Das Wunder am Ende der Straße

Roman
 
 
Limes Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Oktober 2018
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21785-3 (ISBN)
 
Zuhause ist dort, wo dein Herz geblieben ist .


Als eine späte Liebe zwischen Mr. Forrest Payne, dem Besitzer des Herrenclubs zum Pinken Pantoffel, und Miss Beatrice Jordan, die gern auf dem Parkplatz ebenjenes Clubs die Besucher vor ewiger Verdammnis warnt, erblüht, ist klar, dass diese Hochzeit legendär wird. Dafür reist sogar Mr. El Walker, der berühmte Bluesgitarrist, an - obwohl er einst geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen. Und dann sind da noch die drei Freundinnen Clarice, Barbara Jean und Odette, besser bekannt als »Die Supremes«, die sich jeden Sonntag in Earl's All-You-Can-Eat treffen, und in deren Leben es momentan auch drunter und drüber geht .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Limes
  • 0,60 MB
978-3-641-21785-3 (9783641217853)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Edward Kelsey Moore wurde 1960 in Indianapolis geboren. Er studierte Musik und Cello an der Indiana University und an der State University in New York. Er ist ein begeisterter aber unbeständiger Gärtner und ein enthusiastischer Amateur-, ehemals Profi-Barkeeper. Mrs Roosevelt und das Wunder von Earl's Diner ist sein erster Roman.

1

Es war ein Liebeslied. Zumindest fing es so an. Der Liedtext erzählte von der Romanze zwischen einem Mann und der Frau seines Herzens. Da es ein Blues war, handelte es auch davon, wie die Frau dem Mann immer wieder das Herz brach und ihm seine Nachsichtigkeit damit vergalt, dass sie unendliches Leid in sein Leben brachte. Die wunderschöne Melodie schwoll an und ebbte ab, jede Strophe verkündete überschwängliches Glück und herzzerreißende Qual. Nirgends hätte dieses Musikstück seinem natürlichen Umfeld ferner sein können als in dieser Kirche. Doch die angenehme Traurigkeit der Melodie hallte von der Rückwand bis zum Taufstein und vom Marmorfußboden bis zum Deckengewölbe und ließ sich darin nieder, als gehörte der verzweifelte Klageruf schon immer hierher.

Während das Lied weiterging und mit jeder Zeile noch trauriger wurde, dachte ich an meine Eltern, Dora und Wilbur Jackson. Der Blues war Mamas und Papas Musik. In meiner Kindheit hörten sie sich fast jedes Wochenende abends im Wohnzimmer auf der Stereoanlage verkratzte Aufnahmen alter Blues-Songs an. Darunter hätte sich gut ein so schmerzerfüllter Trauergesang finden können, wie er nun durch die Kirche schallte. Ich konnte mich allerdings nicht erinnern, jemals etwas auch nur annähernd so Herzzerreißendes gehört zu haben.

Meine Mutter mochte ihren Blues lieber fröhlicher und ein bisschen verrucht - scheußliche Melodien, vollgepackt mit geschmacklosen Witzen über Hot Dogs, Biskuitrollen und pinke Cadillacs. Mein Vater bevorzugte düstere Balladen wie diese. Ich habe ihn nie glücklicher gesehen, als wenn er zusammengekuschelt mit meiner Mutter auf dem Sofa lag und eine Ode an den Schmerz mitsummte. Dann wippte er mit dem Kopf zum Takt der Musik, so, als würde der verzweifelte Sänger, der heiser sein Unglück hinausschrie, direkt neben ihm sitzen, und er wolle ihn aufmuntern.

Bevor sie mich ins Bett schickten, erlaubten mir meine Eltern manchmal, mich zwischen sie zu quetschen. Beide sind nun schon etliche Jahre tot, aber ihr schräger Gesang klingt noch immer in meinem Gedächtnis nach. Und da ich ihre unmelodischen Stimmen geerbt habe, erinnere ich mich immer dann an meine Eltern, wenn ich ein unglückliches Lied schmettere. Wann immer ich einen melancholischen Blues höre, spüre ich die rauen, von jahrelanger Arbeit als Zimmermann schwieligen Fingerspitzen meines Vaters über meinen Arm gleiten, als spielte er auf imaginären Saiten zwischen Ellbogen und Handgelenk einen gefühlvollen Riff.

Ich wurde immer dann zu Bett geschickt, wenn Mama der Trostlosigkeit überdrüssig wurde und sich eine Platte mit Rock 'n' Roll und Liebe anhören wollte, was für meine jungen Ohren viel zu erwachsen war.

Obwohl das Lied, das jetzt im Altarraum ertönte, für Mamas Geschmack ein bisschen zu düster gewesen wäre, hätte sie die klagende Stimme des Sängers und das Auf und Ab der Melodie geliebt. Und sie hätte dieses Lied nicht unkommentiert gelassen. Wäre sie mit mir in der Kirche gewesen, hätte sie sich mir zugewandt und erklärt: »Odette, dieser Song hätte deinem Vater gefallen. Jedes einzelne Wort weckt Todessehnsucht. Das muss ich in mein Buch schreiben.«

Das »Buch« meiner Mutter war ein Kalender von Stewarts Bestattungsinstitut, den sie in ihrer Handtasche aufbewahrte. Das Deckblatt des Kalenders zeigte ein grau-weiß geschecktes Hengstfohlen und einen kleinen Jungen in einer blauen Latzhose auf einer Wiese. Beide sprangen in die Luft und sahen aus, als wären sie außer sich vor Glück. Über dem Bild stand das Wort »Freudensprünge« und darunter »Positive Gedanken für Sie und Ihre Lieben von Stewarts Bestattungsinstitut«. Wann immer Mama auf etwas stieß, das ihr bemerkenswert genug für eine kleine Würdigung erschien, notierte sie es an dem entsprechenden Datum im Kalender, damit sie es nie mehr vergaß.

Mamas Buch tauchte zum ersten Mal an einem Sonntagnachmittag auf, ungefähr zehn Jahre vor ihrem Tod. Wir waren gerade aus unserer Kirche, der Holy Family Baptist, gekommen, Reverend Brown stand am Fuß der Treppenstufen und verabschiedete sich von seiner Gemeinde. Mama schritt auf ihn zu und sagte: »Reverend, Sie sind der beste Prediger, den ich je gehört habe. Über Ihre Osterpredigt habe ich das ganze Frühjahr nachgedacht. Sie war wahrlich ein Wunder, sie hat mir regelrecht die Augen geöffnet. Sie sollen wissen, dass Sie diese Seele hier als hundertprozentig gerettet betrachten können.«

Reverend Brown, der über einen Kopf größer als Mama war, beugte sich zu ihr hinunter und nahm ihre Hand. »Wie nett von Ihnen, Dora«, sagte er. »Für das Reich Gottes tue ich, was ich kann.«

»Es ist mein Ernst«, erwiderte Mama. »Sie haben diesen Kampf für Gott gewonnen. Und ich wollte Ihnen unbedingt danken, weil ich nicht mehr kommen werde.«

Reverend Brown hielt weiterhin Mamas Hand und wartete auf die Pointe dessen, was er für einen ihrer seltsamen Scherze hielt; für die war sie bekannt. Aber Mama machte keinen Spaß. Sie fuhr mit ihrer Erklärung fort: »Erinnern Sie sich, wie Sie gepredigt haben, wenn wir Gott nah sein wollten, sollten wir die Welt um uns herum betrachten und ihm schriftlich für all die Dinge danken, die er uns gegeben hat? Nun, ich habe mir Ihre Worte zu Herzen genommen und seither danach gehandelt.«

Mama öffnete ihre Handtasche und zog einen zusammengerollten Wandkalender heraus. Sie blätterte drei Seiten zurück bis Ostern, wo sie »Beste Predigt aller Zeiten« in dem Datumskästchen vermerkt hatte. Dann zeigte sie dem Pastor, dass sie seitdem jeden Tag eine kurze Notiz in den Kalender geschrieben hatte.

»Reverend, Sie haben heute morgen wirklich alles gegeben. Aber wie Sie sagten, ist es nichts im Vergleich zu dem, was ich empfinde, wenn ich alleine bin und Gott direkt danke. Also nehme ich Ihren Ratschlag an und übergehe ab jetzt den Mittelsmann.« Sie wedelte mit ihrem Kalender durch die Luft. »Von jetzt an wende ich mich direkt an den Empfänger.«

Sie zog einen Stift aus ihrer Handtasche und machte an dem betreffenden Tag folgende Eintragung: »Zweitbeste Predigt aller Zeiten.« Dann tätschelte sie Reverend Brown die Wange und verließ die Holy Family Baptist für immer.

Stewarts Bestattungsinstitut brachte jedes Jahr einen neuen Kalender heraus. Da Herr Stewart jedoch ein notorischer Geizhals war, verwendete er immer wieder dasselbe Deckblatt. Jeden Januar erhielt Mama ein neues »Freudensprünge«-Buch.

Ihre Angewohnheit, den Kalender aus der Tasche zu zerren, etwas hineinzuschreiben und ihre Beobachtungen allen Umstehenden kundzutun, war nur eine der vielen Eigenheiten meiner Mutter. Mir bereiteten die Blicke und Tuscheleien Unbehagen, die ihre neueste Überspanntheit nach sich zog, aber Mama war immun gegen Peinlichkeiten. Sie sagte: »Sollen die Leute ruhig über mich lachen, so viel sie wollen. Wenn mich der Trübsinn überkommt, winke ich ihm mit meinem kleinen Buch und sage ihm, er soll verschwinden, denn ich weiß, wie man vor Freude in die Luft springt.«

Bis zu ihrem letzten Morgen auf dieser Welt schrieb sie in ihr Buch.

Als die dritte Strophe des erstaunlichen Klageliedes im Altarraum widerhallte, stellte ich mir Mama neben mir in der Kirchenbank vor, wie sie »Traurigster Blues der ganzen Schöpfung« schrieb. Mit meinen Gedanken bei Mama lehnte ich mich an meinen Ehemann James und teilte ihm mit, was ich von der Musik hielt, die die Calvary Baptist-Kirche erfüllte: »Das ist das traurigste Lied, das ich je gehört habe.«

James sagte: »Deinem alten Herrn hätte es gefallen.«

Der Sänger, der in einer dunklen Ecke über seiner Gitarre kauerte und von Vergebung und der Liebe zu seiner herzlosen Frau sang, mochte ungefähr siebzig Jahre alt sein. Er war groß und mager und trug einen weißen Bart, der sein Gesicht von der Nase bis zum Hals bedeckte. James hatte recht. Papa hätte es sehr gefallen, wie der Blues-Sänger die Tonhöhen auf so düstere Weise variierte, dass einem klar war, die Liebe hatte ihm nur Kummer beschert, und die Zukunft sah auch nicht rosiger aus.

»Der Blues ist das, was aus einem Liebeslied wird, nachdem man dem Sänger die Zähne ausgeschlagen hat«, sagte Papa einmal. Was hatte das Leben diesem bärtigen Mann angetan, der auf den Fußboden starrte und den Raum mit wundervollem Kummer füllte? Was hatte dazu geführt, dass er sich hier um seine Gitarre wand und sein herzzerreißendes Leid herausschrie, damit die ganze Welt es hörte? Jede Zeile dieses Liedes erinnerte mich an Papas Definition von Blues. Unmöglich, dass dieser Mann auch nur einen einzigen intakten Zahn im Mund hatte.

Der Anlass ließ das Lied voller Liebe, Verlust, Leidenschaft und Bitterkeit noch ergreifender klingen. Es begleitete eine strahlende Braut auf ihrem würdevollen Gang durch das Mittelschiff zu ihrem Bräutigam. Angesichts der Musik und der Tatsache, dass sie vor Kurzem ihren zweiundachtzigsten Geburtstag gefeiert hatte, bewegte sie sich mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und Anmut auf den Altar zu.

Die Braut, Beatrice Jordan, war die Mutter meiner besten Freundin Clarice. Miss Beatrice war ein führendes Mitglied der Calvary Baptist, der puritanischsten Kirche in Plainview, Indiana. Sie war eine gute Christin, deren größter Stolz daher rührte, christlicher als alle anderen zu sein.

Ich mochte Miss Beatrice, aber sie war Gott auf eine so überspannte und irritierende Weise ergeben und derart darauf erpicht, alle anderen ebenfalls zu missionieren, dass sich mein Entschluss, die Zehn Gebote zu befolgen, in nichts auflöste, wenn ich mich zu lange in ihrer Nähe aufhielt. Ich möchte lieber nicht daran denken, wie oft sie mich im Laufe der Jahre dazu trieb, den Namen des...

»Turbulent.«

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