe, Karola, gerade sie, gerade hier in ihrer Nähe lebe. Die Oberin mahnte sie zur Bescheidenheit. Karola versicherte, sie sei bescheiden. Sie gebe sich mit Tee und trockenem Brot zufrieden; sie, Karola, würde ganz bescheiden und am liebsten nackt den lieben langen Tag in ihrem Zimmer sitzen und in unanständigen Bildbänden blättern oder mit altmodischen Schmuckstücken spielen. Die Oberin seufzte. Von den Männern sprach Karola, als wären sie eine große Prüfung, die Gott ihr wegen ihrer Sünden auferlegt hatte, als wären sie eine der sieben ägyptischen Plagen, die Heuschrecken oder die Nacht. Die Männer brachen über sie herein wie das Verderben. Manchmal kreischte La und fuchtelte herum, wehrte sich gegen sie. Schielend kreischte sie wie in irrsinniger, schiefer und verzerrter Ekstase.

»Du bist ein gutes und einfaches Mädchen«, sagte die Oberin, »dein Vater war Zimmermann. Warum treibst du Späße? . Der Pflegevater unseres lieben Herrn Jesus war auch Zimmermann. Du bist ein Kind des Volkes, du bist nah an der Krippe geboren. Beruhige dich, liebes Kind. Jeder Mann hat etwas von einem Tier, aber sie haben auch etwas Sanftes und Kindliches. Die Leidenschaft hat Gott den Menschen gegeben. Ertrage sie, denn das ist dein Schicksal.«

Karola weinte, küsste der Oberin die Hand, saß ihr schniefend zu Füßen, gab sich theatralisch kindlich und hilflos. Die Oberin duldete es, weil sie spürte, dass Karola rein war. Selbst wenn man sie eines Tages gefesselt oder mit verstümmeltem Leib tot in einer Spelunke gefunden hätte, wäre sie trotzdem rein, denn nicht die Absicht hatte sie in die Gefahren der Welt gejagt, sondern der Zwang des Dienstes. Karola hatte einen Dienst unter den Menschen.

Auch Péter hatte das Gefühl, dass Karola rein war. Manchmal verschwand sie für einige Tage, dann kam sie durchgeweicht und zerzaust nach Hause zurück, mit schwarzen Schatten unter den Augen und blauen und grünen Flecken am ganzen Körper, aus einem widerwärtigen und primitiven Kampf. Sie legte sich ins Bett wie eine Schwerkranke, drückte Péter die Hand, er musste ihr Kamillentee kochen, ihr Umschläge machen und die Wunden eincremen. Einmal wurde sie ins Wachzimmer gebracht und verprügelt, weil sie sich den Söldnern widersetzt und den Statthalter und den Erzbischof beschimpft hatte. Als hätte sie in einer wilden, einsilbigen, primitiven Sprache gesprochen, die nur einige Forscher verstehen. Sie sprach die Sprache eines vergessenen wilden Stammes. Irgendwo lebten die Frauen wie ein Stamm, die echten Frauen, die wilden. Sie hatten warme, braune Körper, die Brüste schmückten sie mit Blumenkränzen, sie saßen den lieben langen Tag am Meeresstrand und warteten auf die Männer, den Sturm, den Sonnenschein, sie sangen eintönige und klagende, psalmenartige Melodien wie orientalische Priester. In der Sprache dieses Stammes redete Karola. Die Liebe war für sie nicht nur Umarmung und Sehnsucht, nicht nur Traurigkeit und schielende Koketterie, sondern eine ständige, rituelle Bereitschaft, wie für die Frauen in den antiken orientalischen Tempeln, die sich der Göttin geweiht hatten.

Emmánuel verachtete Karola, er nannte sie »Dirne« und gab ihr nicht die Hand. La hatte Mitleid mit Emmánuel und fürchtete sich vor ihm. »Eines Tages wird er kommen«, sagte sie zu Péter, »und betteln. Hier im Zimmer wird er knien, sein Bart wird nass sein von Tränen, von Tränen und Rotz. Aber es kann sein, dass es dann schon zu spät ist und ich ihm nicht mehr helfen kann.« Karola sprach ihre wilde Stammessprache mit bayrischem Dialekt. Die Männer schnalzten, wenn sie sie sahen. Sie war das »gute Kind«, das sinnliche Abenteuer mit dem Silberblick. Aber Péter wusste schon, dass es gefährlich war, das Material dieses »einfachen Abenteuers« mit der Glut der Leidenschaft zu wärmen, weil es dann explodierte. Jetzt, als er zu La zurückging, weil inzwischen »etwas geschehen« war - er hatte einen Brief gelesen, etwas erfahren, und die Nachricht wirkte in diesem Augenblick noch so auf ihn wie ein kindisches, schreckliches Traumbild, als hätte er in der Zeitung gelesen, dass sich in Japan ein Erdbeben ereignet habe und dreihunderttausend Menschen umgekommen seien -, hatte er plötzlich das Gefühl, La sei das einzige Wesen auf der Welt, das diese Nachricht in persönlichen Schmerz verwandeln konnte. Den Tod des Vaters konnte man weder auffassen noch mitempfinden. La war die Einzige, die Péter die Freude und den Schmerz geben konnte, die aus dem gleichgültigen Material des Lebens ein persönliches Konzentrat zusammenrühren konnte; ansonsten war für Péter alles so geschmacklos und unbekannt wie eine Konserve oder wie die Bilder im Kino oder die Nachrichten in den Zeitungen, bei deren Lektüre man die umgekommenen Japaner bemitleidete, dann aber weiterblätterte und um Sahne für den Tee bat. La war das einzige Wesen, in dessen Gesellschaft Péter Worte zu sagen wagte wie »Morgen gehe ich zur Pediküre und lasse mir die Nägel schneiden« oder »Ich mag Debussy nicht, er langweilt mich« oder »Bleib im Unterkleid«. La musterte alles, was zu Péter gehörte: ein Gefühl, ein Wort, eine Sehnsucht oder einen Schmerz, und durch die Wärme ihrer Hände und ihres Atems löste sich alles wunderbar auf, wurde persönlich und wohlschmeckend. Péter kannte den Schmerz nicht. Jetzt ging er zu La, mit der Nachricht vom Sterben des Vaters, wie man eine ceylonesische Blumenzwiebel als Geschenk mitbringt, eine exotische Zwiebel, die man per Post erhalten hat und jetzt in eine schwache Lösung legen muss, damit sich die Blüte öffnet; innerhalb von Augenblicken wächst sie zu voller Höhe, ihre Farbe und ihr Duft entfalten sich. Nur La verstand sich darauf. Auch auf die Freude und auf die Langeweile verstand sich nur La. In ihrer Gesellschaft langweilte sich Péter, wie sich ein schlecht bezahlter Zeichner an einem Wochentagsabend in Gesellschaft seiner Geliebten, einer jungen Friseurin, langweilen mag, wenn sie einander schon geliebt haben, zerzaust auf dem Sofa sitzen und gähnen und das Geld nicht fürs Kino reicht. Auch die Langeweile war bei La wirklich und spürbar. Zu Hause und im Geschäft lebte Péter in einer anderen Art von Langeweile, sie war ätherischer und idealer; diese andere Langeweile hatte keinen Geschmack und keinen Geruch, die Dienstboten putzten sie...

»in Zeiten weltweiter >Unordnung< zeigt sich die Zeitlosigkeit des Romans und seiner an der Gegenwart scheiternder Gestalten. Und an der stilistischen Großartigkeit des 1989 in San Diego (Kalifornien) gestorbenen Ungarn, der immer wieder tief und seitenlang in das melancholische Innenleben seiner Gestalten eintaucht, gibt es auch fast acht Jahrzente später keinen Zweifel.«, Wilhelmshavener Zeitung, 01.04.2016
 
»ein verzweifeltes Trostbuch mitten hinein in den seismografisch wahrgenommenen Beginn einer allgemeinen internationalen Unordnung, ein pathetisch aufgeladener Abgesang, der wort- und bildmächtig den Zerfall einer Familie beschreibt.«, Hessisch Niedersächsische Allgemeine, 04.01.2016
 
»Einer der Höhepunkte der großen ungarischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts«, Deutsche Welle, 28.12.2015
 
»Das große Vorbei ist Márais zentrales Thema, das er immer neu grandios variierte.«, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 24.12.2015
 
»Eine intelligente und vergnügliche Lektüre.«, INFOradio rbb, 29.11.2015
 
»Sándor Márais literarisches Werk atmet Leidenschaft im Wortsinn«, Nürnberger Zeitung, 28.11.2015
 
»Sándor Márais Stil hat eine Eleganz, die wir mit vergangenen Zeiten verbinden. Aber diese Zeiten haben keinen Staub angesetzt - es ist die Eleganz eines großen Autors.«, Frankfurter Neue Presse
 
»Sándor Márais moderner Klassiker der Weltliteratur erzählt psychologisch virtuos vom Verfall einer ungarischen Familiendynastie.«, 3sat

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