Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann

 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 328 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7837-7 (ISBN)
 
Eine zweitrangige Schauspielerin verlässt Hollywood, um in ihrer Heimatstadt Chicago zur Ruhe zu kommen. Inmitten von Alkoholexzessen und kulinarischen Orgien beginnt sie ein neues Leben. Eine Tochter nimmt ihre Mutter auf eine verstörende Reise nach Irland mit. Eine Familie erlebt beim weihnachtlichen Scharadespiel folgenreiche Spannungen. Mit kalkuliertem Understatement erzählt Lorrie Moore Katastrophen ganz alltäglicher Art: Ihr lakonischer Stil, ihr schwarzer Humor und ihre treffenden Bilder vermitteln dem Leser jede feinste Bewegung im Seelenleben ihrer Heldinnen.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 1,37 MB
978-3-8270-7837-7 (9783827078377)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Willig


»Wie soll ich mein Leben leben, ohne eine Tat

mit einer riesigen Schere zu begehen?«

Joyce Carol Oates, »Ein innerer Monolog«

In ihrem letzten Film hatte die Kamera auf der Hüfte verweilt, der nackten Hüfte, und obgleich es nicht ihre eigene Hüfte war, erwarb sie den Ruf, willig zu sein.

»Du hast den Körper dafür«, erklärten ihr die Studioleiter beim Mittagessen im Chasen's.

Sie wandte den Blick ab. »Habeas corpus«, sagte sie, nicht lächelnd.

»Wie bitte?« Eine Hüfte, die Latein kann. Gott.

»Nichts«, sagte sie. Sie lächelten sie an und ließen ein paar Namen fallen. Scorsese, Brando. Arbeit war reine Spielzeit für diese Leute, Spielzeit mit Gel im Haar. Manchmal fand sie es schade, dass es gar nicht ihre Hüfte gewesen war. Es hätte ihre Hüfte sein sollen. Ein mittelmäßiger Film, pornografieschwül: So, das wusste sie, wurde das Unerreichbare erotisiert. Das Frisierte und Falsche. Der Ersatz. Unwissentlich hatte sie mitgemacht. Eine Hüfte dazwischenkommen lassen. Eine falsche, unerreichbare, anonyme Hüfte. Sie selber war so wahrhaftig wie ein blödes Molkereiprodukt; so erreichbar wie >Demnächst auf einen Kaffee!<

Aber sie ging zügig auf die Vierzig zu.

Sie fing an, in Saftbars herumzusitzen. Ganze Nachmittage in Läden mit Namen wie Manche mögen's saftig oder Orange Velvet. Sie trank Saft und rauchte, draußen, ab und zu eine Zigarette. Man hatte sie ernst genommen - früher -, das wusste sie. Man hatte Projekte diskutiert: Die Nina. Die Portia. Die Mutter Courage, mit Schminke. Jetzt zitterten ihre Hände zu sehr, selbst wenn sie nur Saft trank, vor allem, wenn sie nur Saft trank, und die Pall Mall zwischen ihren Fingern zuckte wie eine Kompassnadel. Sie bekam Drehbücher zugeschickt, in denen sie Sätze sagen sollte, die sie niemals sagen würde, und Kleider nicht tragen, die sie niemals nicht tragen würde. Sie bekam obszöne Anrufe und Postkarten mit »O yeah, baby«. Ihr Freund, ein Regisseur, dessen Spezialität allmählich teure Flops wurden, ihr Freund, der zwei Mal die Woche ihren Faruy Sunburst-Guppy finster musterte und ihm empfahl, sich endlich eine Arbeit zu suchen, ihr Freund wurde katholisch und ging zu seiner Frau zurück.

»Gerade jetzt, wo wir langsam aus dem ganzen Ach und Krach und Mach rauskommen«, sagte sie. Dann weinte sie.

»Ich weiß«, sagte er. »Ich weiß.«

Und so verließ sie Hollywood. Rief ihren Agenten an und entschuldigte sich. Ging heim nach Chicago, mietete wochenweise ein Zimmer im Days Inn, trank Sherry und wurde ein bisschen mollig. Sie ließ ihr Leben öde werden - öde, aber mit Schokotörtchen. Es gab Momente, die waren so tot, dass es knisterte, dann betrachtete sie ihr Leben und sagte: »Was?« Oder noch schlimmer, wenn sie sich unterbrochen und müde fühlte: »Wa-?« Es hatte die Gestalt eines furchtbaren Fehlers angenommen. Sie hatte nicht das richtige Werkzeug mitbekommen, um sich ein echtes Leben aufzubauen, beschloss sie, daran lag es. Ihr waren eine Dose Bratensoße und eine Haarbürste in die Hand gedrückt worden, und dann hieß es: »Nun mach mal.« Jahrelang hatte sie blinzelnd und verdattert dagestanden und an der Dose herumgebürstet.

Und doch, sie war ein kleiner Filmstar gewesen und einmal für einen größeren Filmpreis nominiert worden. Post bekam sie mehrfach nachgeschickt. Eine Mitteilung. Eine Rechnung. Eine Thanksgiving-Karte. Aber nie eine Party, ein Abendessen, eine Vernissage, ein Eistee. Es gab ein Problem mit den Leuten in Chicago, wie ihr wieder einfiel, sie waren nie zur gleichen Zeit einsam. Die Traurigkeit kam, lauernd und überdreht, wenn sie allein waren, und schleuderte sie in leere Gummizellenecken, zerzaust, ausgestöpselt und verlassen.

Sie guckte Kabelfernsehen und ließ den Pizzaboten häufig kommen. Ein Leben der Belanglosigkeit und radikalen Ruhe. Sie mietete ein Klavier und übte Tonleitern. Sie investierte an der Börse. Sie schrieb morgens ihre Träume auf, um herauszulesen, welche Aktien sie kaufen sollte. Disney, sagten ihre Träume einmal. St. Jude's Medical. Sie verdiente sich ein kleines Zubrot. Sie wurde verbissen. Die Worte Cash cow nisteten sich in ihrem Mundwinkel ein wie ein Klecks Wiedergekäutes. Sie versuchte originell zu sein - keine gute Idee bei Aktien - und musste erste Verluste hinnehmen. Wenn eine Aktie absackte, kaufte sie mehr davon, um beim Wiederaufstieg mit von der Partie zu sein. Sie kam durcheinander. Sie gewöhnte sich an, aus dem Fenster auf den Lake Michigan zu starren. Welliger Schiefer wie eine fahl gewordene Tafel.

»Sidra, was machst du bloß da?« kreischte ihr Freund Tommy telefonisch aus der Ferne. »Wo bist du? Du wohnst in einem Staat, der an North Dakota grenzt!« Er war ein Drehbuchautor aus Santa Monica, und einmal, vor langer Zeit und in Ecstasy-Depression, hatten sie zusammen geschlafen. Er war schwul, aber sie hatten es sehr gemocht miteinander.

»Vielleicht heirate ich«, sagte sie. Sie hatte nichts gegen Chicago. Sie sah es als Mischung aus London und Queens mit einem Hauch Cleveland.

»Also bitte«, kreischte er wieder. »Was tust du denn wirklich da?«

»Ich höre mir die Wellen an und Selbstachtungs-Kassetten«, sagte sie und blies in die Sprechmuschel hinein.

»Klingt, als wäre Staub auf der Nadel«, sagte er. »Vielleicht solltest du dir lieber die Kassette mit den zirpenden Grillen besorgen. Kennst du die Kassette mit den zirpenden Grillen schon?«

»Heute habe ich eine schlechte Dauerwelle gemacht bekommen«, sagte sie. »Als so ungefähr die Hälfte der Wickler drin war, hatte das Haus, in dem der Friseur sitzt, einen Stromausfall. Draußen waren Männer mit einem Bohrer und hatten ein Kabel getroffen.«

»Wie grauenvoll für dich«, sagte er. Sie konnte hören, wie er mit den Fingern trommelte. Er hatte sich zum Pseudo-Autor einer Pseudo-Essaysammlung namens Die Meinung eines Einzelnen gemausert, und in Momenten von Langeweile oder Inspiration zitierte er daraus. »Ich war mal in einer Rockband, die hieß Schlechte Welle«, sagte er stattdessen.

»Hör auf.« Sie lachte.

Seine Stimme wurde leise und besorgt. »Was machst du bloß da?« fragte er wieder.

 

Ihr Zimmer war ein Eckraum, Klavier erlaubt. Es hatte eine L-Form, wie ein Leben, das plötzlich abbiegt, um ganz anders zu werden. Ein Sofa und zwei Kommoden aus Ahornholz standen drin, und es war nie so ordentlich, wie sie gewollt hätte. Wenn die Putzfrauen durchkamen, hatte sie immer das Bitte nicht stören-Schild draußen hängen, und so gerieten die Dinge ein bisschen aus dem Lot. Zunselige Staubmäuse, so groß wie kleine Köpfe und mit langen Haaren drin, tanzten in den Ecken herum. Schmier verdunkelte die Fußleisten und bewölkte die Spiegel. Im Bad tropfte der Hahn, und sie, zu träge, jemanden zu rufen, band eine Schnur daran, was den Tropfen lautlos in den Abfluss beförderte, so dass er sie nicht mehr störte. Ihre einzige Zimmerpflanze, am Ostfenster, hing über dem Popcorntopf und war nur noch ein braunes, knuspertrockenes Gewirr. Auf dem Fensterbrett draußen grinste eine Kürbislaterne, die sie für Halloween ausgehöhlt hatte, die verrottet, zergangen und gefroren war und inzwischen aussah wie ein geplatzter Basketball - den sie etwa aus nostalgischen Gründen aufgehoben haben mochte, vom Spiel der Spiele! Der Mann vom Zimmerservice, der ihr jeden Morgen das Frühstück brachte - zwei pochierte Eier und eine Kanne Kaffee -, meldete sie beim stellvertretenden Geschäftsführer, und sie bekam eine schriftliche Ermahnung unter der Tür durchgeschoben.

Immer freitags besuchte sie ihre Eltern in Elmhurst. Ihrem Vater fiel es immer noch schwer, ihr in die Augen zu schauen. Er war jetzt siebzig. Vor zehn Jahren war er in ihren ersten Film gegangen und hatte gesehen, wie sie sich auszog und in einen Pool sprang. Der Film war für alle Altersstufen freigegeben - unter elterlicher Aufsicht -, aber er schaute sich nie wieder einen an. Ihre Mutter dagegen ging jedes Mal hin und suchte hinterher nach etwas Ermutigendem, das sie sagen könnte. Und sei es noch so klein. Sie weigerte sich zu lügen. »Es hat mir gefallen, wie du den Satz über das Fortgehen von zu Hause sagst, mit aufgerissenen Augen, und deine Hände spielen an den Knöpfen auf dem Kleid herum«, schrieb sie. »Dieses rote Kleid sah sehr vorteilhaft aus. Du solltest öfter leuchtende Farben tragen!«

»Mein Vater macht immer Nickerchen, wenn ich zu Besuch komme«, erzählte sie Tommy.

»Nickerchen?«

»Ich bin ihm peinlich. Er hält mich für eine verhurte Hippiebraut. Eine Hippiehure.«

»Das ist lächerlich. Wie ich schon in Die Meinung eines Einzelnen sagte, du bist der sexuell konservativste Mensch, den ich kenne.«

»Tja nun.«

Ihre Mutter begrüßte sie immer herzlich, mit wässrigen Augen. Zurzeit las sie dünne Taschenbücher von einem Mann namens Robert Valleys, der behauptete, nachdem er all das Leiden in der Welt gesehen habe - Krieg, Hunger, Gier -, sei er auf das Heilmittel gestoßen: Umarmen.

Umarmen, umarmen, umarmen, umarmen, umarmen.

Ihre Mutter glaubte daran. Sie drückte so lang und fest zu, dass Sidra, wie ein Kleinkind oder eine Geliebte, darin versank, wie sie sich anfühlte und roch - ihre süßliche, trockene Haut, der graue Pfirsichflaum in ihrem Nacken. »Ich bin so froh, dass du diesen Sündenpfuhl verlassen hast«, wisperte ihre Mutter.

Aber Sidra kriegte immer noch Anrufe aus dem Pfuhl. Manchmal rief nachts der Regisseur aus...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen