Wanamurraganya

Die Geschichte von Jack McPhee. Roman
 
 
Unionsverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. August 2019
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-293-30702-5 (ISBN)
 
Sally Morgan war bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin, als sie sich quer durch den australischen Kontinent auf die Suche nach dem unbekannten Mann machte, der nach Aborigines-Genealogie ihr Großvater war. Sie fand schließlich Jack McPhee, mit seinem eigentlichen Namen Wanamurraganya, und er erzählte ihr seine Lebensgeschichte. Diese Biografie voller Lebenskraft und Heiterkeit erzählt ebenso drastisch wie humorvoll von schwarzen Frauen und weißen Vätern, von einer entmündigenden Regierungspolitik, die dem ganzen Volk der Aborigines die elementarsten Rechte absprach, und der Gelassenheit, die man trotz allem erlangen kann.

"Mein Leben ist reicher geworden durch die Bekanntschaft mit diesem prima Kerl, und ich bin überzeugt, eures wird es auch." Sally Morgan
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 2,25 MB
978-3-293-30702-5 (9783293307025)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sally Morgan, geboren 1951 in Perth, ausgebildete Psychologin und Bibliothekarin, Malerin und Lithografin, gilt als die wichtigste Vertreterin der Aborigines-Literatur. Sie wuchs in der weißen Gesellschaft Australiens auf und machte sich erst spät auf die Suche nach ihrer wahren Identität. Nach ihrem ersten Buch, Ich hörte den Vogel rufen, lernte sie Wanamurraganya oder Jack McPhee, ihren Großvater nach Aborigines-Genealogie, kennen. Er diktierte ihr während vieler Monate seine Lebensgeschichte.

Einführung


Jack McPhee und Sally Morgan, Port Hedland, 1985

Ich lernte Jack im Mai 1983 kennen, als ich Nachforschungen für mein erstes Buch, Ich hörte den Vogel rufen, anstellte. Ich war nach Port Hedland gekommen, ohne jemanden zu kennen, aber in der Hoffnung, mit einigen älteren Leuten aus der Gegend von Port Hedland und Marble Bar in Kontakt zu kommen, die sich an meine Großmutter und ihren Bruder erinnern konnten. Meine Großmutter stammte von der Corunna-Downs-Farm in der Nähe von Marble Bar. Sie war als Kind, wie andere aus ihrer Familie, fortgenommen und nach Perth gebracht worden, damals, als es schwarzen Frauen nicht erlaubt war, Kinder aufzuziehen, die von weißen Männern gezeugt worden waren. Jacks Name war uns vom Freund eines Freundes, der zu dieser Zeit in Hedland arbeitete, gegeben worden.

Uns war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, einfach aufzutauchen und Fragen zu stellen, aber es gab keine andere Möglichkeit. Glücklicherweise saß Jack vor seinem Haus im Schatten, als wir dort ankamen. Er muss sich gefragt haben, was für eine Wagenladung Fremder da auf ihn zukam: Paul, mein Mann, und ich, drei Kinder und meine Mutter Gladys. Es stellte sich heraus, dass Jack sehr freundlich war, und wir waren gleich von seiner starken Persönlichkeit und seinem Humor beeindruckt. Er war der Erste, an den wir uns wandten, und der Erste, der genau wusste, über wen wir sprachen. Da kam er uns besonders nahe, denn er bestätigte, dass diese Suche nach unseren Verwandten mehr als nur eine Fantasie war. Als er über die Schwester meiner Großmutter sprach, wurde uns klar, dass alles wirklich war. Diese Leute hatten gelebt und waren bekannt, und indem wir Leuten wie Jack zuhörten, konnten auch wir sie kennenlernen.

Nachdem wir aus dem Norden nach Perth zurückgekommen waren, begann ich, Jack zu schreiben. Aus diesem Briefwechsel entwickelte sich eine Freundschaft, und er entschloss sich, Weihnachten mit uns zusammen zu verbringen. Dies war 1983, und sein erster Besuch bei uns erwies sich als Wendepunkt. Jack war sehr an meinem Schreiben interessiert und erzählte mir, dass er all die Jahre hinweg mit verschiedenen Leuten Aufzeichnungen gemacht hatte, aber nie etwas dabei herausgekommen war. Er wollte wissen, warum ich schrieb und wie ich arbeitete. Wir diskutierten oft miteinander, warum es so wichtig war, das Leben von älteren Leuten festzuhalten. Jack hatte ein natürliches Gefühl für Geschichte, er war der Meinung, wir sollten die Vergangenheit kennen und aus ihr lernen. Er fand es auch wichtig, dass die Jüngeren wussten, was ihre älteren Verwandten durchgemacht hatten. Als wir einmal beschlossen hatten, dieses Buch zu schreiben, gab es kein Zurück mehr.

Es ist keine einfache Aufgabe, die Lebensgeschichte von jemand anders zu schreiben. Auf beiden Seiten gibt es stets Erwartungen und Vorbehalte. Jacks Geschichte zu schreiben, hieß für mich ebenso, für ihn zu waschen, zu bügeln, zu kochen, ihn zur Bank, Post oder zu Verabredungen zu fahren, Zusammentreffen mit Leuten aus seiner Vergangenheit zu arrangieren, und natürlich, ihn mit den Freuden des Burswood-Spielkasinos bekannt zu machen, wofür ich Paul und meiner Mutter danke.

Mich an seiner Geschichte teilhaben zu lassen, hieß für Jack, sich Hunderte von Fragen gefallen zu lassen, wieder und wieder dieselben Ereignisse und Erfahrungen durchzugehen, schwierige Themen zu diskutieren, über die er nie zuvor gesprochen hatte, drei Katzen (er hasst sie!), drei laute Kinder und meine Kochkünste hinzunehmen.

Ich wollte darauf hinaus, dass das Schreiben selbstverständliches Ergebnis einer Beziehung war, die sich zwischen uns entwickelte, nicht das Resultat einer eher akademischen Übung. Ich erinnere mich, wie wir einmal miteinander ausgingen und Jack jemandem erzählte, dass ich seine Geschichte aufschrieb. Ich witzelte: »Ja, ich weiß mehr über ihn als er selber!« Jack fand das sehr lustig, er sagte: »Weißt du, das stimmt, wenn ich jetzt einmal die Hälfte einer Geschichte vergesse, bitte ich dich, sie zu Ende zu erzählen, denn du kennst sie so gut!«

Die erste Regel für einen solchen Schreibprozess ist, dort zu beginnen, wo der Erzähler beginnen möchte. Wir begannen, indem wir den Namen jedes afghanischen Kameltreibers im Nordwesten aufschrieben, an den Jack sich erinnern konnte. Dann gingen wir zu Bahnstationen und Windmühlen über. Erst danach entschloss sich Jack, über seine Kindheit zu sprechen. 

Die meisten Menschen denken recht gerne an ihre Kindheit, da sie sie hinter sich gelassen und sich bis zu einem gewissen Grad damit abgefunden haben. Es gibt allerdings empfindliche Bereiche, und diese erfordern Geduld aufseiten des Aufzeichners. Anfangs unterbrach ich Jack nie mit Fragen, denn er war noch dabei, sich in den Erinnerungsprozess einzufinden. Stattdessen machte ich gelegentlich eine Notiz, denn ich wusste, dass ich später, wenn er entspannter wäre, darauf zurückkommen und nachfragen konnte. Jack gewöhnte sich an, jeweils drei Monate bei uns zu bleiben. Nach seinem ersten Besuch hatten wir einunddreißig Stunden Tonband aufgenommen. Als er zurückfuhr, setzte ich mich daran, sie zu transkribieren. Wenn wir nicht zusammen waren, riefen wir einander an.

Diese Tonbänder vermittelten mir einen groben Überblick über sein Leben. Jack konnte sich besonders gut an Daten erinnern, daher konnte ich die Informationen, die er mir gegeben hatte, zusammenstückeln und in eine grobe chronologische Abfolge bringen. Dieser Prozess führte zu neuen Fragen. Als ich Jack das nächste Mal sah, zeigte ich ihm, was ich gemacht hatte, und fuhr mit meinen Fragen fort. Dies wurde zu einem Schema, in das wir uns leicht und zufrieden einfügten. Die Antworten zu diesen Fragen wurden dann transkribiert und in den ersten Text eingefügt. Das bedeutete, dass der Text sich kontinuierlich veränderte, er wuchs und wurde ständig korrigiert und umgeschrieben.

Das erneute Erzählen ist unerlässlich, denn oft werden neue Details oder Blickwinkel hinzugefügt, die einer zunächst recht oberflächlich scheinenden Episode größere Tiefe geben. Zudem legen Menschen Erinnerungen unterschiedlich ab. Was zunächst als eine einfache Frage erscheint, die nur einen Satz als Antwort erfordert, kann vom Erzähler womöglich nur im weiteren Kontext einer viel verwickelteren Geschichte vollständig und korrekt beantwortet werden.

Der Erzähler muss genau darüber informiert sein, was geschrieben wird und wie sich das Buch entwickelt. Es mag Dinge geben, die der Aufzeichner gerne aufnehmen würde, aber gegen die der Erzähler Einwände erhebt. In diesem Fall fällt die letzte Entscheidung stets der Erzähler. Zudem müssen manchmal die Interessen einer Gemeinschaft, besonders die von gewissen Aboriginesgemeinschaften, gegen das Recht des Einzelnen abgewägt werden, eine bestimmte Information preiszugeben. Um das Buch flüssig und lesbar zu gestalten, muss der Schriftsteller verbindende Sätze und Wörter zufügen. Dies hat auf eine unauffällige Art zu geschehen, mit der auch der Erzähler zufrieden ist. 

In den drei Jahren durchliefen Jack und ich sechsmal diesen Prozess. Das war sehr arbeitsintensiv, aber unbedingt notwendig. Später bat ich Paul, die Fragen zu stellen. Jack und er waren mittlerweile gute Freunde, und er war froh, zur Abwechslung einmal mit einem Mann sprechen zu können.

Als sich das Buch seinem Endstadium näherte, arbeitete ich in der J.?S.-Battye-Bibliothek für westaustralische Geschichte und überprüfte Schreibweisen, Daten, Namen, Farmen und Fotografien. Zur selben Zeit gelang es Jack und mir, seine Akte vom Department of Community Services zu erhalten. Sie bestand aus etwa dreihundert Seiten, und obwohl sie nichts Neues enthielt, war sie sehr nützlich in der Bestätigung von Daten, Entwicklungen und der allgemeinen Einstellung jener Zeit.

Jack interessierte es natürlich sehr, was die damals Verantwortlichen über ihn geschrieben hatten. Ich las ihm die gesamte Akte vor, und wir lachten viel. Einen Vorfall fand ich besonders interessant. Es war ein Bericht des »Protektors der Aborigines«, in dem dieser behauptete, mit Jack über seine bevorstehende Heirat in der Moore-River-Siedlung gesprochen zu haben. Jack lachte, als ich ihm dies vorlas. Der »Protektor« hatte wohl mit Arthur Neal, dem weißen Leiter der Siedlung, gesprochen, der ihm erzählt hatte, wie Jack sich fühlte. Dies wurde dann offiziell als ein Gespräch mit Jack festgehalten. Zu gewissen Zeiten ist ein mündlicher Bericht weit zuverlässiger als ein geschriebener. 

Natürlich gibt es bei einer solchen Arbeit wie in jeder anderen gewisse Einschränkungen. Da war einerseits die offensichtliche, dass Jack ein initiierter Mann war und ich nicht nur weiblich, sondern auch noch mit ihm verwandt war. Andererseits hatte ich zu akzeptieren, dass er mir Dinge mitteilte, die er aber nicht im Buch sehen wollte.

Als der Text in seiner Endfassung vorlag, las Paul ihm das Buch nochmals ganz vor. Jacks Hörvermögen war ständig schlechter geworden, und es war nun leichter für ihn, Pauls Stimme zuzuhören als meiner. Dieses Vorlesen ist sehr wichtig. Der Erzähler muss wissen, dass man sein Vertrauen nicht missbraucht hat, seine Geschichten nicht verzerrt wurden und sein Leben in einer Art vermittelt wird, wie er es selbst erzählen würde.

Unsere letzte Entscheidung galt dem Umschlag. Ursprünglich sollte es ein altes Foto sein, aber...

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