Mein Leben als Tennisroman

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2018
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1594-9 (ISBN)
 
It's a match! Arthur Wilkow, fourtysomething, Literatur- und Sportjunkie, setzt alles auf eine Karte. Sein Ziel: einen autobiographischen Tennisroman zu schreiben. Aber was, wenn das Leben für einen Roman nicht taugt? Hin- und hergerissen zwischen Wunsch und Wirklichkeit reist Wilkow durchs Jahr, nach Hawaii, zum Lago Maggiore, nach Köln und Kühlungsborn, Polen und Portland. Mein Leben als Tennisroman erzählt von Gegner- und Partnerschaft, den täglichen Kämpfen und letzten großen Duellen. Zwischen Mann und Frau, Autor und Figur, Erinnerung und Gegenwart. »In der hiesigen Literatenszene, in der es von Kojoten, Tagedieben und anderen Heiligen nur so wimmelt, ist Andreas Merkel der - wie es im Sport heißt -, "den du gesehen haben musst". Ronald Reng
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 7,34 MB
978-3-8412-1594-9 (9783841215949)
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Andreas Merkel, geboren 1970 in Rendsburg, lebt in Berlin. Autor der Romane "Große Ferien" und "Das perfekte Ende". Sein Tagebuchroman "Fan-Fibel 1. FC Köln" (11Freunde: "das Anti-Fußballbuch des Jahres") wurde 2017 von der Deutschen Fußball-Akademie zum "Fußballbuch des Jahres" nominiert. Merkel ist Inhaber einer abgelaufenen Tennistrainer-C-Lizenz.

27. Januar: Görlitz


Im Hinterland Eis und Schnee: Zweieinhalb Wochen nach meiner Rückkehr aus Amerika sitze ich im Regionalzug nach Görlitz und schaue aus dem Fenster auf die Steppe Brandenburgs. Nur mit Mühe konnte ich beim Zusteigen noch einen Fensterplatz erwischen. Jetzt versuche ich erst mal, schwitzend und durch den Mund atmend zur Ruhe zu kommen, während neben mir eine korpulente Wochenendpendlerin ein Leberwurstbrot isst.

Schuld an der Reise ist Jakov Schulze, der mich zu einem Gastspiel der Berliner Lesebühne Desperados nach Görlitz eingeladen hat. Ich weiß nicht genau, ob das ein Kompliment ist, wenn einem gesagt wird, dass man seinen Roman auch bei einer Lesebühne vortragen könnte. »Das wird super, die sind immer ganz rührend in Görlitz«, versicherte Schulze mir. »Da ist immer volles Haus. Vorher gehen wir gemeinsam in Polen essen. Wir übernachten alle in einer Pension. Und morgens gibt's frische Ost-Schrippen zum Frühstück.«

Da ich seit meiner Rückkehr aus Portland nur erkältet war und mit dem Tennisroman kein bisschen vorangekommen bin, sage ich sofort zu. Ich hasse wenig mehr als falsche Eitelkeit unter Autoren. Die Gage beträgt 150 Euro für jeden. Völlig okay, findet Familienvater Jakov Schulze, der nimmt, was kommt, und mich mit seinem verschmitzten Pokerface immer ein wenig an den russischen Tennisprofi und Zocker Jewgeni Kafelnikow erinnert.

Die Reise fühlt sich wie ein Rückfall in eine Vergangenheit an, die ich nie gehabt habe (insgesamt war ich vielleicht drei mal Gast auf einer Lesebühne). Außerdem bin ich vermutlich der einzige Westler auf diesem Ost-Trip, bei dem mich allein schon das Line-up (Dimo Delbrück, Schulze, das unbekannte Rap-Duo Teleterror, Wilkow) an eine Ansage von René Pollesch erinnert: Er könne Romane nur so lange ernst nehmen, bis die ersten Namen auftauchen, dann müsse er unweigerlich an Hape Kerkeling denken. (Andererseits könnte René Pollesch natürlich genauso gut auch nur ein Romanname sein.)

Von den anderen Romannamen hab ich im Zug zum Glück noch niemanden gesehen. Dann kommt eine SMS von Jakov Schulze, ich soll nach vorne in den Wagen 23 kommen. Ich bleibe lieber sitzen - in Cottbus müssen wir sowieso umsteigen - und schaue weiter aus dem Fenster.

Vorhin, als die Bahn dieselben Ausfallstraßen passierte, die auch Wilkow mit Lenz für ihre gemeinsamen Radtouren nutzte, dachte ich, dass Wilkow seinen - verbotenes Wort - Schützling lange nicht gesehen hatte. Lenz wollte in diesem Jahr auf der sogenannten Future Challenger-Serie noch mal »angreifen«, wie er das nannte. Auf den Futures können sich weltweit noch nicht ganz so gut platzierte oder junge Spieler parallel zum großen ATP-Zirkus für diesen bewerben. Es gibt dort zwar nur kleine Preisgelder und keine Top-100-Gegner, aber trotzdem ein paar Profipunkte - im Grunde wie bei den Lesebühnen im Literaturbetrieb.

Deswegen hatte sich Lenz im Januar meines Tennisromans zum Training mit Coach Mike Demandt und Doppelpartner Leon Uebel auf eine Tennis-Academy in Brandenburg zurückgezogen, bevor das kleine Team letzte Woche nach Koblenz aufbrach (wo Lenz in der ersten Runde rausflog). Zwischen Wilkow und ihm hatte es in der Zeit nur ein halbstündiges Telefonat, ein paar Mails und kurze Wie geht's, wie steht's-SMS gegeben, mehr war nicht drin. Und darum vermisste Wilkow jetzt seinen jungen Freund, genauer die Radtouren. Radtour bedeutete, dass Lenz ein-, zweimal die Woche - wenn er sich schon nicht erweichen lassen konnte, mit Wilkow ein paar Bälle zu schlagen oder im Humboldthain laufen zu gehen - eine Auszeit vom harten Drilltraining an der anaeroben Grenze nahm, um Wilkow auf seinen Fahrten durch die Suburbs und raus aus der Stadt zu folgen.

Auf diesen Runden - sie dauerten nie länger als drei Stunden: you can take them out of the city, but you can't take the city out of them - versorgte Wilkow ihn gern mit ein paar Geschichten, die Lenz über die Eintönigkeit des Trainings und der zu durchfahrenden Straßen hinweghelfen sollten. Diese Geschichten handelten auf erzählerischen Um- oder Auswegen eigentlich immer von Berlin als unheimlichem Ort. Hinter den Fenstern dieser Stadt lauerten natürlich Verbrechen, Perversionen, Familiendramen unter Fernsehguckern, anonymer Sex oder einsame Leseorgien hübscher Buchhändlerinnen . Lenz hatte das Muster dieser Storys natürlich bald durchschaut und ließ sie sich trotzdem gern erzählen. Er bevorzugte natürlich Real-Crime-Storys (Hochhausmorde in der Leipziger, Kofferleichen in der Spree). Wenn sie sensibler drauf waren, konnte es auch vorkommen, dass Lenz an sämtlichen Geschäfts- und Industrie-Ideen, an denen sie vorbeiradelten (Matratzen, Möbel, Maniküre), zweifelte: wie konnten die überhaupt überleben? So wurde ihnen die Stadt wieder nähergebracht, indem sie ihnen fremd wurde .

»Alter, hier versteckst du dich!« Kurz vor Cottbus hat mich Jakov Schulze entdeckt und schaut mit diesem russisch-bäuerlichen Blick auf mich runter. »Die anderen sind alle vorn. Wagen 23, wir müssen eh gleich umsteigen.«

»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du wie Kafelnikow aussiehst?«

»Kafelnikow wie bei Tolstoi?«

»Nein, Jewgeni Kafelnikow wie bei Tennis.«

Schulze bildgoogelt kurz und lächelt verschmitzt über das Ergebnis: Ein schlanker Kafelnikow bei seiner gefürchteten Vorhand (erster russischer Grand-Slam-Gewinner, erste russische Tennis-Nummer-Eins). Ein dicker Kafelnikow zum Empfang bei Putin (Gerüchte über Verbindungen zur Wettmafia). Ein blondes Model im Badeanzug (Kafelnikows magersüchtige Tochter, ein Quell steter Sorge für den geschiedenen Vater). Zugdurchsage: nächster Stopp Cottbus. Jakov Schulze fragt hinterlistig, ob ich auch Vorlesen geübt hätte.

Natürlich nicht. Lesen üben für einen Lesebühnenauftritt wäre dann doch zu viel verlangt vom Autor eines Tennisromans. Stattdessen übte ich letzten Sonntag lieber reales Tennis mit E. in der Halle in Mitte an der Melchiorstraße, um mich darüber hinwegzutrösten, dass ich sie im Roman ja nach München wegbefördert hatte (was ich ihr natürlich nicht erzählt habe). Üben statt Spielen, weil die eigentlich supersportliche E. natürlich in ihrer alternativen Protestjugend jede Form von Sport oder gar Leistungssport als protofaschistisch abgelehnt hat und deswegen im Tennis eine absolute Anfängerin ist. Leider ist Tennis für jeden Anfänger, selbst mit besten Voraussetzungen (Bewegungstalent, Ballgefühl, Schnellkraft), eine extrem demütigende Erfahrung.

Nach dem ersten Begeisterungsrausch beim Zuschauen im Fernsehen (wie viel Spaß muss es machen, sich auch so kinderleicht die Bälle um die Ohren zu kloppen wie Federer und Nadal) erfolgt auf dem Platz sofort die Ernüchterung, dass es Jahre intensiven Trainings braucht, bis man überhaupt einen Ballwechsel hinbekommt, die komplexe Zählweise kapiert (love-fourty) oder ein Spiel richtig lesen kann.

E. wollte nicht verstehen, warum wir nicht gleich losschlagen konnten (»Ich will ein Spiel machen!«). Sie hasste es, mit mir Ball-Tippen zu üben. Ohne Schläger Sidesteps zu machen, um dann den Ball aufzufangen - linker Fuß vorne für Vorhand, rechter Fuß vorne für Rückhand. Die Bälle von mir zugeworfen statt mit dem Schläger zugespielt zu bekommen. Oder dass wir für den ganzen schönen Platz 20 Euro beim Hallenwart mit der Deep-Purple-Frisur bezahlt hatten, um uns dann aber immer nur auf Höhe der T-Linie im Kleinfeld gegenüberzustehen. Oder hinter den mattgrünen Theatervorhängen an beiden Enden des Courts dauernd Bälle aufsammeln zu müssen (bei jedem Bücken knackte es in meinen von der Erkältung verstopften Ohren). Erschwerend kam hinzu, dass wir in der ausgebuchten Dreiplatz-Halle den mittleren Court erwischt hatten, Platz 2.

Auf Platz 3 spielte ein ehrgeiziges Seniorendoppel, die ihre Spielstände extra laut zu uns rüberschrien oder sich mit männlichem Gefluche über lächerlich missglückte Volleys (die sie eigentlich im Traum beherrschten) vor E., der einzigen Frau in der Halle, profilieren mussten: »MENSCH, DEN MUSSTE DOCH TOTMACHEN

Und auf Platz 1 spielten drei Chinesen irgendwas, das nicht mal mehr entfernt mit dem von ihnen begehrten spätkapitalistischen Spiel zu tun hatte. Alle drei trugen brandneue Schläger und bunte Trainingsanzüge aus Ballonseide. Bei ihren Feng-Shui-haften Bemühungen um den Ball, die eher an Fechten als an Tennis erinnerten, hatten sie eine super Zeit. Lautes Johlen, wenn wieder mal ein Ball an die Hallendecke gezimmert wurde.

Im Gegensatz zu den verbiesterten Senioren auf Platz 3 mochte E. allerdings die lebensfrohen Chinesen auf Platz 1 (»Die sind bestimmt von der Botschaft an der Jannowitzbrücke . können wir nicht auch einfach so spielen wie die?«).

Mich erinnerten sie vor allem an Beautiful Country. So heißt der Jugendroman, den Bild-Reporter Kai Diekmann beim ersten Interviewtermin mit Trump als einzige der Nicht-Trump-Paraphernalien auf dessen zugemülltem Schreibtisch entdeckt hatte: In Beautiful Country geht es um einen vierzehnjährigen Tennisspieler (!), der von seinem amerikanischen Millionärsvater ausgerechnet nach China geschickt wird. Dort soll der Sohn nicht nur Tennisprofi werden, sondern auch früh die fremde Handelsmacht kennenlernen und vor allem die Businesskontakte des Dads verbessern . Gut möglich, dass Bannon persönlich...

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