Bis der Tod uns eint

 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Juli 2020
  • |
  • 444 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-2507-8 (ISBN)
 
Auf einer einsamen Insel vor New England wartet er geduldig auf sie. Streicht liebevoll über die weißen Spitzenkleider, die er extra für sie angefertigt hat. Sie werden wundervoll darin aussehen, wenn sie darin sterben werden... Drei Frauen begegnen sich in einem abgelegenen Hotel. Sandy hat auf eine vielversprechende Kontaktanzeige geantwortet. Liza hofft auf einen lukrativen Buchvertrag mit einem scheuen Autor. Und Jennie will einfach mal in Ruhe ausspannen. Scheinbar verbindet die drei Frauen nichts miteinander. Aber dann bricht ein furchtbarer Sturm los und nach und nach ahnen die Frauen, dass ihr Gastgeber einen grausamen Plan verfolgt. Denn alle drei kennen diesen Mann aus ihrer Vergangenheit und seine Zeit der Rache ist nun gekommen...
weitere Ausgaben werden ermittelt

Wendy Morgan hat englische Literatur mit dem Schwerpunkt kreatives Schreiben studiert. Nach ihrem Studium hat sie zunächst als Lektorin und Journalistin gearbeitet, um sich dann ganz ihrem Traumberuf der Schriftstellerin zu widmen. Wendy Morgan lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in New York.

1. Kapitel


Die Fähre ist noch nicht zu sehen, nicht einmal als Punkt weit draußen am dämmrigen Horizont. Er weiß aber, dass sie da ist, dass sie mit Kurs auf Tide Island die kabbeligen grauen Fluten vor der Küste Neuenglands durchpflügt. Ehe sie unten ausgangs der Straße am Kai anlegt und ihre Ladung Fahrgäste ausspuckt, wird längst völlige Dunkelheit herrschen.

Sommertags ist die Freitagabendfähre stets voll von Wochenendheimfahrern, Familien auf Urlaub, Studenten, die in der Gastronomie oder als Rettungsschwimmer jobben, von Liebespaaren und Kindern mit klebrigen Gesichtern.

Jetzt aber, im kürzesten Monat des Jahres, wenn der Winter am unwirtlichsten ist und das Eiland nichts weiter zu bieten hat als stille, frostige Abgeschiedenheit, werden nicht viele Passagiere an Bord sein. Höchstens ein paar eingefleischte Naturliebhaber, die unverdrossen den Elementen trotzen; vielleicht einige Insulaner, die von einer Einkaufstour auf dem Festland zurückkehren; eventuell eine Handvoll Sommerhausbesitzer, die nach dem Orkan vom Dezember die Schäden an ihren Anwesen in Augenschein nehmen und nach dem Rechten sehen wollen.

Das wär's aber auch schon.

Und natürlich seine drei .

Er weiß, dass sie sich an Bord befinden - alle drei. Untereinander noch Fremde, doch für ihn nicht.

Er beobachtet sie schon so lange.

Und er wartet.

Freudige Erregung lässt ihn erschauern, sodass er sich ganz bewusst mahnen muss, locker zu bleiben, sich zu beherrschen. Ausgerechnet jetzt, da sich endlich alles fugt, kann er es sich nicht leisten, Risiken einzugehen.

Nach all den Jahren .

Bald, versichert er sich. Es dauert nicht mehr lange.

Fast schwindlig vor Erregung, lässt er nochmals den Blick über die Wasserfläche wandern. Vor einer Weile hat er den Wetterbericht im Radio gehört, und danach wächst die Wahrscheinlichkeit, dass es an diesem Wochenende stürmisch werden könnte.

Wäre das nicht perfekt?

In diesem Augenblick genießen die drei womöglich sogar den aufregenden Wellenritt durch die Dämmerung. Er stellt sich vor, wie sie in unterschiedlichen Ecken sitzen, an Deck oder in einer Kajüte, jede ihren Gedanken nachhängend, im Geiste schon bei dem kommenden Wochenende und voller gespannter Erwartung.

Sie sind nicht die Einzigen, die sich darauf freuen.

Entzückt verzieht er das Gesicht und unterdrückt ein Glucksen.

Bald, sehr bald!

Er zieht die hauchdünne Spitzengardine zurück vor die Scheibe und wendet sich vom Fenster ab.

Vor der Ankunft gibt es noch eine Menge zu tun.

 

Als die Fähre in Crosswinds Bay ablegt und Kurs auf den offenen Atlantik nimmt, hält Jenny das Gesicht in den kalten Wind und lächelt.

Welche Wohltat, einmal alles hinter sich lassen zu können, und sei es auch nur für ein paar Tage! Sie merkt schon, wie ihre chronische Verkrampftheit allmählich von ihr abfällt. Tief lässt sie die salzige Seeluft in ihre Lungen dringen und stößt einen befriedigten Seufzer aus.

Als sie zwanzig Minuten zuvor den Fähranleger erreichte, tat ihr die gesamte Kieferpartie weh, auch Nacken- und Rückenmuskulatur waren total verspannt vom Stress.

Wohl wissend, dass freitagabends der Verkehr aus Boston heraus immer eine Katastrophe ist, war sie schon um drei Uhr aufgebrochen, um dem Ansturm zuvorzukommen. Leider hatte sich auf der Autobahn ein Lkw mit Anhänger quergestellt und ein anderes Fahrzeug gerammt. Infolgedessen saß sie also schon um Viertel nach drei im Stau fest, und als der Verkehr dann endlich im Schneckentempo an der Unfallstelle vorbei kroch, zog sie unwillkürlich verängstigt den Kopf ein.

Rotierende gelb blitzende Warnlichter und Sirenengeheul versetzen Jenny stets zurück zu jenem furchtbaren Tag drei Jahre zuvor - auch der Anblick von Blut, und seien es nur Tröpfchen. Vor zwei Tagen erst hat sie sich mit einem Schälmesser in den Finger geschnitten, und selbst eine geschlagene halbe Stunde später zitterte sie noch am ganzen Körper.

Am Nachmittag hatte sie alle Mühe gehabt, die bestürzenden Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis zu bannen und sich auf die Fahrbahn zu konzentrieren. Sie war zügig weitergefahren, um die Fünf-Uhr-Fähre ab Crosswinds Bay an der Südwestküste von Rhode Island noch zu kriegen. In der Regel überschreitet sie das Tempolimit nie um mehr als zehn Stundenkilometer, doch diesmal blieb ihr keine andere Wahl, wollte sie übers Wochenende noch weg. Und das hatte sie sich fest vorgenommen.

Jenny war, als winke der behagliche Gasthof Bramble Rose schon von weitem - Aussicht auf eine kurze Zeit der Ruhe. Die Fähre durfte sie keinesfalls verpassen; es war die letzte an diesem Abend. Um die noch zu erwischen, hätte sie ein Strafmandat wegen Geschwindigkeitsüberschreitung in Kauf genommen. Es war ihr so vorgekommen, als sause alle Welt mit hundertdreißig Sachen an ihr vorbei. Da war auch sie mit ihrem roten Kleinwagen auf die linke Spur gewechselt und hatte die Tachonadel auf hundertzehn klettern lassen. Kurz hinter Providence war sie von einer humorlosen Motorradstreife gestoppt und prompt zur Zahlung eines Bußgeldes verdonnert worden.

Noch den Kopf darüber schüttelnd, dass sie bei dieser Aktion saftige fünfzig Dollar losgeworden ist, zieht Jenny ihre schwarzen Lederhandschuhe aus der zu ihren Füßen stehenden Tasche und streift sie über die von der Kälte rissigen Hände. An Deck ist es zwar eisig, aber noch möchte sie nicht den Schutz der Kabine aufsuchen.

Es hat etwas Reinigendes, hier draußen zu stehen, wo einem die frische, fischig riechende Luft durch die Haare weht und in die Wangen beißt, bis sie anschwellen. Irgendwo über ihr von der Brücke läutet eine Schiffsglocke - ein hallendes Lebewohl hinüber zum Ufer, das sie rasch hinter sich lassen.

»Verzeihung, wissen Sie, wie spät es ist?«

Beim Klang der Stimme dreht Jenny sich um. Hinter ihr steht eine junge Frau, die sich mit einer Hand an der Reling festhält, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sie ist so dick in Daunenjacke und Schal eingemummelt, dass man nur ihre hübschen braunen Augen sieht und eine Stupsnase, die von der frostigen Luft schon ganz rot ist.

Jenny streift die Handschuhe zurück und guckt auf ihre Uhr. »Gleich Viertel nach sechs.« Sie muss quasi brüllen, um sich über den Wind und das Klatschen der Wellen hinweg Gehör zu verschaffen.

»Danke. Haben Sie eine Ahnung, wann wir planmäßig einlaufen sollen?«

»Etwa halb acht, glaube ich. Laut Fahrplan zumindest.«

»Gott sei Dank. Ich sterbe vor Hunger.«

»Ich auch.« Bei der Gelegenheit fällt Jenny ein, dass sie seit dem halben Blaubeer-Muffin, den sie am Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Wagen hinunterschlang, nichts mehr gegessen hat. Zu sehr beschäftigt mit Packen und frühem Aufbruch, hat sie das Mittagessen total verschwitzt.

Mit der behandschuhten Hand greift die Mitreisende in die Jackentasche und zaubert einen Müsliriegel hervor. »Möchten Sie die Hälfte? Zur Überbrückung?«

Jenny zögert. »Ach, lassen Sie nur, ist nicht nötig .«

Ohne viel Federlesen bricht die junge Frau den Riegel mitten durch und reicht Jenny grinsend die eine Hälfte. »Hier. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Ding jetzt ganz allein verputzen würde. Zumal ich auf Diät bin.«

»Vielen Dank«, ruft Jenny.

»Nichts zu danken. Ist fettfrei, schmeckt wie 'n Stück Pappe. Ich bin also nicht so großzügig, wie Sie denken.«

Jenny erwidert ihr Lächeln, drückt den Riegel mit ihren behandschuhten Fingern unbeholfen aus der durchgerissenen Verpackung und beißt ein Stückchen ab.

Eine Weile stehen die zwei knabbernd nebeneinander und starren hinaus aufs Meer. Dann sagt die Unbekannte: »Ich heiße Sandra Cavelli, aber alle nennen mich Sandy.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Jen . äh . Laura. Laura Towne.« Fast hätte sie sich versprochen, aber wo sie nun schon dabei ist, kann sie sich auch getrost an den Namen gewöhnen, damit ihr der Fauxpas im Gasthaus nicht noch einmal passiert.

Auf die Reling gestützt, starren die zwei noch geraume Zeit in die sich niedersenkende Dunkelheit und lassen sich ihren Müsliriegel schmecken.

»Waren Sie schon mal auf Tide Island?«, fragt Sandy, wobei sie sich den letzten Bissen in den Mund steckt. Dann knüllt sie das Papier zusammen und stopft es in die Tasche.

»Nein, Sie?«

»Ein Mal. Als Kind mit meinen Eltern und meinen Brüdern. Viel ist mir nicht in Erinnerung geblieben - außer dass wir eines Tages auf eine Horde FKK-Anhänger stießen, als wir am Strand ein Picknick machen wollten. Meine Eltern sind ausgeflippt.«

Jenny lächelt. »Kann ich mir denken.«

»Sie fanden die Insel ohnehin nicht so doll. Von Hippies überlaufen, meinten sie. Mein...

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