Fashion Victim - Licht und Schatten des Modelbusiness: Ein Topmodel berichtet

 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43801-8 (ISBN)
 
Immer in Top Shape? Insiderblick eines Models

10 Jahre lang war Anne-Sophie Monrad auf den Laufstegen der Welt zu Haus und lief für Givenchy, Gaultier, Karl Lagerfeld u.v.m. Bis sie im Herbst 2018 mit einem Instagram Post und einem FAZ-Artikel gegen die unmenschlichen Zustände hinter den Kulissen des Model-Business protestierte und ihrem Leben eine neue Richtung gab.
In >Fashion Victim - Licht und Schatten des Modelbusiness< schildert sie ihren Weg von der normalen Schülerin zu einem der gefragtesten Laufstegmodels und setzt sich mit den Problemen auseinander, die der Traumberuf vieler Teenager bei allem Glamour und Glitzer mit sich bringt: Magerwahn, finanzielle Ausbeutung, Konkurrenzdruck und sexuelle Belästigung.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Format: EPUB
  • 4,49 MB
978-3-423-43801-8 (9783423438018)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anne-Sophie Monrad wurde 1991 in Flensburg geboren und arbeitet seit 2009 als Model. Nach ihrem Realschulabschluss an der Waldorfschule 2010 hat sie in New York, Berlin und Paris gelebt. Sie gehörte zu den am besten gebuchten Models Deutschlands, war international für Laufstegauftritte, Magazine und Anzeigenkampagnen unterwegs. 2018 machte sie parallel eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin.

Aufgrund der gesundheitlichen Folgen, die das Modeln mit sich brachte, entschied sie sich Ende 2018 dagegen, unnatürlich dünn sein zu müssen, und arbeitet seitdem nur noch für Kunden, die sie so nehmen, wie sie ist.

2. Flensburg I:
»Ich kann das alleine«


Hochs und Tiefs wechseln sich im Leben eines Models so schnell ab, dass man manchmal selbst nicht hinterherkommt. Es ist ein Glücksspiel, Einfluss darauf hat man kaum. Manche verkraften das nicht, einige zerbrechen daran. Auch ich hatte Tage wie jene in Tokio, die ich ohne bestimmte Eigenschaften nicht durchgestanden hätte: Offenheit und Optimismus gehören genauso dazu wie Zähigkeit und eine fast bockige Eigenständigkeit. »Ich kann das alleine«, das hörten meine Eltern oft von mir, als ich klein war.

Ich bin das jüngste von drei Geschwistern, geboren 1991, aufgewachsen in einer kleinen Gemeinde in Norddeutschland, fast Dänemark, in einem Pastorat - was verstaubter klingt, als es war. Mein Vater, Däne, war ein gefeierter Solo-Oboist im Odense Symphony Orchestra und nur am Wochenende zu Hause. Meine Mutter war Pastorin.

Es gibt Cooleres, als die Tochter einer Pastorin zu sein, das stellte ich früh fest, denn von anderen Kindern bekam ich oft den »Pastorenkindstempel«, was nichts anderes bedeutete, als dass sie mich links liegen ließen. Was diese Kinder nicht wussten: Meine Mutter ist eine ebenso witzige wie starke Frau. Sie war es, die mir beibrachte, an mich selbst zu glauben und mich durchzusetzen. Und nein, nur weil sie Pastorin ist, hieß das nicht, dass wir den ganzen Tag beten und immer nur ernst und brav sein mussten. Sie zwang uns auch nicht, zum Gottesdienst mitzukommen, doch weil ich sie immer gerne in meiner Nähe hatte, ging ich trotzdem hin, setzte mich in die letzte Bank, hörte ihre Stimme und schlief irgendwann ein. Das führte zu einem Gefühl von Geborgenheit, das sich in mir ausbreitete, wann immer ich eine Kirche betrat. Es fühlte sich für mich an, als sei Mama in der Nähe. Und auch wenn mein Glaube an die Kirche und Gott nicht so stark ist wie der meiner Mutter, hat mir dieses Gefühl in einsamen Momenten oft geholfen, egal, ob in Deutschland oder am anderen Ende der Welt.

Wir wohnten in einem riesigen alten Haus mit einem ebenso riesigen Garten. Darin hatte ich ein eigenes Beet, um das ich mich kümmerte und auf dem ich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, Radieschen und Kürbisse anpflanzte.

Neben unserem Haus gab es einen Festsaal, in dem sich häufig das ganze Dorf traf. Manchmal half ich beim Ausschank und verdiente so ein bisschen Taschengeld. Oder meine Geschwister spielten Klavier - sie taten das beneidenswert gut - und ich hüpfte in einem Tutu vor den Leuten herum, tat so, als könne ich tanzen, und schaute dabei in ihre lachenden Gesichter.

Dritte Kinder, heißt es oft, laufen einfach nur mit. Das stimmt insofern, als ich von uns dreien die Eigenständigste war. Mein Bruder, drei Jahre älter als ich, und meine Schwester, fünf Jahre älter als ich, waren damals sehr eng miteinander. Ich war das Nesthäkchen, das in seiner eigenen Welt lebte. Trotzdem waren die beiden meine Vorbilder und ich beobachtete genau, was sie taten. Bekamen sie für etwas Ärger, wusste ich: Das lass ich lieber sein.

Ich genoss das Landleben und meine Kindheit sehr. In meiner Erinnerung laufe ich, proper, fast schon pummelig, auf jeden Fall gut genährt, mit meinem Puppenwagen durch die Dorfstraßen, rede mit meiner Puppe - und mit mir selbst -, bin fröhlich, frech, zufrieden.

Ich war elf, als das alles aufhörte und eine Zeit begann, die sehr aufwühlend war.

Meine Mutter hatte einen Job als Krankenhauspastorin und Seelsorgerin in Schleswig bekommen, weshalb wir nicht länger in dem Pastorat wohnen konnten und in die Nähe von Flensburg zogen. Mama freute sich sehr auf die neue Arbeit. Ich nicht. Sosehr ich es versuchte, es gelang mir nicht.

Ich will nicht weg.
Das hier ist doch mein Zuhause.

Etwa zur gleichen Zeit zog mein Bruder, damals 14, nach Leipzig. Er war im renommierten Thomanerchor aufgenommen worden - was ihn freute und meine Mutter wiederum nicht.

Doch Ruhe kehrte danach nicht ein. Im Gegenteil. Bei meinem Vater wurde Arthrose diagnostiziert und er musste in den Vorruhestand, wobei Ruhestand dabei wörtlich zu nehmen war: Er wurde zur Ruhe gezwungen. Spielen verboten. Ende seiner Karriere. Ende seiner Leidenschaft. Von da an war er zu Hause und ich hatte häufig das Gefühl, ihm würde die Decke auf den Kopf fallen.

Man möchte meinen, wenigstens die Schule sei eine verlässliche Konstante gewesen, aber nein. Auf meiner neuen Schule, einer dänischen Grundschule, war ich ein Überflieger und völlig unterfordert, weshalb meine Eltern nach einem halben Jahr beschlossen, mich auf eine Gesamtschule in Flensburg zu schicken. Sie meinten es gut. Ich weiß. Doch diese Schule nahm mir all meine Fröhlichkeit.

Zuerst hatte ich mich noch auf die neue, viel größere Schule gefreut und schnell Freunde gefunden. Doch als sie alle in der siebten Klasse - ein halbes Jahr nach meiner Ankunft dort - aufs Gymnasium wechselten, fühlte ich mich zurückgelassen mit einer Lehrerin, die mich nicht mochte, und Mitschülern, die mir drohten, mich auf dem Weg zum Bus zu verprügeln, und die es lustig fanden, mir Kondome zu Weihnachten zu schenken. Für meine verbliebenen Mitschüler war ich das uncoole Landei. Für meine Lehrerin war ich ein Opfer: eine Legasthenikerin, die Spezialunterricht brauchte. Gab sie mir Diktate zurück, sagte sie laut vor der ganzen Klasse: »Schlecht, Anni! Wenn du so weitermachst: Hauptschule. Weißt du, ne?« Ich sah nur rote Ausrufezeichen auf dem Papier und fühlte mich elend, dumm und nutzlos. Meine Geschwister waren beide talentierte Musiker, gingen aufs Gymnasium - und ich? Hatte rote Ausrufezeichen auf meinen Klassenarbeiten.

Ich wurde ruhiger, mein Lachen verschwand. Tag für Tag für Tag waren es entweder meine Lehrerin oder meine Mitschüler oder alle zusammen, die mir zu verstehen gaben, dass ich in ihren Augen nichts wert war. Ich versuchte, mich mit der Situation abzufinden, und war, weil es mir nicht anders gelang, viel allein zu Hause und weinte heimlich. Die Schule, die Klasse: der Horror.

Wann ist endlich der Tag vorbei?
Wann muss ich da nicht mehr hin?

Die Wende brachte ein trauriger Anlass. Silvester 2003 war meine Cousine ermordet worden. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, weil es schlimm genug war. Nur: Als ich meiner Lehrerin sagte, ich könne nicht in die Schule kommen, weil ich zur Beerdigung müsse, fing sie an, irgendeine Geschichte vom Freund eines Freundes zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was sie da sagte. Ich hörte gar nicht richtig zu, so fassungslos war ich. Da kam kein »Wie geht es dir?«, oder »Kann ich etwas für dich tun?«. Kein Funken Anteilnahme. Keine Empathie. Nichts. Selbst als meine Mutter sie ein paar Tage später zur Rede stellte und fragte, warum sie so kalt reagiert habe, erwiderte sie nichts. Meiner Lehrerin war das alles egal. Sie zuckte nur mit den Schultern.

Was war das für ein Signal für ein Kind?

Ein paar Wochen später kam mein Schulleiter ins Klassenzimmer, stellte sich vor mich und sagte: »Du kannst deine Sachen packen.« Ich schaute ihn verunsichert an, wusste nicht, was los war. Vor der Tür standen meine Eltern. Sie sagten: »Du wechselst die Schule. Und zwar sofort.«

Das war meine Rettung. Zu diesem Zeitpunkt war ich überhaupt nicht mehr ich selbst und versuchte nur noch, irgendwie durchzuhalten.

Ich kam auf die Waldorfschule. Dort war alles anders und mein Leben wurde endlich wieder ruhiger. Ich durfte wieder Kind sein, ich selbst sein, hatte Freiräume und Freundinnen, echte Freundinnen, mit Mädelsabenden und allem, was dazugehört. Ich wurde zum Klassenclown, was ich genoss. Ich sang im Chor, spielte Musikinstrumente - wenn auch keines wirklich gut. Kontrabass, Fagott, Klavier, Gitarre: Ich probierte wirklich alles. Irgendwann sahen meine Eltern ein, dass meine Geschwister darin sehr viel mehr Begabung hatten als ich, und ließen mich gewähren. Ich sollte Spaß an den Dingen haben, und so machte ich Musik fortan nur noch mit meiner Stimme: Ich hatte Gesangsunterricht und sang im Chor.

Mit der Zeit merkte ich, dass mein wahres Ich zurückkehrte, weil ich der Mensch sein durfte, der ich war. Heute denke ich oft an diese Zeit zurück und sehe Parallelen zum Modelleben. Menschen blühen auf, wenn man sie sein lässt, wer sie sind, wenn man ihre Persönlichkeit unterstützt und fördert, anstatt sie zu unterdrücken. Das Absurde am Modelbusiness ist, dass dir alle sagen: »Du brauchst Persönlichkeit.« Aber eigentlich musst du uniform sein in Größe, Funktionswillen und Temperament.

Im Januar 2006, ich war inzwischen 15, lief die erste Staffel von Germany's Next Topmodel. Meine Schwester und ich durften dafür donnerstags nach dem Chor extra länger aufbleiben, meine Eltern schauten mit. Sie fanden die Methoden, wie mit jungen Mädchen dort umgegangen wurde, verletzend, verachtend und demütigend. Für meine Eltern waren das Kinder wie meine Schwester und ich, die sich dieser Oberflächlichkeit und Degradierung nicht aussetzen sollten. Natürlich sprachen meine Eltern mit uns darüber. Ich stimmte ihnen zu - oder blieb still. Insgeheim aber fand ich es faszinierend, was ich dort sah: Mädchen, die überall hinreisten, in einem luxuriösen Haus wohnten und ständig schön gestylt wurden. In meiner Vorstellung führten sie ein Jetset-Leben, wurden immer auf die coolsten Events eingeladen, verdienten Geld, gutes Geld. Glamour total. In meiner Fantasie malte ich mir eine Traumwelt aus, dachte, das sei der beste Job überhaupt. So wurde es verkauft. Und genau so kam es bei mir auch an.

Von Zehn-Bett-Model-Apartments redete dort keiner, auch nicht von der Einsamkeit, dem Hunger oder der...

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