Billy the Beast. Ein Traum von einem Tiger

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. Februar 2017
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1473-0 (ISBN)
 

Bert ist dick. Sogar sehr dick. Stolze 101 Kilo bringt er auf die Waage. Alles nervt. Gut, dass es Günther Jauch gibt: Bei seiner Lieblingssendung kann Bert ungestört von zu Hause mit raten. Doch dann ändert sich alles: Bert wird das Maskottchen einer Eishockeymannschaft und als „Billy the Beast" im Tigerfell berühmt. Die Pfunde purzeln, eine glücklichere Welt unterhalb der 100-Kilo-Grenze scheint möglich. Aber bald kommt die Millionenfrage: „Wie erobert man das Herz einer Cheerleaderin?" Der Zusatzjoker muss her ...

weitere Ausgaben werden ermittelt
Jörg Menke-Peitzmeyer, 1966 in Westfalen geboren, studierte Schauspiel und Literarisches Schreiben. Er lebt als freier Autor für Dramatik und Prosa in Berlin und Istanbul. "Der Manndecker" ist nach "Billy the Beast" sein zweiter Roman.

32


Die verlorenen Kilos - 6,5 an der Zahl inzwischen - waren das eine, die Pusteln auf meinem Rücken das andere. Es schien mir, während ich mich im Spiegel besah, als kämen auf jedes Kilo fünfzig Pusteln. Wenn das so weiterging, wäre ich am Ende vielleicht wirklich schlank wie 'ne Tanne. Aber dafür genauso fleckig wie nach einem Schadpilzbefall. Hätte mir bloß einer gesagt, dass die Sache einen Haken hatte.

Den CD-Player hatte sie auf Wiederholung gestellt, Best of Andrea Berg, Die Gefühle haben Schweigepflicht lief gerade, als ich ins Wohnzimmer kam. Trotz der lauten Musik war meine Mutter eingeschlafen. Ich hatte in der Nacht mein Handy ausgeschaltet, und zwar um die Zeit, als sie gewöhnlich aus dem Timeless kam, und seitdem hatte ich es nicht mehr angestellt. Ich wollte die Anzahl ihrer Anrufe nicht sehen, ich konnte mir vorstellen, welche Panik sie geschoben hatte, erst hatte sie der Typ in dem Maskottchen versetzt, dann war auch noch ihr Sohn verschwunden. Und keine Ahnung, dass es sich dabei um ein und denselben handelte. Ich deckte sie mit der Wolldecke zu, die Maciej bei seinem letzten Besuch mit Fett bekleckert haben musste, ich war's jedenfalls nicht, und meine Mutter war viel zu ordentlich für so was. Dann schrieb ich ihr einen Zettel mit der Nachricht, dass ich wieder zu Hause sei, und ging ins Bett. Obwohl ich nicht die Spur müde war.

»Wo warst du letzte Nacht?«

»An der frischen Luft.«

»Um drei?«

»Hab nicht auf die Uhr gesehen.«

Pause. Dann schien es ihr wie Schuppen von den Augen zu fallen.

»Du joggst.«

Ich verstand erst nicht.

»Deswegen hast du auch abgenommen.«

Ich und joggen? Einen Augenblick hatte ich tatsächlich Mühe, ernst zu bleiben.

»Aber wieso nachts?«

Ja, Mama, und wieso ohne Sportzeug?

»Verstehe. Du schämst dich.«

Da hätte sie mich aber mal sehen sollen letzte Nacht.

»Komm mal her.«

Ich brauchte nichts zu machen, mir keine Ausrede oder sonst was einfallen, einfach nur die Umarmung über mich ergehen zu lassen, für den Rest sorgte sie mit ihrer Phantasie. Ich wusste nicht, ob sie wirklich daran glaubte, oder ob sie die Wahrheit einfach nicht hören wollte, mal vorausgesetzt, ich hätte sie ihr gesagt, schließlich hatte sie ihre eigenen Probleme, ich brauchte bloß an ihrer Schulter vorbei auf den Herd zu sehen. Speck, Weißkohl, Sauerkraut.

»Ich denke, Maciej ist weg.«

»Wenn er das riecht, kommt er vielleicht zurück.«

Ich sah meine Mutter an. Humor war nicht ihre Stärke. Den hatte ich von meinem Großvater. Wenn auch in der eindeutig subtileren Variante.

»Aber wie soll er das denn riechen? Ich denke, er ist in Polen«, versuchte ich die Sache erst mal wörtlich zu nehmen.

»Hab ihn gestern beim Eishockey gesehen.«

Polen und Eishockey? War das nicht eher was für Tschechen und Russen? Was machte ein Typ wie Maciej beim Eishockey? Ich hätte bei ihm eher auf Fußball getippt, als Hool von Legia Warschau oder Lech Posen konnte ich ihn mir wunderbar vorstellen. Aber Eishockey?

»Apropos - wie war's denn überhaupt?«

Ich spielte mit dem Feuer, war mir das klar? In meinem Zimmer stank es beträchtlich nach Tiger. Ich musste den Sonntag dringend nutzen, um Billy zu baden, wollte ich nicht riskieren, dass sie mich am Ende noch am Geruch erkannte.

»Das Vorspiel war das Beste.«

»Du meinst den Tiger?«

»Billy the Beast«, seufzte sie so tief, dass das Stück Küchenrolle auf dem Tisch erzitterte.

»Oder so«, versuchte ich ihn ins Ungefähre zu ziehen. Dabei lag er nebenan im Schrank.

»Leider auch so 'ne treulose Tomate.«

Der Speck war inzwischen angebrannt. Ich drehte die Flamme aus. Entgegen sonstiger Sonntagmorgengewohnheiten hatte meine Mutter keine Fahne. Dabei sah sie so traurig aus, dass ich ihr am liebsten einen eingeschenkt hätte.

»Wie riechst du denn?«, fragte sie mich stattdessen.

Ich zuckte zusammen.

»Wie denn?«

»Nach - nach«

Durchgeschwitztem Maskottchenfell? Darauf musste man erst mal kommen.

»Iss«, begann sie unser morgendliches Frühstücksritual, an dem ich auch diesmal nicht vorbeikam.

»Hab kein Hunger.«

»Wär das erste Mal.«

Ich sah von dem Bigos auf in das Gesicht meiner Mutter. Zerkocht das eine, verheult das andere. Auf einmal überkam mich eine so starke Welle von Mitleid, dass ich automatisch ein Stück von dem angebrannten Speck aufspießte und mir in den Mund steckte. Woraufhin sich die Welle des Mitleids auf mich übertrug. So ging das schon seit Jahren hin und her, ein endloses Pingpongspiel, nur nicht mit Bällen, sondern mit Fleischklößen, Speckwürfeln, Teigtaschen und was weiß ich, bei dem es keine Sieger, sondern nur Verlierer gab, ein Spiel, das wir begonnen hatten, als mein Vater uns verlassen hatte, und seitdem Tag für Tag fortsetzten, bis mein Teller leer gegessen war und meine Mutter aufstand, die Spülmaschine öffnete und sagte: »Guter Junge. Wozu brauche ich einen Mann, hab doch einen Sohn.«

Und dann ging ich ins Ballett. Ich legte mich dazu aufs Bett und schloss die Augen. Es dauerte eine Weile, bis ich Lilly vor mir sehen konnte, sie leuchtete weißer als jeder Schwan. Dann kam ihre Tanzlehrerin und fragte sie: »Hast du etwa zugenommen?«

Schlagartig ließ Lilly die Flügel hängen.

»Wie oft soll ich euch das noch sagen«, fuhr die Tanzlehrerin fort. »Esst nicht weniger. Esst nichts!«

Und dann sah ich, was ich niemals gesehen hätte, wenn ich tatsächlich ins Ballett gegangen wäre an diesem Sonntagvormittag. Nämlich wie Lilly über der Kloschüssel hing und sich den Finger in den Hals steckte. Damit wollte ich sie nicht alleine lassen. Also verließ ich mein Kopfkino, ging aufs Klo und hängte mich auch über die Schüssel. Ich brauchte keinen Finger, es ging ganz von selbst, und im Gegensatz zu Lilly kam bei mir auch was dabei raus.

33


Am Ende hatte ich es doch nicht übers Herz gebracht, Billy in eine der Trommeln im Waschsalon zu stecken. Mal abgesehen davon, dass er wahrscheinlich gar nicht reingepasst hätte. Aber wozu gab es die Agentur. Und da ich schon mal da war, konnte ich Randolph auch gleich nach dem Geld fragen. Seit ich Billy war, brauchte ich zwar kaum noch welches, zumindest nicht fürs Essen, aber das war nur ein vorübergehender Zustand. Bei dem, was demnächst auf mich zukäme, was ein Leben jenseits der 70-Kilo-Grenze so für Ausgaben nach sich zog, konnte ich nicht früh genug anfangen zu sparen.

»WER HAT DIR ERLAUBT, IN DEM KOSTÜM IN DIE DISCO ZU GEHEN

Ich war erst mal sprachlos. Seit wann trieb sich Randolph im Abraxas rum?

»Ja, glaubste, ich krieg so was nicht mit? Ich hab überall meine Spione sitzen.«

In dem Moment kam ein Typ herein, der so aussah, wie ich in allerspätestens einem Jahr aussehen wollte. Fragte sich nur, wie ER dann aussehen würde, ob überhaupt noch was von ihm übrig sein würde, denn Randolph stellte ihn mir als den neuen Billy vor. Lorenz. Lorenz und Billy. Das sagt ja wohl alles.

»Tut mir leid, aber du bist raus. Zumindest als Billy.«

»Aber .«, stammelte ich.

»Soll ich etwa warten, bis du in dem Kostüm in die Schule gehst?«

Dann knallte Randolph irgendein Schriftstück auf den Tresen, hinter dem Marlene Schäfers gerade ein Telefongespräch beendete, und rauschte davon. Ich verstand die Welt nicht mehr. Hatte ich zwar nie getan, aber diesmal noch weniger als sonst. Hatte ich nicht das Abraxas zum Beben gebracht? Was hatte Randolph auf einmal gegen Erfolg? Oder war er bloß neidisch? Wollte er am Ende gar selber ins Kostüm? War dieser Lorenz nur ein Strohmann?

»Jetzt sei nicht traurig«, säuselte Marlene Schäfers. »Andere Mütter haben auch schöne Töchter.«

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprach. Bis sie ein Foto auf den Tresen legte.

»Wie wär's mit Timo Tinte? Der tritt nächste Woche beim Ortsvorsteherentenrennen in Fichtow auf.«

Ja, glaubte sie denn, ich wäre so einfach austauschbar? Dachte sie, dass hier jeder in Billy schlüpfen konnte? Hatte sie keine Angst, dass er zurückschlagen, dass er vor Trennungsschmerz verenden oder dass sich seine Sehnsucht in einem wilden Anfall entladen würde? Von mir wollte ich gar nicht reden.

Nein, hatte sie nicht. Und natürlich dachte sie, dass ich austauschbar war. Ich konnte mich selbst davon überzeugen, als drei Tage später der Bus mit vielleicht dreißig, vierzig Fans der Ice Tigers, den Cheerleaderinnen und meinem Nachfolger vor der Ice-Buck Arena zum ersten Auswärtsspiel gegen die Ice Eagles nach Gütersloh abfuhr. Ich hatte mich gegenüber in einem Stehimbiss verschanzt, vor mir eine Pommes rot-weiß und eine Currywurst ohne Darm, als würde das jetzt noch eine Rolle spielen. Von dort aus hatte ich freie Sicht auf den Platz neben Lilly, auf den sich - ich hatte gerade die dritte Cola ausgetrunken - mein Nachfolger setzte. Lorenz. Lorenz und Lilly. Eine Alliteration, wenn ich im Deutschunterricht richtig aufgepasst hatte. Nur was für eine. Während wir uns gereimt hatten. Lilly und Billy.

34


Ich wog wieder satte 97 Kilo, als ich mich auf den Weg zum Ortsvorsteherentenrennen nach Fichtow machte. Timo Tinte war ein Leichtgewicht, er passte in die Sporttasche, die ich für die Schule benutzte, und genauso wie mein Sportzeug hatte ich ihn da...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen