Die Schatten der Ideen

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97250-5 (ISBN)
 
Als Moritz Carlsen eine Gastprofessur an einem College in Vermont annimmt, erscheint ihm das Leben an einem amerikanischen Campus zunächst fremd. Dann entdeckt er die Aufzeichnungen des Historikers Julius Steinberg, der 1935 in die USA emigrierte. Anfangs nur neugierig, kommt er einem dunklen Geheimnis auf die Spur. Je mehr verstörende Ereignisse aus Steinbergs Vergangenheit er ans Licht bringt, desto mehr begegnen ihm Hass, Neid und Hysterie.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,25 MB
978-3-492-97250-5 (9783492972505)
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Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach unter anderem als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach einigen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Nicolas-Born-Preis und der Bettina-von-Arnim-Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo. Er veröffentlichte eine Vielzahl von Romanen, darunter »Der kretische Gast«, »Die Schatten der Ideen« und »Sunset«.

2


EIN NETZ UND EIN SUMMEN


Morgensonne reflektierte im Spiegel über der Wäschekommode, bildete auf dem Holzfußboden ein scharf umrissenes, leuchtendes Rechteck, durch das die dunklen Nuten zwischen den Dielen schnitten, und so wirkte der Lichtfleck wie ein Blatt liniertes, honiggelbes Papier. Darauf könnte man seine Träume notieren, dachte er im Erwachen, mit Traumtinte, in Traumschrift, die keine Hand, keinen Stift und keine Tastatur benötigt, sondern von Gedanken und Phantasien, Wahrnehmungen und Erinnerungen unmittelbar erzeugt wird. Und Schreibblockade ein Fremdwort. Jenseits des Lichtpapiers waren die derben Dielen dunkelbraun, fast schwarz. Wände und Zimmerdecke cremeweiß. Vor der Kommode lag der aufgeklappte Koffer. Die Traumschrift verblaßte, denn jetzt wußte Carlsen, wo er war, und blinzelte zur Armbanduhr, die er auf dem Nachttisch neben dem Bett abgelegt hatte. Zwanzig nach sieben. Also hatte er kaum fünf Stunden geschlafen, war aber nicht müde. Jetlag. In Deutschland begann schon der Nachmittag.

Als Hocki ihn heute nacht endlich aufgegabelt hatte, aus seinem Auto gestiegen, auf ihn zugegangen war, ihm kräftig die Hand geschüttelt, mehrfach auf die Schulter geklopft und sich wiederholt entschuldigt hatte, den »blöden Termin vermasselt« zu haben, hätte Carlsen ihn auch erkannt, wenn er nicht mit ihm gerechnet hätte. Hocki war so groß, breit, blond und blauäugig wie damals und hatte immer noch sein joviales, kumpelhaftes Grinsen. Nur seine Lachfalten waren zu tiefen Furchen geworden, sein eckiges Kinn hatte sich massig gerundet, die Schläfen waren seriös ergraut, und er schob jetzt auch einen gewaltigen Bauch vor sich her, der sich ballonartig unter einem dunkelblauen Polohemd wölbte. Sie waren dann eine Viertelstunde durch die Nacht gefahren, bis zu diesem Haus.

»Es ist eins der Gästehäuser vom College«, hatte Hocki erklärt, »liegt etwas off campus, aber schön. Szenischer Blick auf die Berge und alles.« In der Dunkelheit war kaum etwas zu erkennen gewesen. Von ferne hatte Carlsen Wasser rauschen gehört. »Beaver Creek«, hatte Hocki gesagt, »kann man großartig baden.«

Sie hatten einen schnellen Rundgang durchs Haus gemacht und noch eine halbe Stunde am Küchentisch gesessen, eiskaltes Flaschenbier getrunken, das Hocki mitgebracht hatte, »Beaver Creek Summer Ale, kein deutsches Pils, sorry, kann man aber großartig trinken«, und über Belanglosigkeiten geplaudert. »Und was hier wichtig ist«, hatte Hocki gesagt, »erzähl ich dir morgen.«

Bei der zweiten Flasche waren Carlsen die Augen zugefallen. Hocki hatte ebenfalls gegähnt, hatte angekündigt, ihn zum Frühstück hier wieder abzuholen, und sich verabschiedet.

Carlsen stellte sich unter die Dusche. Die Installationen im Bad waren neu, aber das Haus war alt. Die Bodendielen knarrten bei jedem Schritt, einige Türen klemmten in den Rahmen. In der Luft hing ein süßlich-strenger Geruch, der ihm vertraut vorkam. Es gab eine Küche mit hölzernen, weiß gestrichenen Einbauschränken, einer Hintertür nach draußen und einer niedrigen Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift Watch Your Step hing. Dahinter führte eine wackelige Stiege in einen Kellerraum. Grobes, gekalktes Mauerwerk; Heizungskessel, Waschmaschine, Wäschetrockner; ein Regal mit Wasch- und Putzmitteln und einem aufgerissenen Karton voller Haushaltskerzen; zwei weitere Regale mit Werkzeugen, Farbeimern, Pinseln; unter der Stiege Kisten und Kartons; an der Wand ein Sicherungskasten für die Hauselektrik.

Von der Küche gelangte man durch einen türlosen Durchgang mit Rundbogen ins Wohnzimmer, beherrscht von einem mächtigen, aus Feldsteinen gemauerten Kamin. Davor standen im Halbkreis eine Couch und zwei tiefe Sessel aus abgewetztem, flaschengrünem Leder; ein rundes Tischchen; eine Vitrine mit Gläsern; ein Fernsehgerät und eine kleine Stereoanlage auf einem Sideboard. Neben dem Schlafzimmer gab es einen als Büro eingerichteten Raum. Auf einem grauen Metallschreibtisch ein Tastentelefon und ein Monitor mit Tastatur; Rechner und Drucker standen in einem Bücherregal, in dem sonst nur ein paar Zeitschriftenstapel verstaubten.

Es gab keine Klimaanlage, aber in jedem Raum hing ein Ventilator an der Zimmerdecke. Carlsen zog an dem herabbaumelnden Zugschalter. Die Rotation wirbelte den Geruch durch die stille Luft. Bohnerwachs, wußte er plötzlich. Es war der Geruch von Bohnerwachs aus Kindertagen, der aus den Bodendielen dünstete. Vom Wohnzimmer ging eine Tür auf eine überdachte Veranda, die an der Vorderfront und an beiden Seiten des Hauses entlanglief und vollständig mit Fliegendraht eingefaßt war. Neben der Eingangstür standen ein hölzerner Schaukelstuhl und ein runder Hocker, im hinteren Teil der Veranda lagen Klappstühle aufgestapelt. Alles war sauber, die Fenster geputzt, aber das ganze wirkte unbewohnt, erkaltet, aufgegeben.

Er drückte die Fliegendrahttür auf und ging über drei Holzstufen auf den Zufahrtsweg. Die Zugfeder ließ die Tür hinter ihm gegen den Rahmen knallen. In der Morgenstille klang das wie ein Schuß. Jetzt also der »szenische Blick auf die Berge und alles«, der durch die Drahtmaschen gefiltert wie ein grob gerastertes Foto ausgesehen hatte. Umstanden von alten Ahornbäumen lag das Haus an einem grasbewachsenen Hang, an dessen Fuß sich der Beaver Creek wie eine grünblau glitzernde Riesenschlange durchs Weideland schob. Die geschotterte, mit Schlaglöchern übersäte Zufahrt führte zu einer schmalen Brücke und mündete auf der anderen Flußseite in eine Straße, über die lebhafter Autoverkehr von und nach Centerville zog. Das Städtchen lag ein paar Kilometer flußabwärts, und dahinter erstreckte sich das weitläufige Collegegelände über einen Hügel. Den östlichen Horizont begrenzten die grünen Berge, denen Vermont seinen Namen verdankt. Voici les verts monts! Da, seht die grünen Berge! soll der französische Entdecker Samuel de Champlain ausgerufen haben, als er im frühen siebzehnten Jahrhundert in Begleitung eines katholischen Missionars und einiger indianischer Scouts von Kanada nach Süden über den See gekommen war, der heute seinen Namen trägt. Die bewaldeten Bergketten und Hügel sahen im Morgenlicht eher blau als grün aus, erstarrte Wellen eines Meeres, dessen Ferne zum Greifen nah schien. Flußaufwärts lagen vereinzelte Farmhäuser, deren rot gestrichene Rundscheunen und röhrenförmige Aluminiumsilos wie fette, künstliche Blüten aus dem Grün und Gelb des Weidelands stachen.

Carlsen schlenderte zur Brücke, eine mit armdicken Holzbohlen verplankte, einspurige Eisenkonstruktion, unter der das Wasser in rasender Strömung dahinschoß und nach etwa hundert Metern über Stromschnellen abwärtsschäumte. Das Tosen war bis zur Brücke zu hören, und über den Fällen hing als Dunstschleier aufsprühende Gischt in der Luft. Während er wieder zum Haus zurückging, wirkte es nicht mehr abweisend und verlassen, sondern strahlte in seiner Schlichtheit eine absichtslose Schönheit aus. Überm dunklen Sockel aus Feldsteinen erhoben sich die weiß gestrichenen Holzwände, auf den Fenstern reflektierte Sonnenlicht, und an einer Giebelseite des altersgrauen Schindeldachs ragte zwischen Baumkronen der Schornstein des Kamins in den Himmel, als sei er nicht gemauert worden, sondern gewachsener Fels, an dessen Beständigkeit sich das Haus wie schutzsuchend schmiegte. Schade, daß jetzt kein Rauch aufsteigt, dachte Carlsen. Der Anblick hatte etwas rührend Wehmütiges, Anheimelndes - ein Zuhause, zu dem man gern zurückkehrt. Weil ihm der Gedanke zu sentimental vorkam, dachte er vorsichtshalber: ein Haus, mit dem man Werbung für Ahornsirup machen könnte.

Er ging auf die Rückseite, gegen die vom Boden bis zur Dachtraufe Brennholz gestapelt war, mit dem wohl wolkenweise anheimelnder Rauch zu machen wäre; nur die schmale Hintertür zur Küche war freigelassen. Ein Trampelpfad lief durchs hohe Gras weiter hügelaufwärts. Auf der Kuppe überblickte man sanft rollendes, gelbgrünes Hügelland, dazwischen Farmhäuser, Baumgruppen und Wäldchen, vereinzelte Asphaltbänder der Straßen, und am Horizont, viel ferner als die grünen Berge und doch zum Greifen nah, schroffe Grate, Gipfel und Kämme der Adirondacks. Von hier oben sahen die unregelmäßigen Rechtecke der Dachschindeln wie ein grobmaschiges Netz aus, übers Haus geworfen, um einzufangen oder festzuhalten, was unter diesem Dach je vor sich gegangen war. Vielleicht würde dies Netz auch die Gedankenfluchten bündeln, die Carlsens Schreibblockade schon viel zu lange ausbrütete, aber vermutlich war diese Hoffnung nur ein weiterer Schritt im Kreis lähmender Unproduktivität.

Von der Hauptstraße bog ein Wagen ab, rollte langsam über die Brücke und kam die Zufahrt hinauf. Es war nicht der rote Volvo, mit dem Hocki ihn nachts herchauffiert hatte, sondern ein dunkelgrüner Toyota Corolla. Als Carlsen am Haus ankam, stieg Hocki aus und drückte ihm den Wagenschlüssel in die Hand.

»Mit Komplimenten vom College«, sagte er. »Das ist sozusagen deine Dienstlimousine. Sehr dezent, ziemlich alt, aber fährt noch okay. Das College spart immer am falschen Ende, besonders«, er lachte, »besonders, wenn's um mein Salär geht. Obwohl es im Teig rollt.«

»Obwohl es was?«

»Im Teig . O Gott, mein Deutsch rostet wirklich. Rolling in dough? Obwohl das College im Geld schwimmt. Egal, jetzt wollen wir erst mal frühstücken.«

Hocki setzte sich auf den Beifahrersitz, Carlsen fuhr. Als sie an der Brücke ankamen, ermahnte Hocki ihn, das Tempo zu drosseln. In der Sommerhitze lockerten sich manchmal die Bolzen der Beplankung, und im Winter, das würde Carlsen noch erleben, sei die...

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