Drei Köpfe

 
 
TWENTYSIX (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Dezember 2019
  • |
  • 196 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7407-9559-7 (ISBN)
 
Sommer 1984 in Florenz: Stefano ist reich, gutaussehend und genießt das Dolce Vita. Als sich sein bester Freund Marco, Sohn der Haushälterin, in die schöne Sandrine verliebt, wird aus Freundschaft Konkurrenz. Es entwickelt sich ein intrigantes Spiel um Liebe, Anerkennung und viel Geld, in dem eine Skulptur, die den Steinköpfen Amedeo Modiglianis sehr ähnlich sieht, eine besondere Rolle spielt.
Ein Lesevergnügen mit viel italienischem Flair.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,40 MB
978-3-7407-9559-7 (9783740795597)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Evi Miller ist 1967 in Pforzheim geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Gemälderestauratorin in Florenz. Danach studierte sie Kunstgeschichte, Empirische Kulturwissenschaft und Italienisch in Tübingen. Dort lebt sie mit ihrer Familie und arbeitet als PR-Redakteurin.

Die Villa Squadra


Die Party begann um sechs Uhr, und Sandrine würde mitkommen. Deshalb fuhr Marco schnell auf den Hof der Villa Squadra. Er wunderte sich über seinen Freund Stefano, der sich mit Wagenheber und Drehkreuz am blau lackierten Bentley zu schaffen machte. Der liebevoll gepflegte Oldtimer gehörte einer Freundin von Stefanos Großmutter. Jeden Dienstagnachmittag stand er von drei bis fünf Uhr an der gleichen Stelle. Während der Chauffeur einen kleinen Spaziergang zur nächsten Bar nach San Domenico machte, tranken die beiden alten Damen ihren Tee. Im Sommer auf der Veranda, im Winter im Salotto besprachen sie die wenigen Neuigkeiten aus einem Bekanntenkreis, der in Folge einer natürlichen Sterblichkeitsrate fast nicht mehr existierte. Stefano selbst eignete sich als Gesprächsthema nicht. Die Nonna gehörte nicht zu den alten Damen, die sich ihr Leben schönredeten. Sie schwieg lieber.

"Meine Kiste springt nicht an", sagte Stefano grußlos und ohne aufzublicken, als sein Freund neben ihn trat.

"Und eure Klapperkiste scheidet wohl aus." Er warf einen verächtlichen Blick auf den Dienstwagen von Marcos Mutter Ilaria. Als sie den beigen Fiat 500 mit orangefarbener Innenausstattung vor acht Jahren zu ihrer Einstellung in der Villa Squadra bekommen hatte, war er in ihren Augen ein Bentley. Zumindest pflegte sie ihn, als wäre er ein Bentley, so dass er immer noch aussah wie neu und vor allem problemlos fuhr.

"Warum wechselst du die Reifen?", fragte Marco. Hilfsbereitschaft war keine Eigenschaft, die Stefano auszeichnete. Vor allem nicht, wenn es sich um seine Großmutter oder gar eine ihrer Freundinnen handeln sollte.

"Frag nicht so blöd, hilf mir lieber." Stefano richtete sich auf und ging einen Schritt zurück. Marco ignorierte die Aufforderung, am Drehkreuz Hand anzulegen und Stefano machte nach einer kurzen Pause allein weiter.

"Was soll denn das jetzt?" Marco hatte das Preisschild vor einer halben Stunde aus seinem graublauen Armani-Anzug entfernt. Im Gegensatz zu Stefano war es für ihn keine alltägliche Investition gewesen - auch wenn der Anzug aus dem hinteren Teil der schicken Boutique in der Via Tornabuoni stammte und mit siebzig Prozent Preisnachlass gekennzeichnet war.

Sie hatten noch eine Stunde Zeit, um Sandrine abzuholen und durch die vom Feierabendverkehr verstopften Straßen auf die andere Seite der Stadt zu gelangen. Stefano war noch nicht einmal umgezogen. Marco wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Allein der Gedanke an Sandrine machte ihn nervös. Heute Mittag hatte sie ihn angerufen und zugesagt. Er hatte nicht damit gerechnet. Was auch immer Stefano gerade vorhatte, er hatte keine Lust darauf.

"Komm mit, wir besuchen Großmutter. Da freut sie sich und kann mir wieder tagelang das gute Benehmen meines lieben Freundes und Sohnes unserer Haushälterin vorhalten." Stefano hatte seinen typisch ironischen Ton aufgesetzt, mit dem er Marco oft genug auf die Palme brachte. Mit einem Reifen bepackt, lief er voraus. Marco folgte ihm. Der Kies knirschte unter ihren Ledersohlen, als sie den Park durchquerten. Vorbei an Nello, der seine geliebten Zitronenbäumchen goss.

"Guten Abend, die Herren."

"Guten Abend Nello", sagten sie mit einer Stimme. Stefano etwas leiser und undeutlicher als Marco. In den letzten Wochen war Nello um mehrere Zentimeter geschrumpft, während sich sein Rücken krümmte. Seit über fünfzig Jahren war er jetzt in der Villa Squadra angestellt, und weder er noch die Hausherrin konnten sich vorstellen, dass er eines Morgens nicht mehr um acht Uhr die Haustür aufschloss, der Signora Bonaccorso ihren Caffé zubereitete und sich bis abends um zwanzig Uhr um sie kümmerte.

Stefano sagte, dass nicht einmal Quasimodo mit Nello tauschen würde. Aber seine Großmutter wolle keine neuen Hausangestellten mehr. Marcos Mutter war die letzte Neueinstellung gewesen, vor acht Jahren, als Nellos Ehefrau Maria gestorben war. Marco wusste, dass seine Mutter sich in letzter Zeit Sorgen um Nello machte: Jeder Schritt schien ihm Mühe zu bereiten. Außerdem wurde er immer vergesslicher. Trotzdem würde er nie freiwillig in den Ruhestand gehen.

"Nello hat Angst, ohne Arbeit keinen Grund mehr zum Aufstehen zu haben", vermutete seine Mutter als Grund für dessen unerschütterliches Engagement in der Villa Squadra. Dass sein Gehalt seit Jahrzehnten nicht mehr erhöht worden war, empfand sie als ungerecht.

"Wer arbeitet denn in den Achtzigerjahren noch für zweihundertfünfundzwanzig Tausend Lire im Monat?", ärgerte sie sich.

Marco und Stefano liefen an dem Schwimmbad vorbei, wie immer ohne Wasser. Einmal als Stefanos Großmutter eine Woche verreist war, hatten sie Wasser eingefüllt. Nach vier Tagen war alles voller Algen und keiner hatte mehr Lust aufs Baden. Neumodische Technik wie eine Filteranlage kam für die Villa Squadra nicht in Frage. Dennoch zeigten im Salotto einige verblasste Fotografien Stefano als kleinen Jungen beim Planschen im Schwimmbad mit jungen, hübschen Kindermädchen aus aller Herren Länder oder mit den Schnauzerhunden. Hatte er in algen- und bakterienverseuchtem Wasser schwimmen gelernt oder wurde das Wasser früher wöchentlich ausgetauscht?

"Guten Abend, Marco." Die Nonna saß neben ihrer Freundin auf der Veranda und lächelte ihn an.

"Guten Abend, die Damen ... Wie geht es Ihnen?" Marco blieb auf der unteren Stufe der Veranda stehen und verneigte sich leicht. Ohne genau zu wissen warum, machte ihn die Anwesenheit der alten Dame verlegen. Er wollte nicht unhöflich sein und den Eindruck erwecken, ihre unglaubliche Hakennase anzustarren. Also zog er es vor, seine eigenen Füße in Augenschein zu nehmen. Stefano sagte, die Hakennase seiner Großmutter habe erst im Alter solche Ausmaße angenommen. In der Tat hatte Marco im Salotto schon einmal einen Blick auf ein stark verblasstes Porträt mit deutlich harmonischeren Gesichtszügen geworfen. Sein Freund konnte sich glücklich schätzen, dass er seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ein Foto dieser wunderschönen Frau gab es nicht im Salotto, aber Stefano hatte vor einiger Zeit eines aus seiner Nachttischschublade gekramt und ihn einen Blick darauf werfen lassen. Die vollen Lippen, die großen blauen Augen, die gerade kleine Nase und das Kinn mit Grübchen hatte Stefano von seiner Mutter. Allein Stefanos dunkle Haare und die pechschwarzen Wimpern führten zur sizilianischen Seite seines Großvaters. Marco war sich bewusst, wie farblos und unscheinbar er neben seinem Freund wirken musste. Egal wo sie waren: Stefano zog die Blicke der Mädchen auf sich. Er selbst war so etwas wie der Schwarz-Weiß-Film, der im kleinen Fernseher in der Ecke lief, während neben ihm der neueste Actionfilm auf Leinwandgröße die Massen fesselte. Aber immerhin stand er im gleichen Zimmer und ab und zu schauten auch mal ein paar Mädchen bei ihm vorbei.

"Großmutter, du glaubst es nicht, aber wir haben soeben einen Idioten verscheucht, der die Reifen des Bentleys stehlen wollte", meldete sich Stefano zu Wort und hielt ihr den vermeintlich geretteten Reifen demonstrativ entgegen. Die Nonna schaute ihren Enkel scharf an. Ihre Freundin starrte mit offenem Mund auf den Reifen, den Stefano jetzt auf der obersten Stufe der Veranda abgestellt hatte, während er sich den Arm locker ausschüttelte.

"Sollen wir ihn wieder aufziehen? Ja? Als kleines Dankeschön kannst du mir heute Abend deinen Jaguar leihen? Mit Ilarias Klapperkiste können wir uns da nicht blicken lassen."

"Mach dich nicht schmutzig, Stefano. Nello ist noch da und kann die Reifen montieren. Ruf ihn bitte", ordnete die Nonna mit fester Stimme an.

"Der Jaguar bleibt hier." Sie hielt es für überflüssig, Stefano auf die schwarzen Flecken auf Hemd und Hose hinzuweisen. Sollte er seine Großmutter für senil halten, doch sie habe Augen wie ein Adler, so hatte ihr Dr. Sabatti bei seinem letzten Besuch erst wieder bestätigt.

"Dann blamieren wir uns eben auf der Party!"

Stefano klang trotzig wie ein kleines Kind. Bevor er sich zum Gehen abwendete, gab er dem schweren Reifen einen Schubs in Richtung seiner Großmutter. Kurz vor ihren Füßen verlor er an Fahrt und schlingerte wie ein schlecht gedrehter Kreisel, bevor er zum Liegen kam. In diesem Moment öffnete sich die Verandatür und Marcos Mutter trat mit einem Tablett und einer Flasche San Pellegrino auf die Terrasse. Seit acht Jahren verkehrten sie beide fast täglich in dieser Villa: Marco als Freund Stefanos, seine Mutter als Angestellte. Trotzdem war ihm das Zusammentreffen mit ihr hier stets so unangenehm wie beim ersten Mal. Ihr wütender Blick und ihr zusammengekniffener Mund reichten aus und er wusste, was sie am nächsten Morgen sagen würde:

"Wäre ich seine Mutter, ich hätte ihm schon hundertmal den Hintern versohlt. Dass du ständig mit diesem verzogenen Spinner rumhängen musst, gefällt mir nicht." Marco hob entschuldigend die Schultern und murmelte die üblichen Abschiedsworte. Dann folgte er schnell seinem Freund auf dem Weg zurück zum...

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