Ziemlich alte Helden

Roman
 
 
carl's books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Mai 2017
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-18373-8 (ISBN)
 
Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis für junge Autoren "Premio Zocca Giovani"


In einem Bergdorf in der italienischen Provinz treffen sich seit (gefühlt) vierzig Jahren fünf alte Männer täglich in der Bar "La Rambla". Sie trinken Schnaps, qualmen (unerlaubt) Zigaretten und der 96-jährige Gino, der so gut wie blind ist, fährt noch täglich eine kleine Runde auf seiner Ape durchs Dorf. Obwohl gerade ein guter Freund gestorben ist, trotzen die Alten dem Tod mit Humor und Starrsinn. Als ein junger Polizist ins Dorf kommt und die Greise nicht nur zur Ordnung aufruft, sondern sie auch möglichst schnell in das frisch gebaute Altersheim umquartieren möchte, haben sie nur eins im Sinn: dem Grünschnabel zu zeigen, dass sie im Dorf die älteren Rechte haben .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,62 MB
978-3-641-18373-8 (9783641183738)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Simona Morani, geboren 1982, wuchs in Canossa in der italienischen Provinz Reggio Emilia auf. Nach dem Literatur-Studium zog sie nach München, wo sie als Journalistin Sprachlehrerin und Übersetzerin im Filmbereich arbeitet. Ihr Debütroman Ziemlich alte Helden wurde in Italien zu einem Überraschungserfolg, sprang sofort auf die Bestsellerliste und erhielt ein begeistertes Presse-Echo. Ihr zweiter Roman Der Waschsalon des kleinen Glücks erscheint im Frühjahr 2018 bei C. Bertelsmann.

1

Eine harmlose Wette

»Ich tippe auf Iole.«

»Wenn ihr mich fragt, ist es Greta.«

»Iole.«

»Und ich sage euch, es ist Greta, was wetten wir?«

»Einen Kaffee mit Sambuca, dass sie es ist.«

»Greta?«

»Iole!«

»Abgemacht!«

In der verqualmten Bar donnerte seine Faust auf den Tisch und wirbelte den Geruch von Kaffee, abgestandenem Wein, Zigarren und Kölnisch Wasser durcheinander. Als das schiefe Läuten der sonntäglichen Glocken verklungen war, drangen wieder Absatzgeklapper, Gezeter, quietschende Fahrradbremsen und Hundegebell von der Straße herein.

»Was muss ich da schon wieder hören?« Ettore bahnte sich einen Weg an den über Stuhllehnen baumelnden Sakkos vorbei und setzte sich zu seinen Gefährten an den Tisch. »Wenn Don Giuseppe das mitbekommen würde, wäre er nicht sehr erfreut.«

Er bekreuzigte sich rasch und bestellte durch ein kurzes Nicken das Übliche. Elvis spülte noch ein paar Gläser fertig, bevor er ihm mit tropfnassen Händen sein Viertel Roten servierte.

Die Stimmung war im Keller, die Partie Briscola wurde nur halbherzig und ohne große Begeisterung weitergespielt.

»Also, was machen wir jetzt?«, grummelte Cesare gereizt.

»Na, wir müssen nachsehen.« Begleitet von lautstarkem Protest beendete Gino die Partie, indem er seine Karten auf den Tisch schleuderte. Dann stand er wie in Zeitlupe auf und schlurfte in den Hof der Bar. Dort baute er sich für alle Passanten gut sichtbar auf und inspizierte die Schatten, die ihn umgaben. Da jegliche Drohworte und Flüche ausblieben, schloss er auf die Abwesenheit von Corrado, dem neuen Jungspund der Gemeindepolizei, und steuerte daher ungestört die Garage hinter der Bar an. Dort stieg er in ein wassergrünes und von Rost geädertes Gefährt, seine geliebte alte Ape.

Er hatte sie im Winter 1994 gekauft, nachdem die Straßenverkehrsbehörde ihm nach einer medizinischen Untersuchung endgültig bescheinigt hatte, dass er eine öffentliche Gefahr sei und sie ihm nicht einmal für Geld, ganze Schinken oder Parmesanlaibe die Fahrerlaubnis erteilen würden. Danach hatte er all seinen Mut zusammengenommen, sich schon im nächsten Morgengrauen zum Schrottplatz begeben und gewartet, bis Domenichini das Tor öffnete. Ein Berg von bereits gepressten Autos im Endstadium, viele nicht mehr zu erkennen, andere vom Leben gezeichnet: eine lange Narbe an der Wagentür, ein verblichener Wunderbaum-Aufhänger, ein mit dem Zeigefinger an die Windschutzscheibe geschmiertes »Auch du wirst eines Tages sterben«. Dann konnten sie genauso gut zusammen krepieren, sagte sich Gino und verharrte am Steuer seines fuchsbraunen Pandas.

»Was ist, willst du nicht aussteigen?«, fragte Domenichini, nachdem er das Tor geöffnet hatte.

»Nein. Ohne Auto hat mein Leben keinen Sinn mehr. Wir gehören beide zum alten Eisen«, zischte Gino bissig.

Es folgten Tritte, Stöße und Handgreiflichkeiten, weil Gino sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, den Wagen zu verlassen, bis Domenichini die Erleuchtung kam.

»Guck mal, das Auto da drüben. Siehst du das?«

»Nein, ich bin blind. Lass mich sterben.«

»Ich meine die Ape da hinten, neben dem Geländewagen.«

»Was ist damit?«

»Genauso eine harte Nuss wie du. Sieben Besitzer, vier Unfälle, zweimal geklaut und wieder aufgetaucht. Die hat fünfzehn Länder durchquert und hundertachtzigtausend Kilometer auf dem Buckel, aber der Motor schnurrt noch immer wie eine Eins. Nimm sie mit, ich schenke sie dir, aber hör um Gottes willen auf, vom Sterben zu sprechen!«

»Und was ist mit meinen Papieren?«

»Vergiss die Papiere. Ich gebe dir einen Wisch für deinen Panda, beim Straßenverkehrsamt existierst du dann nicht mehr.«

Als sie sich die Hand gaben, beschlich Domenichini eine böse Ahnung: Er hatte zwar ein Leben verlängert, doch damit viele andere in Gefahr gebracht.

»Diese Signorina auf drei Rädern wird dich noch überdauern, wirst schon sehen.« Mit dieser prophetisch klingenden Warnung verabschiedete er sich schließlich von ihm.

Gino beugte sich vor, tastete mit seinem schwieligen Daumen das Armaturenbrett nach dem Schlitz ab und stocherte vergeblich mit dem Schlüssel herum. Vorbei die guten Zeiten, wo Sandra, die junge Altenpflegerin von der Gemeinde, ihm zweimal die Woche unter die Arme griff und das Zündschloss mit einem feuerroten Filzstift einrahmte. Eines schönen Tages hatte sie gesagt: »Allein schaffe ich das nicht mehr, Gino. Sie brauchen professionelle Hilfe, und zwar rund um die Uhr. Das neue Seniorenheim wird doch demnächst eröffnet, wäre das nichts für Sie?« Worauf er sie - ZACK! - vor die Tür gesetzt und nie wieder hereingelassen hatte. Und die Folgen seiner Borniertheit bündelten sich nun in diesem rosafarbenen Filzstiftkringel, der inzwischen viel zu blass und undeutlich war, um eine wirkliche Hilfe zu sein.

»Komm, gib her, ich mach das!« In seiner jovialen Art hatte Basilio, ehedem Kommandant der sechsundzwanzigsten Garibaldi-Brigade, seinen Strubbelkopf ins Innere des kleinen Autos gesteckt, um sich mit seinen Raubvogelklauen die Schlüssel zu krallen. Gino fuchtelte mit den Armen, um ihn zu verjagen. »Ah, hau ab, du Nervensäge! Seit zwanzig Jahren bringe ich die Karre sechsmal täglich zum Laufen, das krieg ich schon noch allein hin!«

»Aber bestimmt nicht mit deinem Hausschlüssel.« Eine sanfte Stimme hatte sich eingemischt. Gino drehte den Kopf zur Seite, und diesmal erschien das verschwommene Gesicht von Ettore am Fenster, der ihn mit seinem fürsorglichen und geduldigen Blick ansah. Hinter ihm in frommer Erwartung die Köpfe von Basilio, Cesare und Riccardo. Wutschnaubend und mit großer Geste ließ er den Motor der alten Kiste aufheulen. Ein Rülpser aus dem Jenseits, der Basilios Brust vor Stolz anschwellen ließ: Den Motor hatte nämlich er frisiert.

Anders als man vermuten könnte, hatte er das keineswegs getan, um Corrado auf die Palme zu bringen. Sein Überlebensinstinkt hatte ihm eingeflüstert, mit irgendeinem Kniff dafür zu sorgen, dass die Dorfbewohner Ginos unmittelbares Kommen hören und sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

»Und, was ist? Hinten ist noch Platz, soll ich einen von euch Eseln mitnehmen?«

»Fahr ruhig alleine, wir warten so lange hier auf dich«, antworteten sie fast im Chor und traten einen großen Schritt zur Seite.

Gino jagte sie mit einer zittrigen Handbewegung zum Teufel, löste die Handbremse und kroch unter lautem Reifenquietschen bis zum höchsten Punkt der Steigung. Von dort ließ er sich gemütlich die engen Kurven des Berghangs hinunterrollen.

Der frische Frühlingswind strömte durch die Seitenfenster und kraulte ihm seinen Flausenkopf. Das weiße Zottelhaar kitzelte Gino in den Ohren, und seine buschigen Augenbrauen, die ihm den feierlichen Ausdruck einer alten Eule verliehen, hingen ihm vor den Augen wie Gardinen. Er fuhr am Zeitungskiosk vorbei, an der Tankstelle und am Obst- und Gemüseladen, der seit dem Ableben des alten Ermenegildo wegen Geschäftsübergabe geschlossen war. Als er plötzlich das kristallklare Lachen seines kürzlich verstorbenen Kumpels hörte, als säße er leibhaftig neben ihm, bekam er augenblicklich Herzrasen.

Mit Mühe und Not schaffte er es gerade noch auf den Parkplatz vor der Geschäftsstelle des Roten Kreuzes, wo er, von einer Staubwolke verschluckt, mitten in einem Gestrüpp zum Stehen kam. Kurz darauf stand er wie ein kraftloser Zombie schwankend vor der großen Anschlagstafel und studierte die Aushänge und Ankündigungen von Volksfesten. Auf dem kleinen Vorplatz jagten sich drei Jungen kreischend und gackernd mit dem Ball, um plötzlich wie Schaufensterpuppen in wackeligen Positionen zu erstarren.

»He, Kleiner!« Gino rief nach dem Jungen, der ihm am nächsten stand.

Keine Antwort.

»He, dich meine ich!«

»Ich heiße Michela!«, empörte sich das Mädchen und löste sich aus der Erstarrung. Die beiden anderen prusteten los.

»Ah!« Gino rieb sich die verklebten Augen, sah aber immer noch die Umrisse eines Jungen in kurzen Hosen, der ihn an seinen Sohn Nicola vor fünfzig Jahren erinnerte. An die Zeit, als Schwarz-Weiß-Fotos noch einen verschnörkelten Rand hatten wie hausgemachte Ravioli und die Straße, die ihn hierhergeführt hatte, kaum mehr war als ein Haufen Steine.

»Kannst du schon lesen, Michelina?«

»Klar, ich bin in der dritten Klasse«, erwiderte sie leicht pikiert. Hinter ihr war erneutes Kichern und Prusten zu hören.

»Gut. Dann sag mir mal, was da oben steht«, forderte Gino sie auf und zeigte auf die Bekanntmachungen. Die Kinder verstummten augenblicklich. Michela nickte, trat zwei Schritte vor, räusperte sich und las:

»Iole Dolci, verwitwete Lorenzi, dreiundachtzig Jahre. Die traurige Nachricht verkünden ihre Schwester Greta, ihre Söhne Fernando und Ignazio, ihre Cousins Paolo und Giambattista, ihre Enkeltöchter Gisella, Berenice und Cosetta im Namen aller Angehörigen. Trauerfeier am Dienstag um 15 Uhr in der Chiesa di Santo Stefano.«

Gino senkte den Kopf und schloss einige Sekunden lang die Augen, als sei er schlagartig in eine Art Winterschlaf gefallen. Die Kinder blickten sich fragend an, bis plötzlich ein melancholischer Seufzer der Resignation dem Alten wieder Leben einzuhauchen schien.

Er schluckte bitter und sagte schließlich: »Gut gemacht, Michelina. Hast schön gelesen. Jetzt könnt ihr weiterspielen.«

Er ging zurück zu seiner Ape, die unerklärlicherweise zur Hälfte unter einem verhedderten Wust aus...

»Ein lustiges, leichtes Buch voller kurioser Momente und Dialoge.«
 
»Ein Buch über Freundschaft und den Willen zu leben, wie man möchte - auch im Alter. Voller Humor wird hier eine sehr liebenswerte Geschichte erzählt.«

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