Die Irren, die uns regieren -

Deutschlands Politiker - Eine skandalöse Geschichte
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09822-3 (ISBN)
 
Wahljahr 2013 - der Wahnsinn hat Methode!

Italien hatte seinen Berlusconi, Frankreich punktete mit Strauss-Kahn, selbst Österreich offenbart mit Richard »Mörtel« Lugner samt Promi-Gespielin bei jedem Opernball Skandalpotenzial. Und Deutschland? Erscheint langweilig und brav. Leben wir also auch auf dem Debakel- Sektor nur noch von der Substanz? Nein, auch die deutsche Politik hat viel vorzuweisen: Neben CDU-Spendenaffären und planschenden Verteidigungsministern auch echte Gangster, seltsame Parteien und mehr als einen zurückgetretenen Bundespräsidenten. Die letzten 25 Jahre zeigen: Egal, wer regiert, der Irrsinn ist parteiübergreifend. - Scharfzüngig, polemisch, entlarvend: die etwas andere Chronik der Republik.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,13 MB
978-3-641-09822-3 (9783641098223)
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1. Eindeutig zu wenig Sex & Drugs & Rock 'n' Roll?

Ja, du . Na, klar! . Und los! Aah! Aah! Ich zeig dir mal, wie das Volk kämpft! Aah! Aah! Ooh! Ooh! Schneller! Schneller! Ah! Aah! Jaaa! Jaa! Iii-ja! Ooh! Ooh! Schneller, schneller! Aah, aah! Ooh! Ooh! Jetzt, jetzt! Ooh! Ooh!

Dagmar Wöhrl, CSU-MdB und Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in dem Film Wenn nachts die Keuschheitsgürtel klappern - die Stoßburg (D 1974) Zit. nach titanic 12/1994

Die Lage scheint so eindeutig wie desolat: Während Italien den Bunga-Bunga-Orgiasten Silvio Berlusconi, Frankreich den Hotel-Abenteurer Dominique Strauss-Kahn und eine Ex-Justizministerin mit kolportierten acht gleichzeitigen Liebhabern vorweisen kann, Amerika mit dem Kindermädchenliebhaber Schwarzenegger und dem Praktikantinnenfreund Bill Clinton zumindest respektabel dasteht, Spaniens König Juan Carlos gleichermaßen hinter jungen Geliebten und alten Elefanten her ist, Schwedens Monarch sich um seine Untertaninnen im Rotlichtmilieu kümmert und man in Israel einen ehemaligen Staatspräsidenten wegen Mehrfach-Vergewaltigung sogar für sieben Jahre ins Gefängnis stecken musste, scheint für die deutsche Polit-Erotik das Urteil »tote Hose« noch geschmeichelt. Was nicht an fehlenden Gelegenheiten liegt: »Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock«, so FDP-Mann Wolfgang Kubicki in einem Zeit-Interview am 22. März 2010:

»Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartment auf Sie, sonst niemand. Es gibt einen enormen Frauenüberschuss, denn wenn Sie den gesamten Politikbetrieb nehmen, kommen Sie auf schätzungsweise 100000 Leute in Parlament, Regierung, Verwaltung, Botschaften, Verbänden und Medien, davon 60 Prozent Frauen. Ich weiß doch, wie es läuft: Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu der Alkohol: Sie könnten, weil Sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf Termine. Und abends geht es richtig los. Sie betreten bestimmte Restaurants und sehen schon diese glasigen Augen in den Rotweingesichtern Ihrer Kollegen. >Kubicki<, rufen die beseelt, während Sie noch in der Tür stehen, >Kubicki, setz dich zu uns<.«

Trotzdem hörte man wenig. Mal gab es Lesben-Gerüchte um die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die sie auf einem Straßenfest dementierte (»Ich muss euch enttäuschen, ich bin hoffnungslos an Männern interessiert«). Mal kam der sagenumwobene Frauen-Pool des CDU-Generalsekretärs und RWE-Lobbyisten Laurenz Meyer ins Gerede, weil die Seehofer-Geliebte Anette Fröhlich von dort stammte. Für Kubickis These spricht, dass sich sowohl Ex-Bundespräsident Wulff als auch EU-Kommissar Günther Oettinger mit Neu-Gattinnen aus PR-Kreisen versorgten.

Leider wird aus diesem Miezen-Milieu sträflich wenig gemacht beziehungsweise nichts dafür getan, dass es Naturtalente wie der vorbestrafte frühere bayerische Landtagsabgeordnete Hans Wallner bis in die Bundespolitik schaffen: 1997 geriet Wallner mit der Landtagsverwaltung aneinander, weil er von seinem Büro aus vierhundertmal und oft stundenlang Sex-Hotlines angerufen hatte, wobei 26832 DM an Telefongebühren anfielen. Während seiner Prozesse verprügelte er mehrere Journalisten. Cecilie Fischer, eine »wegen Beihilfe zur Prostitution verurteilte Freundin aus Österreich« (Die Welt, 22. 10. 1997), mogelte er beim Münchner Sommerfest des Landtagspräsidenten 1992 dazwischen und stellte sie als seine Gattin vor, bevor auch sie Opfer seiner zweiten Leidenschaft wurde:

»CSU-Generalsekretär Erwin Huber: >Eines Tages rief eine Dame in der CSU-Landesleitung an, sagte, der Abgeordnete Wallner bedrohe sie, zertrümmere gerade ihre Wohnung. Wir verwiesen die Frau an die Polizei.< Die Anruferin war Cecilie Fischer.« (Focus 41/1994)

Auch sonstige Versuche, den Politbetrieb erotisch zu beleben, gingen mehr oder weniger unter. Immerhin warb Dolly Buster 2002 für die FDP, die mit »Glücksrad«-Moderator Peter Bond erstmals einen früheren Pornodarsteller als Bundestags-Direktkandidaten aufstellte. Die CSU-Abgeordnete und ehemalige Miss Germany Dagmar Wöhrl wirkte 1974 in einem Sexfilm mit (Wenn nachts die Keuschheitsgürtel klappern - die Stoßburg) mit. Der SPD-Abgeordnete Hans-Jürgen Uhl ließ sich im Gefolge des Sozialreformers Peter Hartz auf VW-Kosten Brasilianerinnen einfliegen. Und in ihren Anfängen verschafften Sexthemen sogar den Grünen im Bundestag Aufmerksamkeit:

»Eine wirkliche Wende wäre es, wenn hier der Kanzler stehen würde und die Menschen darauf hinweisen würde, dass es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind und die Möglichkeit einer Schwangerschaft gänzlich ausschließen«,

rief die grüne Neu-Abgeordnete Waltraut Schoppe 1983 ins Plenum; etwas später erschütterte ein Skandal ihre Fraktion: Parteifreund Klaus Hecker hatte sich als »Busengrapscher« betätigt. Von den heutigen Grünen hörte man in dieser Hinsicht längst nichts mehr, hätte sich nicht unlängst der brandenburgische Grünen-Schatzmeister Goetjes mutig in die Bresche geworfen (siehe ?).

Ulla Schmidt, die maoistische Bardame

Ein Maximum an Chancen wurde aber zweifellos im Fall der früheren SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vertan. Wer hat schon, wie sie 2001, den Schlagersänger Christian Anders als öffentlichen Ankläger:

»In den 70er-Jahren verkehrte Frau Ulla Schmidt regelmäßig im Puff oder im Bordell oder, um es vorsichtiger auszudrücken, im Rotlichtmilieu der Aachener Innenstadt in der Rotlichtbar Barberina (heute >Club Voltaire<), welche ihrer Schwester gehörte. In dieser Pornobar konnte man sich auch Pornofilme mit gewalttätigen Szenen ansehen und sich dabei genüsslich befriedigen oder befriedigen lassen, gegen Bezahlung natürlich. In dieser Pornobar Barberina wie auch im Spielklub Grand Mühle ging unsere heutige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ihrer Schwester schon mal >zur Hand<, wenn Sie wissen, was ich meine? Gut.« (Anders/Straube, Literarischer Rebell, S. 133 f.)

Dass Anders sich mit Frau Schmidt so gut auskannte, kam nicht von ungefähr:

»Eine der engsten Vertrauten meines Bruders Dieter Schinzel war Ulla Schmidt, die ihren steilen Parteiaufstieg nur meinem Bruder zu verdanken hat. Dafür bürgte Ulla Schmidt großzügig bei den Banken.«

Als Anders diese Kamellen 2001 auskramte, stand er damit nicht allein. Nach dem Rücktritt von Andrea Fischer war Ulla Schmidt gerade neue Bundesgesundheitsministerin geworden. »Diäten verpfändet« meldete BamS mit der Unterzeile »Vergangenheit im Rotlichtmilieu«. Kanzler Gerhard Schröder daraufhin zu Schmidt: »Ulla, das stehen wir durch.«

Die »Enthüllungen über das bewegte Vorleben« der frisch gebackenen Ministerin waren zu diesem Zeitpunkt schon seit sechs Jahren bekannt: Dimitrios Siskos, mehrfach vorbestrafter Exfreund und Geschäftspartner von Schmidts Schwester Doris Zöller, hatte eigentlich Letztere wegen ihrer Beziehungen zu Aachens Bürgermeister Jürgen Linden um 50000 DM erpressen wollen. Anschließend wurde die Story mit einem kolportierten Verkaufswert von 3000 DM verschiedenen Redaktionen angeboten.

Der Stern biss an und berichtete in Heft 12/1995 unter der Überschrift »Geld, Gier und Genossen« über einen Fall von mutmaßlicher Begünstigung:

»Beamte vom Stadtsteueramt hatten Vergnügungssteuer-Nachveranlagungen für die im Spielkasino Kaiserplatz durchgeführten Veranstaltungen vom 1. Januar 1983 bis 31. Oktober 1991 addiert. Danach fehlten 1057045 Mark im Stadtsäckel.«

Frau Zöllers Anwalt bei dem anschließenden Prozess war der bis 2009 amtierende Aachener Bürgermeister Jürgen Linden. Der, so der Stern, hatte mit der Schmidt-Schwester 1983 eine relativ günstige Vergnügungssteuerpauschale ausgehandelt, »welche die Stadt um mehr als eine Million an Steuergeldern brachte«.

Zur Zeit des Stern-Artikels zog sich der Prozess schon vier Jahre hin. Ulla Schmidt, damals nur Bundestagsabgeordnete, wurde lediglich am Rande erwähnt:

»Sie, die in Scharpings Schattenkabinett als Familienministerin vorgesehen war, räumte vor Gericht ein, im Klub ihrer Schwester ausgeholfen und zur Urlaubszeit die Kasse geführt zu haben. 1983 gestattet sie sogar, bei der Stadtsparkasse unter der Nummer 306035601 ein Sparbuch auf den Namen Ursula Schmidt anzulegen. Danach wurden auf diesem Konto oft innerhalb weniger Tage fünfstellige Summen bewegt. Bereits in ihrer Studentenzeit hatte Ursula Schmidt der Schwester als Aushilfe zur Seite gestanden. Damals besaß Doris Zöller die Bar Barberina. Bei einer Razzia - Ursula Schmidt wurde als >Bedienungspersonal< angetroffen - stellte die Staatsanwaltschaft 14 Pornofilme sicher, die unter anderem >Unzuchtshandlungen wie Notzuchtsszenen und...

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