Im Netz des Teufels

Thriller
 
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 11. November 2011 | 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1063-1 (ISBN)
 
Aleks lebt in einer Welt des Wahns und glaubt, er sei ein "Todesloser". Aber um die wahrhaftige Unsterblichkeit zu erlangen, benötigt er den Beistand seiner Töchter. Diese wurden jedoch direkt nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben. Nun macht Aleks sich auf die Suche nach ihnen - und hinterlässt eine blutige Spur auf dem Weg zu seinen "Prinzessinnen" ...
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011.
Karin Meddekis
Deutsch
0,45 MB
978-3-8387-1063-1 (9783838710631)
3838710630 (3838710630)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1. Kapitel


EDEN FALLS, NEW YORK - VIER JAHRE SPÄTER

An dem Tag, als Michael Roman fünf Jahre nach dem letzten Tag seines Lebens begriff, dass er ewig leben würde, färbte sich seine ganze Welt rosarot. Genau genommen war es ein helles Rosarot: rosarote Tischdecken, rosarote Stühle, rosarote Blumen, rosarote Kreppgirlanden, sogar ein riesengroßer rosaroter Sonnenschirm, der mit lächelnden rosaroten Häschen geschmückt war. Es gab rosarote Tassen und rosarote Teller, rosarote Gabeln und Servietten und einen großen Teller, auf dem sich Muffins mit rosarotem Zuckerguss türmten.

Das Einzige, was das Haus davor bewahrte, bei den Zuckerhaus-Immobilien gelistet zu werden, war ein kleiner Fleck grünes Gras, das man zwischen den unzähligen Klapptischen aus Aluminium und den Plastikstühlen kaum sehen konnte. Und dieses Gras würde nie wieder so sein wie zuvor.

Dann hatte er im Geiste noch etwas anderes Grünes vor Augen. Grüne Geldscheine, die sich verabschiedeten.

Was all das wohl kostete?

Als Michael hinter dem Haus stand, dachte er an den Augenblick, als er es zum ersten Mal gesehen hatte und wie perfekt es ihm erschienen war.

Es war ein Ziegelsteinhaus im Kolonialstil mit drei Schlafzimmern, braunen Fensterläden und farblich passenden Stützpfeilern, das weit von der kurvenreichen Straße entfernt lag. Das Haus stand inmitten großer Platanen einsam auf einem kleinen Hügel. Eine meterhohe Hecke schirmte es gegen die Straße und die Nachbarn ab. Hinter dem Haus befanden sich eine Garage für zwei Fahrzeuge, ein Schuppen für Gartengeräte und ein großer Garten mit Sichtschutzzaun. Das Grundstück, hinter dem der Wald begann, senkte sich hinab zu einem gewundenen Bach, der in den Hudson River mündete. Nachts war es hier schaurig still. Für Michael, der in der Stadt aufgewachsen war, war es eine große Umstellung gewesen. Anfangs hatte ihm die Abgeschiedenheit zugesetzt. Abby ging es genauso, doch das hätte sie niemals zugegeben. Die nächsten Häuser waren in alle Richtungen vierhundert Meter entfernt. Im Sommer waren die Bäume so dicht belaubt, dass man hätte meinen können, in einem riesigen grünen Kokon zu wohnen. Als im letzten Jahr während eines starken Sturms zweimal der Strom ausfiel, hatte Michael sich wie auf dem Mond gefühlt. Seit diesem Vorfall hatte er große Vorräte an Batterien, Kerzen, Konserven und sogar zwei Ölöfen angeschafft. Wahrscheinlich könnten sie eine Woche im Yukon überleben, wenn es sein müsste.

»Der Clown kommt um ein Uhr.«

Michael drehte sich zu seiner Frau um, die mit einem Teller Plätzchen, die mit rosarotem Zuckerguss überzogen waren, den Hof überquerte. Sie trug eine enge weiße Jeans, ein taubenblaues Roar Lion Roar-T-Shirt der Columbia University und Flipflops aus dem Drogeriemarkt. Irgendwie schaffte sie es immer, wie Grace Kelly auszusehen.

»Kommt dein Bruder auch?«, fragte Michael.

»Sei nett zu ihm.«

Abigail Reed Roman war einunddreißig Jahre alt und vier Jahre jünger als ihr Ehemann. Im Gegensatz zu Michael, der aus einfachen Verhältnissen stammte, war Abby als Tochter eines weltbekannten Herzchirurgen in einem herrschaftlichen Haus in Pound Ridge aufgewachsen. Mitunter hätte man meinen können, Michael, der schnell auf hundertachtzig war, hätte überhaupt gar keine Geduld, doch seine Frau war meistens die Ruhe selbst. Es sei denn, sie wurde in die Enge getrieben. Dann konnte auch sie fuchsteufelswild werden. Das konnte nach fast zehnjähriger Tätigkeit als Krankenschwester in der Notaufnahme des New York Downtown Hospital nicht ausbleiben. Zehn Jahre lang Drogensüchtige, Schwerstverletzte, Todkranke, zerstörte Seelen.

Doch das war in einem anderen Leben.

»Hast du den Kuchen mit Zuckerguss überzogen?«

Scheiße, dachte Michael. Das hatte er ganz vergessen, und das war gar nicht seine Art. Er war nicht nur derjenige, der in dieser kleinen Familie meistens das Kochen übernahm, sondern er war auch fürs Backen zuständig. Sein Bienenstike war so lecker, dass sogar starke Männer schwach wurden. »Mach ich sofort.«

Als Michael zurück zum Haus lief und dabei den rosaroten Luftballons auswich, dachte er über diesen Tag nach. Seitdem sie vor einem Jahr aus der Stadt hierhergezogen waren, hatten sie noch nicht viele Partys gegeben. In Michaels Kindheit schienen sich in der winzigen Wohnung seiner Eltern in Queens ständig Freunde, Nachbarn, Verwandte und Kunden der Familien-Bäckerei aufzuhalten. Eine Symphonie osteuropäischer und baltischer Sprachen hallte über die Feuerleiter auf die Straßen von Astoria. Selbst in den letzten Jahren, seit sein Stern im Büro des Bezirksstaatsanwalts aufgegangen war, hatten er und Abby jedes Jahr höchstens eine Hand voll Cocktailempfänge oder Dinnerpartys für einflussreiche Gäste gegeben.

Doch hier in diesem Vorort sprachen sie immer seltener Einladungen aus, bis fast gar nicht mehr bei ihnen gefeiert wurde. Alles schien sich nur noch um die Mädchen zu drehen. Vielleicht war das nicht der beste Schachzug für seine Karriere, aber Michael war mit seinem Leben rundum zufrieden. An dem Tag, als die Mädchen in sein Leben traten, änderte sich alles.

Als Michael zehn Minuten später in der Küche stand und der Kuchen mit Zuckerguss überzogen und dekoriert war, hörte er, dass sich vier kleine Füße näherten und dann stehen blieben.

»Wie sehen wir aus, Daddy?«

Michael drehte sich um. Als er seine vier Jahre alten Zwillinge, die beide gleich gekleidet waren, dort Hand in Hand in ihren weißen Kleidchen - und natürlich mit rosaroten Bändern im Haar - stehen sah, war er überglücklich.

Charlotte und Emily. Die beiden Hälften seines Herzens.

Vielleicht würde er ewig leben.

Um zwölf Uhr war die Party in vollem Gange, und die Kinder kreischten vor Vergnügen. Eden Falls war ein kleiner Ort in Crane County in der Nähe des Hudson River, ungefähr fünfzig Meilen von New York entfernt. Im Norden von Westchester County gelegen - und daher noch weiter von Manhattan entfernt und für junge Familien erschwinglicher - schienen hier ungewöhnlich viele Kinder unter zehn Jahren zu wohnen.

Michael hatte das Gefühl, sie wären alle eingeladen worden. Er fragte sich, wie viele Freunde vierjährige Mädchen haben konnten. Sie gingen noch nicht einmal zur Schule. Hatten sie ihre eigenen Seiten bei Facebook? Twitterten sie schon? Waren sie in sozialen Netzwerken wie Chuck E. Cheese?

Michaels Blick wanderte über das ausgelassene Getümmel. Es waren mindestens zwanzig Kinder mit den dazugehörigen Müttern, die alle Kleidung mit den Logos von J. Crew, Banana Republic oder Eddie Bauer trugen. Die Kinder waren ständig in Bewegung. Die Mütter standen mit ihren Handys in den Händen herum, unterhielten sich leise und nippten an Kräutertee und Beerensaft.

Um halb eins brachte Michael den Kuchen in den Garten. Er wurde mit lautem Beifall begrüßt, doch seine Töchter schauten ihn mit gerunzelten Augenbrauen an, als würde sie etwas bedrücken. Michael stellte den großen Kuchen auf einen der Tische und hockte sich hin, um mit den Mädchen zu sprechen.

»Gefällt euch der Kuchen?«

Die Mädchen nickten im Einklang.

»Wir wollten dich aber was fragen«, sagte Emily.

»Was denn, mein Schatz?«

»Ist das ein Bio-Kuchen?«

Aus dem Munde einer Vierjährigen hörte sich das Wort fast wie Chinesisch an. »Bio?«

»Ja«, sagte Charlotte. »Das muss ein Bio-Kuchen sein. Und gutenfrei. Ist der gutenfrei?«

Michael schaute zu Abby hinauf. »Haben sie sich wieder diese Kochsendungen angesehen?«

»Noch schlimmer«, erwiderte Abby. »Ich musste ihnen ein paar Folgen von Gesunder Appetit mit Ellie Krieger aufnehmen.«

Michael begriff, dass er seinen Töchtern eine Antwort schuldig war. Sein Blick wanderte über den Boden, den Himmel, die Bäume und noch einmal zu seiner Frau, von der keine Hilfe zu erwarten war. »Okay, ich würde sagen, dieser Kuchen hat gutenfreie Eigenschaften.«

Charlotte und Emily musterten ihn skeptisch.

»Was ich sagen will, ist«, fuhr Michael fort und griff in die Trickkiste, ohne die er als Anwalt aufgeschmissen wäre. »Er hat gutenfreie Elemente.«

Die Mädchen wechselten einen dieser typischen Zwillingsblicke, mit denen sie geheimes Wissen austauschten. »Ist okay«, sagte Charlotte schließlich. »Du backst gute Geburtstagskuchen.«

»Danke, meine Damen«, sagte Michael, der ungeheuer erleichtert war, aber auch ein wenig perplex. Immerhin war dies hier erst der dritte Kuchen, den er für sie gebacken hatte, und er konnte sich kaum vorstellen, dass sie sich an die ersten beiden erinnerten.

Als Michael sich anschickte, den Kuchen anzuschneiden, sah er, dass die Mütter leise tuschelten. Sie schauten alle auf den Weg, der am Haus vorbei in den Garten führte, fuhren sich schnell mit den Händen durchs Haar, strichen über ihre Kleidung und legten ein Lächeln auf. Für Michael konnte das nur eines bedeuten: Tommy war im Anmarsch.

Thomas Christiano gehörte zu Michaels ältesten Freunden. Die beiden waren in ihrer jugendlichen Sturm- und Drangzeit in allen Kneipen in Queens und auch in vielen in Manhattan oft die letzten Gäste gewesen. Er war der einzige Mann, der Michael jemals hatte weinen sehen, und das war in der Nacht, als Michael und Abby Charlotte und Emily nach Hause gebracht hatten. Bis heute behauptete Michael, es sei eine allergische Reaktion gewesen, doch Tommy wusste es besser.

Als der gut aussehende Tommy mit den weichen...

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