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Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. Januar 2023
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-60195-5 (ISBN)
 

In Bodo Völxens Dienststelle herrscht Chaos: Anwärter Joris Tadden soll gleich zwei Kommissare vertreten, die für unbestimmte Zeit ausfallen. Die Frauen schwärmen für den waschechten Friesen, aber Völxen sieht nur die Unerfahrenheit. Außerdem schlägt er sich mit der geltungssüchtigen Bloggerin Charlotte Engelhorst herum, die sich verfolgt fühlt und jeden auf infame Weise verdächtigt. Zu Unrecht? Doch dann verunglücken Personen aus ihrem Umfeld tödlich. Ist ein Follower tatsächlich zum Verfolger geworden? Völxen lässt sein Team ermitteln, nicht ahnend, dass auch der suspendierte Erwin Raukel im Hintergrund mitmischt.

1. Auflage
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 5,96 MB
978-3-492-60195-5 (9783492601955)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Susanne Mischke wurde 1960 in Kempten geboren und lebt heute in Wertach. Sie war mehrere Jahre Präsidentin der "Sisters in Crime" und erschrieb sich mit ihren fesselnden Kriminalromanen eine große Fangemeinde. Für das Buch "Wer nicht hören will, muß fühlen" erhielt sie die "Agathe", den Frauen-Krimi-Preis der Stadt Wiesbaden. Ihre Hannover-Krimis haben über die Grenzen Niedersachsens hinaus großen Erfolg.

Samstag, 2. April 2022, am Vormittag, so gegen zehn Uhr

»Willst du nicht mal die Sonnenbrille absetzen, Bodo? Ich komme mir vor, als würde ich mit einem Mafioso frühstücken.«

Hauptkommissar Bodo Völxen und seine Frau Sabine nehmen ihr spätes Frühstück auf der Terrasse ein, wobei es Völxen an diesem Samstagmorgen mit Kaffee und einem trockenen Knäckebrot noch sehr langsam angehen lässt. Mehr geht nicht. Sein Schädel brummt wie ein Bienenschwarm, und bei jeder schnellen Bewegung sticht es in seinem Kopf. Die Abschiedsfeier seiner besten Mitarbeiterin, Oda Kristensen, gestern Abend hat ihre Spuren hinterlassen, sowohl körperliche als auch seelische.

»Zu hell.«

Seine Gattin quittiert den Hinweis mit einem, wie ihm scheint, leicht schadenfrohen Lächeln. Sie war auch dabei, aber als Chauffeurin hat sie sich mit Apfelschorle begnügt. Deshalb ist sie heute fit wie ein Turnschuh, er dagegen fühlt sich eher wie ein Turnbeutel.

»Das war gestern schon das zweite Mal in zwei Wochen, dass du dich betrunken hast.«

»Führst du Buch über meine Räusche?«

»Du hast mir noch immer nicht gesagt, wo du beim letzten Mal gewesen bist.«

»Dienstgeheimnis«, antwortet Völxen und rückt seine uralte Ray-Ban auf der Nase zurecht.

»Ich könnte dir einen Sauerampfer-Spinat-Smoothie mit Zitronensaft und Honig machen.«

»Hol mir lieber einen Rollmops und ein Stützbier.«

Sabine verdreht die Augen, was Völxen als Ablehnung deutet.

Er lehnt sich zurück und lässt hinter der Sonnenbrille seinen Blick durch den Garten schweifen, in dem es frühlingshaft grünt, blüht und summt. Tulpen in den wildesten Farben und Mustern sind aufgegangen, im Hochbeet sprießt der Salat, und die ersten Erdbeeren, zwar noch klein und blass, verheißen künftige Genüsse. Neulich ist ihm die Bemerkung entschlüpft, das Gemüsebeet sehe, verglichen mit dem drüben, beim Hühnerbaron, ziemlich unordentlich aus. Prompt musste er sich einen Vortrag über biologisches Gärtnern und Permakulturen anhören, welcher erst verstummte, als Völxen sich für seine unqualifizierte Bemerkung entschuldigte und hinzufügte, solange sie keine mit Kuhdung gefüllten Hörner bei Vollmond vergrabe, sei alles in bester Ordnung.

Seit Sabine vor zwei Jahren die Zahl ihre Unterrichtsstunden im Fach Klarinette an der Musikhochschule reduziert hat, widmet sie sich voller Eifer der eigenen Scholle. Zuvor haderte sie immer wieder einmal mit dem Landleben, aber inzwischen scheint sie völlig darin aufzugehen und setzt neuerdings sogar auf Selbstversorgung in Sachen Obst und Gemüse. Anfangs hat Völxen das ambitionierte Vorhaben belächelt, doch längst zeigen sich die Erfolge, auch wenn es mit der Selbstversorgung noch nicht hundertprozentig klappt. Die Früchte der eigenen Arbeit sowie ein Regal voller Einmachgläser und genug Marmelade für die nächsten zehn Jahre vermitteln Sabine - und, zugegeben, auch ihm selbst - ein wenig das Gefühl von Kontrolle und Autonomie. Damit erfüllt der Garten einen wertvollen therapeutischen Zweck, der in Zeiten wie diesen nicht zu unterschätzen ist. Natürlich wird einem nichts geschenkt. Es ist es ein ständiger Kampf, es gilt, Widrigkeiten zu trotzen, als da wären: Hagel, Sturm, Schadinsekten, Raupen, Pilzbefall, Stare im Kirschbaum und die schlimmste aller Plagen: ein buddelnder Terrier.

Apropos Tiere . »Wir müssen unbedingt noch vor Ostern die Schafe scheren.«

»Ohne mich«, erwidert Sabine. »Ich hol mir nicht wieder ein blaues Auge von deinem Bock wie im letzten Jahr.«

Die Schafschur ist wirklich kein Vergnügen. Besonders der Schafbock Amadeus zeigt sich dabei ausgesprochen - nun ja, bockig. Ihn an die Schermaschine zu bekommen verlangt sowohl nach den Fähigkeiten eines Profiringers als auch nach denen eines Matadors.

»Warum engagierst du keinen professionellen Scherer? Das wäre auch besser für deinen lädierten Rücken«, schlägt Sabine vor.

»Als ob sich einer wegen fünf Schafen hierherbequemt! Außerdem sind die Kerle viel zu grob. Das eine Mal, als doch einer kam, waren Salomé und Mathilde danach wochenlang traumatisiert.« Völxen erhebt sich, seinem Zustand entsprechend, mit gravitätischer Langsamkeit vom Stuhl. »Ich sehe mal nach den Schafen.« Noch immer nicht ganz er selbst, trottet der Hauptkommissar durch den Garten, vorbei am Geräteschuppen und dann zur Obstwiese, gefolgt von Oscar, der sein Herrchen fröhlich kläffend umspringt.

»Oscar! Schluss mit dem Radau, mir platzt gleich der Schädel!«

Ein Hinweis, der den Terriermischling nicht die Bohne interessiert.

Sabine Völxen stellt die Reste des Frühstücks auf das Tablett und schenkt sich eine weitere Tasse Kaffee ein. Nur noch einen Moment die Sonne genießen. Sie schließt die Augen und lässt die Geräuschkulisse eines Samstagvormittags in ländlicher Umgebung auf sich wirken: das Keifen der Spatzen, das Krächzen einer Krähe, das Brummen diverser Rasenmäher, das Aufheulen hochgedrehter Motorräder auf der nahen Bundesstraße. Irgendwo bellt ein Hund, und drüben, beim Hühnerbaron, jault eine Kettensäge. Nun piept auch noch ihr Handy. Es vermeldet einen neuen Beitrag von Über den Gartenzaun. Wie schön!

Sabine nimmt die Tasse mit ins Haus, um sich das Video auf dem größeren Bildschirm des Laptops anzusehen. Jetzt, im Frühjahr, stellt Charlotte Engelhorst fast täglich einen neuen Beitrag ein. Meistens werden in den Videoclips Gartenthemen behandelt, aber längst nicht nur. Der Name Über den Gartenzaun ist Programm, es fühlt sich tatsächlich an, als träfe man eine gute Nachbarin und Freundin am Zaun und spräche mit ihr über dies und das, was eben gerade anliegt. Wobei das Gespräch in diesem Fall natürlich etwas einseitig ist und man bestenfalls einen Kommentar hinterlassen kann. Doch das tut der Sache keinen Abbruch. Sabine mag die herzerfrischende Art, in der die Frau frei von der Leber weg über Gott und die Welt und ihre Mitmenschen plaudert, man könnte auch sagen: lästert.

Die Gartenfee, wie sie neulich von einer Moderatorin des Norddeutschen Rundfunks genannt wurde, ist vierundsechzig Jahre alt, woraus sie keinen Hehl macht, und damit nur wenige Jahre älter als Sabine Völxen. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb Sabine beim Betrachten ihrer Videos eine gemeinsame Wellenlänge und manchmal beinahe eine gewisse Seelenverwandtschaft zu spüren glaubt.

Vor sechs Jahren wurde Charlotte Engelhorst von ihrem Ehemann, einem Banker, verlassen, auch davon berichtete sie aufrichtig, zuweilen schon fast zu sehr. Sabine gehörte damals noch nicht zu Charlottes Fans, denn deren Rosenkrieg hätte sie wohl kaum interessiert. Sabine wurde erst zur Followerin, nachdem Charlotte Engelhorst geschieden war, einen heruntergekommenen Bauernhof in der Wedemark kaufte und damit einen ziemlich verwilderten Garten übernahm.

Dies erinnerte Sabine lebhaft an die Zeit vor dreißig Jahren, als sie und Bodo den alten, renovierungsbedürftigen Bauernhof südlich von Hannover erwarben. Hätte es damals schon Smartphones gegeben, hätte sie bestimmt ebenfalls einiges von dem festgehalten, was sie und ihr Gatte nach Dienstschluss und am Wochenende dort anrichteten. Das wäre heute sicher unterhaltsam. So gibt es von ihren dilettantischen Baumaßnahmen sowie der Anfangszeit als Schafhalter beziehungsweise Gärtnerin nur ein paar verwackelte Videos auf VHS-Kassetten, die schon ewig lange keiner mehr angeschaut hat. Ist vielleicht auch besser so.

Charlotte Engelhorst, die, wie sie regelmäßig betonte, die Nase gestrichen voll hatte von Männern und festen Beziehungen, gründete auf ihrem Hof eine zünftige Wohngemeinschaft. Früher hätte man es eine alternative Land-WG genannt, aber inzwischen ist das einst Alternative eher die Norm. Charlotte Engelhorst ließ ihre Fangemeinde von Beginn an regen Anteil an diesem Projekt nehmen, und auch Sabine verfolgte, wie sie die Wildnis in ein kleines Paradies verwandelte. Die Wohngemeinschaft bestand anfangs vorwiegend aus Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Von der Schamanin mit grauem Wallehaar bis zu einer sehr burschikosen, wahrscheinlich lesbischen Schreinerin mit einem Kreuz wie ein Gewichtheber war alles dabei. Inzwischen ist die Gemeinschaft deutlich kleiner geworden, dennoch sind die Erlebnisse und Querelen, die sich daraus ergeben, bisweilen Thema ihrer Videos. Charlottes Ehrlichkeit geht dabei bis an die...

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