So tödlich nah

Kriminalroman
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Januar 2017
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1424-2 (ISBN)
 
"Jonas Moström schreibt mit einer nie nachlassenden Intensität, die den Leser durch die Nacht treibt." Arne Dahl
Was würdest du tun, wenn dein schlimmster Alptraum wahr wird?

Psychiaterin Nathalie Svensson unterstützt die Polizei bei besonders drastischen Fällen. Eines Nachts allerdings kann sie nur hilflos zusehen, wie ihr Liebhaber in Stockholm auf offener Straße erschossen wird. Er verblutet in ihren Armen. Sie fühlt sich in einem Alptraum gefangen, denn zehn Jahre zuvor wurde ihr damaliger Freund ebenfalls ermordet.
Nathalie versucht, auf eigene Faust zu ermitteln.
Doch jemand stellt Nathalie nach. Sie bekommt bedrohliche Nachrichten und hat das Gefühl, verfolgt zu werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden? Und ist sie das eigentliche Ziel?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jonas Moström wurde 1973 geboren. Er begann während seiner Elternzeit damit, an seinem ersten Roman zu arbeiten, der 2004 erschien. "So tödlich nah" ist der erste Teil einer neuen Krimiserie um Psychiaterin Nathalie Svensson und in Schweden ein großer Bestseller.

1

STOCKHOLM,

SONNTAG, 27. APRIL 2014

Nathalie Svensson bedankte sich für den Champagner, rutschte vom Barhocker und ließ den großzügigen, aber uncharismatischen Börsenmakler, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte, allein zurück. Er war ihr zu schüchtern und zu zögerlich gewesen. Es hätte sicher noch Wochen gedauert, bis er irgendetwas anderes unternommen hätte, als sie nur erneut auf einen Drink einzuladen. Außerdem hatte sie den Verdacht, dass er verheiratet war, auch wenn er das Gegenteil behauptete. Als sie zum ersten Mal miteinander angestoßen hatten, war ihr ein heller Streifen auf der sonnengebräunten Haut seines linken Ringfingers aufgefallen.

Auf dem Weg zur Garderobe geriet sie ins Schwanken, was nicht allein auf die neuen Dior-Schuhe mit den hohen Absätzen und die flackernden bunten Lichter zurückzuführen war, die die Discokugel in den Raum warf. Dem Glas Champagner war ein Dry Martini vorausgegangen, nachdem sie zum Essen bereits eine halbe Flasche Wein getrunken hatte. Das war offenbar mehr als sie vertrug, auch wenn sie sich wie gewohnt zwischendurch Wasser nachgeschenkt hatte.

Sie ließ sich ihren Mantel geben und fragte den etwas zu vorwitzigen Garderobier nach der Uhrzeit. Der lachte nur und antwortete: »Halb vier - soll ich ein Taxi rufen?«

»Nein danke, ist nicht nötig«, erwiderte sie und ging.

Vor dem Café Opera standen etwa zehn bis fünfzehn Leute Schlange. Die Türsteher ließen gerade zwei junge Typen zum VIP-Eingang hinein, die Nathalie aus dem Fern­sehen kannte. Wahrscheinlich waren sie mal bei X-Factor, Superstar oder einer der anderen Talentshows aufgetreten, mit denen sie sich abends nach einem anstrengenden Tag in der Klinik berieseln ließ.

Kriegen die Leute eigentlich nie genug?, dachte sie und merkte im nächsten Moment, dass sie sich an die eigene Nase fassen musste. Sie lächelte den Türsteher an, als dieser die Absperrung für sie öffnete, konzentrierte sich darauf, einen möglichst nüchternen Eindruck zu machen, und steuerte auf den Fußgängerweg zwischen dem Kungsträdgården und dem Karl XII's Torg zu.

Die Luft war kühl. Über Stockholms Straßen und Plätzen lag eine angenehme Dunkelheit. Ein kleiner Spaziergang war jetzt genau das Richtige, wenn sie am nächsten Tag einigermaßen in Form sein wollte, um zur geplanten Zeit die Heimfahrt nach Uppsala anzutreten. Im besten Fall würde sie sich sogar noch zu ihrer üblichen Jogging­runde um den Kungliga Djurgården aufraffen. Für ihre fünfundvierzig Jahre sah Nathalie zwar nach wie vor gut aus, doch in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass sie schnell ein paar Kilo zunahm, wenn sie nicht für ausreichend Bewegung sorgte. Sie war schon immer eher mollig gewesen, aber die Kurven befanden sich bei ihr an den richtigen Stellen, so dass sie durchaus als attraktiv wahrgenommen wurde. Ein typisches »Plus Size Model«, wie Tyra Banks in America's Next Top Model zu sagen pflegte. Doch auch weiblichen Rundungen waren Grenzen gesetzt. Sobald Nathalie ihr Idealgewicht überschritt, fühlte sie sich nicht mehr sexy, sondern nur noch aufgedunsen.

Aus diesem Grund hatte sie - obwohl sie Sport verabscheute und immer behauptete, die wöchentlichen Chorproben genügten ihr als körperliche Betätigung - in ein Paar neonfarbige Laufschuhe investiert und angefangen, sich dreimal pro Woche zum Joggen zu zwingen (woraus gelegentlich auch zwei- oder keinmal wurde, wenn sie die Schuld aufs Wetter schieben konnte). Das Laufen fand sie genauso langweilig wie die Sportsendungen im Fernsehen, aber wenigstens konnte sie dabei Backstreet Boys, One Direction oder eine der anderen Boygroups hören, die sie vor ihren Kollegen und den Freunden im Chor lieber unerwähnt ließ.

Schon komisch, überlegte sie, als sie einem Fahrradfahrer auswich, der auf dem Radweg Richtung Oper angesaust kam. Heute gehe ich zum ersten Mal allein nach Hause, seit mein neues Leben begonnen hat.

Im Laufe des halben Jahres, in dem sie die Einzimmerwohnung in der Artillerigatan nun schon besaß, war sie ausnahmslos jedes kinderfreie Wochenende und hin und wieder auch wochentags nach Stockholm gependelt, um sich mit Männern zu treffen, die sie im Internet oder beim Ausgehen kennengelernt hatte. Nach den neun Jahren Ehe mit Håkan, die sie zunehmend gelangweilt und eingeengt hatte, war sie nun endlich ausgebrochen. Hatte getan, wovon sie heimlich geträumt hatte, ihre Flügel getestet und herausgefunden, dass sie nach wie vor trugen.

Anfangs hatte sie es noch vorsichtig angehen lassen, doch mit dem wachsenden Selbstvertrauen, das ihre geglückten Eroberungen mit sich brachten, legte sie schließlich immer weitere Strecken zurück. Romantische Abendessen, verrückte Ausflüge und aufregender Sex. Neue Persönlichkeiten, neue Körper, neuer Spaß. Es war keinen Tag zu früh losgegangen.

Bis zu ihrer Trennung von Håkan hatte sie immer versucht, ein möglichst angepasstes Leben zu führen. In der Schule war sie brav und strebsam gewesen, hatte in sämtlichen Fächern Bestnoten erzielt. Nach dem Gymnasium wusste sie zunächst nicht, was aus ihr werden sollte. Nur, dass sie irgendeinen angesehenen Beruf ergreifen wollte, mit dem sie Menschen helfen konnte. So fiel ihre Wahl auf Medizin. Trotz aller Selbstzweifel und des Gefühls, nie gut genug zu sein, hatte sie diese Entscheidung nie bereut. Die Ehe mit Håkan hingegen bereute sie umso mehr.

Im Laufe der Jahre war es ihm geglückt, sie immer mehr in die Rolle der Anwaltsgattin und Mutter zu drängen, deren einzige Ziele im Leben darin bestanden, eine perfekte Fassade aufrechtzuerhalten, sich als Letzte hinten anzustellen und höchstens einmal pro Woche singen zu gehen. Ihre beruflichen Erfolge als Wissenschaftlerin und Psy­chiaterin hatten in Håkans geldfixierter Welt keinerlei Bedeutung. Die Sicherheit war zur Tristesse verkommen, und sie hatte sich damit abgefunden.

Bis zu einem gewissen Dienstagabend zwei Wochen nach ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag, als sie mit derselben Präzision und Sorgfalt wie immer die Spülmaschine einräumte. Mit einem Mal war es ihr so vorgekommen, als würde sie plötzlich von all der verlorenen Zeit eingeholt, als würden sich sämtliche unterdrückten Gefühle zu einer einzigen klaren Empfindung verdichten, und sie hatte sich vorgenommen, aus dem Gefängnis auszubrechen, das sie sich selbst errichtet hatte. Noch bevor sie die Spülmaschine anstellte, hatte sie den Entschluss gefasst, Håkan zu verlassen, auch wenn ihr das in dieser Deutlichkeit erst später bewusst wurde.

Nun wollte sie die verlorenen Jahre nachholen, und zwar so richtig. Der Schwarzweißfilm ihres Lebens sollte endlich Farbe bekommen. Nicht eine Sekunde würde sie mehr davon verpassen.

In aller Heimlichkeit hatte sie einen Teil ihres straff durchorganisierten Alltags, der sich bislang nur um Arbeit, Kinder und eine etwas zu fordernde Mutter gedreht hatte, gegen Freiheit, Glamour und unverbindliche Affären ausgetauscht. Endlich fühlte sie sich wieder attraktiv und glücklich - wie sie es ihrem Selbstverständnis nach im Grunde immer gewesen war. Und je wohler sie sich in ihrer Haut fühlte, desto besser kam sie auch bei den Männern an.

Tea und Gabriel gegenüber hatte sie zwar oft ein schlechtes Gewissen, doch das verflog, sobald sie sich vor Augen hielt, dass es auch ihnen letztlich besserging. Gabriels ADHS-Symptome waren schwächer geworden, und das erste Halbjahr der zweiten Klasse hatte er zum größten Teil ohne Betreuer geschafft. Die stille und brave Tea spielte endlich mit ihren Freundinnen aus der Vorschulklasse, anstatt sich immer nur allein mit Büchern oder Computerspielen zu beschäftigen. Vor allem aber hatten die Kinder jetzt eine fröhlichere, zufriedenere Mutter.

Das große Problem war nur, dass Håkan nach der Trennung das alleinige Sorgerecht beantragt hatte. Nathalie war natürlich bereit, es sich mit ihm zu teilen, und im Grunde wollte er das auch, wie sie sehr wohl wusste. Seine Argumente beschränkten sich darauf, dass er sie für selbstbezogen und unverantwortlich hielt. Ihr Anwalt hatte ihr versichert, dass Håkan damit nicht durchkommen werde. Der Sorgerechtsstreit war Håkans Art, sie zu bestrafen. Nur ein weiterer Beweis dafür, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich von ihm zu trennen.

Hin und wieder kam es ihr so vor, als wüsste Håkan, was sie in Stockholm tatsächlich trieb - dass sie nicht bei Louise übernachtete und nicht ganz so oft ins Theater und in die Oper ging, wie sie behauptete. Doch diese Gedanken konnte sie normalerweise abtun. Wenn Håkan von ihrem Doppelleben wüsste, hätte er sie längst damit konfrontiert. Das Schlimme war ja, dass er vor nichts zurückschreckte und sich im Kampf um die Kinder alles zunutze machen würde.

Mein Leben hat wirklich keinen Tag zu früh angefangen, sagte sie sich noch einmal. Altersmäßig war sie zwar noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen, dennoch machten sich die Jahre inzwischen deutlicher bemerkbar. Sie würde spät, aber dafür lange blühen, sagte sie sich, genau wie der Frühling in diesem Jahr.

Sie ging am Blasieholmstorg vorbei und folgte der Arsenalsgatan weiter Richtung Nybroplan. Das Geräusch ihrer Absätze auf dem Gehweg hallte von den Steinfassaden wider, als wäre es das Einzige, was in der schlafenden Stadt in diesem Moment existierte. Wie immer machte sie einen Bogen um die Gullideckel mit einem A in der Mitte, die einem Stockholmer Aberglauben zufolge Unglück in der Liebe brachten, und lief kleine Umwege, um auf die Gullideckel mit einem K in der Mitte zu treten, über die das Gegenteil...

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