Timeless - Schatten der Vergangenheit

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Juni 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09751-6 (ISBN)
 
Wenn ein Jahrhundert in einem einzigen Augenblick verfliegt

Michele liebt Philip, und Philip liebt Michele - die Sache hat nur einen Haken: Er lebt als Musiker im New York des Jahres 1910 und sie in der Gegenwart. Doch eines Tages taucht Philip in Micheles Highschool auf, und alles gerät aus den Fugen. Hat ihre Liebe, die gegen die Gesetze des Universums verstößt, eine Chance?

Im glitzernden New York des Jahres 1910 hat die 16-jährige Michele in dem Musiker Philip ihre erste große Liebe gefunden - und wieder verloren. Denn irgendwann muss sie zurück in die Gegenwart. Als ihr plötzlich in ihrer Highschool Philip gegenübersteht, traut sie ihren Augen nicht und kann ihr Glück kaum fassen. Doch ihre Freude ist nur von kurzer Dauer: Denn Philip scheint sich an nichts erinnern zu können, nicht an sie, nicht an ihre gemeinsamen, romantischen Stunden - und auch nicht daran, wer er eigentlich ist und aus welcher Zeit er kommt. Michele ahnt, dass ein dunkles Verhängnis an Philips plötzlichem Gedächtnisverlust schuld ist - ein Verhängnis, das bis in die Tiefen ihrer eigenen Familiengeschichte zurückreicht. Fast zu spät erkennt sie, dass Philip in großer Gefahr schwebt, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit .

  • Deutsch
  • München
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Heyne
  • 0,97 MB
978-3-641-09751-6 (9783641097516)
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1

Erster Tag

Walter und Dorothy Windsor saßen gemütlich beim Nachmittagstee und ahnten nichts davon, dass die gefürchtete Person heimlich durch das Tor geschlüpft war und genau in diesem Augenblick die weißen Steintreppen zu ihrem Haus hinaufschritt. Während Walter durch die New York Times blätterte und Dorothy die Symphonie mitsummte, die aus dem Radio erklang, drehte die junge Frau in Schwarz den Knauf der Eingangstür, ohne vom Haushaltspersonal des Windsor Mansion bemerkt zu werden. Ihre Schritte hallten durch die Grand Hall, als Walter gerade die Hand hob, um sie zärtlich an die Wange seiner Gattin zu legen. So lange war es her, dass sie glücklich gewesen waren, und jetzt, da ihre Enkeltochter endlich ein Teil ihres Lebens geworden war, sah es so aus, als sollten sie eine zweite Chance bekommen.

Plötzlich flog die Flügeltür zur Bibliothek auf, und alles Licht wich aus dem Raum. Dorothy stieß einen erstickten Schrei aus und umklammerte Walters Hand. Heißer Tee ergoss sich schmerzhaft über Walters Beine, weil er vor Schreck seine Tasse umgestoßen hatte. Einen Moment lang war das wilde Crescendo von Klavier und Streichern aus dem Radio das einzige Geräusch im Raum, dann fand Walter seine Stimme wieder.

»Rebecca«, keuchte er.

Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss, und Rebecca Windsor stolzierte auf die beiden zu, den Mund zu einem wissenden, freudlosen Lächeln verzogen.

Dorothy drückte sich ängstlich in die Arme ihres Mannes, konnte den Blick aber nicht von Rebecca losreißen, konnte nicht begreifen, wie eine Frau, die seit Langem tot war, so überzeugend als siebzehnjähriges Mädchen auftreten konnte. Sie sah genauso aus wie auf dem schaurigen Porträt aus dem Windsor-Familienalbum von 1888 - das gleiche kantige Gesicht, die stahlharten dunklen Augen und das schwarze Haar, aufgetürmt zu einer Frisur, die ihre scharf geschnittenen, abweisenden Gesichtszüge betonte. Die burgunderroten Falten ihres voluminösen viktorianischen Kleids umhüllten sie wie eine wallende Rüstung. Sie sah erschreckend lebendig aus, und doch hatte ihre Erscheinung eine Transparenz an sich, die sie nicht ganz menschlich wirken ließ.

»Was tust du hier?«, platzte Dorothy mit tränenerstickter Stimme heraus. »Wir haben alles getan, was du wolltest. Du hast gesagt, es wäre zu ihrem Schutz, aber du hast gelogen! Deinetwegen ist unsere Tochter tot!« Vor Kummer bebte sie am ganzen Leib, als sie an ihre letzte Begegnung mit Rebecca zurückdachte und an die Schrecken, die sich danach ereignet hatten.

»Du hast versagt«, sagte Rebecca kühl. »Du hast es nicht geschafft, Marion von Irving fernzuhalten, deshalb ist sie tot. Und deshalb haben wir jetzt Michele am Hals. Du hättest die Geburt dieses Mädchens verhindern sollen, statt es in meinem Haus wohnen zu lassen!« Zornig hob sich ihre Stimme.

»Dies ist schon seit mehr als hundert Jahren nicht mehr dein Haus, Rebecca«, gab Walter zurück. »Es ist jetzt unser Zuhause, und wir sind die einzige Familie, die Michele hat. Sie wird so lange bei uns wohnen, wie sie möchte.«

»Die einzige Familie, die sie hat? Du vergisst wohl ihren Vater«, zischte Rebecca. »Nachdem ihr sie jetzt nach New York geholt habt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihn findet. Das Mädchen hat Irvings Gabe geerbt.« Sie spie das Wort förmlich aus.

Walter und Dorothy starrten einander bestürzt an.

»Ja, es stimmt. Sie ist in die Vergangenheit gereist und hat alles verpfuscht. Genau wie ihr Vater, der mein Leben zerstören wollte und euch die Tochter genommen hat, hinterlässt Michele eine Spur der Verwüstung. Habe ich euch nicht gesagt, was mit Kindern geschieht, die aus vermischten Zeiten entstehen?« Rebecca senkte die Stimme und verlieh ihr einen trügerisch seidigen Tonfall. »Das einzige Mittel dagegen ist, die Vergangenheit zu verändern. Michele darf nicht existieren. Die Zeit ist gekommen, wir müssen noch einmal zusammenarbeiten.«

Dorothy presste sich die Hand vor den Mund, als würde ihr übel.

»Wir werden unserer Enkeltochter nichts zuleide tun«, knurrte Walter.

»Sie braucht nicht zu leiden. Wenn ihr meine Anweisungen befolgt, wird Michele einfach verschwinden, als wäre sie nie geboren. Obendrein bekommt ihr eure Tochter zurück.« Mit einem lockenden Singsang in der Stimme hielt Rebecca ihnen diese Mohrrübe vor die Nase. »Schließlich wäre Marion heute noch am Leben, wenn Irving und Michele nicht wären. Nicht wahr?«

»Hör auf damit!«, schluchzte Dorothy. »Hör auf, uns zu quälen. Wir haben dir einmal vertraut, und das war ein furchtbarer Fehler. Warum tust du das?«

»Dieser Mann hat mir alles genommen!«, schrie Rebecca, das Gesicht zu einer monströsen Maske des Zorns verzerrt. »Ich werde nicht ruhen, bis nichts mehr von ihm bleibt.«

Plötzlich erklang ein lautes Knacken im Zimmer. Erschrocken hob Rebecca die Hände und tastete nach ihrem Gesicht, doch es war zu spät. Die jugendlichen Hautschichten lösten sich ab, fielen Stück für Stück zu Boden und ließen die pockennarbige, von Falten überzogene Ruine eines Gesichts zurück. Ihr Körper wurde runzlig und schrumpfte in sich zusammen, die hochgewachsene Gestalt des Teenagers wurde zu der einer grotesk alten Frau.

Entsetzt von diesem Anblick, barg Dorothy das Gesicht an Walters Schulter, doch gleichzeitig spürte sie einen Funken Erleichterung, denn sie wusste noch aus früheren Jahren, dass Rebecca, sobald ihre jugendliche Fassade verblasste, dorthin zurückkriechen musste, woher sie gekommen war. Diesmal jedoch zeigte sich auf ihrem Gesicht nicht die Spur einer Niederlage.

»Sieben Tage«, sagte sie, und ihr Mund verzerrte sich zu einem schaurigen Lächeln. »So lange muss ich ohne meinen physischen Körper ausharren - und so lange bin ich gezwungen, wie ein Geist zu leben. Das mag unangenehm sein, aber die Zeit wird im Nu vergehen.« Als sie sich vorbeugte, lag ein bösartiges Funkeln in ihren Augen. »Ich brauche nichts weiter zu tun, als sieben Tage in eurer Zeit zu bleiben, dann werde ich meine vollständige menschliche Gestalt und meine Sichtbarkeit in diesem Jahrhundert erlangt haben. Wisst ihr, was das bedeutet?« Ihre nun ältliche Stimme war hasserfüllt. »Es bedeutet, dass alle mich sehen können, nicht nur ihr beiden Dummköpfe, und wer mich ansieht, wird ein vollkommenes Mädchen von siebzehn Jahren erblicken. Es bedeutet, dass ich wieder über menschliche Kräfte verfüge - und über meine Macht als Hüterin der Zeit noch dazu. In sieben Tagen werde ich Michele selbst töten können. Einfach so.« Sie zog die Brauen zusammen. »Ihr habt die Wahl. Wollt ihr, dass eure Enkeltochter umgebracht wird? Oder soll sie lieber verschwinden, als hätte sie nie existiert? Ihr wisst, was getan werden muss, und ihr müsst euch schnell entscheiden. Wie gesagt - sieben Tage sind im Nu vergangen. Wir sehen uns wieder.«

Rebeccas Gestalt begann in der Luft zu flackern, ehe sie sich in einem Wirbelwind auflöste. Bestürzt klammerten sich Walter und Dorothy aneinander.

»Was sollen wir nur tun?«, flüsterte Dorothy.

Walter gab keine Antwort.

***

Michele Windsor träumte von einem antiken Flügel in einem vergoldeten Musikzimmer. Zuerst stand der Flügel verlassen da, doch kurz darauf erschien Philip, nahm hinter dem Instrument Platz und legte stillvergnügt die Hände auf die Tasten. Mit einer Leidenschaft, die selbst bei den gefühllosesten Menschen für Gänsehaut sorgte, spielte er ein bluesartiges Ragtime-Stück an, wobei sich das Licht in seinem Siegelring fing. Es schien, als würde er beim Spielen eine Frage stellen und hoffen, die Antwort in der Musik zu finden.

Michele trat aus der dämmrigen Zimmerecke und fing Philips Blick auf. Sein Gesicht hellte sich auf, er schenkte ihr sein vertrautes, bedächtiges Lächeln und leitete dann zu der Melodie über, die er stets für sie spielte. Schuberts Serenade.

Michele setzte sich neben ihn, und als das Stück zu Ende war, nahm er ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

»Habe ich dir nicht gesagt, dass ich zu dir zurückfinden würde?«, flüsterte er.

Lächelnd neigte Michele ihm ihr Gesicht entgegen, ihre Haut kribbelte in der Erwartung seines Kusses. In diesem Augenblick gab es nur ihn auf dieser Welt.

***

Philip.

Als Michele aus ihrem Traum erwachte, spürte sie den Nachklang seiner Berührung noch immer im ganzen Körper. Sie fühlte kaltes Linoleum auf ihrer Haut und stellte verwirrt fest, dass sie irgendwie auf dem Fußboden gelandet war.

»Sie ist wach«, rief eine vertraute Stimme erleichtert aus. Michele brauchte einige Sekunden, aber dann erkannte sie, dass diese Stimme Caissie Hart gehörte, ihrer besten Freundin hier in New York. Starke Hände packten sie an den Schultern, und als sie den Blick hob, sah sie Ben Archer, einen der besten Sportler aus der elften Klasse, der ihr half, sich aufrecht hinzusetzen.

»Michele, kannst du uns hören?«, fragte er eindringlich.

»Was's passiert?«, brachte Michele krächzend hervor. Ihre Kehle fühlte sich an wie Sandpapier.

»Du bist ohnmächtig geworden«, erklang die tiefe Stimme von Mr. Lewis, Micheles Lehrer für...

"Zeitlos schön!"

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