Elbstrandmord

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2015
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96990-1 (ISBN)
 
Es regnet in Strömen, als der Bauunternehmer Nikolaus Brummer erschlagen zwischen den Pappeln am Elbufer gefunden wird. Der Stader Kriminalhauptkommissar Paul Schlegel findet schnell heraus, dass Brummer privat wie geschäftlich ein umtriebiger Kerl war. Feinde finden sich zuhauf. Aber kann Schlegel dem Gerede hinterm Deich überhaupt trauen? Dann stößt er auf eine Liste mit Schuldnern - Brummer scheint dem halben Ort Geld geliehen zu haben. Findet sich hier auch der Name des Mörders?
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 1,35 MB
978-3-492-96990-1 (9783492969901)
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1


Kapitel


Marianne verspätete sich - wie üblich. Dabei kannte sie die Stelle, an der die Taufe stattfinden sollte, genauso gut wie ich. An mangelnder Ortskenntnis konnte es also nicht liegen.

Hannah hatte mich vor drei Wochen mit der Nachricht überrascht, Jakob taufen lassen zu wollen. Zuerst hatte ich gedacht, sie wolle mich auf den Arm nehmen. »Du willst ihn tatsächlich taufen lassen?«, hatte ich meine Tochter ungläubig gefragt. Seit drei Generationen hatte unsere Familie der Kirche und ihren Ritualen den Rücken gekehrt, auch Hannah war nicht getauft worden.

Aber sie hatte genickt. »An der Elbe, mit Elbwasser, wie es sich für einen richtigen Kehdinger gehört.«

Mir kam sofort der Verdacht, dass es Hannah mehr um das Event als um das Seelenheil meines Enkels gehen könnte. Das passte zu ihr. Sie war schon immer auf ihre Außenwirkung bedacht gewesen, und ein solches Ereignis hatte unter ihren Freunden sicher für Aufregung gesorgt. Eine Taufe an der Elbe. Wow! Wie cool ist das denn? Aber ich hatte den Mund gehalten.

»Evangelisch oder katholisch?«, hatte ich nur noch wissen wollen.

»Evangelisch, die Katholen machen so etwas nicht.«

Ich bog an der kleinen Kirche auf Kalbsand ab, fuhr ein paar Meter am Deich entlang und folgte einem schwarzen Geländewagen die Deichauffahrt hinauf. Ich kannte niemanden aus meiner Familie, der so einen protzigen Wagen fuhr, und als wir auf der anderen Deichseite anhielten, staunte ich über die Gäste meiner Tochter. Auf dem kleinen provisorischen Parkplatz standen neben Hannahs kleinem Polo und den Autos ihrer Freunde noch einige sehr große und sehr teure Limousinen.

Der Pfarrer war ein guter Kenner der Kehdinger Verhältnisse, ich hatte schon bei mehreren Ermittlungen mit ihm zu tun gehabt. Er hatte ein großes Partyzelt aufbauen lassen und darin einen Altar und ein Holzkreuz aufgestellt. Als ich ihn nach der Zeremonie fragte, ob ihm die Kirche nicht mehr gut genug sei, meinte er wörtlich: »Immer nur in der Kirche ist langweilig.« Außerdem sei es nicht die einzige Taufe in diesen Wochen gewesen, er hatte wohl einige Eltern dazu gebracht, ihr Kind mit Elbwasser taufen zu lassen.

An der Seite stand eine kleine Hammondorgel, die ihren Strom aus einer Autobatterie bezog. Die Gäste saßen auf weißen Plastikstühlen, und der Wind pfiff durch die Ritzen. Das kann ja heiter werden, dachte ich, aber ich ließ mir meine Unlust nicht anmerken. Dreißig Jahre war es her, dass ich das letzte Mal in einem Gottesdienst gewesen war. Und das auch nur beruflich. Damals hatte ich einen mit Haftbefehl gesuchten Totschläger am Ende seiner Hochzeit festnehmen können.

Jakob begrüßte mich begeistert. Er war vor ein paar Monaten zwei geworden, und mir ging jedes Mal das Herz auf, wenn ich ihn sah. Er konnte noch nicht artikuliert sprechen, plapperte aber unentwegt und wunderte sich offensichtlich jedes Mal, dass sein Großvater nicht verstand, was er sagte.

Hannah hatte sich fein gemacht, das war zu erwarten gewesen. Dass auch ich mich in Schale geworfen hatte - dunkler Anzug, ein weißes, eigens gebügeltes Hemd und eine dunkle Krawatte -, wurde von Hannah dankbar lächelnd zur Kenntnis genommen. Marianne war noch nicht da.

»Wir sind hier zusammengekommen«, begann der Pfarrer mit dröhnender Stimme, »um gemeinsam die Taufe von Jakob Schlegel und seine Aufnahme in den Schoß der Kirche zu feiern. Später, wenn wir von der Taufe an der Elbe zurückgekehrt sind, werden wir eine besondere Hochzeit feiern. Nikolaus und Elke Brummer haben vor fünfundzwanzig Jahren standesamtlich geheiratet und haben sich entschlossen, nun auch den kirchlichen Segen für ihre Ehe zu erbitten, auf dass sie noch lange so glücklich bestehen möge.«

Als junge Frau war Elke Brummer sicher sehr ansprechend gewesen. Davon war nicht mehr viel übrig geblieben, sie wirkte aufgeschwemmt, und ich hatte den Verdacht, dass ein paar Gläser Likör zu viel pro Tag die Ursache waren. Außerdem hatte sie den missmutigen Gesichtsausdruck älterer Ehefrauen, die sexuell unterversorgt waren. Entweder war der Likör schuld daran, dass ihre Gatten kein Interesse an ihnen hatten, oder sie tranken zu viel, weil die Männer sich schon lange anderen Frauen zugewandt hatten. Bei Elke Brummer tippte ich auf die zweite Möglichkeit und lag nicht weit daneben, wie sich später herausstellen sollte.

Der Name Nikolaus Brummer war mir nicht unbekannt, aber mir fiel nicht auf Anhieb ein, bei welcher Gelegenheit ich ihm schon einmal begegnet war. Schon als ich ihn vor dem Zelt gesehen hatte, hatte ich überlegt, wer dieser unsympathische Kerl sein könnte, der ein paar Meter neben Hannahs Gästen mit herablassender Jovialität Hof gehalten hatte. Ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Als klar wurde, dass die Brummers nicht zu Hannahs Gästen gehörten, war ich erleichtert.

Ich saß ganz außen in der ersten Reihe, Jakob stand vor mir und hielt sich an meinen Beinen fest. Zur Feier des Tages hatte Hannah ihn festlich angezogen und sich dabei zum Glück von dem Kleidungsstil entfernt, mit dem sie sonst immer ihren Sohn verunstaltete. Sie liebte großflächige hässliche Motive auf Pullovern und Anoraks, die angeblich auch den Zweijährigen so gut gefielen. Ich hatte mich immer gefragt, weshalb ein so kleiner Kerl mit Löwen oder Panthern auf der Brust herumlaufen sollte, die wütend ihre großen Mäuler aufrissen. Auf den Gipfel getrieben hatte sie es, als sie Bettwäsche kaufte, die mit großen schwarzen Totenköpfen verziert war. Auf meine besorgte Frage, ob sie denn wirklich das Gefühl habe, dass Jakob mit diesen Motiven vor Augen besonders selig schlafen könne, hatte sie nur mit den Achseln gezuckt.

Heute trug der Junge eine dunkelblaue Strickjacke mit einigen weißen Streifen. Er erinnerte mich ein wenig an einen Matrosen, und ich fand, dass Hannah diesmal die richtige Symbolik gewählt hatte, schließlich waren wir an der Elbe.

Verwundert betrachtete Jakob den großen Mann, der mit wehendem schwarzem Talar nur ein paar Meter vor uns stand, abwechselnd laut sprach oder zu singen begann. Ich konnte verstohlen die ersten Hochzeitsgäste beäugen, die sich in der rechten Hälfte des Zeltes versammelt hatten. Langsam dämmerte es mir, woher ich den Bräutigam kannte. Nikolaus Brummer war Bauunternehmer und hatte einmal in einem Prozess als Zeuge aussagen müssen.

Es ging damals um eine Schlägerei zwischen Fahrern seiner Firma, von denen einer wegen Körperverletzung angeklagt und dann verurteilt worden war. Im Prozess konnte sich Brummer an nichts erinnern, natürlich, etwas anderes hätte mich auch sehr erstaunt. Der Angeklagte verteidigte sich damit, dass in dem Unternehmen untragbare Bedingungen geherrscht hätten. Als er zu keinen unbezahlten Überstunden bereit gewesen sei und er sich deshalb beschwert habe, sei er von Brummers Leuten erst angepöbelt und dann körperlich angegangen worden. Er habe sich nur gewehrt, das sei sein gutes Recht gewesen.

Brummer wusste davon nichts, das behauptete er jedenfalls, in seiner Firma würden alle Standards eingehalten, er schicke keine Rollkommandos los, um aufmüpfige Fahrer zur Raison zu bringen. Stolz erzählte er, man habe ihn erst letztes Jahr zum »Unternehmer des Jahres« auf Kreisebene gewählt, und das hätte man wohl kaum getan, wenn in dem Unternehmen solche Zustände herrschen würden, wie der Angeklagte behauptete. Ich wusste, dass Brummer log, doch ich konnte es nicht beweisen. Für die zwei gebrochenen Nasenbeine bekam der Angeklagte eine Bewährungsstrafe. Und die Kündigung natürlich.

Hinter dem Pfarrer tauchte Marianne auf. Endlich.

Nicht einmal zur Taufe ihres Enkels schaffte sie es, rechtzeitig zu erscheinen. Hoffentlich hält sie wenigstens den Mund und redet nicht wie sonst ohne Punkt und Komma, dachte
ich.

Die Orgel quäkte die Melodie von Paul Gerhardts »Geh aus, mein Herz, und suche Freud«, und alle stimmten ein. Marianne stand direkt hinter dem Pfarrer, und ihre Altstimme war so laut, dass er sich erschrocken umdrehte. Sie nickte verlegen, sang aber unbeirrt weiter und setzte sich neben Hannah, die ihr den Stuhl frei gehalten hatte.

Wenigstens hatte sie so viel Anstand, nicht ihren neuen Liebhaber mitzubringen, mit dem sie seit drei Jahren zusammenlebte. Wolfgang Schneider war mir von Anfang an unsympathisch gewesen. Aufdringlich und gönnerhaft war er mir vorgekommen, als ich ihn das erste Mal bewusst gesehen hatte. Er war ein Kollege von ihr, Marianne unterrichtete Deutsch und Geschichte am Athenäum in Stade, einem alten Gymnasium, das viel auf seine lange Geschichte hielt.

Lehrer konnte ich noch nie ausstehen: Als Schüler waren sie meine natürlichen Feinde gewesen, und als Erwachsener waren sie mir zu rechthaberisch. Hannah hatte als Achtklässlerin, um ihre Mutter zu ärgern, eine Karte an die Tür gehängt, auf der der damals sehr populäre Spruch stand: »Lehrer haben morgens immer recht und nachmittags immer frei.« Marianne war ausgerastet. Ich hatte etwas mehr Souveränität von Marianne erwartet und gemeint, sie solle das doch bitte als Witz verstehen, aber sie steigerte sich immer mehr in Rage. Am Ende kam dabei eine heftige Ehekrise heraus, von der wir uns dann nie wieder richtig erholten. Sie warf mir all das vor, was sie ein paar Jahre zuvor noch als besonders lobenswert herausgestellt hatte. Aus meiner bedächtigen Art war Langeweile geworden, plötzlich beharrte ich auf lebensfernen Grundsätzen, mein kleines Bäuchlein war jetzt eine Wampe, und im Bett war es mit mir schon immer eintönig gewesen.

Ob sie denn andere Erfahrungen habe, hatte ich spitz nachgefragt, denn meines Wissens war ich...

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