Das wahre Leben

 
 
Nagel & Kimche (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-312-00587-1 (ISBN)
 
Zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, beide in der Krise. Nevada ist krank und lernt gerade damit umzugehen. Immer noch unterrichtet sie Yoga und das so erfolgreich, dass ihr eine Klasse mit schwierigen, absturzgefährdeten Mädchen anvertraut wird. Erika dagegen beschließt angesichts ihres Versagens als Mutter und Ehefrau das zu tun, was ihr niemand zutraut: Sie verlässt ihr luxuriöses Zuhause am Zürichberg und zieht in eine heruntergekommene Vorstadtsiedlung. Dort lernt sie Nevada kennen, die unverhofft von der großen Liebe erwischt wird. Mit Witz, Verve und voller Zuneigung lockt Moser ihre Figuren durch existentielle Höhen und Tiefen. Eine intensive Liebesgeschichte rund um Schmerz, Krankheit und Trennung.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,57 MB
978-3-312-00587-1 (9783312005871)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Milena Moser, 1963 in Zürich geboren, arbeitete nach einer Buchhändlerlehre für das Schweizer Radio DRS und für Zeitungen, bevor sie durch ihre Romane und Erzählungen über die tragikomischen Wechselfälle des Lebens berühmt wurde. Sie veröffentlichte 1990 ihre erste Kurzgeschichtensammlung "Gebrochene Herzen oder Mein erster bis elfter Mord" in einem eigens von ihren Freunden für sie gegründeten Verlag - 1991 landete sie mit "Die Putzfraueninsel" ihren ersten Bestseller. Die Verfilmung des Romans durch Peter Timm wurde preisgekrönt. Seither sind Milena Mosers Romane regelmäßig Bestseller. Moser schreibt seit einigen Jahren eine wöchentliche Kolumne in der Schweizer Familie und gibt Schreibseminare. Seit 2012 tritt sie zusammen mit Sibylle Aeberli in ihrem Stück "Die Unvollendeten" auf. Ab Mitte 2015 lebt Moser in Santa Fe, New Mexico.

Erika


1.


Erika hatte einen Traum. Sie stand auf ihrer Dachterrasse am Zürichberg. Zuerst war alles vertraut. Hier stand ein blauer Tisch, dort ging der Blick über den See, die Berge dahinter. Dann verwandelte sich das Bild. Ein Teppich aus vertrockneter Erde legte sich über den Betonboden. Die Hortensienbüsche ließen ihre weißen Köpfe hängen. Sie schlüpften aus ihren schweren Töpfen und rückten vom Geländer der Terrasse ab. Sie scharten sich um Erika, drängten ihre Wurzeln in den trockenen Erdboden. Erika schaute auf ihre Füße, sie waren schmutzig und nackt. Als sie wieder aufschaute, war um sie herum alles verödet. Vertrocknete Stauden reichten ihr bis zur Brust. Manche wuchsen über sie hinaus. Manche waren verbrannt, manche geknickt. Verzweifelt stand sie inmitten dieser Verwüstung, und sie fühlte sich schuldig. Daran, dass diese Pflanzen gestorben waren, diese Erde verbrannt.

«Hab ich es nicht gesagt?», rief Max ihr zu. Sie wandte den Kopf. Da stand ihr Mann. Er stand außerhalb dieses jämmerlichen Feldes, lehnte sich ans Geländer und rauchte eine Zigarre. Sie wollte ihm zurufen, er solle die Zigarre ausmachen, aber was nützte das jetzt noch? Ihr Garten war schon abgebrannt.

«Ich hab dir immer gesagt, hier wächst nichts!», rief Max wieder, und eine bodenlose Verzweiflung erfüllte sie. Sie begann zu weinen. Sie weinte um die verbrannte Erde, um die verdursteten Pflanzen, sie weinte um ihren Dachgarten. Sie weinte um ihren Glauben, auf diesem Dach etwas anpflanzen, etwas wachsen lassen zu können. Dabei war das gar nicht möglich! Max hatte es immer gesagt! Oh, hätte sie es doch gar nicht erst versucht! Ihre Verzweiflung wurde so groß, dass sie sich krümmte. Da sah sie aus den Augenwinkeln, zwischen den dürren Ästen hindurch, eine Bewegung auf der anderen Seite. Die Terrassentür wurde aufgeschoben, und ein Mann trat zu ihr. Auch er war barfuß. Er lächelte ihr zu, mehr mit den Augen als mit dem Mund, und sie richtete sich auf.

«Ach! Gott sei Dank!», rief sie laut. Die Erleichterung, die sie bei seinem Anblick empfand, flutete jede einzelne Zelle. Jetzt würde alles gut werden. Alles war gut. «Ach, Gott sei Dank! Da bist du ja!»

Denn der hier war eigentlich ihr Mann, das wusste sie im Traum. Der, und nicht der andere, der mit der Zigarre, dessen Namen sie schon vergessen hatte, sein Gesicht, seine Form, es gab nur noch diesen Mann, ihren Mann, der ihr barfuß entgegenkam. In der Hand trug er eine Gießkanne.

Erika lachte noch, als sie aufwachte. Gießkanne, dachte sie, Zigarre, Himmel, ich war wirklich zu lange in Therapie. Freud würde in den Tiefschlaf fallen, wenn er diese Träume hörte. Trotzdem notierte Erika sie gewissenhaft. Sie wusste nicht, wie sie das Gefühl der Erleichterung beschreiben sollte. Sie kannte es nur aus Träumen. Der Mann, der dieses Gefühl in ihr auslöste, sah in jedem Traum anders aus. Aber nie war es Max. Nie ihr Mann.

 

2.


«Du Liebe, Liebe, Liebe, Liebe», flüsterte die Stimme in ihrem Ohr. Weiche Arme hielten sie, es roch nach Rosenblüten und Gewürzen. Dann wurde ihr etwas in die Hand gedrückt, automatisch schlossen sich ihre Finger darum. Eine Frau in einem weißen Kaftan zog sie am Ellbogen zur Seite. Erika stand auf und folgte den anderen zwischen den Stuhlreihen hindurch, ließ sich Richtung Ausgang drängen. Vor der Tür zu den Toiletten blieb sie stehen. Sie öffnete ihre Finger. Auf ihrer Handfläche lagen eine zerdrückte Rosenblüte und ein Bonbon. Sie ließ die Blüte fallen, wickelte das Bonbon aus und steckte es in den Mund. Dann lehnte sie sich an die Wand. Sie fühlte sich nicht anders als vorher. Was hatte sie erwartet?

Erika suchte mit den Augen die Menge ab, die auf Stühlen oder Sitzkissen saß und wartete. In der Mitte rutschten weitere Menschen auf den Knien zur wartenden Mutter vor, die sie in ihre Arme schließen würde. Erika entdeckte Mona und Susanne, schon ziemlich weit vorn. Zu dritt waren sie nach Winterthur gereist, um sich von Amma umarmen zu lassen. Drei Damen im mittleren Alter. Wobei Susanne die entscheidenden fünfzehn Jahre jünger war. Susanne war eine Zweitfrau - und Erikas Nachbarin. Sie hatte sich ihnen heute früh spontan angeschlossen. Mona und Erika besuchten denselben Yogakurs. Ihr Lehrer hatte sie auf die einmalige Gelegenheit hingewiesen, sich von der spirituellen Führerin aus Indien umarmen zu lassen. «Eine lebensverändernde Erfahrung», hatte er versprochen. Erika und Mona hatten sich mit einem Blick verständigt: Das würden sie sich nicht entgehen lassen! Heimlich hatten wohl beide gehofft, Rashi würde sich ihnen anschließen. Und sie könnten sich von ihm umarmen lassen. Sie hatten den Ausflug sorgfältig geplant, sich dem Anlass entsprechend gekleidet. Erika und Mona waren sogar extra zusammen einkaufen gefahren. Sie hatten sich dünne Sommerpaschminas gekauft und grobe, an Malas erinnernde Halsketten aus Kristallkugeln. Sie waren gerüstet.

Das Leben konnte kommen. Und sich ändern.

Seit Wochen wurde Erika dieses Gefühl nicht los, dass ihr Leben sich ändern würde. Ändern musste. Sie hatte seltsame Träume. In einer Nacht fiel sie aus einem offenen Fenster. Panik erfasste sie, bis sie merkte, dass sie nicht nach unten fiel, sondern waagrecht weiterflog. Sie schwebte aus einem Fenster hinaus und in ein anderes hinein. Dort fand sie sich bäuchlings auf einem Fußboden liegend, den sie sofort als ihren erkannte, obwohl sie ihn nie vorher gesehen hatte. Sie stand auf. Der Teppich war rosa, er lag vor einem reich verzierten Prinzessinnenbett mit verschnörkeltem Metallrahmen, an den Wänden hingen Bilder von hübschen Jungen mit gefühlvollen Augen, die sie auch nicht kannte, aber in die sie, das wusste sie, verliebt war. Erika schaute sich im Zimmer um, sie fand einen Plattenspieler aus Plastik, sie fand Vinylschallplatten in Hüllen, sie nahm eine Single heraus. Adriano Celentano, Yuppi du, sie legte sie auf und begann auf dem Teppich wie auf einer rosafarbenen Blumenwiese zu tanzen, barfuß.

In einem anderen Traum stieß sie im Supermarkt mit ihrem Einkaufswagen an den einer anderen Kundin, und als sie sich entschuldigen wollte, sagte die andere: «Überhaupt kein Problem!» Und sie tauschten die Wagen aus, als ob nichts dabei wäre. Erika schob ihren neuen Wagen zur Kasse, versuchte zu erkennen, was alles darin lag, er war überladen, zuoberst eine Tiefkühlpizza in einer großen quadratischen Schachtel, die immer wieder herabzurutschen drohte. Erika fühlte sich wie ein Kind, das die von der Mutter im Schrank versteckten Weihnachtsgeschenke gefunden hat und nun zu erraten versucht, was darin sein könnte. Als sie zur Kasse kam, wurde die Musik immer lauter. «When the moon hits your eye like a big pizza pie, that's amore .» Erika tänzelte hinter ihrem Wagen her, und als sie die Pizzaschachtel aufs Band legte, fiel die Kassiererin in den Song ein. «Big pizza pie, that's amore!» Einen Artikel nach dem anderen fischte Erika aus dem Wagen und legte ihn aufs Band. Lauter Dinge, die sie noch nie gekauft hatte: Fertigmahlzeiten, abgepackte Kuchen mit rosa Zuckerguss, Babynahrung in Glasfläschlein, Kondome, ein pinkfarbener Lippenstift. Mit jedem Gegenstand wurde ihr Glücksgefühl größer, bis es sie schließlich ganz ausfüllte.

Aus diesen Träumen erwachte sie lächelnd. Dann verstummte die Musik in ihrem Kopf, das Glücksgefühl entwich aus ihr wie Luft aus einem Ballon. Sie war kein Mädchen mit einem Prinzessinnenbett, keine sorglose junge Mutter, die Fertigpizza und Kondome kaufte, sie war . wer? Sie war niemand. Sie war nichts.

«Niit!», hörte sie plötzlich die Kinderstimmen ihrer Erinnerung. «Niiteli, komm, wir spielen Fangis!»

Erika war ein schüchternes Kind gewesen. Ein Einzelkind. Allein unter Erwachsenen. Ihre Eltern führten eine Stofffabrik, sie wohnten außerhalb des Dorfes in einem kalten Haus mit zu vielen Zimmern und einem großen Park. Erika hatte viel Platz gehabt. Und keine Gesellschaft. Bis zu ihrem ersten Tag im Kindergarten hatte sie nie mit anderen Kindern gespielt. Sie hatte noch nicht einmal andere Kinder gesehen. Und jetzt waren da zwanzig, dreißig von ihnen, die lärmten und lachten und schubsten. Angst überwältigte Erika. Sie versteckte sich in der Puppenecke, saß ganz still zwischen den Puppen, aber die Kindergärtnerin entdeckte sie und zog sie in den Kreis.

«Hier gibt es keine Extrawurst», sagte sie streng. Erika spürte, dass sie anders war als die anderen Kinder. Sie war kleiner. Anders angezogen. Sie sprach anders. Anders war nicht gut, das gab ihr die harte Hand der Kindergärtnerin klar zu verstehen. Keine Extrawurst! Extrawurst war auch nicht gut.

Später saßen sie im Kreis und nannten der Reihe nach ihre Namen. Alle Kinder begannen mit ihrem Nachnamen. «Brunner, Hansli», sagten sie, «Stucky, Vreneli.» Erika kannte ihren Nachnamen nicht. Und ihren Vornamen hatte sie noch nie ausgesprochen. Sie hatte, laut ihrer Mutter, noch nicht einmal «ich» gesagt. «Nicht ein einziges Mal!» Das betonte ihre Mutter mit einem gewissen Stolz, den Erika sonst nicht hörte. Es war gut, das Wort «ich» nicht aussprechen zu können, begriff sie. Doch jetzt musste sie etwas sagen. Dreißig Kinder schauten sie erwartungsvoll an, einige lachten bereits. Die Kindergärtnerin runzelte die Stirn und drohte wieder mit der Extrawurst. Erika zog den Latz ihrer Schürze über ihr Gesicht und murmelte verzweifelt: «Nichts. Niit.»

Und so kam es, dass die anderen Kinder sie Niiteli riefen. Später wurde Niita daraus. Später wurde eine gute Geschichte daraus. Wenn sie erzählte, wie sie zu ihrem Spitznamen gekommen war. Als Niita hatte sie in besetzten Häusern gelebt, als Model Karriere gemacht. Niita war eine...

"Zart, einfühlsam und humorvoll ist Milena Mosers Blick auf zwei Frauen in mittleren Jahren, die nicht länger tun, was andere von ihnen erwarten." Brigitte, 25.09.2013

"Mit Witz, Verve und voller Zuneigung lockt Moser ihre Figuren durch existentielle Höhen und Tiefen. Eine intensive Liebesgeschichte rund um Schmerz, Krankheit und Trennung." Neue Luzerner Zeitung, 27.08.2013

"'Das wahre Leben' ist eher leise, aber niemals ohne Humor." Freundin, 28.08.2013

"Moser füllt die so durchschnittlich wirkenden Protagonistinnen mit derart viel Leben, dass sie einzigartig-liebenswert werden und selbst der Alltag Glanz trägt. (...) Das ist wohl das Erfolgsgeheimnis der Moserschen Romane: Ihre Heldinnen sind, bei aller Konstruiertheit, ein bissl so wie wir. Manchmal mag man darüber lesen. Bei Milena Moser liebend gern sogar." Mareike Steger, Wienerin, 09.2013

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