Finde mich - bevor sie es tun

Thriller
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Februar 2018
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20017-6 (ISBN)
 
Ein sensationelles Verwirrspiel - spannend, schnell, überzeugend! Mitten in der Nacht geht Rosa Sandhoe zum Cromer Pier. Sie blickt ins tosende Wasser - und sie springt. Der Tod einer jungen Studentin, die gerade ihren Vater verloren hat. Tragisch, aber nicht unerwartet. Seither sind fünf Jahre vergangen, und Rosas Freund Jar glaubt noch immer nicht an ihren Selbstmord. Wie ein Besessener klammert er sich an die Vergangenheit. Und plötzlich bekommt er eine Nachricht von Rosa: Finde mich, Jar. Finde mich, bevor sie es tun ... Was geschah wirklich in der Nacht am Cromer Pier? Ist Rosa gar nicht tot? Und wenn doch, wer spielt dann dieses grausame Spiel mit Jar?
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • 0,87 MB
978-3-641-20017-6 (9783641200176)
3641200172 (3641200172)
weitere Ausgaben werden ermittelt

J. S. Monroe studierte Englisch in Cambridge und schrieb nach dem Studium für fast alle renommierten Tageszeitungen Großbritanniens. Er arbeitete u.a. als Auslandskorrespondent für den Daily Telegraph und als Redakteur für BBC Radio 4. J. S. Monroe lebt mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Wiltshire.

3

Jar sitzt an seinem Schreibtisch und liest die Entschuldigungsmails der Kollegen, die genau wie er die tägliche Besprechung um halb zehn Uhr morgens geschwänzt haben. Jeden Tag staunt er, mit welcher Chuzpe die unglaublichsten Ausreden hervorgebracht werden. Gestern verschickte Tamsin eine Rundmail, dass sie zu spät kommen würde, weil sie von der Feuerwehr aus ihrem Bad befreit werden müsste - Stichwort für zahllose Frotzeleien über Feuerwehrmänner, als sie schließlich mit gerötetem Gesicht und falsch zugeknöpfter Bluse angerauscht kam.

Heute ist die Ausbeute prosaischer. Bens Waschmaschine habe den Küchenboden überschwemmt; Clive schiebt einer Kuh auf den Gleisen die Schuld daran zu, dass sich sein Zug aus Herefordshire verspätet; und das hier von Jasmine: »Bin ohne Geldbeutel aus dem Haus, musste noch mal umkehren, komme später.« Maria, die Grande Dame der Redaktion, ist besser in Form: »Der Göttergatte hat die Pausenbrote der Kinder verputzt, muss erst neue machen.« Nicht schlecht, denkt Jar, aber immer noch keine Konkurrenz für Carls unvergleichliche Absage nach dem letzten Festival in Glastonbury: »Muss mich erst wieder finden. Könnte ein paar Tage dauern.«

Carl ist Jars einziger echter Verbündeter im Büro, immer für ein Feierabendbier zu haben, gnadenlos gut gelaunt, stets mit Kopfhörern um den Hals (wenn er mit Teeholen dran ist, geht er durchs Büro und formt mit beiden Händen ein großes T). Wenn er nicht gerade auf der Unterhaltungs-Website, für die sie beide arbeiten, den Musikkanal bespielt, gibt er den DJ mit Schwerpunkt Jungle. Jedem, der ihm sein Ohr leiht, erklärt Carl, dass Jungle keineswegs retro sei, dass er nie aus der Mode gekommen und heute beliebter ist als je zuvor. Er besitzt ein ungesund profundes Wissen über Computer und vergisst oft, dass Jar sich weder für die Entwicklung von Apps noch für Programmier-Paradigmen interessiert.

Jar hatte mit dem Gedanken gespielt, von Paddington Station aus eine Rundmail ans Büro zu schicken, um seine eigene Verspätung zu erklären, aber dann hatte er Bedenken bekommen, wie das aufgenommen würde: »Hab gerade meine Freundin von der Uni gesehen, die sich vor fünf Jahren umgebracht hat. Alle sagen mir, ich würde fantasieren, ich müsse nach vorn blicken, aber ich weiß, dass sie irgendwie, irgendwo am Leben ist, und darum werde ich nicht aufhören, sie zu suchen, bis ich sie gefunden habe. Sie war nicht bereit zu sterben.«

Carl hat er alles erzählt, den anderen nicht. Er weiß, was sie denken. Was tut ein preisgekrönter irischer Jungautor, dessen erste Kurzgeschichtensammlung zwar kein Erfolg an der Ladenkasse, aber doch bei den Kritikern war, hier im siebten Kreis der Bürohölle in Angel, wo er Clickbaits über Miley Cirus schreibt, um Webtraffic auf ihrer Site zu generieren? Sein Pech, dass das Erste, was er hochladen sollte, ein Artikel über Schreibblockaden war: zehn Autoren, die ihr Mojo verloren hatten. Manchmal fragt er sich, ob er je eins hatte.

In den letzten Monaten hat er Rosa immer häufiger gesehen: Am Steuer eines vorbeifahrenden Autos, im Pub, oben im 24er-Bus (vorderste Reihe, wo sie immer gesessen hatten, wenn sie in London waren und nach Camden hochfuhren). Die Erscheinungen haben einen eigenen Namen, jedenfalls laut dem Hausarzt seiner Familie drüben in Galway: Trauerhalluzinationen.

Sein Vater hat da andere Vorstellungen und redet aufgeregt von Spéirbhean, der Himmelsfrau, die in visionären irischen Gedichten aufzutauchen pflegte. »Wie kannst du nur so unsensibel sein?«, schimpft seine Mutter, aber Jar stört das nicht. Er ist auf einer Linie mit seinem Dad.

Nach Rosas Tod verbrachte er viel Zeit zu Hause in Galway City und versuchte, Sinn in das Geschehene zu bringen. Sein Vater führt eine Bar im Latin Quarter. Oft saßen sie bis spät in die Nacht zusammen und sprachen über die Visionen, vor allem eine an der Küste von Connemara (geredet hat ausschließlich er, Dad hörte schweigend zu). Manche sind Fehlalarme, das weiß er selbst, aber es gibt andere, an denen er nicht rütteln kann .

»Alter, du siehst aus wie der Tod«, sagt Carl und lässt sich auf seinen Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht zischend zusammensackt. »Als hättest du gerade ein Gespenst gesehen.«

Jar sagt nichts und loggt sich in seinen Computer ein.

»Mann, entschuldige, Kumpel«, sagt Carl und schiebt ein paar Promo-CDs auf seinem Schreibtisch hin und her. »Ich dachte .«

»Ich hab dir Kaffee mitgebracht«, unterbricht Jar ihn und reicht ihm einen Latte. Er will seinen Freund aus der peinlichen Situation retten. Carl ist ein pummeliges Babyface mit blonden Dreadlocks und einem Engelslächeln, der die nervtötende Angewohnheit besitzt, in seinen Mails alle möglichen Abkürzungen zu verwenden (»übr« statt übrigens); außerdem sagt er dauernd Sachen wie »bashen«, »porno« und »gefaked«, aber er ist der am wenigsten intrigante Mensch, den Jar kennt.

»Cheers.« Es entsteht eine verlegene Pause. »Wann und wo denn?«, fragt Carl.

»Ich mache heute das Doodle«, sagt Jar, ohne auf ihn einzugehen.

»Bist du sicher?«

»Es ist Ibsen. Ein alter Kumpel von mir.«

Sie wechseln sich dabei ab, Artikel über das jeweilige Google-Doodle zu schreiben. Theoretisch sollten sie immer am Abend zuvor auf die australische Startseite von Google gehen und der schlafenden Welt in Europa auf diese Weise um elf Stunden zuvorkommen, aber oft vergessen sie das. Die Storys sind irgendwo auf der Website versteckt, wo niemand sie findet, aber sie jagen zuverlässig den Traffic nach oben, weil die Menschen aus Langeweile das verschönerte Tageslogo der Suchmaschine anklicken.

Eine halbe Stunde später hat Jar wesentlich mehr als nötig über Ibsen hochgeladen, größtenteils über die Figur der Gina Ekdal in der Wildente und über die außergewöhnliche Aufführung eines Studentenensembles in Cambridge vor fünf Jahren. Nun steht er mit Carl wieder unten auf der Straße, in einer Durchfahrt neben dem Büroeingang, wo es nach abgestandenem Bier und Schlimmerem riecht und sie vor dem Regen geschützt sind.

»Frischt ganz schön auf«, füllt Jar das Schweigen. Er spürt, dass Carl gleich ein peinliches Thema ansprechen will, und sieht sich um, um irgendwie davon abzulenken. »Pizzaesser auf vier Uhr.«

»Wo?«, fragt Carl.

Jar nickt zu einem Mann hin, der auf der anderen Straßenseite auf dem Bürgersteig entlanggeht und in das untere Ende seines Smartphones spricht, das er waagerecht vor dem Mund hält wie ein Pizzastück. Carl und Jar schauen ihm lächelnd nach. Diese Leute, die irgendwie komisch in ihr Handy sprechen, sind ihr Ding, wie die Verstohlenen, die hinter vorgehaltener Hand flüstern, oder die Wechsler, die das Handy zwischen Ohr und Mund hin- und herschieben. Der Pizzaesser allerdings ist einer ihrer Lieblinge.

»Ich weiß, es geht mich nichts an«, sagt Carl und zieht an seiner Zigarette, während der Mann in der Menge verschwindet. Er hält die Zigarette zwischen pummeligem Daumen und Zeigefinger wie ein Kind, das mit Kreide schreibt. »Aber vielleicht solltest du dir überlegen, ob du nicht zu wem gehst, du weißt schon, wegen Rosa.«

Jar starrt in die Ferne, die Hände tief in der Wildlederjacke vergraben, und sieht zu, wie sich vor ihnen der Verkehr durch den Regen und die aufspritzende Gischt wälzt. Er sehnt sich auch nach einer Zigarette, aber er versucht gerade aufzuhören. Wieder mal. Rosa hat nie geraucht. Er ist nur mit nach unten gekommen, um Carl Gesellschaft zu leisten, um ihm zu zeigen, dass er ihm das von vorhin nicht nachträgt. Und um sich vor der Elf-Uhr-Besprechung zu drücken.

»Ich wüsste vielleicht wen, der dir helfen könnte«, fährt Carl fort. »Eine Trauertherapeutin.«

»Hängst du wieder mit Bestatterinnen ab?«, fragt Jar und denkt dabei an Carls jüngstes unseliges Experiment im »Trauer-Dating«. Aus der Theorie heraus, dass bei Bestattungen die Luft nur so vor Pheromonen schwirrt - »in der Lust liegt Trauer und in der Trauer Lust« -, hatte sich Carl bei ein paar Totenwachen eingeschlichen, um dort mit etwas Glück die Liebe zu finden, nicht unbedingt bei der Witwe, aber vielleicht bei einer in Schwarz gekleideten verwirrten, sexy Seele.

»Sie hat rechts geswipt.«

Jar sieht seinen Freund überrascht an.

»Okay, hat sie nicht. Sie hilft mir bei einer Story.«

»Über Tinder?«

»Sie dachte, ich würde mich für ein paar Experimente interessieren, die sie gerade mit Musik im Wartezimmer von psychiatrischen Praxen machen. Die Leute sind gleich viel relaxter, wenn ein bisschen Jungle Marke Oldschool läuft.«

»Eher springen sie aus dem Fenster.« Jar holt kurz Luft. »Die Sache ist die, seit heute Morgen bin ich noch überzeugter, dass Rosa noch am Leben ist.« Er nimmt Carl die Zigarette ab und inhaliert tief.

»Aber sie war es nicht, oder?«

»Sie hätte es sein können, genau darum geht es.«

Sie stehen schweigend nebeneinander und schauen dem Regen zu. Die Hoffnung ist ein kleines, zerbrechliches Pflänzchen, denkt Jar, das nur zu leicht von anderen zertrampelt wird, auch wenn er es Carl nicht verdenken kann, dass er skeptisch ist. Er zieht noch einmal an Carls Zigarette und gibt sie dann zurück. Sie wollen gerade wieder hoch ins Büro, als Jar im Augenwinkel eine Bewegung registriert, einen großen Mann, der auf der Straßenseite gegenüber hinter dem Starbucks-Schaufenster Platz nimmt. Schwarze Jacke von North Face, hochgeschlagener Kragen, unauffällig braunes Haar, unscheinbares Gesicht. Gesichtslos und leicht zu vergessen, nur...

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