Satyrische Selbstbehauptung

Innovation und Tradition in Grimmelshausens "Abentheurlichem Simplicissimus Teutsch"
 
 
Wallstein (Verlag)
1. Auflage | erschienen im Juni 2011 | 256 Seiten
 
E-Book | PDF ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8353-2048-2 (ISBN)
 
Andreas Merzhäuser zeichnet ein neues Bild des berühmtesten deutschen Barockromans, das seine innovative ästhetische Leistung entschlossen ins Zentrum der Betrachtung rückt und seine fortdauernde Aktualität deutlich macht.

Ob der "Simplicissimus" (erschienen 1668) mehr der alten oder der neuen Zeit zugehöre, ob die traditionellen oder die modernen Momente überwiegen, zählt seit der "Wiederentdeckung" des Romans in der Romantik zu den Grundfragen der Grimmelshausen-Rezeption. Andreas Merzhäuser nimmt in dieser alten Streitfrage eine neue Position ein, indem er sein Augenmerk auf das eigentümliche Erzählverfahren des "Simplicissimus" richtet und dessen Reflexionsprozeß rekonstruiert. Es wird dabei deutlich, daß der "Simplicissimus" die Spannungen der epochalen Übergangszeit nicht bloß reproduziert, sondern selbst bereits eine innovative Antwort auf die Krise der Frühen Neuzeit bildet: die einer grenzgängerischen literarischen Selbstbehauptung, die gerade über der spannungsgeladenen Verschränkung von Altem und Neuem einen eigenen Standpunkt findet.
Merzhäusers textgenaue Interpretationen zentraler Passagen und Episoden zeigen, wie Grimmelshausen in seinem "Simplicissimus" den satyrischen Roman aus den normativen Bindungen des poetisch-rhetorischen Systems löst und ihn zum privilegierten Ort einer ästhetischen Reflexion eigenen Rechts erhebt.
Die Darstellung widmet sich unter anderem folgenden Aspekten: Der Darstellung von Krieg und Gewalt, der Ausbildung moderner Subjektivität im simplicianischen Erzählprozeß, dem Verhältnis von Satyre und Roman, dem Zusammenhang von Autorkonstruktion und Werkstruktur in frühneuzeitlicher Literatur sowie der Stellung Grimmelshausens im Kontext der europäischen Literaturen der Frühen Neuzeit.
Deutsch
1,11 MB
978-3-8353-2048-2 (9783835320482)
3835320483 (3835320483)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andreas Merzhäuser, geb. 1960, Literaturwissenschaftler. Studium und Promotion an der Universität Bonn, Mitbegründer und Leiter des Arbeitskreises Frühe Neuzeit am Germanistischen Seminar, Bonn. Veröffentlichungen zur Literatur der Frühen Neuzeit, zu Goethe, Benn und zur Gegenwartskunst.
1 - Inhalt [Seite 6]
2 - Vorwort [Seite 8]
3 - Der verborgene Autor [Seite 28]
4 - In der Maske des Satyrs [Seite 52]
5 - Die neue Zeit [Seite 90]
6 - Der Fall Simplicius [Seite 140]
7 - Schlüsse [Seite 192]
8 - Nachwort [Seite 232]
9 - Siglenverzeichnis [Seite 233]
10 - Literaturverzeichnis [Seite 234]
Der Fall Simplicius (S. 139-140)

Nun ist der Lebensbericht des Simplicius Simplicissimus nicht nur eine fundamentale Kritik der Welt, die durch die Perspektive des jungen, unerfahrenen Helden Kontur gewinnt. Er ist vor allem auch ein Prozeß gegen Simplicius Simplicissimus, ein Gericht über seinen Fall. Von dem Moment an, da sich der Held seiner Dienerrolle entledigt und selbst zum Meister des Krieges avanciert, verändert sich schlagartig sein Status innerhalb des satyrischen Prozesses.

Simplicius Simplicissimus fungiert nicht länger als Medium der Kritik, sondern als deren bevorzugtes Objekt. Doch so unverkennbar kritisch sich die Erzählung im Dritten und Vierten, zum Teil auch noch im Fünften Buch gegen den Helden richtet, so schwer tut sich die Forschung mit der Aufgabe, Struktur und Gehalt dieser Selbstkritik zu bestimmen. Die Probleme der Deutung gründen auch hier vor allem in jener fundamentalen Zweideutigkeit des Satyrischen, die uns bereits im zweiten Kapitel, bei der Betrachtung des Vestibüls beschäftigte.

Auf der einen Seite fordert die Lebensbeschreibung den Leser dazu auf, den gesamten Lebenslauf unter moraldidaktischen Auspizien zu rezipieren, ihn als Geschichte von sündhafter Verstrickung und gnadenreicher Erlösung zu lesen. Besonders markant tritt diese Anweisung in beiden Schlüssen der Lebensbeschreibung zutage. Aber auch während der fortlaufenden Erzählung ist der Geist rigider Lasterkritik beständig präsent.

Er äußert sich in den Mahnungen vorbildhafter Figuren (Lippstädter Pfarrer, der jüngere Hertzbruder), im abschreckenden Exempel des Olivier, in den gelegentlichen Gewissensanfechtungen des Helden und vor allem in den zahlreichen moraldidaktischen Kommentaren, die das Treiben des Helden mit der Begrifflichkeit des christlichen Lasterspiegels zu fassen versuchen. Immer wieder meldet sich der Erzähler zu Wort und verweist den Leser auf die »Hoffart« des Helden, auf seinen Ehrgeiz, seine Verschwendungssucht , sein »Epicurisch Leben«.

Auf der anderen Seite widmet sich der vermeintlich so asketisch gesinnte Erzähler dem welthaften Treiben seines Helden mit so viel Interesse und Nachsicht, daß sich zwingend die Frage stellt, ob die Lebensbeschreibung tatsächlich in toto dem Modell einer Bekehrungsgeschichte subsumiert werden darf. Schon auf der Ebene der Kommentare trifft der Leser auf bedeutsame Spannungen und Widersprüche in der Beurteilung des Falles.

Neben den ernsten, moraldidaktischen Vermahnungen stehen immer wieder auch lebenskluge Einlassungen, die aus dem Reservoir der Sprichwörter und Volksweisheiten schöpfen und den Schwächen des Helden, seiner kreatürlichen Narrheit, mit verständnisvollem Humor begegnen. Vor allem aber ist es die Darstellung der Taten selbst, die irritiert. Wie der Satyr des Titelkupfers den Leser lockend auf jene Dinge stößt, die er zu verdammen vorgibt, so folgt der Erzähler mit sichtbarem Vergnügen den problematischen Wegen des Helden. Seine lustige »Histori« partizipiert recht unverhohlen an den curiösen Neigungen des erlebenden Ichs, an dessen Vorliebe für den schwankhaften Streich, das abenteuerliche Vagieren.

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