Das wahre ´Drama des begabten Kindes`

Die Tragödie Alice Miller
 
 
Kreuz Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. September 2013
  • |
  • 176 Seiten
 
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978-3-451-80041-2 (ISBN)
 
Mit Büchern wie "Das Drama des begabten Kindes"(1979) oder "Die Revolte des Körpers" wurde Alice Miller als Kindheitsforscherin weltberühmt. Ihr Ansatz von der Macht des verdrängten Kindheitstraumas prägte Millionen. Verborgen blieb dabei, dass sie im Umgang mit den eigenen Kindern vollkommen versagte. In diesem Buch meldet sich nun Martin Miller zu Wort und erzählt erstmals die tragische Lebensgeschichte seiner Mutter, die dem Warschauer Ghetto entkam und nach dem Krieg in der Schweiz ein neues Leben begann, in dem der Sohn weder als Kind noch als Erwachsener Platz hatte. Es ist das spannende Zeugnis einer verzweifelt-zerrütteten Mutter-Sohn-Beziehung.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 4,66 MB
978-3-451-80041-2 (9783451800412)
weitere Ausgaben werden ermittelt
geboren 1950, Sohn der Kindheitsforscherin und Weltbestsellerautorin Alice Miller, arbeitet als Psychotherapeut und Coach in Uster bei Zürich.
  • Intro
  • [Impressum]
  • Brief meiner Mutter vom 22. November 1987
  • I. Vorwort
  • Der Abbruch der Schweigemauer, ein komplexes Unterfangen
  • II. Das Ende - kein Grab für Alice Miller
  • III. Geerbte Identität - die Jüdin
  • Was meine Mutter erzählte: Die Schmerzen der Kindheit
  • Was ich herausfand: Alicija Englard und ihre Familie bis 1939
  • Das wahre Selbst und die subjektive Welt
  • IV. Verleugnetes Trauma - die Überlebende
  • Was meine Mutter erzählte: »Ich musste mich umbringen.«
  • Was ich herausfand: Alice Rostovska - Überleben in Warschau 1939-1945
  • Überleben mit dem falschen Selbst
  • V. Erzwungene Liebe - die Ehefrau
  • Gebändigter Hass - die Ehe meiner Eltern
  • Die Liebe und das Stockholmsyndrom
  • VI. Gewählte Fremdheit - die Emigrantin
  • Das neue Leben in der Schweiz 1946-1985
  • Sehnsuchtsort Provence 1985-2010
  • Virtuelle Botschaften aus dem Versteck - das Internet
  • Von der Unmöglichkeit des Neuanfangs
  • VII. Gefundene Freiheit - die Kindheitsforscherin
  • Meine Mutter als Psychoanalytikerin 1953-1978
  • Der Weg in die Freiheit
  • Das Glück des Schreibens - »Das Drama des begabten Kindes«
  • Variationen eines Lebensthemas - Alice Millers Krieg gegen die Eltern
  • VIII. Vererbtes Leid - die Mutter
  • Der stumme Zeuge - meine Kindheit und Jugend 1950-1972
  • Konrad Stettbachers Jüngerin - der verfolgte Sohn 1983-1994
  • Brief meiner Mutter vom 28. Mai 1998
  • Der Sohn als Verfolger - die Macht des Kriegstraumas
  • Das Ende 2009/2010
  • IX. Geprüftes Wissen - die Therapeutin
  • Der Wandel der Zeit seit dem »Drama des begabten Kindes«
  • Das Wissen um die eigene Biografie
  • Mentalisierung - die Theorie zur Methode Alice Millers
  • Der wissende Zeuge - die Beziehung zwischen Therapeut und Klient
  • Was bleibt vom »Drama des begabten Kindes«?
  • Der letzte Brief meiner Mutter vom 9. April 2010
  • X. Vom Brechen der Schweigemauer - ein Nachwort von Oliver Schubbe
  • Danksagung

St. Rémy, d. 22.11.87

Lieber Martin,

ich habe 30 Jahre gebraucht, um herauszufinden, dass ich so lange mit einem Mann lebte und 2 Kinder hatte, der mir in diesen vielen Jahren nicht ein einziges Mal zugehört hat + der mich niemals als das, was ich bin, je wahrgenommen hat. Im letzten Moment konnte ich mich vor der endgültigen Selbstzerstörung retten + zum Glück auch Julika. Dich konnte ich nicht retten; ich hatte es versucht: Ich wollte Dir eine Therapie bezahlen, die mir geholfen hat, Realitäten zu sehen, nachdem ich ihnen 60 Jahre lang ausgewichen bin und blind für sie war. Du hast mein Angebot mit großen Gesten ausgeschlagen und wolltest nichts darüber hören. Stattdessen beginnst Du immer mehr das Verhalten deines Vaters zu imitieren, offenbar ohne es zu merken, denn Du bestreitest das heftigst, wenn ich Dich damit konfrontiere.

Warum brauchte ich 30 Jahre, um die Augen zu öffnen? Warum brauchte ich 60 Jahre, um zu sehen, wie grausam, zerstörerisch, ausbeuterisch, durch und durch verlogen und lieblos meine Mutter war? Dass sie systematisch die Liebe und das Leben in mir zerstörte und später d. Gleiche mit meiner Schwester und meinen Neffen tat?

Weil die Verdrängung der Schmerzen aus der Kindheit so unheimlich stark ist + weil ich, um sie aufrechtzuerhalten, lernen musste, nichts zu merken, nicht zu fühlen + den verlogenen Versicherungen, sie würde mich »lieben«, zu glauben. Ich musste auch sehr früh lernen, zu helfen und verstehen zu wollen, wo nur Abscheu die einzige adäquate Reaktion gewesen wäre: Abscheu und Flucht zu anderen, liebesfähigeren Menschen. Aber mein Schicksal gab mir diese Möglichkeit nicht. Es gab für mich kein Entrinnen; ich wurde schließlich noch zur Retterin meiner Mutter, und als ich nach d. Krieg meinte, mich ihr endlich entziehen zu können, flüchtete ich zu einem Menschen, der ähnlich wie sie mit mir umging und den ich wieder retten + zum Leben erlösen wollte, damit er mich und die Kinder endlich leben ließe.

Aber man kann dem anderen nicht helfen, wenn er sich gar nicht in Frage stellen kann und sich großartig fühlen muss. Man kann auch den anderen nicht ändern, nur einzig und allein sich selber. Und nur, wenn man es wirklich will.

Diesen Willen hatte ich, weil ich trotz meiner Blindheit irgendwie ahnen musste, dass nicht alle Menschen so zerstörerisch sind wie meine Mutter und dass es verbrecherisch ist, auf Kosten der eigenen Kinder oder anderer Menschen, seine Macht aufzubauen. Ich sage jetzt, ich ahnte es, weil ich seit je auf keinen Fall so werden wollte, wie meine Mutter. Jede, auch die leiseste Ähnlichkeit, brachte mich in Verzweiflung, wenn ich sie realisierte, und ich ruhte nicht, bis ich sie auflösen konnte, indem ich die Situation mit dem anderen klären konnte – etwas, was meine Mutter niemals tat. Aber ich wusste im Grunde nicht, warum ich mich nicht mit ihr identifizieren wollte. Ich hatte Angst vor diesem Wissen. Niemals hätte ich früher denken und sagen dürfen: meine Mutter war ein grausamer Mensch, sie hat das Leben ihrer beiden Kinder ohne eine Spur des schlechten Gewissens zerstört und hielt sich für liebend und sorgend. Doch ich trug diese Wahrheit in mir, ich ahnte sie und suchte mein Leben lang nach Mitteln, die mir geholfen hätten, die Verdrängung aufzuheben.

Ich suchte sie vergeblich. In der Philosophie und in der Psychoanalyse. Dank dem Schreiben und Malen bekam die Wahrheit zuerst vage Konturen, und schließlich gelang es mir, in meiner Therapie, die volle Wahrheit über meine Kindheit zu entdecken.

Unter den vielen Menschen, die mir schreiben, finden sich immer wieder einzelne, die unbedingt wissen wollen, was ihnen einst geschah, und sehr viele, die auf keinen Fall wissen wollen, die sich mit d. Verdrängung ihrer Wahrheit gut arrangiert haben, sei es durch intellektuelle Abwehr, sei es durch destruktives Verhalten auf Kosten anderer, sei es durch Selbstzerstörung in Sucht. Sehr häufig finden sich alle drei Arten der Abwehr bei der gleichen Person.

Als Du im Juni hier warst, lebte in mir die Hoffnung auf, dass Du die Kraft + den Willen finden willst, Deine Gefühle zu leben, Deine Geschichte zu finden, Dein Kindheitsleiden aufzuspüren, es zu erkennen und Dich schließlich so von Deinen destruktiven und selbstdestruktiven Mustern zu befreien, bevor du selber Kinder hast und eine Familie gründest. Es schien mir, dass sich dein Herz in dieser Landschaft hier öffnen könnte und Du dem kleinen Martin vielleicht erlauben würdest, zu leben. Diese Hoffnung hat sich bei Deinem letzten Besuch nicht mehr aufrechterhalten lassen. Du scheinst es nicht, oder noch nicht, zu ahnen, was Dir eigentlich geschehen war. Du bist daher in Gefahr, andere für Deine Blindheit leiden zu lassen und dies als ganz richtig und normal zu empfinden.

Nach einer Pause von einigen Monaten fängst Du wieder an, mir die mir so bekannten Muster vor Augen zu führen: bei mir Deine geballte Wut auszulassen und dies umso mehr und ungehemmter, je freundlicher und herzlicher ich Dir begegne. Und jeder Versuch einer Klärung prallt an Deinem Geschrei ab – das Dich vorm Zuhören schützt.

Dieses Verhalten haben Deine Zellen früh gespeichert, aber Du hast dessen Bosheit offenbar nicht durchschaut, sonst wärst Du jetzt nicht so ahnungslos, wenn man Dich damit konfrontiert: Wie jetzt meine Herzlichkeit bei Dir, ist auch einst Deine kindliche Herzlichkeit mit Schlägen guttiert worden. Dass diese Schläge mit Versicherungen der Liebe und »Sorge um Dich« einhergingen, machte die Verwirrung noch größer. Denn du glaubtest diesen Versicherungen! Wie jedes Kind musstest du bei der Bratwurst vergessen, wie die Schläge wehgetan hatten. Aber Dein Gehirn hat das eine mit dem anderen gekoppelt und gespeichert: die Schläge und die Bratwurst (oder Schoggi oder Mohrenkopf). Und in Deinem Verhalten mir gegenüber lässt Du mich beides spüren, als wäre ich der kleine Martin und Du der große Boss, der mir nach Lust und Laune abwechselnd »Liebe« und Schläge verteilt und ahnungslos bleiben will.

Du leistest Dir dieses Verhalten bei mir nur, weil ich das Kind vertrete, keine Macht ausübe, Dich nicht erpresse, Dir keine panischen Ängste einjage und für das Gespräch mit Dir immer wieder bereit bin. Ich stehe zu meiner Haltung, aber die Rolle des Opfers kann und will ich nicht übernehmen. Ich lasse mich nicht mehr quälen und verführen, nicht einmal von meinem Sohn, zumal ich weiß, dass ihm das überhaupt nicht nützen würde. Solange Du Opfer findest, bleibt der kleine Martin eingesperrt und gefühllos, und Du meinst dem anderen etwas vorführen und vormachen zu können, das kaum jemand Dir auf die Länge abkaufen wird. Denn die Leere ist allzu deutlich spürbar, wenn das Kind in einem selber endgültig erdrosselt ist. Das habe ich zu Genüge erfahren. Auch die »tollsten« Rollen sind nur Fassaden + bleiben erbärmlich, wenn nicht lächerlich.

Du behandelst mich manchmal mit einem derart spürbaren Hass, als wäre ich einst Dein Verfolger gewesen. Das war ich aber nicht. Mit Sicherheit habe ich Deine Bedürfnisse nach Geborgenheit und Schutz nicht befriedigt, habe Dir vieles nicht geben können, was du brauchtest, und habe selber unter dieser Unfähigkeit gelitten. Dass ich als ungeliebtes Kind unfähig war, Dir genug Liebe zu geben, kann ich heute sehen. Aber dass entband mich nicht von der Verantwortung, die ich einging, als ich ein Kind haben wollte.

Du sagtest mir einmal, dass Dich dein Vater stets in meiner Abwesenheit geschlagen hatte. Das hätte ich erraten oder ahnen müssen und Dich nicht allein dieser Macht fahrlässig ausliefern dürfen. Und wäre ich selber einst ein beschütztes Kind gewesen, meine Antennen hätten mich gewarnt! Denn ich hatte ja genug gesehen, was sich in meiner Anwesenheit abspielte. Ich hätte Dich also als Kind unbedingt vor den Schlägen Deines Vaters schützen müssen. Dass ich zu wenig Mut hatte, die Wahrheit zu sehen und zu ertragen, vermindert nicht meine reale Schuld Dir gegenüber. Ich würde daher den Vorwurf akzeptieren, dass ich Dich tatenlos Misshandlungen überließ, weil dieser Vorwurf berechtigt und begründet ist. Auch alle anderen Vorwürfe, die begründet sind, kannst Du mir machen und sie überprüfen. Ich würde Dir Rede und Antwort niemals verweigern.

Aber ich weigere mich, für die unterdrückte Wut, die seine Schläge in Dir verursacht haben, das Ventil zu sein. Und ich weigere mich, das Kind zu sein, das Du auf den Kopf schlägst, aus welchen Gründen auch immer Du es tun musst. Denn ich war nicht Dein Verfolger.

Es war sehr traurig für mich, dass all meine Versuche, mit Dir hier ins Gespräch zu kommen und Fakten zu klären, an einer dicken Mauer abgeprallt sind. Aber das ließ sich noch als Abwehr meiner Vorwürfe irgendwie einordnen. Denn schließlich habe ich Dir Vorwürfe gemacht; dazu stehe ich.

Doch viel trauriger war für mich die Feststellung, dass Du mich manchmal aus heiterem Himmel angefahren hast, ohne dass ich Dir den geringsten Anlass dazu gegeben hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, Du würdest mich so behandeln, wie Dein Vater mich behandelt hatte, sondern dass Du mich in der gleichen Art traktierst, wie er mit Dir umgegangen ist. Denn ich fühlte mich plötzlich, einen Moment lang, wie ein von ihm total zerstampftes Kind, was ich ja selber nie bei ihm war; aber ich habe beobachten können, wie er mit Dir umging.

Es hat mich erschreckt und sehr nachdenklich...

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