Le und die Knotenmänner

 
 
ROWOHLT Repertoire (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Oktober 2018
  • |
  • 218 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-688-11557-0 (ISBN)
 
Le Holm: dreißig Jahre, von Beruf Gymnasiallehrerin, geschieden, eine sechsjährige Tochter, allein lebend in Kopenhagen. Le Holm: klug, gebildet, selbstsicher, frei; eine Frau, die sich beneidenswert findet. Und sich eines Tages das Leben nimmt.
Es muß noch eine andere Le gegeben haben, und ihr spürt Herdis Møllehave in diesem Roman nach. Eine abhängige Le, die an den «Knotenmännern» gescheitert ist, den Männern mit den versiegelten Seelen und versteinerten Gefühlen.
Den «Knotenmännern» ist dieses Buch gewidmet.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,78 MB
978-3-688-11557-0 (9783688115570)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Herdis Møllehave (1936-2001) war eine dänische Sozialarbeiterin und Autorin.

Le


Das Unfertige ist gleichzeitig das Freie

Le war ein Mensch, der andere Menschen sehr ernst nahm. Ihre Ansichten. Was sie sagten. Ihre Standpunkte.

Sie dachte viel über alles nach, was man ihr sagte.

Natürlich bezog sich das Ernstnehmen in erster Linie auf Menschen, die sie gern hatte. Menschen, für die sie sich engagierte oder mit denen sie durch ihren Beruf in engerem Kontakt stand.

Besonders ernst nahm sie die Männer, zu denen sie sich hingezogen fühlte. Und ihr Engagement für diese Männer war häufig eine starke Belastung für sie.

Sie meinte selbst, daß sie viel zuviel Zeit darauf verwendete, darüber nachzudenken, was sie gesagt hatten. Warum sie so handelten, wie sie handelten. Sie brauchte auch sehr viel Zeit, um zu überlegen, was sie sagen und tun könnten und wie sie in dem Fall antworten, handeln oder sich verhalten würde.

Situationen, die vielleicht nie eintreten würden, hatte sie auf diese Weise schon häufig im voraus durchdacht.

Oft traten aber gerade diese Situationen ein. Das lag weniger an einer besonders intuitiven Begabung; und für die sogenannte «weibliche Intuition» hatte sie auch nur ein Achselzucken übrig. Hielt sie für eine lächerliche Behauptung.

Daß solche Situationen tatsächlich oft eintraten, lag eher daran, daß es in ihrer Phantasie so viele verschiedenen Varianten desselben Ereignisses gab, so daß es fast zu einer Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit wurde, ob dieser Fall eintreten würde oder nicht.

Zum Beispiel in einer Liebesbeziehung oder bei einer Begegnung oder einem Gespräch.

Das Eintreten einer solchen Situation empfand sie selten als Hilfe oder Erleichterung, obwohl sie auf diese Weise wußte, wie sie handeln oder antworten würde, bzw. mußte.

Eigentlich wäre sie in ihren Reaktionen lieber viel spontaner gewesen und nicht so reflektiert.

Sie hatte auch Angst, dauernd wie jemand zu wirken, der allzu sicher war, der immer eine Antwort parat, der immer die Situation unter Kontrolle hatte. Sie wußte, daß die meisten Leute - jedenfalls fast alle Männer -, mit denen sie in Berührung kam, sie so sahen. Und daß sie durch ihre scheinbare Sicherheit oft etwas abschreckend wirkte.

Es war ihr aber eigentlich egal, ob man sie so einschätzte.

Denn sie hatte die Erfahrung gemacht, daß man sie durchschaute, wenn sie sich anders gab, als sie war. Oder schlimmer: daß sie zu irgendeinem Zeitpunkt aus der Rolle fiel.

Ihr wirkliches Problem bestand darin, daß auch die Sicherheit, mit der sie auftrat und nach der man sie beurteilte, daß auch die nur eine Rolle war. Le war - das wußte sie selbst -, was ihre Sicherheit bzw. Unsicherheit betraf, äußerst ambivalent. Sie fühlte sich oft gleichzeitig wehrlos und ängstlich und andererseits selbstbewußt und von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt.

Sie versuchte auch so gut wie möglich zu verheimlichen, daß sie, sobald sie zu irgend etwas Stellung genommen oder eine Entscheidung getroffen hatte, hinterher immer in Zweifel geriet.

Sie deckte diese Zweifel selten auf, benötigte aber sehr viel psychische Energie und Zeit, um solch eine Situation oder Entscheidung erneut zu durchdenken, um festzustellen, ob sie richtig gehandelt hatte.

Um festzustellen, ob sie anders besser gehandelt hätte.

 

Le wurde dreißig. Bis vor zwei oder drei Jahren hatte sie ihr Leben relativ unkompliziert gefunden.

Die Depressionen und Anfälle von Angst, die sie während der letzten Jahre ab und zu erlebt hatte, waren aber so ungeheuer plötzlich aufgetreten, daß Le schon allein aus diesem Grund erschrocken war. Wenn sie zurückdachte, gab es eigentlich nur eine Tatsache, die ihr als Vorahnung, als Warnung hätte dienen können.

Mit vierundzwanzig hatte sie eine Tochter bekommen. Schwangerschaft und Geburt waren völlig unkompliziert verlaufen, sie hatte während der ganzen Zeit keinerlei Beschwerden, nicht einmal die allergewöhnlichsten.

Aber jedesmal, wenn sie ihr Kind stillte, hatte sie ein sonderbares Erlebnis.

In dem Augenblick, wo sie das Kind an die Brust legte, hatte sie ein Gefühl, eine Wahrnehmung, die sich nicht mit Worten beschreiben ließ. Sie fühlte nur buchstäblich und in übertragenem Sinn die Richtigkeit des Satzes: «Ihre Welt brach zusammen.»

Das Ganze dauerte immer nur wenige Sekunden, höchstens eine Minute, aber das Gefühl war jedes Mal grauenvoll.

Dann war es weg, und sie genoß es, das Kind zu stillen, tat es verhältnismäßig lange, hatte, nachdem sie ihr Studium wieder aufnahm, noch relativ lange Milch und richtete sich in ihrem Zeitplan hauptsächlich nach dem Kind, damit es seine Milch von ihr bekam, nachts bei ihr sein konnte und so lange wie möglich gestillt wurde.

Als die Milch aufhörte und das Kind nicht länger an ihrer Brust saugte, gerieten diese Erlebnisse, die sie auf eine Drüsendisfunktion oder hormonale Störungen zurückführte, in Vergessenheit.

Sie hatte versucht, mit ihrem Mann, Jacob, darüber zu sprechen, aber gerade weil es sich nicht mit Worten erklären ließ und weil der Vorfall als solcher immer nur sehr kurz war, nahmen beide die Sache nicht weiter ernst.

Ein Jahr später wurden Jacob und sie aus ganz anderen Gründen geschieden. Sie sahen sich regelmäßig, denn Jacob hielt die Beziehung zu ihrem gemeinsamen Kind, ihrer Tochter Marianne, aufrecht. Sie war jetzt sechs Jahre alt und besuchte den Kindergarten.

 

Le war eigentlich ein beneidenswerter Mensch.

Das meinte sie selbst zumindest. Sie fühlte sich vom Schicksal ziemlich privilegiert und schämte sich deshalb oft, daß gerade sie, verglichen mit anderen Leuten und deren Problemen, psychisch so hypersensibel reagierte.

Deshalb verheimlichte sie auch ihre Depressionen und Angstanfälle vor allen außer denen, die ihr wirklich nahestanden.

Sie verheimlichte sie insbesondere vor Männern, in die sie sich verliebte, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß das etwas war, dem Männer entweder vollkommen verständnislos gegenüberstanden oder vor dem sie sich zurückzogen, aus Angst, in ihre Problematik involviert zu werden.

 

Le hatte mit neunzehn Jahren angefangen zu studieren. Da sie immer an Literatur interessiert gewesen war, gab es für sie bei der Wahl ihres Studiums keinen Zweifel. Sie machte das Magisterexamen in Dänisch und war mit fünfundzwanzig Jahren fertig.

Als Nebenfach hatte sie Theologie.

Die Wahl lag nahe, denn sie interessierte sich für theologische Fragestellungen. Das kam vor allem deswegen, weil ihr inzwischen verstorbener Vater Pfarrer gewesen und zu Hause während ihrer ganzen Jugend viel über Theologie diskutiert worden war.

Wenn man sie fragte, ob sie an Gott glaube, antwortete sie ja. Das stimmte zwar, war aber wesentlich komplizierter, als sie es formulierte.

Kompliziert aus vielerlei Gründen, besonders aber, weil sie aus Erfahrung wußte, daß der Glaube vor allem eine Frage der Sozialisation war. Wäre sie in einer Familie mit völlig anderen Ansichten aufgewachsen, hätte sie unter Umständen etwas anderes vertreten als das, was man eine christliche Lebensanschauung nennt.

Mit dreiundzwanzig verliebte sich Le in einen etwas älteren Studenten, Jacob, und da sie bald danach schwanger wurde, heirateten sie.

Sowohl ihre als auch seine Eltern akzeptierten Schwangerschaft und Ehe und liehen ihnen Geld zur Abzahlung eines Hauses, in dem sie zusammen mit ihrer Tochter Marianne lebten.

Das Haus lag in einer der Nachbargemeinden von Kopenhagen. Als sie das Staatsexamen gemacht hatte, bekam sie ohne Schwierigkeiten eine Anstellung an einem in der Nähe gelegenen Lehrerausbildungsseminar. Die Arbeit gefiel ihr, und sie war dort inzwischen seit fünf Jahren tätig, überwiegend beliebt bei Studierenden und Kollegen und in gutem Einvernehmen mit dem Rektor.

Sie unterrichtete nur Dänisch, der Unterricht machte ihr großen Spaß, und sie mochte das Gefühl von Verantwortung, immer auf dem neuesten Stand ihres Fachgebietes sein zu müssen und die neuesten Publikationen gelesen zu haben. Auch auf den persönlichen Kontakt, den sie mit den Studierenden während der Studienberatungsstunden hatte, legte sie großen Wert.

Das merkwürdige an Les Depressionen und Angstanfällen war, daß sie niemals im Seminar auftraten oder sie bis dahin verfolgten. Selbst in Zeiten, wo sie ständig deprimiert war, hielt sie ihre Unterrichtsstunden ab, ohne daß ihr irgend jemand etwas hätte anmerken können. Sie konnte sogar witzig und ausgelassen sein, um dann, wenn sie nach Hause kam, nur noch den Wunsch zu haben, sich entweder im Bett zu verkriechen oder sich mit Tabletten oder Alkohol zu betäuben. Sie trank hauptsächlich Wein. Wenn sie fand, daß es zuviel wurde, nahm sie Antabus-Tabletten, ein Präparat gegen Alkoholmißbrauch, und hatte die etwas unrealistische Vorstellung, ihren Alkoholverbrauch damit selbst zu kontrollieren.

Andererseits wollte sie nicht fortwährend Antabus nehmen, denn sie spürte natürlich, daß die ständige Anwendung des Präparates zu einer Degradierung jener Willensstärke führte, in deren Besitz sie sich glaubte und mit der sie meinte das Trinken noch steuern zu können.

Sie war auch gezwungen, zwischen Wein und Tabletten abzuwechseln, da es immer wieder Schwierigkeiten bereitete, ohne Rezept an die Tabletten heranzukommen. Denn sie scheute sich, ihrem Arzt zu erklären, wie ernst ihre psychischen Beschwerden zeitweilig waren. Und auch, weil sie selbst sie nicht ernst nehmen wollte.

Im Zusammenhang mit einem Selbstmordversuch war sie bei einem Psychiater gewesen, der sie mit einer medikamentösen Langzeittherapie behandelt hatte, die eine positive Wirkung zeigte. Aber diese Art von...

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