Die Vermissten aus Boundary Pond

Thriller
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-24892-5 (ISBN)
 
Die Sonne brennt über Boundary Pond, dem traumhaften Urlaubsparadies an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Doch als Zaza Mulligan und Sissy Morgen, beste Freundinnen und zwei blonde Lolitas, nacheinander im tiefen Wald verschwinden, beginnen sich Wolken über dem Paradies am See zusammenzubrauen. Die Dunkelheit erfasst die Idylle von Boundary Pond . Wer könnte es auf die Mädchen abgesehen haben? Und vor allem, warum?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,24 MB
978-3-641-24892-5 (9783641248925)
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Andrée A. Michaud, 1957 in Saint-Sébastien in Québec geboren, hat an der Université du Québec à Montréal studiert und zahlreiche Literaturpreise für ihre Thriller erhalten, zuletzt den Prix Saint-Pacôme du roman policier, den Prix du Gouverneur général pour romans et nouvelles und den Prix Arthur Ellis sowie den SNCF-Preis für ihren Erfolgsroman »Die Vermissten aus Boundary Pond«.

Sissy Morgan und Elisabeth Mulligan, genannt Zaza, die beiden Mädchen, durch die das Unglück seinen Lauf nehmen sollte, waren noch fast Kinder, als wir zum ersten Mal nach Bondrée kamen, doch sie waren schon unzertrennlich, und Zaza zog sich immer an wie Sissy, und umgekehrt. Für Zwillinge hätte man sie halten können, die eine rothaarig, die andere blond, wie sie da so die Côte Croche hinunterrannten und sich zuriefen look, Sissy, look! run, Zaza, run!, als zwinge irgendeine Kreatur sie, sich die Lunge aus dem Leib zu laufen. Run, Zaza, run! Meine Mutter nannte sie die Andrews Sisters, obwohl die zu dritt waren und tausendmal besser sangen als Sissy und Zaza.

Meine Mutter, die den Mädchennamen Florence Richard gehabt hatte, liebte alles, was aus der Mode war, inklusive die Andrews Sisters, nach deren Vorbild sie versuchte, den Boogie Woogie Bugle Boy zu tanzen. In den seltenen Fällen, in denen sie sich zu so etwas hinreißen ließ, was ich schlichtweg als Exhibitionismus empfand, rückte ich so weit weg wie möglich von dem alten Plattenspieler, auf dem die Stimmen der Andrews Sisters rauschten, denn es war mir peinlich, dass meine Mutter sich so zur Schau stellte. Tanzen war nichts für Mütter. Jugend auch nicht. Das war nur etwas für LaVerne, Maxene und Patty Andrews, die Art von Mädchen, zu denen Zaza Mulligan und Sissy Morgan einmal werden würden, so wie Denise Lachapelle, eine unserer Nachbarinnen in der Stadt, die sich aufreizend kleidete und lauter Freunde hatte, die sie am Samstagabend in einem Cabrio abholten, oder mit einem Motorrad, einer Kawa 750, die in der lauen Abendluft brummte und meinen Vater neidisch machte, der mit einem alten Ford 59 herumkurvte, weil er sich nichts anderes leisten konnte.

Sissy und Zaza waren in meinen Augen angehende Denise Lachapelles, die später mal den Jungs den Kopf verdrehen und sich am Samstagabend schminken würden. Für die meisten Leute aber waren sie einfach nur verwöhnte, verzogene Gören, reichlich unbeliebt, weil sie sich alles erlauben durften. Sie waren wie Halme, die sich dorthin bogen, wo der Wind sie hinblies, eine an die andere gelehnt, doch irgendwann würden sie abknicken. Kein Unkraut, nur einfach Pflanzen ohne Stütze, denen man nicht verbieten konnte, ein Faible für die Sonne zu haben. Ich wäre gerne das Mädchen gewesen, durch das ihr Duo zu einem Trio wurde, aber sie hatten nichts übrig für eine vier, fünf Jahre Jüngere, die meinte, sie könne sie mit ihrer Sammlung lebender Insekten oder mit einer gefangenen Kröte beeindrucken. Hew!, riefen sie da aus, is this your brother? Dann lachten sie lauthals und schenkten mir ein Bonbon oder einen Bubblegum, denn sie fanden mich süß, she's so cute, Sissy. Dann machten sie sich davon und ließen mich mit meiner Kröte, meinen Heuschrecken, meinen Zikaden und meinen Süßigkeiten einfach stehen. Manchmal fragte ich meine Mutter, was das bedeutete, »frogue«, »foc« oder »chize«. Käse, erwiderte sie und lachte bei dem Wort »cheese«, während sie bei »foc« so eine feige Mutterpirouette drehte, bei der einem der Rock nicht bis übers Knie schwingt, und von Tieren schwafelte, die am Nordpol leben und Eskimo sprechen, lauter Blödsinn, typische Antworten von Erwachsenen, die vergessen haben, wie sehr ein zweckentfremdetes Wort einen Kindergeist durcheinanderbringen kann.

Die Bonbons aß ich nie. Ich legte sie in meine Schatzkiste, eine eckige Weißblechdose mit einem Weihnachtsbaum darauf, in der ich auch Kiesel, Federn, Zweige und Natternhäute aufhob. Die Bubblegums waren für besondere Momente gedacht, wenn ich etwa gesehen hatte, wie ein Waschbär in den Mülleimern herumwühlte oder eine Forelle an der Seeoberfläche eine Fliege schnappte. Das kleinste bisschen Kaninchendreck an meinen roten Leinenschuhen bauschte ich zum Ereignis auf, um mich wieder unter der Virginia-Kiefer zu verstecken, deren Äste bis zum Boden reichten, und in diesem Schattenreich, das ich meine Hütte nannte, packte ich einen Bubblegum aus und sagte, here, a baby yum for you, littoldolle. Mit meiner jungenhaften Art hatte ich zwar nichts von einer Puppe an mir, aber ich war stolz darauf, den beiden faszinierendsten Geschöpfen von Bondrée, Heuschrecken und Salamander eingeschlossen, ein Bild zu präsentieren, das an die Perfektion ihres vergoldeten Universums herankam. Ich knetete den baby yum weich, dann klebte ich ihn mir an den Gaumen und lächelte: here, littoldolle. Jene Bubblegums waren gewissermaßen die Urahnen der Pall Mall, die ich später begehren würde, das Erkennungsmerkmal von Sissy und Zaza, die riesige Blasen schafften, ohne dass die ihnen beim Platzen das ganze Gesicht verklebten. In meiner Hütte übte ich das Platzenlassen, so wie man Rauchkringel übt, dann vergrub ich den Kaugummi unter Kiefernnadeln und kehrte zum See zurück, zu den Eichhörnchenfährten, zu all den einfachen Dingen voller Gerüche, über die ich später zu meiner Kindheit zurückfinden würde, zum simplen Glück eines Flügelschlags, der einen Duft nach Ginster hochsteigen lässt.

Der letzte Sommer, den wir in Bondrée verbrachten, war jedoch von einem neuen Geruch geprägt, einem Geruch nach Fleisch, nach Sex und Blut, der aus dem feuchten Wald emporstieg, wenn der Abend hereinbrach und vom Berg der Name Tangara widerhallte. Nichts ließ jedoch vermuten, dass jener hartnäckige Duft sich verbreiten würde, wenn um den See herum, eines nach dem anderen, die Lagerfeuer entfacht wurden, bei den Ménards, den Tanguays, den McBains. Nichts schien die braungebrannte Trägheit von Boundary verdunkeln zu können, denn es war ja der Sommer 1967, der Sommer von Lucy in the Sky with Diamonds und der Weltausstellung in Montréal, der Summer of Love, wie Zaza Mulligan gerne ausrief, während Sissy Morgan Lucy in the Sky anstimmte und Franky-Frenchie Lamar mit einem orangefarbenen Reifen auf dem Steg der Morgans Hula-Hoop tanzte. Der Juli bot uns seine Pracht, und niemand konnte ahnen, dass Lucys Diamanten bald von den Fallen Pete Landrys zermalmt würden.

Dabei knallte das Echo der Fallen bis zur Grenze von Maine, denn Zaza Mulligan und Sissy Morgan, die man für Mädchen hielt, die sich zu vorgerückter Stunde vergessen, sollten sich tief ins Gedächtnis von Bondrée einbrennen und uns somit beweisen, dass Wesen wie Pete Landry, die zu sehr mit dem Wald verbunden sind, nie ganz sterben. Die beiden folgten Landry in das Gewirr des Waldes, den er durchmessen hatte, und wurden dadurch selbst zu Legenden, in denen die Rothaarige und die Blonde allmählich durcheinandergerieten, denn wo man Sissy erblickte, sah man bestimmt auch Zaza. Kinder hatten sogar ein doofes Lied erfunden, das sie zur Melodie von Only the Lonely sangen, sobald die Mädchen vorbeistolzierten, doch denen war das egal, sie waren die Prinzessinnen von Boundary, die rote und die blonde Lolita, nach denen die Männer sich die Augen ausguckten, denn die beiden hatten gelernt, wie sie ihre braunen Beine in Szene setzen mussten.

Die meisten Frauen mochten die beiden nicht, und das nicht nur, weil sie irgendwann mal ihren Mann oder Verlobten dabei ertappt hatten, wie er Zazas Nabel anstarrte, sondern auch, weil Sissy und Zaza ihrerseits die Frauen nicht mochten. Jene waren nichts weiter als Konkurrentinnen, deren Verführungspotenzial sie einschätzten und sich dabei kichernd anstießen. Auch die Männer mochten die beiden nicht, deren einziges Ziel es anscheinend war, in ihnen etwas zu erregen, was sie höchstens bei anderen Männern vermuteten. In den Augen der Männer waren die beiden nichts als Objekte, von denen sie fantasierten und sich dabei die größten Sauereien vorstellten, Zaza mit gespreizten Schenkeln, Sissy auf den Knien, zwei Anmacherinnen, die man hinterher zusammen mit dem Taschentuch wegwirft, wenn einen die Frau zum Abendessen ruft und man sich schämt, getan zu haben, was alle Männer tun.

So war man denn über das, was ihnen zugestoßen war, nicht weiter überrascht. Die Mädchen hatten das doch herausgefordert, dachten die meisten Menschen unwillkürlich, und für solche Gedanken empfanden sie sogleich klebrige Reue und hätten sich am liebsten selbst geschlagen, sich bis aufs Blut geohrfeigt, denn die Mädchen waren tot, mein Gott, tot, for Christ's sake, und genauso wenig wie jeder andere verdienten sie, was man ihnen da angetan hatte. Es hatte dieses Unglücks bedurft, damit man in den Mädchen mal etwas anderes sah als Intrigantinnen und endlich begriff, dass sich hinter ihrer ganzen Art nichts anderes versteckte als eine große Leere, in die jeder sich töricht hineinstürzte, weil er nur die braune Haut über dieser Leere sah. Hätte das Leben ihnen nicht den Boden unter den Füßen weggezogen, so hätten sie die gähnende Leere vielleicht füllen und die anderen Frauen mögen können. Aber es war zu spät, und niemand würde je erfahren, ob Zaza und Sissy von Grund auf verdorben und dazu verurteilt waren, das zu werden, was man Bitches oder alte Bitches nannte. So war man ihnen fast schon gram, tot zu sein und solche Gewissenserforschungen auszulösen, bei denen man ermaß, wie armselig und engstirnig man gewesen war und wie leichtfertig man zu einem Urteil, ja einer Verurteilung gekommen war, ohne vorher selbst einmal in den Spiegel zu sehen.

Zum Glück war es September geworden, denn gegen Ende des Sommers hatte nicht weniger als die Hälfte der Menschen, die die kleine Gemeinschaft von Bondrée ausmachten, einen solchen Selbsthass entwickelt, dass viele bereit waren, diesen auch...

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