Kontrast

Krisenausgabe
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2020
  • |
  • 268 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-3936-2 (ISBN)
 
Aus aktuellem Anlass gibt es diese stark verbilligte Krisenausgabe, bei der ich auf Verdienst verzichte.
Über die Romane von Phil Mira schreibt Jan-Paul Koopmann in seinem Jahresrückblick 2019 in der TAZ : Und die sind wirklich herausragend ...

Zwei Welten, das Analoge und das Digitale. Der Kontrast schien bisher keine Rolle zu spielen.

Ricky und Ricky, das unzertrennliche Paar - so werden Ricarda und Eric von den Freunden gesehen. Aber Ricarda wird in der letzten Zeit mehr und mehr bewusst, wie verschieden sie beide sind. Eric, dem Entwickler von Computerspielen, ist alles Lebendige suspekt, während sie das Leben auskostet.
Ricarda versenkt sich mehr und mehr in die Erinnerung an einen Mann, der ihr in Italien am Lago di Garda begegnete. Filippo, der in Hamburg lebt, ihrem Sehnsuchtsort, den sie Erics wegen verlassen musste.

Weitere Romane und Informationen unter www.philmira.de
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,26 MB
978-3-7519-3936-2 (9783751939362)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Phil Mira versucht, dem Wesen des Menschen auf die Spur zu kommen, diesem Pendeln zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Verantwortung und Begehren.
Erleben wird hier in Sprache verwandelt, bis Klang, Rhythmus und Bedeutung eine harmonische Verbindung eingehen.

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1


TAUBHEIT


Sie beobachtet, wie er am Verschluss der Mineralwasserflasche dreht, dabei mit herunterbaumelnder Hand nur die Fingerkuppen benutzt, noch eine Weile weiterdreht, obwohl keine Windung mehr am Glas sein kann, in die der Verschluss einrasten könnte. Er setzt die Flasche schwungvoll auf das Glas, statt sie in der Luft schweben zu lassen, so dass es in ihren Ohren klirrt. Schließlich trinkt er mit lauten Schluckgeräuschen. Sie überlegt, ob das alles schon immer so war oder ob er sich das erst in letzter Zeit angewöhnt hat.

Als sie ihm sagt, dass der Kater seit zwei Tagen nichts gefressen habe und krank sein müsse, zuckt er nur mit den Schultern. Es interessiert ihn nicht, der Kater, den sie vergöttert, wird von ihm nur geduldet. Würde er bei einem Hund anders reagieren? Vermutlich nicht, er kann Tiere nicht ausstehen, doch er würde es niemals zugeben. Um zwölf hat sie einen Arzttermin und sie muss sich beeilen, aber sie kann ihn nicht bitten, den Kater, der sich irgendwo verkrochen hat, an die Schnauze zu fassen. Wenn sie heiß und trocken wäre, würde es bedeuten, dass er Fieber hat, in diesem Fall müsste er ihn sogar zum Arzt bringen. Das kann sie nicht verlangen und dem Tier ist es nicht zuzumuten, denn es merkt, wenn es nicht geliebt wird.

Die Fahrt und immer wieder das Denken an den Kater und an Eric, den Tierhasser. Das Licht fast schwammig, Sonnenstrahlen versuchen, Wolkenberge zu durchstechen. Bäume und Häuser wie verwackelte Fotos. Ihr Gesicht glüht, Beine und Unterleib fühlen sich eisig an. Nervös pustet sie ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, fährt hektisch und unkontrolliert, verpasst eine Abfahrt, ganz sicher kommt sie jetzt zu spät zu ihrem Termin. Eigentlich hätte sie es ja wissen müssen, als sie ihn vor vierzig Jahren traf, oder sind es neununddreißig?, sie hat keine Ahnung, hält nichts von Kennenlerntagen oder Hochzeitstagen, diesem ganzen romantischen Firlefanz. Hätte es zumindest ahnen können, dass so eine unterschiedliche Einstellung symptomatisch ist für das, was Eric und sie trennt. Aber hätte es sie davon abgehalten, ihn zu heiraten?

Alles Lebendige ist ihm suspekt, den ganzen Tag verbringt er in seinem Atelier und entwirft Spiele. Zeichnet mit Farbstiften auf riesige Whiteboards, die mit Computern verbunden sind. Setzt irgendwelche skurrilen Wesen und Gegenstände in ausgedachte Welten. Läuft zwischen den Boards hin und her, kritzelt etwas dazu, wischt anderes weg, fertigt anschließend Grundrisse an, Storyboards, Modelle. Dann erst kommt die Visualisierung, so viel hat sie begriffen. Eric wäre beleidigt, wüsste er, dass sie ihn in ihren Gedanken Spieleentwerfer nennt, drückt das doch in keiner Weise die Kompliziertheit oder Komplexheit, was auch immer, seines Berufs aus. Im Grunde verkörpere er zwei Berufe, sagt Eric, er sei Game-Designer und Game-Artist; vor allem game, nicht Spiel, das scheint extrem wichtig.

Den genauen Unterschied hat sie bis heute nicht kapiert, nur, dass es beim Design um die Regeln des Spiels geht und bei der Game-Art um die Entwicklung der Figuren und Objekte. Anfangs hat Eric mit Engelsgeduld versucht, ihr zu erklären, worauf es ankommt. Hat ihr beschrieben, was ein Setting ist oder ein Sprite oder ein Turnaround in T-Pose. All diese fachlichen Details, sie blieben undurchschaubar für sie. Sonderbar, dass sie bei allem, was ihr im Kopf herumschwirrt, keinen Unfall baut und den Weg ohne Probleme findet, normalerweise verfährt sie sich ständig. Noch sonderbarer, dass sie trotz allem pünktlich sein wird und an den Parkuhren vor der Klinik auf Anhieb einen Platz findet.

Wann wurden Sie geboren? Er mustert sie, herablassend und doch anerkennend; wie das gleichzeitig gehen kann, ist ihr ein Rätsel. Bleibt mit seinen Augen für einen Moment an ihren Beinen hängen, fleischfarben schimmerndes Nylon, zu dünn für den heutigen Tag, es ist Anfang März und sehr kalt. Guckt auf den oberen Rand der Karteikartenhülle, auf dem Name und Geburtsdatum stehen, rückt seine Lesebrille zurecht, guckt noch einmal. Dabei müsste der Orthopäde ihr Geburtsdatum kennen, der letzte Silvesterabend vor dem Ende des zweiten Weltkriegs. Das hätte sich ihm einprägen müssen, sie kommt schließlich seit Jahrzehnten hierher.

Sie haben die sechzig schon seit längerem überschritten, Frau Tener, können Sie denn nicht einfach in Würde altern? Er spricht die Zahl, jene absurden Ziffern, mit denen sie nichts zu schaffen hat, zu schaffen haben will, nicht aus. Nimmt immerhin Rücksicht auf die Eigensinnige, die ihm gegenübersitzt, neben sich auf dem Boden eine große neongrüne Ledertasche, ihre Beine unter dem kurzen blumigen Rock - florale Muster sind jetzt wieder In, sagt die Boutique-Verkäuferin - übereinandergeschlagen und ihm einen der langstieligen Absätze ihrer Pumps wie einen Degen entgegenrichtend. Ihre vom Skiurlaub braun gebrannten Unterarme hat sie lässig auf die Stuhllehnen gestützt, die an der Unterseite etwas schwabbeligen Oberarme werden von der hochgekrempelten Bluse verborgen. Ja, betont lässig, was will der eigentlich von ihr, der auf seinem Chefsessel Thronende. Ein Riese, anziehend, vor allem die Augen, früher strahlend, jetzt nur noch aufflackernd, wenn sie eine witzige Bemerkung macht. Aber wie soll man da weiterhin witzig sein oder lässig, wenn der Knochenarzt von einem erwartet, dass man alles sein lässt, was Spaß macht, schwarze Pisten, Pirouetten auf dem Eis, und im Sommer Inlineskaten, weit aufs Meer Hinausschwimmen ., fast alles. Auf die Knochen kommt es schließlich an in ihrem Alter, schon wieder dieses Wort oder ein Verwandter aus der Wortfamilie, welche gibt es denn noch, Kindesalter, Erwachsenenalter, uralt, steinalt, tot.

Der Orthopäde streicht sich geziert über seine hellgrauen Haare. Kräftig und dicht sind die, das ist selten bei einem, nicht bei einer, der nicht viel jünger ist als sie. Eric ist elf Jahre jünger und hat kaum noch Haare. Sie hat noch nie bemerkt, dass Eric sich mit seinen schmalen Händen einfach so über seinen kahlen Kopf und die rasierten Stoppeln gestrichen hätte. Wenn, dann tut er es energisch und mit einem Rest der Creme auf den Händen, mit der er sich zuvor das Gesicht eingeschmiert hat. Meistens ihre teure Nachtcreme, in die er hinter ihrem Rücken großzügig seine Finger getaucht hat.

Sie wippt übermütig, vielleicht auch nur unruhig mit ihrem Unterschenkel, stößt mit der Schuhspitze an ihre Tasche. Die, die alles enthält, von dem sie dachte, dass es ihre Würde zu bewahren helfe, Handy und Schlüssel natürlich; dann den Taschenschirm, es könnte regnen oder schneien; ihre Sonnenbrille und ihre Lesebrille; einen Roman aus Papier, keinen E-Reader, falls sie länger hätte warten müssen, sie musste kaum warten, als ehemalige Lehrerin ist sie privatversichert; das Schminktäschchen zur Ausbesserung der Gesichtsbemalung, sollte sie der Orthopäde zum Heulen bringen oder plötzlich küssen; drei Sorten von Mützen, für jede Art von Wind eine, den eiskalten, den mittelkalten oder den nur mäßig kalten; das Tablettenetui, sollte sie Probleme bekommen mit irgendwas, dem Kopf, dem Kreislauf, dem Magen . Nein nein, sie ist nicht ängstlich, wie die selbsternannte Psychologin, die gestern im Fernsehen die Handtaschen von Frauen begutachtet hat, beim Anblick ihrer vollgestopften Tasche annehmen würde, nur gern gewappnet und unabhängig. So braucht sie nicht darauf zu warten, dass ihr beispielsweise bei Kopfschmerzen von einem Mitleidigen Aspirin angeboten wird.

Das Pistenfahren zumindest sollten Sie lassen! Der Orthopäde setzt einen strengen Blick auf. Sie weigert sich vehement, er stutzt, Widerspruch ist er nicht gewöhnt. Sie versucht, ihn zu überreden, Sie können mir doch die Halswirbelsäule einrenken, so wie früher, dann wird diese komische Taubheit im Gesicht und in den Fingern schon weggehen!

Das funktioniert nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen! Dem Orthopäden ist bange, auf seiner Stirn winzige Schweißperlen bis unter die Ponysträhnen, vor ihrer fordernden Art, ihrer Halswirbelsäule, die brechen könnte, jener abstrakten Zahl, die für ihn konkret ist. Eng verknüpft mit den knochenmüden Körpern vor seiner Tür, niedergedrückt, schlurfend, im Rollstuhl sitzend. Er ist der Leiter der Klinik, der Professor Dr. Dr., zu ihm kommen die Hoffnungslosen. Sie müssen einen Neurologen konsultieren, er schaut jetzt besorgt, in der Hand ist durch das Skifahren vielleicht der Ulnaris entzündet, ein Nerv im Ellenbogen! Die Gefühlsstörung in der Wange lässt sich damit allerdings nicht erklären.

An der Tür umschließt er mit seiner großen kräftigen Hand vorsichtig ihre Hand, als berge er ein Vögelchen oder eine Eidechse; eines dieser vor Angst mit seinem Unterkiefer heftig pumpenden Tierchen, die bereits ihren Schwanz eingebüßt haben und die sie jeden Sommer vor ihrer Katze rettet. Drückt dann doch kräftig, eine Art Nachtreten. Die Spitze ihres Ringes bohrt sich in ihren Finger, sie schreit nicht auf, lächelt. Wenn es unbedingt sein muss, kaufen...

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