Menschlichkeit ist die beste Medizin

Ein Wegweiser für Patienten und Ärzte
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97268-0 (ISBN)
 
Bei allen Erfolgen der Medizin im Kampf gegen die Krankheiten vergessen wir heute den kranken Menschen selbst. Es muss der Mensch geheilt werden, nicht die Krankheit. Walter Möbius ist seit 40Jahren Arzt. Es geht ihm darum, zu zeigen, dass bei allem, was die moderne Medizin leisten kann und unter hohem Kosten- und Zeitdruck auch leisten muss, dennoch Menschlichkeit möglich ist. Nur wenn Hinsehen, Zuhören und Mitfühlen mit moderner Medizin und Technik zusammengebracht werden, bekommen wir wirklich die beste medizinische Versorgung, die wir jemals hatten.- Mehr zum Buch und zum Autor: http://www.menschlichkeit1.de/.- Zur großen BILD-Serie: http://www.bild.de/BILD/ratgeber/.
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Was ist das Schwerste von allem?

Was dir das Leichteste dünkt:

Mit den Augen zu sehen,

was vor den Augen dir liegt.

GOETHE

Der erste Wegweiser: Hinsehen

Der erste Kontakt zwischen Arzt und Patient ist der Augenkontakt. In Sekundenschnelle erkennt der Kranke, ob er dem Arzt gleichgültig ist oder ob dieser Interesse an ihm hat. Er fühlt, ob es allein um seine Krankheit geht oder auch um ihn als Menschen.

Ein guter Arzt untersucht zunächst mit seinen Augen. Indem er den Patienten achtsam ansieht, zeigt er ihm: »Ich nehme Sie ernst.« Er erweist ihm Respekt und fördert so sein Selbstwertgefühl.

Es kommt aber oft vor, dass ein Arzt nicht richtig hinschaut. Dies kann verschiedene Gründe haben: Zeitnot, Desinteresse, Vorurteile oder Nachlässigkeit. Nichts davon ist entschuldbar; denn das Ergebnis kann fatal sein.

Nur der Arzt, der den Patienten wirklich ansieht, ist offen und frei von Vorurteilen. Wer genau hinsieht, handelt mit Menschlichkeit, dabei erkennt er Zusammenhänge und schafft Vertrauen.

Carlo:   Vielen Dank für Deinen ersten Wegweiser. Ich hatte Dir ein ehrliches und kritisches Feedback versprochen. Hier ist es:

Ich meine, dass Du mit Deinem ersten Wegweiser Unmögliches von den Ärzten in der Praxis verlangst. Sie haben wie auch die Leute in vielen anderen Berufen einfach keine Zeit mehr, genau hinzusehen. Wäre es nicht besser, sich auf die Apparate zu verlassen? Sind sie nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht sicherer und zuverlässiger als das menschliche Auge? Die von Dir beschriebene heile Welt scheint mir eher einem Gemälde von Spitzweg entnommen, es gibt sie aber nicht in einem total durchrationalisierten Krankenhaus, das unter extremem Kostendruck steht.

Walter:   Ich verstehe Deine Vorbehalte. Zugleich freut es mich, dass ich Dir einen wichtigen Gedanken bereits beim ersten Wegweiser erklären kann: Die sieben Wegweiser sind mehr oder weniger übertragbar auf alle Bereiche des Lebens, in denen Menschen einander begegnen. Wenn sie nicht beachtet werden, ist das immer von Nachteil; aber in den Heilberufen sind die Folgen besonders schwerwiegend.

Apparate oder Hinsehen? Es geht nicht um »entweder - oder«, es geht um »und«! Der Patient hat ein Recht auf präzise Apparate; sie sind in der Tat heute ein wichtiger Bestandteil unserer modernen Medizin. Aber der Kranke hat auch ein Recht darauf, dass der Arzt ihn mit seinen Augen untersucht. Wer den Patienten ansieht, erkennt mehr, als durch Apparate sichtbar wird. Denn Hinsehen hat gegenüber der Technik vor allem drei unverzichtbare Vorteile:

1.Es ermöglicht ganzheitliches Erfassen.

2.Es bietet Raum für Intuition.

3.Es ist schnell.

Nichts davon kann man allein mit Apparaten und moderner Medizintechnologie erreichen. Diese drei Vorteile ergeben sich explizit aus dem Hinsehen. Ich verstehe Deinen Einwand: »Dafür ist nicht genug Zeit«; denn auch ich war versucht, so zu denken. Vor vielen Jahren hat mir einer meiner klinischen Lehrer eine alte Geschichte erzählt:

Ein Wanderer beobachtete einen jungen Mann, der unter großen Mühen Holz sägte. Dabei fiel ihm auf, dass dessen Säge sich nur sehr mühsam durch das Holz quälte; sie musste sehr stumpf sein. Der Wanderer sagte darum: »Ihre Säge ist sehr stumpf. Sie sollten sie schärfen, dann geht es viel leichter und schneller.«

Der junge Mann sägte angestrengt weiter und antwortete, ohne aufzublicken: »Dazu habe ich keine Zeit. Ich muss sägen.«

Für mich war die Botschaft klar: Es bringt nichts, an der falschen Stelle Zeit sparen zu wollen. Wer mit den Augen untersucht - oder auch die anderen Wegweiser befolgt -, der hat nicht weniger, sondern mehr Zeit.

Eine Begebenheit aus der Kölner Klinikzeit kann das, was ich mit einem »ganzheitlichen Erfassen« meine, verdeutlichen:

Professor Werner Scheid wurde eine fünfunddreißigjährige, allein lebende Grundschullehrerin vorgestellt. Sie war in der Schule aufgefallen, weil die Kinder ihr im Unterricht nicht mehr folgten. Ihre ungewöhnlichen und teilweise grotesk anmutenden Handlungen und Reaktionen hatten Kinder, Eltern und Kollegen stark verunsichert, manche geradezu verschreckt.

Schon bei der ersten Begegnung flüsterte der Chef der Oberärztin in der Ambulanz zu: »Akute Psychose!« Es handelte sich um eine Schizophrenie.

Auf meine spätere Frage, was ihn denn so schnell auf die richtige Spur gebracht habe, antwortete er: »Herr Möbius, schon als ich auf die Patientin zuging, wehte mir ein Hauch von Kälte entgegen. Das ist eine Kälte, die einem nur bei schizophrenen Psychosen begegnet. Das müssen Sie sich unbedingt merken!«

Natürlich folgten zahlreiche Untersuchungen und Tests, aber tatsächlich wurde die erste Diagnose bestätigt.

Lieber Carlo, ich schicke Dir nun einige weitere Geschichten. Sie sollen verdeutlichen, wie wichtig das genaue Hinsehen für einen Arzt sein kann. Die folgende stammt noch aus meiner Studienzeit.

Tränen in der Vorlesung

Die Vorlesungen des Münchner Chirurgen Professor Rudolf Zenker waren sehr eindrucksvoll. Er schilderte Krankheitsbilder plastisch und einprägsam und demonstrierte neben der Vorstellung des chirurgischen Falls stets eine >humane und mitfühlende< Chirurgie. Wir verfolgten seine Vorlesung stets atemlos und konnten nie genug von seinen Beobachtungen und Erfahrungen hören. Seine begleitenden Geschichten waren so spannend, dass es nicht die geringste Störung gab.

»Heute«, begann er einmal ungewöhnlich ernst seine Vorlesung, »heute demonstriere ich Ihnen einen sehr traurigen Fall einer Krebserkrankung, die lange verkannt wurde. Bitte vergessen Sie nie: Die rektale Untersuchung gehört zu jeder ärztlichen Befunderhebung, in der Chirurgie genauso wie in der Inneren Medizin.«

Es herrscht atemlose Stille im überfüllten Hörsaal. Die Tür öffnet sich, zwei Schwestern bringen auf einer Trage eine sechzehnjährige Patientin herein, bedeckt mit einem weißen Leinentuch, das Gesicht mit einer weißen Gaze wie von einem Schleier verhüllt. Zenker ergreift die schmale, blasse Hand und hält sie während der gesamten Zeit seiner Schilderung des Krankheitsbildes fest. Nur kurz lässt er die Hand los, immer dann, wenn er eine erläuternde Erklärung an der Tafel anzeichnet. Zunächst bedankt er sich bei der jungen Patientin für ihre Bereitschaft, sich im Hörsaal vorstellen und auch untersuchen zu lassen. Er teilt uns mit, dass die Patientin über ihre Erkrankung aufgeklärt sei. Dann bittet Zenker eine junge Kollegin aus dem Auditorium zu sich, wechselt ein paar Worte mit ihr. Die beiden Schwestern helfen bei der Untersuchung, gleichzeitig bilden sie eine Art Sichtschutz für die Patientin.

Behutsam und vorsichtig untersucht unsere Kollegin die Patientin rektal und erläutert ihren Befund, den Zenker dann an der Tafel skizziert. In großen Druckbuchstaben erscheint auf der Tafel: »Krebsgeschwulst im Enddarm«. Wir Studenten im Saal sind bestürzt und starren auf das Geschehen. Eine solch ungewöhnliche Atmosphäre im Hörsaal habe ich nie wieder erlebt.

Nach einer Viertelstunde verändert sich die Gaze, die das Gesicht der Patientin verhüllt. Das weißliche Gewebe verfärbt sich etwas dunkler, legt sich neben der Nase an die Wangen an, Tränen fließen, und wir blicken wie gebannt auf das »maskierte Gesicht«, dessen Konturen, anfangs noch verschwommen, jetzt deutlicher sichtbar werden. Mit dem Finger deute ich auf das Gesicht der jungen Frau auf der Trage. Zenker begreift meine Geste. Mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln wendet er sich der Patientin zu, beugt sich über sie und flüstert ein paar Worte. Dann lässt er sie mit einem Dankeswort aus dem Hörsaal fahren.

Jetzt erfahren wir die Vorgeschichte eines fast einjährigen Leidenswegs. Mehrere Kliniken und verschiedene Ärzte hatten den Fall nicht richtig zugeordnet. Die einfache, aber entscheidende Maßnahme der rektalen Untersuchung war vergessen worden. »Meine Damen und Herren, vergessen Sie diese Patientin nie«, sagt er und blickt ins Auditorium. Jeder von uns fühlt sich persönlich angesprochen, wir alle sind tief betroffen. »Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich schätze es sehr, wenn meine Schüler alles sehen. Und vergessen Sie nicht, Tränen sind ein wichtiges klinisches Zeichen, auf das wir Ärzte immer reagieren müssen.«

Viel später erst habe ich den Sinn dieses Hinweises begriffen.

Gelegentlich arbeiteten wir als Hilfspfleger in der Chirurgischen Klinik, weil immer wieder Sitzwachen gebraucht wurden. Nach einem meiner Dienste in der Chirurgischen Klinik frage ich auf der Station nach der jungen Patientin aus unserer Vorlesung, die inzwischen operiert worden war. Die Schwestern berichten: »Es ist Gott sei Dank alles gut verlaufen, der jungen Patientin geht es den Umständen entsprechend gut.«

Während ich mich noch mit den Schwestern unterhalte, taucht unvermutet Professor Zenker auf, stutzt und wendet sich mir zu: »Was machen Sie denn hier?« Er hat mich wiedererkannt und scheint sich nicht zu wundern, dass ich mich nach der operierten Patientin aus der Vorlesung erkundigt habe. »Kommen Sie nach der Vorlesung morgen in mein Zimmer!«, sagt er, und mit einem knappen »Danke, dass Sie hier Sitzwache machen« verabschiedet er mich.

Nach der Vorlesung nahm er mich mit in sein Zimmer und überreichte mir ein Buch, »Chirurgie« von Erich Sonntag, das mir schon damals etwas abgegriffen erschien,...

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