Geisterwand

Roman
 
 
Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Mai 2021
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-8006-6 (ISBN)
 
Eine einzige Tochter. Ihr dominanter Vater. Ein Wald in Northumberland, in dem eine Gruppe Archäologen einen Sommer lang leben will wie in der Eisenzeit ... Uralte Rituale, die seltsame Anziehungskraft ferner Zeiten und Lebensweisen verschränken sich in diesem brillanten Roman auf wahrhaft atemberaubende Weise mit sehr heutigem Missbrauch. Geisterwand komprimiert große und dringliche Themen - die Gefahren eines nostalgischen Nationalismus, Gewalt gegen Frauen und Kinder, was verloren, was gewonnen wird, wenn der Mensch nicht mehr als Knecht der Natur lebt - in einer rasiermesserscharf geschliffenen Spannungserzählung.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 4,70 MB
978-3-8270-8006-6 (9783827080066)
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Sarah Moss, 1975 geboren in Schottland, studierte und promovierte an der Oxford University. Heute unterrichtet sie an der University of Warwick. Sie ist Autorin mehrerer Romane - auf Deutsch erschienen bis dato Schlaflos(2013),Wo Licht ist (2015),Zwischen den Meeren(2016) und Gezeitenwechsel (2019).

Es dauerte lange, bis es dunkel wurde. Das Feuer knisterte, durchscheinend vor den Bäumen, sein Zweck zeremoniell, nicht mehr und nicht weniger. Die Hitze, die niemand wollte, hatte uns auseinandergetrieben. Der Holzrauch brannte in meinen Augen, und an meinen Hintern drückte der Fels, die grobe Tunika juckte unter meinen Oberschenkeln. Ich zog den Fuß aus einem Mokassin und hielt die Zehen ohne Grund Richtung Feuer, nur um zu sehen, wie das war. Dir kann gar nicht kalt sein, sagte mein Vater, dabei hatte er das Feuer gemacht und darauf bestanden, dass wir uns darum versammelten. Kann es doch, dachte ich, wenn ich es will, aber ich sagte, nein, Dad, mir ist nicht kalt. Durch die Flammen konnte ich die Jungs sehen, wie sie miteinander sprachen, halb hinter den Bäumen, als wollten sie eins werden mit dem Wald, sich irgendwohin schleichen für irgendeine Jungssache, die ich wahrscheinlich besser könnte. Meine Mutter saß auf dem Stein, den mein Vater ihr zugewiesen hatte, die Tunika unvorteilhaft über ihre dicken weißen Knie gekrumpelt, und starrte in die Flammen, wie es Menschen so tun; es war langweilig, und mein Vater hielt uns dort fest, gelangweilt, Kraft seines Willens. Wo willst du denn hin, sagte er, als ich aufstand. Ich muss mal, sagte ich, und er grunzte und sah in Richtung der Jungs, als könnte schon die Erwähnung biologischer Vorgänge ihre jugendlichen Leidenschaften wecken. Aber geh außer Sichtweite, sagte er.

Innerhalb weniger Tage würden unsere Füße einen Pfad durch die Bäume zum Bach treten, aber an diesem ersten Abend war da Moos unter den Füßen, weich im Dämmerlicht, und Stellen mit wilden Erdbeeren, so reif und rot, dass sie im Halbdunkel zu glühen schienen. Ich ging in die Hocke, um ein paar zu pflücken, und zog weiter, eine nach der andern mit den Lippen aus der hohlen Hand pickend, als würde ich sie küssen. Fledermäuse blitzten durch die Räume zwischen den Ästen, verliehen dem flächigen Himmel Tiefe: damals konnte ich sie noch hören. Es war seltsam, in den dünnen Lederschuhen zu gehen, nur eine Schicht geliehener - gestohlener - Haut zwischen meinen Füßen und den Stöcken und Steinen, den feuchten und weichen Stellen im Wald. Ich kam zum Bach und hockte mich hin, tauchte meine Finger hinein, lauschte. Wasser über Steinen und Torf, hinter mir und über meinem Kopf sich regende Blätter, auf dem Hügel ein rufendes Schaf. Frischer Tau drang durch meine Schuhe. Der Bach zog an meinen Fingerspitzen, und das Heidekraut erforschte meine unter der Tunika nackten Beine. Nicht, dass ich nicht verstand, warum mein Vater diese Orte liebte, dieses Leben im Freien. Nicht, dass ich fand, Häuser wären besser.

 

Als ich zum Feuer zurückkam, kniete meine Mutter an seinem Rand, nicht um die Götter günstig zu stimmen, sondern mit einem Haufen grüner Grassoden. Hilf mir mal, Sil, sagte sie, er sagt, wenn man es richtig macht, kann man es für die Nacht abdecken und die Soden morgens wieder wegnehmen, er sagt, so hat man es schon immer gemacht. Also, damals. Klar, sagte ich und kniete mich neben sie, aber ich vermute mal, er hat nicht gesagt, dass es damals jemanden gab, der einem gezeigt hat, wie es geht, statt einfach Anweisungen zu geben und sich zu verpissen. Sie setzte sich auf. Aber da wussten sie das doch, oder, sagte sie, damals, da musste einem das keiner sagen, man lernte es an der Seite seiner Mama, und benutz nicht solche Wörter, er könnte dich hören.

Wir schliefen im Rundhaus, meine Eltern und ich. Die Studenten hatten es vor wenigen Monaten gebaut, als Teil eines Kurses zu Empirischer Archäologie, aber der Ansicht meines Vaters, dass alle gemeinsam darin schlafen sollten, hatten sie sich entschieden widersetzt. Es gebe keinen Grund zu der Annahme, sagte mein Vater, dass die Haushalte der alten Britannier organisiert gewesen wären wie moderne Familien; wenn die Studenten die echte Erfahrung wollten, sollten sie zu uns kommen, auf die splitterigen Pritschen, die sie gebaut und mit Hirschhäuten gepolstert hatten, gespendet vom hiesigen anachronistischen Gutsherrn. Oder zumindest in seinem Namen, von irgendeinem Bediensteten, denn der Gutsherr lebte in London und verbrachte seine Sommer sicher nicht in Northumberland. Professor Slade sagte, ja nun, Authentizität sei sowieso unmöglich und eigentlich ja auch nicht das Ziel, es gehe ja darum, eine Ahnung vom Leben in der Eisenzeit zu bekommen und vielleicht Einblick in manche Vorgänge oder Techniken. Sollen die Studenten doch in ihren Zelten schlafen, wenn sie das vorziehen, sagte er, mit ziemlicher Sicherheit gab es auch in der Eisenzeit Zelte. Zelte aus Leder, sagte Dad, nicht aus diesem modischen Nylonzeug. Das Zelt, das wir in den Ferien benutzten, war aus apricotfarbenem Drillich, der vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammte. Ich hatte gesehen, dass die Studenten ihre nicht authentischen, farbenfrohen und wasserfesten Nylonzelte auf der Lichtung unterhalb unserer Hütte aufgeschlagen hatten, durch Bäume und den Hang abgeschirmt sowohl von unserem Rundhaus als auch vom größeren Zelt des Professors, das näher an dem Weg lag, auf dem sein Auto stand. Ich könnte doch auch in einem schlafen, Dad, sagte ich, dann habt ihr ein bisschen Privatsphäre, Mum und du, aber Dad wollte keine Privatsphäre, er wollte sehen können, was ich machte. Sei nicht albern, sagte er, du kannst doch nicht bei den Jungs schlafen, schäm dich. Privatsphäre ist auch so eine modische Vorstellung, genau das, wovon wir wegkommen wollen, jeder versucht sich abzuschotten, um zu machen, was er will, du bleibst bei uns. Ich weiß nicht, was mein Vater glaubte, was ich damals hätte tun wollen, aber er betrieb erheblichen Aufwand, damit ich es nicht tun konnte.

Die Pritschen waren genauso unbequem wie erwartet. Ich hatte mich geweigert, in der kratzigen Tunika zu schlafen, die die alten Britannier, wie mein Vater ohne jeden Beweis behauptete, nicht nur tagsüber, sondern auch nachts getragen hatten; aber der Strohsack pikte auch durch einen Schlafanzug aus gekämmter Baumwolle hindurch, roch nach Bauernhof und raschelte bei jeder Bewegung, als sprängen irgendwelche Kleintiere darin herum. Die Dunkelheit in der Hütte war absolut, beunruhigend; ich lag auf dem Rücken, bewegte die Hand vorm Gesicht und sah rein gar nichts. Mein Vater drehte sich um, seufzte und begann zu schnarchen, ein unregelmäßiges Rinder-Geräusch, das den Gedanken an Schlaf lächerlich erscheinen ließ. Mum, flüsterte ich, Mum, bist du wach? Schh, zischte sie, schlaf jetzt. Ich kann nicht, sagte ich, er ist zu laut, kannst du ihn anstupsen. Schh, sagte sie, schlaf jetzt, Silvie, mach die Augen zu. Ich drehte mich auf die Seite, mit dem Gesicht zur Wand, und dann wieder zurück, weil es mir keine gute Idee zu sein schien, einer derartigen Dunkelheit den Rücken zuzukehren. Was, wenn im Stroh Insekten waren, Zecken und Flöhe, was, wenn sie in meinen Schlafanzug krochen, was, wenn da gerade ein Floh war, an meinem Fuß, und vielleicht mein Bein hochkrabbelte, mich biss und auf meinen Rücken sprang, was, wenn sie aus dem Sack kamen, viele, bis zu meinen Schultern und meinem Hals - Silvie, zischte Mum, hör auf, so rumzuzappeln und schlaf jetzt, du gehst mir so was von auf die Nerven. Er geht mir so was von auf die Nerven, sagte ich, wahrscheinlich kann man ihn noch in Morbury hören, ich weiß nicht, wie du das aushältst. Ein Grunzen, eine Bewegung. Das Schnarchen hörte auf, und wir lagen beide stocksteif da. Pause. Vielleicht atmet er nicht mehr, dachte ich, vielleicht war es das, Ende - aber dann ging es wieder los, ein Sägemesser durch Pappe.

Als ich aufwachte, drang Licht durch die Schaffelle vor der Tür. Vermutlich hatten sie damals gar keine Schafe, hatte der Professor gesagt, aber da wir Tiere nicht mit Eisenzeit-Techniken töten dürfen, sollten wir nehmen, was wir kriegen können, und Schaffelle sind auf dem freien Markt sehr viel leichter zu bekommen als Hirschhäute. Ich war zwar froh, dass wir nicht im Wald mit Feuersteinklingen an Hirschen herumsäbeln würden, um sie auszuweiden, fand aber, dass der Professor die Idee, in diesem Sommer die Lebensweise vormoderner Jäger und Sammler wiederzuentdecken, gründlich zunichtemachte, wenn er sich vor jedem Blutvergießen drückte. Wie der Name schon sagt, murmelte ich, Jäger und Sammler. Wie bitte, Silvie, sagte Dad, würdest du für Professor Slade noch mal wiederholen, was du gerade gesagt hast? Ach, bitte, nennt mich doch Jim, sagte Professor Slade, und keine Sorge, ich habe selbst Teenager, ich weiß, wie das ist. Klar, dachte ich, deine Teenager sind bloß nicht hier, weil sie garantiert irgendwo schön Urlaub mit ihrer Mum machen, wahrscheinlich in Frankreich oder Italien. Ich drehte mich auf meinen steifen Rücken und stieß mir den Ellenbogen an dem Holzbrett, das den Strohsack oben hielt. Ich schlängelte mich vorsichtig um die Splitter herum und stand barfuß auf der nackten Erde, die trocken und staubig war. Es war kaum hell genug, um zu erkennen, dass Mums und Dads Lager leer waren, die Andeutung der Mittelstange verschwand in der Dunkelheit unter dem Dach. Manche Eisenzeitmenschen haben die halb geräucherten Kadaver ihrer Vorfahren in den Dachsparren aufbewahrt, in kauernder Haltung dort festgebunden, sodass sie mit leeren Augen nach unten starrten. In manchen Häusern waren Teile toter Kinder unter dem Eingang begraben, weil es Glück brachte oder vor Schlimmerem schützte.

Mum hockte neben dem Feuer und blies in die Glut, neben sich einen Stapel Grassoden. Es funktioniert also, sagte ich, wie hast du die Soden bewegt, ohne dich zu verbrennen? Sie holte erneut Luft, beugte sich vor und pustete mit geschürzten Lippen in den glühenden Unterbau des Feuers. Die Glut leuchtete im Sonnenlicht auf. Die Schatten der Blätter flackerten. War sehr schwer, sagte sie, hier,...

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