Haben und Nichthaben

Eine kurze Geschichte der Ungleichheit
 
 
wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. März 2017
  • |
  • 264 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8062-3524-1 (ISBN)
 
Alle reden von Ungleichheit, seitdem der Mittelstand schrumpft und die Schere zwischen Arm und Reich größer wird. Doch stimmt das wirklich: Führt Kapitalismus zwangsläufig zu Ungleichheit? Wie müssen wir dann die Wohlstandsphase nach dem Zweiten Weltkrieg verstehen?
Branko Milanovic zählt zu den weltweit führenden Experten zur Einkommensverteilung und war lange Jahre leitender Ökonom der Weltbank. Seine These: Im Kapitalismus kann es beides geben, Phasen von Ungleichheit wie von Gleichheit. Und doch müssen wir heute dringend etwas tun. Nur: Was sind zeitgemäße Mittel?
Milanovic hat die globalen und historischen Zusammenhänge im Blick. Was können wir uns, verglichen mit den reichen Mittelschichten in China oder armen Mittelschichten in Afrika, tatsächlich leisten? Und war Nero reicher als Bill Gates? Ohne ideologische Scheuklappen und mit viel Humor erklärt er die ökonomischen Hintergründe der Diskussion über die Zukunft unserer Gesellschaft.
  • Deutsch
  • Darmstadt
  • |
  • Deutschland
  • 10
  • |
  • 10 s/w Abbildungen
  • |
  • 10 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,70 MB
978-3-8062-3524-1 (9783806235241)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Branko Milanovic (geb. 1953) zählt zu den weltweit führenden Experten zur Ungleichheitsforschung. Seit 2014 lehrt er an City University of New York, davor war er jahrelang der Chefökonom am Forschungsinstitut der Weltbank.
  • Front Cover
  • Titel
  • Impressum
  • Widmung
  • Inhalt
  • Vorwort zur deutschen Ausgabe
  • Essay 1: Ungleiche Menschen
  • Ungleichheit zwischen den Einwohnern eines Landes
  • Skizze 1.1 Romantik und Reichtümer
  • Skizze 1.2 Anna Wronskaja?
  • Skizze 1.3 Wer war der reichste Mensch aller Zeiten?
  • Skizze 1.4 Wie groß war die Ungleichheit im Römischen Reich?
  • Skizze 1.5 War der Sozialismus egalitär?
  • Skizze 1.6 In welchem Pariser Arrondissement hätte man im 13. Jahrhundert leben sollen - und in welchem sollte man heute leben?
  • Skizze 1.7 Wer gewinnt durch die staatliche Umverteilung?
  • Skizze 1.8 Können mehrere Staaten in einem existieren?
  • Skizze 1.9 Wird China das Jahr 2048 erleben?
  • Skizze 1.10 Zwei Studenten der Ungleichheit: Vilfredo Pareto und Simon Kuznets
  • Essay II: Ungleiche Länder
  • Ungleichheit zwischen den Ländern der Welt
  • Skizze 2.1 Warum irrte sich Marx?
  • Skizze 2.2 Wie groß ist die Ungleichheit in der heutigen Welt?
  • Skizze 2.3 Wie viel von unserem Einkommen hängt davon ab, wo wir geboren werden?
  • Skizze 2.4 Sollte die ganze Welt aus geschlossenen Wohnanlagen bestehen?
  • Skizze 2.5 Wer sind die Harraga?
  • Skizze 2.6 Drei Generationen von Obamas
  • Skizze 2.7 Hat die Globalisierung die Ungleichheit in der Welt vergrößert?
  • Essay III: Die ungleiche Welt
  • Ungleichheit zwischen den Bürgern der Welt
  • Skizze 3.1 Und wo ist Ihr Platz in der globalen Einkommensverteilung?
  • Skizze 3.2 Gibt es eine globale Mittelschicht?
  • Skizze 3.3 Wie verschieden sind die Vereinigten Staaten und die Europäische Union?
  • Skizze 3.4 Warum sind Asien und Lateinamerika Spiegelbilder voneinander?
  • Skizze 3.5 Wollen Sie schon vor dem Anpfiff wissen, wer als Sieger vom Platz gehen wird?
  • Skizze 3.6 Einkommensungleichheit und die globale Finanzkrise
  • Skizze 3.7 Holten die Kolonialherren so viel aus den Kolonien heraus wie sie konnten?
  • Skizze 3.8 Warum war Rawls gleichgültig gegenüber der globalen Ungleichheit?
  • Skizze 3.9 Die Geopolitik im Licht der Ökonomie (oder: Eine ökonomisch aufgeklärte Geopolitik)
  • Anmerkungen
  • Weiterführende Lektüre
  • Index
  • Über den Inhalt
  • Über den Autor
  • Back Cover

Skizze 1.3


Wer war der reichste Mensch aller Zeiten?


Es ist alles andere als leicht, vergangene mit heutigen Einkommen zu vergleichen. Es gibt keinen Wechselkurs für die Umrechnung von römischen Sesterzen oder Assen oder kastilischen Pesos aus dem 17. Jahrhundert in heutige Dollar gleicher Kaufkraft. Obendrein ist keineswegs klar, was mit "gleicher Kaufkraft" in diesem Fall gemeint sein soll. Gleiche Kaufkraft oder "Kaufkraftparität" sollte bedeuten, dass man mit einer gegebenen Menge römischer Sesterzen denselben Warenkorb kaufen konnte, den man heute mit einer gegebenen Menge US-Dollar kaufen kann. Aber nicht nur die Warenkörbe haben sich geändert (es gab keine DVDs in römischer Zeit): Würden wir einen Warenkorb nur auf jene Dinge beschränken, die sowohl damals als auch heute verfügbar sind, so würden wir rasch feststellen, dass sich die relativen Preise erheblich verändert haben. Dienstleistungen waren damals aufgrund der niedrigen Löhne relativ billig, während sie heute in den wohlhabenden Ländern teuer sind. Bei Grundnahrungsmitteln wie Brot und Olivenöl verhält es sich umgekehrt.

Um Vermögen und Einkommen der Allerreichsten in verschiedenen Epochen zu vergleichen, situiert man sie daher am besten in ihrem historischen Kontext und misst ihre wirtschaftliche Macht an ihrer Fähigkeit, zu jener Zeit und an jenem Ort durchschnittlich qualifizierte menschliche Arbeitskraft zu erwerben. In gewissem Sinn ist eine gegebene Menge menschlicher Arbeitskraft eine universell unveränderliche Maßeinheit, anhand derer wir den Wohlstand messen können. Wie Adam Smith vor mehr als zwei Jahrhunderten schrieb: "[Ein Mensch] ist arm oder reich je nach der Menge Arbeit, über die er verfügen oder deren Kauf er sich leisten kann."39 Zudem beinhaltet diese Menge Produktionssteigerungen und eine Zunahme des Wohlstands im Lauf der Zeit, da das Einkommen von jemandem wie Bill Gates heute an den Durchschnittseinkommen der Menschen gemessen wird, die gegenwärtig in den Vereinigten Staaten leben.

Ein naheliegender Ausgangspunkt für solche Vergleiche ist das alte Rom, für das wir Daten zu extrem reichen Personen haben, die Teil einer Volkswirtschaft waren, die ausreichend "modern" und monetarisiert war, um uns sinnvolle Vergleiche mit der Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit zu ermöglichen. Sehen wir uns drei Personen aus dem alten Rom an. Der sagenhaft reiche Triumvir Marcus Crassus besaß ein Vermögen, das um das Jahr 50 v. Chr. auf etwa 200 Millionen Sesterzen geschätzt wurde.40 Das Vermögen von Kaiser Augustus wurde im Jahr 14 n. Chr. auf 250 Millionen Sesterzen geschätzt.41 Und der ungeheuer reiche Freigelassene Marcus Antonius Pallas (der unter Neros Herrschaft lebte) soll im Jahr 52 n. Chr. 300 Millionen Sesterzen besessen haben.42

Sehen wir uns also Crassus an, dessen Name noch immer mit ungeheurem Reichtum verbunden wird (nicht zu verwechseln mit dem griechischen Krösus, der zum Inbegriff des reichen Mannes geworden ist). Bei einem Vermögen von 200 Millionen Sesterzen und einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 6 Prozent (der im "goldenen Zeitalter" Roms, das heißt vor der Inflation im 3. Jahrhundert, als "normaler" Zins betrachtet wurde) können wir das Jahreseinkommen von Crassus auf 12 Millionen Sesterzen schätzen. Das Durchschnittseinkommen russischer Bürger um das Jahr 14 n. Chr. (das Todesjahr von Augustus) wird auf etwa 380 Sesterzen im Jahr geschätzt, und wir dürfen annehmen, dass es sechzig Jahre früher, zu Crassus' Lebzeiten, etwa genauso hoch war.43 Crassus erzielte also dasselbe Einkommen wie rund 32 000 Menschen zusammengenommen, eine Menschenmenge, mit der man das halbe Kolosseum hätte füllen können.44

Spulen wir in die nähere Vergangenheit vor und wenden wir dieselbe Methode auf drei amerikanische Ikonen des Reichtums an: Andrew Carnegie, John D. Rockefeller und Bill Gates. Carnegies Vermögen erreichte im Jahr 1901 seinen Höhepunkt, als er U.S. Steel erwarb. Sein Anteil an dem Unternehmen war 225 Millionen Dollar wert. Wenn wir wie zuvor einen Zinssatz von 6 Prozent anwenden und von einem BIP pro Kopf der USA von 282 Dollar (zu Preisen von 1901) ausgehen, stellen wir fest, dass Carnegies Einkommen das von Crassus überstieg. Mit seinem Jahreseinkommen hätte Carnegie die Arbeit von fast 48 000 Menschen kaufen können, ohne sein Vermögen im Geringsten zu schmälern. (Zu beachten ist, dass wir bei all diesen Berechnungen davon ausgehen, dass das Vermögen der superreichen Person unangetastet bleibt: Um die Ergebnisse der Arbeit anderer zu kaufen, zehrt sie lediglich von ihrem Jahreseinkommen, das heißt vom Ertrag ihres Vermögens.)

Eine entsprechende Berechnung für Rockefeller zum Zeitpunkt seines größten Reichtums im Jahr 1937 (1,4 Milliarden Dollar)45ergibt ein Jahreseinkommen, das dem von rund 116 000 Amerikanern entsprach. Rockefeller war demnach fast viermal so reich wie Crassus und mehr als doppelt so reich wie Andrew Carnegie. Mit den Personen, deren Arbeitskraft er kaufen konnte, hätte man leicht das Rose Bowl-Stadium in Pasadena füllen können - und viele Leute wären draußen geblieben.

Wie steht Bill Gates in einem solchen Vergleich da? Forbes beziff erte sein Vermögen im Jahr 2005 auf 50 Milliarden Dollar. Sein Jahreseinkommen könnte man daher auf 3 Milliarden Dollar schätzen, und da das BIP pro Kopf der USA im Jahr 2005 bei etwa 40 000 Dollar lag, hätte Bill Gates mit seinem Einkommen über die Arbeitsergebnisse von rund 75 000 Menschen verfügen können. Damit lag er irgendwo zwischen Andrew Carnegie und John D. Rockefeller, war jedoch sehr viel reicher als der "arme" Marcus Crassus.

Aber diese Berechnung lässt die Frage offen, wo Milliardäre wie der Russe Michail Chodorkowski und der Mexikaner Carlos Slim einzuordnen sind, die zugleich "national" und "global" sind.Chodorkowskis Vermögen wurde im Jahr 2003, als er der reichste Mann Russlands war, auf 24 Milliarden Dollar geschätzt.46 Im globalen Maßstab konnte sich sein Reichtum nicht mit dem von Bill Gates messen. Wenn wir sein Vermögen jedoch in den russischen Kontext einordnen und dieselben Annahmen wie zuvor zugrunde legen, stellen wir fest, dass er mit seinem Einkommen die Arbeitsleistung von mehr als einer Viertelmillion Menschen in Russland kaufen konnte. Anders ausgedrückt: Setzt man Chodorkowskis Reichtum in Beziehung zum relativ niedrigen Durchschnittseinkommen seiner russischen Landsleute, dann war er reicher und potenziell mächtiger als Rockefeller in den Vereinigten Staaten im Jahr 1937. Vermutlich war es diese Tatsache - die potenzielle politische Macht - die den Kreml hellhörig werden ließ.

Nur aus seinem Einkommen, ohne sein Vermögen anzutasten, hätte Chodorkowski eine Armee von einer Viertelmillion Mann aufstellen können. Fast wie eine Regierung verhandelte er sowohl mit den Amerikanern als auch mit den Chinesen über den Bau neuer Erdgas- und Erdölpipelines. Seine potenzielle Macht führte zu seinem Sturz und brachte ihn ins Gefängnis. Aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass man auf dem Weg zur Macht in Russland oft einen Umweg über Sibirien machen muss. Vielleicht werden wir noch von Chodorkowski hören.

Der Mexikaner Carlos Slim ist noch reicher als Chodorkowski. Das Magazin Forbes schätzte sein Vermögen vor der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 auf mehr als 53 Milliarden Dollar. Wenn wir dieselbe Berechnung wie zuvor anstellen, zeigt sich, dass Slim über die Arbeitskraft von noch mehr Menschen verfügen konnte als Chodorkowski auf dem Höhepunkt seines Reichtums: Er konnte die Arbeitsleistung von etwa 440 000 Mexikanern kaufen. Ordnet man das Vermögen also lokal ein, so scheint Slim der Reichste unter den Reichen zu sein! Keine Arena in Mexiko, nicht einmal das berühmte Aztekenstadion, könnte all die Mexikaner aufnehmen, deren Arbeitsleistung Slim mit seinem Jahreseinkommen kaufen könnte.

Wir müssen einen weiteren Faktor berücksichtigen, der solche Vergleiche erschwert: die Größe der Bevölkerung. Als Crassus über die Arbeitsleistung von 32 000 Menschen verfügen konnte, entsprach sein Jahreseinkommen dem des 1500sten Teils aller Einwohner des Römischen Reichs. Die 116 000 Amerikaner, die zusammen ein so hohes Einkommen wie Rockefeller erzielten, stellten den 1100sten Teil der Einwohner des Landes, weshalb Rockefeller gemessen an beiden Maßstäben Crassus übertraf.

Können wir also sagen, wer der Reichste von allen war? Da die Reichen im Zuge der Globalisierung ebenfalls dazu übergehen, ihr Vermögen mit dem von Reichen in anderen Ländern zu vergleichen, war vermutlich Rockefeller der Reichste von allen, weil er im zu diesem Zeitpunkt reichsten Land der Welt über die größte Zahl von Arbeitseinheiten verfügen konnte. Aber wenn sich die Superreichen entschließen, eine politische Rolle in ihrem Land zu übernehmen (das so wie Russland...

»Eine aktuelle Auseinandersetzung mit der Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen . Eine maßgebliche Arbeit.« Kirkus Reviews

»Hier schreibt nicht nur ein Ökonom, sondern auch ein Philosoph über die wachsende Einkommensungleichheit in der Welt. Milanovic beantwortet Fragen, die sich vermutlich viele Leser zu ihren wirtschaftlichen Zukunftsaussichten stellen.« Booklist

»Wenn Sie sich auch nur ein kleines bisschen für Politik und Makroökonomie interessieren, sollten Sie dieses Buch lesen. . Milanovic erklärt, wie wir an diesen Punkt gelangt sind und wohin uns die Ungleichheit führen wird.« The Spectator

»In seinem amüsanten und intelligenten Buch erklärt Milanovic für Laien verständlich, wie sich die Einkommensungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern im Lauf der Jahre entwickelt hat.« Foreign Affairs

»Dieses Buch wird sowohl Fachleute als auch Laien fesseln und enthält wichtige Erkenntnisse für beide Gruppen. Ein wunderbares Buch für jedes Publikum. Sehr empfehlenswert.« Choice

»Eine kompakte und anregende Untersuchung des Wesens, der Geschichte und der Ursachen der Ungleichheit.« Ethics & International Affairs

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