Die Gründung von Facebook

The social network
 
Ben Mezrich (Autor)
 
riva Verlag
1. Auflage | erschienen am 25. Februar 2011 | 280 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86413-245-2 (ISBN)
 
Das Buch Die Gründung von Facebook lieferte die Vorlage für den erfolgreichen Film The social network, der gleich mehrfach bei den Golden Globes (u.a. Bester Film) abräumte und für acht Oscars nominiert ist.Mark Zuckerberg und Eduardo Saverin sind beste Freunde. Sie studieren zusammen in Harvard, lieben Mathematik - und können überhaupt nicht beim anderen Geschlecht landen. Als sich Mark eines Nachts ins Rechnernetz der Uni hackt, um ein Website zu programmieren, auf der man über die Attraktivität sämtlicher Studentinnen abstimmen kann, bricht der Server zusammen und Mark entgeht nur knapp dem Rausschmiss aus Harvard. Doch dies ist der Moment, der das Leben der beiden vollkommen verändert: Die Idee für Facebook wird geboren und eine unglaubliche Erfolgsgeschichte nimmt ihren Lauf. Jedoch überlebt die Freundschaft von Eduardo und Mark den Aufstieg nicht, sie fällt dem Ernst der Erwachsenenwelt, dem Geld und ihren Anwälten zum Opfer.So erfolgreich Facebook heute Menschen miteinander verbindet, so endgültig hat es die beiden Freunde auseinander gerissen.
Deutsch
München
1,35 MB
978-3-86413-245-2 (9783864132452)
3864132452 (3864132452)
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Kapitel 1:
Oktober 2003


Der dritte Cocktail hatte wahrscheinlich die gewünschte Wirkung erbracht. So genau konnte es Eduardo nicht sagen, da er die drei Drinks - die leeren Plastikbecher stapelten sich nun akkordeonartig auf der Fensterbank hinter ihm - so schnell hintereinander weggegekippt hatte, dass er nicht einschätzen konnte, wann genau die Veränderung eingetreten war. Aber eingetreten war sie zweifellos, das spürte er an seinem Körper, von Kopf bis Fuß. Die angenehm warme Durchblutung seiner sonst eher bleichen Wangen; die entspannte, fast gummiartige Weise, in der er sich gegen das Fenster lehnte - sie stand in krassem Kontrast zu seiner üblichen steifen, leicht buckligen Haltung; und was das Wichtigste war: das ungezwungene Lächeln auf seinem Gesicht - eben das hatte er heute Abend zwei Stunden lang erfolglos vor dem Spiegel geübt, bevor er sein Zimmer im Studentenwohnheim verlassen hatte. Ohne jeden Zweifel, der Alkohol zeigte Wirkung und Eduardo hatte keine Angst mehr. Zumindest nicht mehr den überwältigenden Drang, sich hier schleunigst zu verpissen.

Zugegeben, der Raum, in den er blickte, war einschüchternd: Ein enormer Kristalllüster hing von der gewölbten Kathedralendecke; dicker, roter Veloursteppich schien geradezu aus der majestätischen Mahagonitäfelung herauszubluten; eine zweigeteilte Treppe schlängelte sich zu den legendenumwobenen, verwinkelten, ultra-geheimen Obergeschossen empor. Sogar die Fensterscheiben hinter Eduardos Kopf wirkten unheimlich, hinter ihnen flackerte ein wütendes Freudenfeuer, das den größten Teil des Hofes draußen einnahm. Zuckende Flammen leckten an den alten, pockennarbigen Scheiben.

Es war ein furchterregender Ort, besonders für einen Jungen wie Eduardo. Er war keineswegs in Armut aufgewachsen - den größten Teil seiner Kindheit war er zwischen den Milieus der oberen Mittelklasse in Brasilien und Miami hin- und hergeflogen worden, bis er sich dann in Harvard immatrikuliert hatte. Aber die altertümliche Ostküsten-Opulenz, die dieser Raum ausstrahlte, war ihm völlig fremd. Trotz Alkohol spürte Eduardo, wie die Unsicherheit tief in seinem Magen rumorte. Er fühlte sich wieder ganz wie ein Erstsemesterstudent, der zum ersten Mal den Harvard Yard betritt und sich fragt, was zum Teufel er dort zu suchen hat und ob er denn jemals dorthin gehören kann. Ob er denn jemals hierher gehören kann.

Er schob sich am Fensterbrett entlang und spähte in die Menge junger Männer, die den größten Teil des Gewölbes ausfüllte. Es war eher eine Meute; an den beiden Bars zusammengedrängt, die extra für diesen Abend aufgebaut worden waren. Die Bars an sich waren eher schäbig - Holztische, kaum mehr als Arbeitsplatten, die überhaupt nicht zu dem ehrwürdigen Ambiente passten -, aber niemand nahm Notiz davon, da die Bars mit den einzigen Mädchen im Raum besetzt waren: einheitlich vollbusige Blondinen in tief ausgeschnittenen Tops, die von einem der örtlichen Mädchen-Colleges geholt worden waren, um die Jungmännermeute zu bedienen.

Die Meute war in vielerlei Hinsicht noch wesentlich furchteinflößender als das Gebäude. Eduardo war sich nicht sicher, aber er schätzte ihre Zahl auf etwa zweihundert - alle männlich, alle in ähnlichen dunklen Blazern und ebenso dunklen Hosen. Größtenteils im zweiten Studienjahr, ethnisch gemischt, und doch hatten ihre Gesichter alle etwas gemeinsam - ein Lächeln, das so viel ungezwungener schien als das von Eduardo, zweihundert Augenpaare voller Selbstvertrauen: Diese Jungs waren es nicht gewöhnt, sich beweisen zu müssen. Sie gehörten hierher. Für die meisten von ihnen war diese Party - und dieser Ort - einfach nur Formsache.

Eduardo holte tief Luft und ein scharfer Geschmack ließ ihn leicht zusammenfahren. Die Asche des Feuers im Hof drang bereits durch das Fenster und doch ließ er nicht von seiner Lauerstellung am Fensterbrett ab, noch nicht. Noch war er nicht bereit.

Stattdessen lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die nächststehende Gruppe von Blazern - vier Jungs von mittlerer Statur. Keinen von ihnen kannte er aus irgendeinem seiner Kurse; zwei der Jungs waren blond und sahen adrett aus, als wären sie eben erst einem Zug aus Connecticut entstiegen. Der dritte war ein Asiate und wirkte etwas älter, aber das war schwer zu sagen. Der vierte allerdings - Afroamerikaner, sehr geschniegelt, vom Lächeln bis zum perfekt frisierten Haar - war ganz bestimmt schon im vierten Jahr, ein Senior.

Eduardo fühlte, wie sein Rücken sich versteifte, und er warf einen Blick auf die Krawatte des schwarzen Studenten. Die Farbe des Stoffes war das letzte Indiz, das Eduardo noch brauchte. Der Typ war ein Senior und jetzt endlich war Eduardo am Zug.

Eduardo zog die Schultern zurück und drückte sich vom Fensterbrett ab. Er nickte den beiden Jungs aus Connecticut und dem Asiaten zu, wobei sein Blick jedoch auf den Älteren gerichtet blieb - auf ihn und seine schwarze Krawatte mit dem unverwechselbaren Muster.

»Eduardo Saverin.« Eduardo stellte sich vor, indem er dem Typen kräftig die Hand schüttelte. »Freut mich, dich kennenzulernen.«

Der Typ nannte seinen Namen, den Eduardo in den Tiefen seines Gedächtnisses abheftete: Darron Soundso. Der Name des Typen tat nichts zur Sache, die Krawatte sagte alles, was Eduardo wissen musste. Ziel und Zweck dieses ganzen Abends steckten in den kleinen weißen Vögelchen, mit denen der schwarze Stoff besprenkelt war. Die Krawatte wies ihren Träger als Mitglied des Phoenix-S K aus; er war einer der rund zwanzig Gastgeber des heutigen Abends, die sich unter die zweihundert jüngeren Studenten gemischt hatten.

»Saverin. Du bist doch der mit dem Hedgefonds, oder?«

Eduardo errötete, aber innerlich freute er sich irrsinnig darüber, dass ein Phoenix-Mitglied seinen Namen kannte. Die Sache war ein wenig übertrieben - er hatte keinen Hedgefonds, er hatte nur während der Sommerferien zusammen mit seinem Bruder etwas Geld mit Finanzspekulationen gemacht - Eduardo hatte jedoch nicht vor, den Irrtum aufzuklären. Wenn die Phoenix-Mitglieder über ihn sprachen, wenn das, was sie über ihn hörten, sie irgendwie beeindruckte - ja, dann hatte er vielleicht eine Chance.

Dieser kühne Gedanke ließ Eduardos Herz schneller schlagen, während er sich bemühte, gerade so viel Scheiße zu erzählen, dass das Interesse des Phoenix wach blieb. Mehr als alle Prüfungen, die er im ersten und zweiten Studienjahr abgelegt hatte, würde dieser Moment über seine Zukunft entscheiden. Eduardo wusste, was es bedeutete, im Phoenix aufgenommen zu werden - für seinen sozialen Status während der letzten beiden Collegejahre und für seinen Berufsweg, welchen auch immer er einschlagen mochte.

Ähnlich den Geheimgesellschaften in Yale, über die schon so viel in der Presse geschrieben worden war, waren die Final Clubs ein unverhohlenes Geheimnis des Studentenlebens in Harvard. Die acht in jahrhundertealten Cambridger Villen untergebrachten Clubs waren nur Männern zugänglich und hatten ganze Generationen von Weltpolitikern, Finanzriesen und Börsenmagnaten hervorgebracht. Und, was fast genauso wichtig war, mit der Mitgliedschaft in einem der acht Clubs erhielt man auch gleich eine soziale Identität; jeder der Clubs hatte einen anderen Charakter, vom ultra-exklusiven Porcellian, dem ältesten Club auf dem Campus, dessen Mitglieder Namen wie Roosevelt oder Rockefeller trugen, bis zum schicken Fly Club, dem zwei Präsidenten und eine Handvoll Milliardäre entwachsen waren; jeder der Clubs hatte seine ganz eigene, unverwechselbare Art von Macht. Der Phoenix war zwar nicht der angesehenste Club, aber in Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben unbestrittene Spitze; das streng wirkende Gebäude auf der Mt. Auburn Street 323 war die erste Adresse an Freitag- und Samstagabenden und als Phoenix-Mitglied gehörte man nicht nur zu einem jahrhundertealten Netzwerk, sondern ging am Wochenende auch auf die besten Partys der ganzen Universität, zu denen die schärfsten Mädels aus allen Schulen mit der Postleitzahl 02138 geladen waren.

»Der Hedgefonds ist mehr so ein Hobby«, gab Eduardo in aller Bescheidenheit zu, und die kleine Gruppe von Blazern hing an seinen Lippen. »Wir kümmern uns hauptsächlich um Öl-Futures. Ich hatte immer schon einen Wettertick und hab halt ein paar Hurrikane korrekt prognostiziert, die der Rest des Marktes noch nicht auf dem Schirm hatte.«

Eduardo versuchte, die obsessive Frickelei herunterzuspielen, mit der er den Ölmarkt ausgetrickst hatte, weil er merkte, dass er auf einem schmalen Grat wandelte; er wusste, dass der Phoenix-Typ von den dreihunderttausend Dollar aus Eduardos Ölgeschäften hören wollte, nicht aber von Eduardos kauzigem Interesse für Meteorologie, das die Geschäfte ermöglicht hatte. Dennoch wollte Eduardo ein bisschen damit angeben; Darrons Erwähnung des »Hedgefonds« hatte Eduardos Vermutung bestätigt, dass er nur aufgrund seines frühen Erfolges als Geschäftsmann Zutritt zu diesem Raum erhalten hatte.

Viel hatte er sonst auch wirklich nicht vorzuweisen, das war ihm klar. Er war nicht sportlich, konnte kein altes Familienerbe vorweisen und war gewiss niemand, der Partys aufmischt. Er war schlaksig, seine Arme waren etwas zu lang für seinen Körper und er konnte nur betrunken wirklich entspannt sein. Und trotzdem war er hier, in diesem Raum. Mit einem Jahr Verspätung - gewöhnlich wurde man im Herbst des zweiten Jahres »gepuncht«, nicht im dritten Jahr wie Eduardo -, aber er war hier.

Die ganze Punch-Prozedur war für Eduardo...

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