I.N.R.I: oder die Reise mit der Zeitmaschine

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Februar 2015
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98198-9 (ISBN)
 
Der Zeitreisende Karl Glogauer ist auf der Flucht vor den Schrecken des 20. Jahrhunderts. Er gerät ins Zeitalter Jesu. Doch als er in den biblischen Zeiten ankommt, bricht für ihn die Welt zusammen. Warum kennt niemand einen Jesus von Nazareth? Glogauers Suche nach der Wahrheit wird zu einer bizarren Reise ohne Wiederkehr, die die biblische Geschichte auf den Kopf stellt. Michael Moorcocks Klassiker »I.N.R.I.« war lange Zeit nicht auf Deutsch erhältlich. Nun liegtendlich einer der bedeutendsten phantastischen Romane in komplett neuer Übersetzung vor.
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  • 2,97 MB
978-3-492-98198-9 (9783492981989)

1


Die Zeitmaschine ist eine Kugel, gefüllt mit einer milchigen Flüssigkeit, in der der Zeitreisende schwebt, geschützt von einem Plastikanzug und atmend durch eine Maske, die über einen Schlauch mit der Außenwand der Maschine verbunden ist.

Bei der Landung platzt die Kugel, die Flüssigkeit versickert im Boden. Die Kugel rollt los und holpert über nackte Erde und Steine.

O Jesus! O Gott!

O Jesus! O Gott!

O Jesus! O Gott!

O Jesus! O Gott!

Himmel, wie wird mir?

Ich bin im Arsch. Das war's dann wohl.

Das verdammte Ding funktioniert nicht.

O Jesus! O Gott! Wann hört das Mistding endlich auf, solche Bocksprünge zu machen?

Karl Glogauer rollt sich zusammen, während der Flüssigkeitspegel fällt und er auf die nachgiebige Plastikschicht sinkt, die das Innere der Maschine auskleidet.

Die geheimnisvollen, ungewöhnlichen Instrumente geben keinen Ton von sich, zeigen nichts an. Die Kugel bleibt stehen, schwankt und rollt weiter, als die letzten Tropfen aus dem breiten Riss in der Hülle rinnen.

Warum habe ich das getan? Warum habe ich das getan? Warum habe ich das getan? Warum habe ich das getan? Warum habe ich das getan?

Glogauer blinzelt einige Male, dann öffnet er den Mund zu einer Art Gähnen. Er stöhnt - und der Laut verwandelt sich in ein Geheul.

Als er das Heulen hört, denkt er abwesend: die Stimme der Zungen, die Sprache des Unbewussten . allerdings kann er selbst nicht verstehen, was er von sich gibt.

Zischend entweicht die Luft, während die Plastikhülle in sich zusammensackt, bis Glogauer mit dem Rücken an der Metallwand lehnt. Seine Schreie brechen ab, er betrachtet den gezackten Riss in der Kugel. Auf das, was jenseits davon existiert, ist er nicht neugierig. Sein Körper ist völlig taub und will sich nicht bewegen. Er schaudert, als durch den Spalt in der äußeren Wand der Zeitmaschine kalte Luft hereinweht. Offenbar ist es Nacht draußen.

Seine Reise durch die Zeit war schwierig. Nicht einmal die zähe Flüssigkeit konnte ihn völlig schützen, auch wenn sie ihm ohne Zweifel das Leben gerettet hat. Wahrscheinlich sind ein paar Rippen gebrochen.

Dieser Gedanke weckt Schmerzen. Er stellt jedoch fest, dass er Arme und Beine strecken kann.

Über das glitschige Plastik kriecht er zum Riss. Er keucht, hält inne und kriecht weiter.

Dann wird er ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, ist die Luft wärmer geworden. Durch den Riss sieht er gleißendes Sonnenlicht und einen Himmel wie polierter Stahl. Er zieht sich halb hinaus und muss die Augen schließen, als ihn das volle Sonnenlicht trifft. Wieder verliert er das Bewusstsein.

Winterhalbjahr 1949.

Damals war er neun Jahre alt. Zwei Jahre nachdem sein Vater aus Österreich nach England gekommen war, hatte er das Licht der Welt erblickt.

Auf dem grauen Kies des Schulspielplatzes tobten kreischend und lachend die anderen Kinder, sie spielten. Am Rand des Spielplatzes lagen kleine, schmutzige Schneehaufen, jenseits des Zauns erhoben sich die rußigen Häuser von Südlondon schwarz vor dem kalten Winterhimmel.

Eifrig hatten sie mit dem Spiel begonnen, und Karl hatte nicht ohne Nervosität die Rolle vorgeschlagen, die er übernehmen wollte. Zuerst hatte er die Aufmerksamkeit genossen, inzwischen aber weinte er.

»Lasst mich runter! Bitte, Mervyn, hör auf!«

Sie hatten ihn mit ausgebreiteten Armen an den Maschendrahtzaun des Spielplatzes gefesselt. Der Zaun bog sich unter seinem Gewicht, ein Pfosten drohte sogar aus der Verankerung zu reißen. Er zappelte, um seine Füße zu befreien.

»Lasst mich runter!«

Mervyn Williams, der Junge mit dem roten Gesicht, der das Spiel vorgeschlagen hatte, wackelte am Pfosten, sodass Karl im Maschendraht heftig hin und her schwankte.

»Hört auf damit! Hilfe!«

Wieder lachten sie, und als ihm bewusst wurde, dass seine Schreie sie nur weiter aufstachelten, biss er lieber die Zähne zusammen. Tränen rollten über sein Gesicht, er war verwirrt und fühlte sich verraten. Dabei hatte er geglaubt, sie seien seine Freunde - er hatte Mitgefühl gezeigt, wenn sie unglücklich waren, einigen hatte er bei den Hausaufgaben geholfen und anderen Süßigkeiten geschenkt. Er hatte angenommen, sie mochten und bewunderten ihn. Warum wandten sie sich nun auf einmal gegen ihn? Sogar Molly, nachdem sie ihm ihre Geheimnisse anvertraut hatte?

»Bitte!«, schrie er. »So wollten wir das doch nicht spielen!«

»Und ob, jetzt schon«, gab Mervyn Williams lachend zurück. Seine Augen strahlten, und sein Gesicht lief rot an, als er voller Begeisterung umso fester am Pfosten rüttelte.

Einige Augenblicke lang ließ Karl die Rüttelei noch über sich ergehen, dann sank er in sich zusammen und erweckte den Anschein, ohnmächtig geworden zu sein. Das Gleiche hatte er schon einmal getan, um seine Mutter zu erpressen, von der er den Trick auch gelernt hatte.

Die Schlipse der Schuluniform, die sie als Fesseln benutzt hatten, schnitten in seine Handgelenke. Er hörte die Kinder miteinander tuscheln.

»Was ist denn mit ihm los?«, flüsterte Molly Turner. »Er ist doch nicht etwa tot, oder .?«

»Sei nicht albern«, erwiderte Williams unsicher. »Er tut nur so.«

»Trotzdem, wir sollten ihn lieber runterholen.« Das war Ian Thompson. »Wir bekommen Ärger, wenn wir .«

Er spürte, wie ihre Finger an den Knoten nestelten, als sie ihn losbanden.

»Den hier krieg ich nicht auf .«

»Hier ist mein Taschenmesser, schneide du ihn durch .«

»Geht nicht, das ist mein Schlips. Mein Dad wird .«

»Beeil dich, Brian!«

Am letzten Schlips hängend, ließ er sich zu Boden sinken und hielt eisern die Augen geschlossen.

»Gib her. Ich schneide ihn durch!«

Als der letzte Schlips zerriss, fiel er ganz hin, schürfte sich die Knie auf und ließ sich mit dem Gesicht voran auf den Boden fallen.

»Blimey, der ist wirklich .«

»Sei nicht so blöd, der atmet doch noch. Er ist bloß ohnmächtig geworden.«

Wie aus weiter Ferne, weil sein Täuschungsmanöver ihn beinahe auch selbst überzeugte, hörte er ihre beunruhigten Stimmen.

Williams schüttelte ihn.

»Wach auf, Karl. Lass dieses Theater.«

»Ich hole Mr. Matson«, entschied Molly Turner.

»Nein, nicht .«

»Ist sowieso ein blödes Spiel.«

»Komm zurück, Molly!«

Seine Aufmerksamkeit richtete sich jetzt vor allem auf die Kiesbrocken, die ihm auf der linken Seite ins Gesicht drückten. Es war leicht, die Augen geschlossen zu halten und die Hände, die ihn abtasteten, nicht zu beachten. Nach und nach verlor er das Zeitgefühl, bis er Mr. Matsons tiefe, ironische Stimme hörte, wie immer unberührt von der allgemeinen Aufregung. Stille kehrte ein.

»Was, um alles in der Welt, hast du jetzt schon wieder angestellt, Williams?«

»Nichts, Sir. Es war doch nur ein Spiel. Eigentlich war es sogar Karls Idee.«

Grobe Männerhände drehten ihn herum. Er schaffte es, die Augen weiter geschlossen zu halten.

»Es war nur ein Spiel, Sir«, bekräftigte Ian Thompson. »Wir haben Jesus gespielt. Karl wollte Jesus sein. Wir haben das schon mal gespielt, Sir. Wir haben ihn an den Zaun gebunden. Es war seine eigene Idee, Sir.«

»Ein bisschen unvernünftig«, murmelte Mr. Matson und legte Karl seufzend die Hand auf die Stirn.

»War doch nur ein Spiel, Sir«, wiederholte Mervyn Williams.

Mr. Matson fühlte Karl den Puls. »Eigentlich hättest du es besser wissen sollen, Williams. Glogauer ist kein starker Junge.«

»Tut mir leid, Sir.«

»Das war wirklich dumm.«

»Es tut mir leid, Sir.« Williams weinte jetzt beinahe.

»Ich bringe ihn zur Hausmutter. Um deinetwillen, Williams, hoffe ich, dass ihm nichts Ernstliches passiert ist. Melde dich morgen nach dem Unterricht bei mir im Gemeinschaftsraum.«

Karl spürte, wie Mr. Matson ihn hochhob.

Ihm war es recht.

Er wurde getragen.

Sein Kopf und die Seite taten ihm so weh, dass er sich beinahe übergeben musste. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, genau zu bestimmen, wohin ihn die Zeitmaschine gebracht hatte. Doch als er den Kopf drehte und die Augen öffnete, verrieten ihm die schmutzige Schaffelljacke und das baumwollene Lendentuch des Mannes zu seiner Rechten, dass er sich mit recht großer Sicherheit im Nahen Osten befand.

Er hatte im Jahr 29 in der Wildnis hinter Jerusalem in der Nähe von Bethlehem landen wollen. Nun fragte er sich, ob sie ihn etwa gerade nach Jerusalem brachten.

In der Vergangenheit war er auf jeden Fall gelandet, denn die Trage, auf der sie ihn da schleppten, war offenbar aus nicht sehr gut gegerbten Tierfellen gefertigt worden. Aber vielleicht auch nicht, dachte er, denn er hatte sich oft genug bei den kleinen Stammesgesellschaften des Nahen Ostens aufgehalten, um zu wissen, dass es immer noch Leute gab, die ihre Lebensart seit der Zeit Mohammeds kaum verändert hatten. Hoffentlich hatte er sich nicht für nichts und wieder nichts die Rippen gebrochen.

Zwei Männer trugen die Bahre auf den Schultern, während andere zu beiden Seiten mitliefen. Alle waren bärtig, dunkelhäutig und trugen Sandalen. Die meisten hatten Stäbe dabei. Er nahm den Geruch von Schweiß und tierischem Fett wahr, außerdem etwas Modriges, das er aber nicht genau einordnen konnte. Sie hielten auf eine Hügelkette in der Ferne zu und hatten noch nicht bemerkt, dass er wach war.

Die Sonne schien nicht mehr so stark wie zuvor, als er aus der Zeitmaschine gekrochen war. Vermutlich stand der Abend bevor. Das Land war steinig und öde, die Hügel...

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