An jedem Tag aufs Neue

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10316-3 (ISBN)
 
Wenn aus tiefer Traurigkeit Zuversicht wird ...

Daphne hat alles verloren: den Mann, den sie liebt, und ihr Zuhause. Was soll sie, die 29-jährige Witwe, nun mit ihrem Leben anfangen? Irgendwann will sie nur noch weg aus der Provinz und zieht nach Amsterdam. Dort lernt sie zwei tolle Frauen kennen, die sie unterstützen und sie in ihrem Wunsch, ein eigenes Café zu eröffnen, bestärken. Und da ist auch noch Daniel, der Sohn ihrer Vermieterin, der sie unbewusst und Schritt für Schritt ins Leben zurückholt ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,63 MB
978-3-641-10316-3 (9783641103163)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Zwei Monate später

Es gibt Ereignisse, bei denen man nie vergessen wird, wo man gerade war, als man davon erfuhr: Der Tod Prinzessin Dianas. 9/11, Barack Obama gibt bekannt, dass Bin Laden getötet wurde. Und es gibt Nachrichten, an die man sich haarklein erinnern wird. An jede Faser, die man am Leib trug, an jeden Quadratmillimeter Boden, auf dem man stand - all das hat sich in die Netzhaut eingebrannt und im Gedächtnis festgesetzt, ohne auch nur einen Deut neuen Erinnerungen und Geschehnissen zu weichen.

So ein Moment war Maartens Tod.

Die Stonewashed-Jeans, die ich an jenem Abend anhatte, hängt auf einem Bügel in meinem Schrank. Meine schwarze Bluse habe ich seitdem nicht mehr gewaschen. Sie ist das letzte Kleidungsstück, das Maarten berührt hat. Seitdem habe ich eigentlich kaum noch was gewaschen. Oder im Haushalt gemacht. Wozu?

Ich schaue auf die Uhr. Es ist erst halb fünf, aber draußen ist es dunkel. Heute Morgen hieß es im Radio, es werde vielleicht schneien. Es ist Ende November. Seit wann schneit es schon im November?

Ich höre ein Geräusch. Gleich darauf geht die Küchentür auf. Ich stehe mit einer halb leeren Weinflasche am Küchentresen, schaffe es aber nicht mehr rechtzeitig zum Kühlschrank.

»Daphne«, sagt Pieter. »Es ist halb fünf.«

Ich sehe ihn an, nehme ihn jedoch nur verschwommen wahr. »Ja.«

»Stell den Wein kurz ab.«

»Ja.«

Aber ich bleibe wie angewurzelt stehen. »Wir brauchen eine Klingel. Maarten wollte eine installieren.« Ich schaue an Pieter vorbei, so als könnte Maarten jeden Moment hereinkommen und sagen, dass er sein Versprechen endlich wahr gemacht habe.

»Ich werde eine Klingel anbringen«, sagt Pieter. »Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich jetzt nach Hause fahre.«

»Schon?«

»Ja, Job ist krank, und Nadine hat sich schon den ganzen Tag um ihn gekümmert. Und nun bin ich dran.«

Ich gebe mir nicht einmal Mühe, so zu tun, als hätte ich Verständnis dafür.

»Ich geh dann mal«, sagt Pieter, bleibt aber, wo er ist. Er ähnelt Maarten, aber andererseits auch wieder nicht. Beide haben dieselbe Figur.

Hatten dieselbe Figur.

Haben.

Dieselbe Figur halt.

Aber Pieter hat ein etwas längeres Gesicht und weniger Haare. Maarten war eindeutig der Besseraussehende. Ist der Besseraussehende.

Ich setze mich wieder an den Tisch und schenke mir nach, obwohl das Glas noch fast voll ist. Anschließend bleibe ich mit aufgestützten Ellbogen sitzen und spiele an meinem Ehering herum. »Okay«, sage ich. »Bis morgen.«

»Daphne, ist alles in Ordnung mit dir?«

Ich schaue weg, um Pieters besorgtem Blick zu entgehen. Ich scheiße auf seine Besorgnis.

Isst du auch genug?

Trinkst du nicht zu viel?

Weinst du nicht zu viel?

Weinst du nicht zu wenig?

Und dann dieses Verständnis!

Ich verstehe, dass du dich elend fühlst.

Ich verstehe, dass du Kummer hast.

Ich verstehe, was du durchmachst.

Nein, das versteht ihr nicht!

Niemand versteht das. Maarten war Sohn, Bruder, Neffe, Freund von zwei, drei, fünfzehn und mehr Personen. Aber er war allein meine große Liebe.

»Alles bestens«, sage ich, da Pieter offenbar nicht gewillt ist zu gehen, bevor er eine Antwort hat. »Siehst du das nicht? Es ist mir noch nie so gut gegangen.«

»Wir machen uns Sorgen um dich.«

»Wir?«

»Ja, Nadine und ich. Meine Eltern. Deine Eltern.«

Ich zucke mit den Achseln. »Das ist ja ein ganzes Komitee. Nun, dann richte ihnen bitte aus, dass es mir hervorragend geht. Und dass ich genug esse.«

»Daph .« Pieter kommt einen Schritt näher. Ich nehme einen Schluck Wein.

»Wenn du dich hier für den Rest deines Lebens betrinkst, macht das Maarten auch nicht wieder lebendig. Im Gegenteil, es täte ihm weh, dich so zu sehen.«

Ich schaue abrupt auf. »Was soll das jetzt wieder heißen?«, sagte ich heftig. »Ist das wieder so ein >Du-musst-dein-Leben-wieder-in-die-Hand-nehmen-Geschwätz<? Seit wann darf ich nicht mal mehr selbst bestimmen, was ich mit meinem Leben anfange? Und wann hört ihr endlich damit auf, mir zu erzählen, dass Maarten tot ist? Ich war auch auf der Beerdigung. Ich war dabei, falls ihr das schon vergessen habt.«

Pieter hebt hilflos die Hände - eine Geste, die ich schon in vielen verschiedenen Ausführungen gesehen habe. »Tut mir leid«, sagt er leise. »Ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen. Kann ich irgendwas für dich tun?«

Ich schüttle den Kopf und zucke die Achseln. »Geh nach Hause!«, sage ich. »Nadine wartet schon auf dich.«

Pieter nickt und dreht sich um. Ich sehe, dass er zögert, aber ich sage bewusst nichts. Ich habe keine Lust auf seine Bevormundungen. Auch nicht auf die meiner Mutter, die fast jeden Tag anruft. Oft gehe ich einfach nicht dran.

Jetzt, wo Pieter weg ist, herrscht Totenstille im Haus. Bobby schläft zu meinen Füßen, das einzige Geräusch stammt von der Küchenuhr. Meine Worte hallen in meinem Kopf wider.

Ich war dabei.

Ich war auch dabei. Ich habe den weißen Holzsarg gesehen, den ich ausgesucht habe, bei dem ich mich im Nachhinein frage, ob er Maarten überhaupt gefallen hätte. Vielleicht hätte er lieber einen dunkleren gewollt. Aber woher hätte ich das wissen sollen? Wir haben nie darüber geredet. Auf dem Sarg lagen lose Blumen, alle möglichen Sorten, wild durcheinander. Das war auch so eine Idee von mir, weil ich keinen Grabschmuck wollte. Komisch, wie man sich auf einmal eine Meinung bildet. Über Dinge, an die man vorher nie einen Gedanken verschwendet hat. Komisch auch, dass ich das alles innerhalb weniger Tage organisieren konnte, obwohl ich es noch kein einziges Mal geschafft habe, meine Steuererklärung rechtzeitig abzugeben. Seltsamerweise kann ich mich nicht mal mehr daran erinnern, all das organisiert zu haben.

Es gibt noch mehr Dinge, an die ich mich nicht erinnern kann. An die Fahrt ins Krankenhaus, auf dem Rücksitz des blauen Volvos. Nur das Lied, das leise im Autoradio lief, habe ich behalten: Can't stop loving you von Phil Collins. Maarten hätte es bestimmt furchtbar gefunden.

An die Ankunft im Krankenhaus kann ich mich kaum noch erinnern, so als hätte jemand die Bilder absichtlich verschwimmen lassen. Aber der Geruch ist mir im Gedächtnis geblieben, eine Mischung aus Desinfektionsmitteln und alten Leuten. Manchmal schrecke ich aus einem Traum hoch, in dem ich durch einen langen Flur laufe, wahrscheinlich durch den Krankenhausflur. Damals hatte ich Angst, in den Kühlraum geführt zu werden, aber zum Glück lag Maarten in einem Zimmer direkt hinter der Notaufnahme. Sein übel zugerichtetes Gesicht und seine fast durchsichtige Haut sehe ich noch überdeutlich vor mir. Deutlicher, als mir lieb ist. Sobald ich die Augen schließe und wieder mal nicht schlafen kann, sehe ich seinen fast grauen Teint vor mir. Seine gebrochene Nase, die etwas schief saß, und in der Tampons steckten. Seine geschlossenen, von Blutergüssen umrahmten Augen. Den blütenweißen Kopfverband. Laut Aussage des Arztes war seine linke Schläfe beim Zusammenstoß mit dem Baum gegen den Fensterrahmen geknallt. Dadurch war sein Schädel gebrochen, und teilweise skalpiert worden. Eine klaffende Kopfwunde, bedeckt von weißer Gaze.

Eine Krankenschwester hatte die gelbe Bettdecke bis zu Maartens Kinn hochgezogen. Ich wollte sie zurückschlagen, seinen gesamten Körper Millimeter für Millimeter betrachten und seine Wunden küssen. Aber ich stand da wie erstarrt. Der Maarten, der in diesem Bett lag, war der Maarten, den ich schon so lange kannte. Der mir so vertraut war, den ich mehr liebte als alles andere auf der Welt. Und doch auch wieder nicht.

Die Tür ging auf, und in Begleitung eines weiteren Polizeibeamten kamen meine Schwiegereltern herein. Es gab Tränen, Geschrei, Gezerre an der Decke. Jemand nahm mich in den Arm. Und die ganze Zeit über stand ich einfach nur da. Während mir Phil Collins durch den Kopf ging.

I never wanted to say goodbye. Why even try . I'm always here if you change, change your mind.

Die Tage danach waren die effizientesten meines Lebens. Ich fand Maartens iPod, der seit Wochen verschwunden war, unter unserem Bett. Ich suchte seine Lieblingslieder heraus, damit wir sie auf seiner Beerdigung spielen konnten. Ich wollte vor allem Springsteen spielen, Maarten war sein größter Fan. Aber seine Mutter Tilly fand das zu poppig, und schließlich einigten wir uns auf ein Stück von The Boss, was ich nach wie vor viel zu wenig finde. Ich traf Entscheidungen, machte Anrufe, sprach allen Mut zu. Der Bestattungsunternehmer sagte, es komme nicht oft vor, dass jemand so gut wisse, was alles organisiert werden muss, und was sich der Verstorbene wohl gewünscht hätte. Ich war stolz auf mich. Ich war eine Vorzeigeehefrau. Und die ganze Zeit über kam es mir vor, als wäre ich jemand anders. Jemand, von dem man manchmal hört, und bei dem man immer froh ist, nicht selbst betroffen zu sein. Witwe mit neunundzwanzig. Doch diesmal war ich sehr wohl betroffen.

Noch nie hatte ich mich gefragt, wie sich so was wohl anfühlt. Und jetzt, wo ich es weiß, gefällt es mir ganz und gar nicht.

Nach der Beerdigung wollten alle mit zu mir nach Hause, weil ich sonst allein gewesen wäre. Dabei wollte ich genau das: allein sein. Allein mit Maarten. In den Tagen vor der Beerdigung war Maarten zum Allgemeingut geworden. Auf einmal glaubte jeder zu wissen, was...

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