Fragiler Konsens

Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. September 2017
  • |
  • 309 Seiten
 
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978-3-593-43715-6 (ISBN)
 
Antisemitismus ist in Deutschland ein beständiges Problem. Von der Öffentlichkeit verpönt, bestehen Ressentiments gegen Juden etwa in verkürzter Kapitalismuskritik oder in der radikalen Ablehnung des Staates Israel. Mit der zunehmenden Einwanderung nach Deutschland verschärft sich diese Konstellation: In der migrationsfeindlichen Abwehr gegen fremd gemachte Andere wird der Antisemitismus derer, die sich zu einer national definierten Mehrheitsgesellschaft zählen, oft den angeblich Fremden zugeschrieben. Der Band fragt, wie Bildungsarbeit auf diese Entwicklung reagieren kann.
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Dr. Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Dr. Astrid Messerschmidt ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Wuppertal.
Inhalt
Grußwort9
Andreas Eberhardt
Einleitung11
Meron Mendel und Astrid Messerschmidt
I.Kommunikationsbezogene Antisemitismuskritik
(Un-)Ausgesprochen: Antisemitische Artikulationen
in der Alltagskommunikation27
Sebastian Winter
Die Bedeutung von Kommunikation im Umgang
mit Antisemitismus am Beispiel der offenen Jugendarbeit43
Heike Radvan
II.Antisemitismuskritik im Kontext von Rassismus
Gleichzeitigkeiten: Antimuslimischer Rassismus
und islamisierter Antisemitismus - Anforderungen
an die Bildungsarbeit61
Saba-Nur Cheema
Inter-generationelle Narrative muslimischer Jugendlicher77
Anke Schu
Verzwickte Verbindungen: Eine postkoloniale Perspektive
auf Bündnispolitik nach 1989 und heute101
Jihan Jasmin Dean
III.Antisemitismuskritik im Kontext von Erinnern,
Gedenken und Religion
Die nationalsozialistischen Massenverbrechen sind bei den
Deutschen gut aufgehoben - Selbstbilder erfolgreich geleisteter Aufarbeitung in der Bundesrepublik nach 1990 und das
Unbehagen an der Erinnerungskultur133
Matthias Heyl
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit in Gedenkstätten?155
Verena Haug
Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute171
Christian Staffa
Erinnerung und Geschichtsbewusstsein in der Migrations-
gesellschaft: Eine Momentaufnahme187
Elke Gryglewski
IV.Psychosoziale und gesellschaftstheoretische
Antisemitismuskritik
Schuldabwehr-Antisemitismus als Herausforderung
für die Pädagogik gegen Judenfeindschaft203
Olaf Kistenmacher
Natürliche Feind*innen: Über die Verschränkungen
von Sexismus und Antisemitismus223
Eva Berendsen, János Erkens und Tom David Uhlig
Challenging Postcolonial: Antisemitismuskritische Perspektiven
auf postkoloniale Theorie249
Meron Mendel und Tom David Uhlig
Biografisch geprägte Perspektiven auf Antisemitismus269
Marina Chernivsky
"Ein total besiegtes Volk": Tiefenhermeneutische Überlegungen
zum Komplex "Geschichte, völkischer Nationalismus
und Antisemitismus" im Rechtspopulismus281
Jan Lohl
Autorinnen und Autoren 305
Grußwort
Andreas Eberhardt
Wir leben in herausfordernden Zeiten. In gesellschaftlichen Debatten, in Talkshows, auf Schulhöfen, selbst in politischen Diskursen sind wieder Töne zu hören, die wir längst überwunden glaubten. Antisemitismus, in der Bundesrepublik lange Zeit nur verdeckt zutage getreten, äußert sich in alten und neuen Formen. Die Tagungsreihe Blickwinkel und der daraus hervorgegangene vorliegende Sammelband "Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft" zeigt Beispiele zum Aufbau kluger Gegenstrategien auf: Durch die Tagungsreihe werden Räume für Austausch und Vernetzung geboten, hier können Bildungsansätze diskutiert und Ideen weiterentwickelt werden. Die Tagungsreihe stellte von 2011 bis 2017, bei den bisherigen acht Tagungen in Berlin, Frankfurt/Main, Jena, Kassel, Köln und Nürnberg, sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Bildungsexpertinnen und -experten als auch Pädagoginnen und Pädagogen, Akteurinnen und Akteuren aus Stadtteilarbeit, Mediation und Beratung einen kontinuierlichen Rahmen für fachlichen und kollegialen Austausch bereit. Die praxisgesättigte Multiperspektivität wurde stetig erweitert durch einen Blick über die deutschen Debatten hinaus auf internationale Diskurse und Entwicklungen. Die Blickwinkel von Wissenschaft und Praxis trafen aufeinander: Einsichten aus der Wissenschaft wurden in ihrer Bedeutung für die Praxis diskutiert und umgekehrt der Beitrag der bildungspraktischen Arbeit für die akademische Forschung erörtert. Alle Tagungsberichte und mehr stehen auf der Webseite der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) zur Verfügung.
Der vorliegende Band vereint ausgewählte Beiträge der Blickwinkeltagungen 2014 bis 2016. Diverse Themenfelder aus den Tagungen "Antisemitismus und Rassismus: Verflechtungen?" (2014), "Religion: Diskurse - Reflexionen - Bildungsansätze" (2015) und "Kommunikation: Latenzen - Projektionen - Handlungsfelder" (2016) werden hier miteinander in Beziehung gesetzt. So wird ein adäquates Problemverständnis von Antisemitismus als eigenständiges Phänomen in Bildung und Intervention darzustellen versucht, dessen Entwicklung gleichwohl in verschiedenen diskriminierenden und exkludierenden Kontexten geschieht. Das Buch reagiert auf eine tagespolitisch aktuelle Problemkonstellation: die Vermittlung antisemitismuskritischer Werte in der Migrationsgesellschaft. Es werden Fragen nach der Dynamik zwischen dem öffentlichen antisemitismuskritischen Konsens im postnationalistischen Deutschland und dem Weiterbestehen von privaten oder strukturellen antisemitischen Ressentiments erörtert. Ebenso wird den Wechselwirkungen, die heute zwischen Antisemitismus und Rassismus in Deutschland bestehen, und der Gefahr der Projektion des fortwährenden Antisemitismus in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft auf die Minderheit der nach Deutschland Migrierten nachgegangen.
Ein wichtiges Element von gesamtgesellschaftlichem Zusammenhalt ist ein verbindendes historisches Narrativ als einer gemeinsamen Erzählung, die Raum für individuelle Geschichten und Erfahrungen lässt. Eine Erzählung, die integrativ ist, die die Möglichkeit des Einwebens individueller Erfahrungen und ethnischer, religiöser, geschlechtsbasierter und weiterer Identitäten ermöglicht. Daher fragt dieser Sammelband auch, wie sich die erinnerungspolitische Debatte und das Gedenken an den Holocaust in der Migrationsgesellschaft weiter stärken lässt. Eine zeitgemäße Erinnerungskultur in einer immer diverser werdenden Gesellschaft bedeutet die Befassung mit einem Hauptnarrativ, das für die bundesdeutsche Gesellschaft nicht nur wesentlicher Teil ihrer kollektiven Identität ist, sondern vielfach ihre heutige Ausformung sehr direkt bestimmt hat und auch weiter bestimmen wird. Es braucht zudem den Austausch vielfältiger kollektiver Erzählungen und Erinnerungen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Diese Erzählungen und Erinnerungen sind manchmal harmonisch, oftmals aber auch konkurrierend und nicht selten konflikthaft. Aber aus ihrer Kenntnis und der Auseinandersetzung mit ihnen wächst ein gemeinsames Ganzes.
Den Herausgeberinnen und Herausgebern, allen beteiligten Autorinnen und Autoren, den ehemaligen wie aktuellen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern, der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, der Bildungsstätte Anne Frank, dem Zentrum für Antisemitismusforschung sowie dem Fritz Bauer Institut gilt ein herzlicher Dank. Die vorliegende Publikation soll eine Quelle der Inspiration und ein Türöffner in neue Denkräume sein. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Andreas Eberhardt
Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft" (EVZ)
Einleitung
Meron Mendel und Astrid Messerschmidt
Fast jede Auseinandersetzung mit Antisemitismus geht den Umweg einer Ausschließung. Antisemitismus gilt in der deutschen Gegenwart als unmöglich, seine Artikulation als abwegig, weil sie einen gesellschaftlichen Konsens verletzt. Antisemitismus transportiert die Aura des Verbots, das gar nicht ausgesprochen werden muss, um den Konsens der Distanzierung zu reproduzieren. Theodor W. Adorno (1977 [1962]) bezeichnete es als einen "wesentlichen Trick von Antisemiten heute: sich als Verfolgte darzustellen" (ebd.: 363), sich zu gebärden, als würde die öffentliche Meinung antisemitische Äußerungen unmöglich machen. Das Gerücht, das indirekte Adressieren, "die nicht ganz offen zutage liegende Meinung war von jeher das Medium, in dem soziale Unzufriedenheiten der verschiedensten Art, die in einer gesellschaftlichen Ordnung sich nicht ans Licht trauen, sich regen" (ebd.). Die gegenwärtige Reserviertheit gegenüber der Demokratie und ihren Medien, wie sie in rechtspopulistischen Bewegungen geäußert wird, die sich selbst "das Volk" nennen, basiert auf einer Selbststilisierung als Opfer einer übermächtigen Instanz, die "Wahrheiten" unterdrückt. Dabei ist die Selbstbezeichnung als "Volk" nationalistisch repräsentiert - sie wurde in der deutschen Geschichte im Herbst 1989 nur sehr kurz von einer basisdemokratischen Bewegung für sich reklamiert, bevor sie sehr schnell wieder als nationale Gemeinschaft beansprucht worden ist. Die imaginierte Macht, die dieses stilisierte Volk unterdrückt, kann verschieden identifiziert werden. Zur Verfügung steht vor dem Hintergrund einer langen Geschichte der Abgrenzung und Ausgrenzung, des Fremdmachens und des Vernichtungswunsches die projektive Figur des Juden.
Als Merkmale des modernen Antisemitismus fasst Klaus Holz die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft sowie eine Personifikation von Macht in den Juden. Nach wie vor bildet ein nationalistisches Weltbild die Leitideologie des Antisemitismus, weshalb Holz (2001) vom "nationalen Antisemitismus" spricht. Jede national-identitäre Besetzung des gesellschaftlichen Innenraums erinnert an die politische Grundierung des Antisemitismus und sollte entsprechend ernst genommen und eingeordnet werden. Adorno plädiert 1962 für eine radikale Argumentation gegen Antisemitismus, indem er sich gegen jede abstammungsbezogene, identifizierende Betrachtung von "Bevölkerungsgruppen" wendet, weil das in der Demokratie "das Prinzip der Gleichheit verletzt" (Adorno 1977 [1962]: 363). Antisemitismusanalyse bietet den systematischen Rahmen, um die Struktur dieser Verletzung nachzuzeichnen, zu ergründen und ihre Aktualität in der Gegenwart zu erkennen.
Im Kontext der Migrationsgesellschaft wird das von Adorno postulierte und von jeder Demokratie beanspruchte Prinzip der Gleichheit verletzt, wenn aus der Gesellschaft der Gleichen Gruppen identifizierend ausgesondert werden, um sie als Nichtzugehörige zu positionieren. So impliziert etwa die bis heute geläufige Dichotomisierung zwischen "Juden" und "Deutschen", dass erstere aus der Gruppe der letzteren ausgeschlossen werden und als nicht-deutsch gelten. Zu beobachten sind derartige Verletzungen des Gleichheitsprinzips gegenwärtig auch in den ausgrenzenden Sichtweisen auf Bevölkerungsteile, die als muslimisch oder arabisch adressiert werden. Sie werden vor allem in zwei Hinsichten erkennbar gemacht: Zum einen erscheinen sie als unmodern und erziehungsbedürftig für die Ansprüche des demokratischen Staates. Zum anderen wirken sie gefährlich, kriminell und nicht auf der Höhe des Geschichtsaufarbeitungskonsenses. Die kulturelle Leistung der sich als national zugehörig betrachtenden Mehrheitsgesellschaft scheint erfolgreich erbracht worden und in die Zielgerade eines demokratischen Selbstverständnisses eingelaufen zu sein. Deren eigene negative Geschichte von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von der Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, wird in einer Geste der Umkehrung zu einer Erfolgsgeschichte geleisteter Aufarbeitung und angemessenen Gedenkens umgedeutet und mit positiven Vorzeichen angeeignet. In diesem Selbstbild einer erfolgreichen Demokratie ist kein Platz für Antisemitismus, was in der politischen Öffentlichkeit auch immer wieder betont wird. Doch wissen alle, die das zu Recht fordern und geradezu beschwören, dass dieser Platz sehr wohl vorhanden ist und auf unterschiedliche Weise eingenommen wird. Es genügt, den Verlauf öffentlicher Diskussionen etwa um das Gedicht von Günther Grass "Was gesagt werden muss" von 2012 oder um Äußerungen Jakob Augsteins über Israel zur Kenntnis zu nehmen, um eine Kluft festzustellen zwischen der ostentativ beanspruchten nicht antisemitischen Haltung von Öffentlichkeit und Politik auf der einen und weit verbreiteten Ressentiments auf der anderen Seite, die mit besonderer Vehemenz in Leser_innenkommentaren und den sozialen Medien kursieren. Der Konsens, Antisemitismus aus der Öffentlichkeit auszuschließen, ist fragil - eine Fassade, die vieles durchlässt, wovon eher weniges als gegenwärtiger Antisemitismus erkannt und benannt wird.
Unter anderem haben die Verbreitung von Verschwörungstheorien nach 09/11, die gewalttätigen Demonstrationen in deutschen Großstädten während der Gazakriege sowie die steigende Beliebtheit von verkürzter Kapitalismuskritik nach der Finanzkrise dazu geführt, dass etwa seit Mitte der 2000er Jahre das Thema Antisemitismus wieder stärker als eigenständiger Gegenstand in der außerschulischen Bildungsarbeit vorkommt (vgl. Rabinovici u.?a. 2004; Schäuble 2013: 12).
Die Thematisierung von Antisemitismus in der Bildungsarbeit steht im Zusammenhang mit einer kritischen Bearbeitung ausgrenzender und abwertender Unterscheidungspraktiken, die gesellschaftliche Zugehörigkeitsordnungen regulieren (vgl. Chernivsky 2011). In den letzten Jahren sind zunehmend selbstreflexive und multiperspektivische Ansätze entstanden. Zum einen wird damit die Auseinandersetzung der professionellen Akteur_innen mit ihren Perspektiven auf Antisemitismus verstärkt. Zum anderen wird versucht, die sozial heterogenen Beziehungen der Teilnehmenden zur Thematik aufzugreifen. Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und aus ganz unterschiedlichen sozialen Positionierungen heraus benutzt und artikuliert wird. Neben der Wissensvermittlung über Geschichte, Ideologie und Ausdrucksformen geht es für eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit um die Funktionen des Antisemitismus, die seine Langlebigkeit und Flexibilität ausmachen. So erfüllen diverse Ausdrucksformen des sekundären Antisemitismus eine Funktion der moralischen Selbstentlastung in der postnationalsozialistischen Gesellschaft über den Weg der Entlarvung eines übermächtigen Gegners. Die Reduktion von Komplexität mittels Identifizierung einer Verursacherfigur und Personalisierung durch die Benennung einer konkreten Träger_innengruppe für globale Probleme bietet einfache Erklärungen für die komplexe Wirklichkeit der globalisierten, postindustriellen Gesellschaft.
Eine antisemitismuskritische Pädagogik will spezifische Ausdrucksformen von Antisemitismus, ihre Funktion und Argumentationslinien benennen, um ihnen entgegenzuwirken. Zugleich beansprucht sie, nicht zuschreibend oder kulturalisierend zu arbeiten. Unter diesen beiden Prämissen stellt sie die Thematisierung und der Umgang mit Antisemitismus unter Muslim_innen gegenwärtig vor ein Dilemma. Zum einen wird aus der oben beschriebenen Entlastungsstrategie der Mehrheitsgesellschaft deutlich, dass eine zielgruppenspezifische pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus mit und für Muslim_innen die Gefahr birgt, die gesamte Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. Zum anderen scheint Antisemitismus unter Muslim_innen eigenständige und differenzierte Eigenschaften entwickelt zu haben, die eigener Formen der pädagogischen Intervention bedürfen. Die Vehemenz der antisemitischen Artikulationen im öffentlichen Raum besonders während des zweiten Gazakrieges im Sommer 2014, die offen ausgetragenen Konflikte zwischen Vertreter_innen von Islam und Judentum - wie im Fall des Austritts der Jüdischen Gemeinde aus dem Frankfurter Rat der Religionen - und die wachsende Sorge von Jüdinnen und Juden in Deutschland, die hierzulande eine Entwicklung "französischer Verhältnisse" befürchten, machen dies deutlich.
Eine der vornehmlichen Aufgaben intersektional informierter Bildungsarbeit besteht vor diesem Hintergrund darin, die Gleichzeitigkeit von (antimuslimischem) Rassismus und Antisemitismus zu beachten, das heißt auch, den Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen und Erwachsenen in den Eigenheiten seiner Artikulationsformen zu erkennen und auf diesen aufmerksam zu machen und dabei gleichzeitig zu berücksichtigen, dass diese sozialkonstruierte Gruppe von Rassismen betroffen ist.
Der Wunsch, nicht antisemitisch zu sein, wird von Teilnehmenden wie pädagogisch Handelnden in diesem Bildungsfeld gemeinsam getragen. Er ist in erster Linie von einem Distanzierungsbedürfnis gegenüber der nationalsozialistischen Verbrechensgeschichte motiviert (vgl. Messerschmidt 2010). Um dieses Bedürfnis ernst zu nehmen und reflektieren zu können, bedarf es eines Zugangs, der das Problem nicht personalisierend angeht, sondern auf die Funktionen zu sprechen kommt, die Antisemitismus in der Gegenwart erfüllt. Mit einem Ansatz, der antisemitische Artikulationen in die Landschaft von Nationalismus, Geschichtsrevisionismus, Erinnerungsabwehr und populistischen Welterklärungen einordnet, kann die gesellschaftliche Relevanz jenseits persönlicher Befindlichkeiten vermittelt werden.
Die Beiträge des Bandes verstehen sich im Kontext der Migrationsgesellschaft, die kein neues Phänomen ist, auf die jedoch aufgrund jahrzehntelanger Verleugnung in der deutschen Öffentlichkeit ausdrücklich hinzuweisen ist. Eine migrationsgesellschaftliche Perspektive in der Bildungsarbeit orientiert sich an der Wirklichkeit der Migration als strukturierendes Phänomen der gegenwärtigen Gesellschaft und der globalen Verhältnisse. Gleichzeitig beinhaltet diese Perspektive eine Auseinandersetzung mit diskriminierenden Praktiken und Strukturen und geht von einem Alltagsrassismus aus, mit dem diejenigen konfrontiert sind, die zu anderen gemacht werden, weil ihr Aussehen, ihr sprachlicher Akzent oder ihre kulturellen Praktiken nicht als zugehörig zur deutschen Gesellschaft anerkannt werden. Eine grundsätzliche Anerkennung von Ausgrenzungserfahrungen und von Kämpfen um Zugehörigkeit charakterisiert eine migrationsgesellschaftliche Bildungsarbeit.
Das Bestreben, sich angesichts der Geschichte und Wirkung des Nationalsozialismus von nationalistischen, abstammungsbezogenen Unterscheidungen und Abwertungen zu verabschieden, ist in der Pädagogik teilweise paradox angeeignet worden in Form der "multikulturalistische[n] Aufwertung von >Differenz<" (Fava 2015: 268). Immer wieder tauchen in der pädagogischen Praxis wie in der Forschung national-identitäre Problematisierungen von Defiziten der Migrant_innen auf, denen der biografische Bezug zur "Täternachfolgeschaft" (ebd.: 234) fehle. Der nicht aufgearbeitete Rassismus holt die deutsche Migrationsgesellschaft gerade an den Stellen ein, wo sie besonders selbstkritisch zu sein beansprucht, nämlich im Umgang mit Auschwitz. Auf diese Problemlage antworten die vorliegenden Beiträge mit der Reflexion der Prozesse des Fremd- und Andersmachens, durch die erst jene Gruppen hergestellt werden, deren Eigenarten der Geschichtsbeziehungen dann untersucht werden. Die Autor_innen versuchen, von vielfältigen Zugehörigkeiten auszugehen und aus der Tatsache der Migration keine Zielgruppenspezifik abzuleiten, sondern darin eine Gesellschaftsstruktur zu sehen, die alle angeht.
Die Reserviertheit gegenüber Eingewanderten und ihren Nachkommen, die auch noch zwei Generationen nach dem Eintreffen keine fraglose Akzeptanz als Gesellschaftsmitglieder erreichen, ist sichtbares Zeichen der Abwehr jeder inneren gesellschaftlichen Diversität. Es spiegelt sich darin jene Unerträglichkeit der Ambivalenz, die für Zygmunt Bauman (1995) ein grundlegendes Problem der Moderne ausmacht. National-kulturelle Regulierungen von gesellschaftlichen Selbstbildern wirken als "fundamentale Differenzordnungen" (Mecheril 2009: 205) und sind Ausdruck einer "exklusiven Logik" (ebd.), die nur reine Identitäten zulässt und Uneindeutigkeiten ausschließt. In diese Ordnungsmuster sind pädagogische Akteur_innen und Institutionen involviert und können ihren institutionalisierten Rassismus nur von innen und mit der Bereitschaft zur Selbstkritik angreifen.
Ein antisemitismuskritischer Ansatz nimmt den Begriff der Kritik für sich selbst in Anspruch und fragt danach, wie Antisemitismus auch dort reproduziert wird, wo er bekämpft werden soll. Motiviert ist dieser Ansatz aus der rassismuskritischen Bildungsarbeit, die Rassismus als allgemeines gesellschaftliches Problem und nicht als persönliches Vorurteil betrachtet und detailliert beschreibt, wie unterschiedlich positionierte Individuen und Gruppen anderen Zugehörigkeit, Gleichberechtigung und Partizipation verweigern und hierarchische Abgrenzungen von Wir und Nicht-Wir vornehmen (vgl. Mecheril/Melter 2010). Rassismuskritik untersucht Ordnungen der Nichtzugehörigkeit. Im Antisemitismus erscheinen diese Ordnungen in spezifischen Formen, die an eine lange Geschichte von Gerüchten und an eine jüngere Geschichte der Umdeutungen von Verbrechensgeschichte, Nationenbildung und globalen Konflikten anschließen.
Der Band knüpft an die Diskussionen und Erkenntnisse aus der Tagungsreihe "Blickwinkel. Antisemitismuskritisches Forum für Bildung und Wissenschaft" der Bildungsstätte Anne Frank, des Pädagogischen Zentrums des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt, der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" und des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin an. Die interdisziplinäre Tagungsreihe beleuchtet aktuelle Analysen, diskutiert innovative Bildungsansätze und setzt diskurskritische Akzente. Die Blickwinkeltagungen in den Jahren 2014 bis 2016 beschäftigten sich mit den Themen Religion, Kommunikation und mit den Wechselwirkungen von Rassismus und Antisemitismus. Diese Themen sind auch in dem vorliegenden Band von zentraler Bedeutung, obwohl dieser sich nicht als Tagungsdokumentation versteht.
Kommunikationsbezogene Antisemitismuskritik
Anknüpfend an die psychoanalytische Sozialpsychologie fragt Sebastian Winter nach dem Fortleben des Antisemitismus in seinen aktuellen Erscheinungsformen. Der sekundäre Antisemitismus und die Israelfeindschaft bieten verbindende Elemente innerhalb von Gruppen, die ansonsten entlang von Herkunftszuschreibungen viele Trennlinien zwischen sich ziehen. Die als "Kommunikationslatenz" gefasste Zurückhaltung im Äußern antisemitischer Ressentiments findet Wege, die weniger latent und weniger zurückhaltend sein müssen, weil sie mit Zustimmung rechnen können. Mit Bezug auf Kants Forderung nach dem Mut, sich seines Verstandes zu bedienen, fasst Winter das Festhalten am Antisemitismus als einen Mangel an Mut und als Leidenschaft in der Verehrung der nationalen Eigengruppe. Angstabwehr und Angstlust sind darin miteinander verwoben. Nicht von ungefähr ist die Behauptung einer legitimen Angst zum Vehikel des Verständnisgewinns im aktuellen Rechtspopulismus geworden.
Mit der Kommunikationsstruktur pädagogischer Interaktionen in der offenen Jugendarbeit setzt sich Heike Radvan auseinander und stellt Ergebnisse einer rekonstruktiven Studie zu pädagogischem Handeln im Umgang mit Antisemitismus vor. Durch die interpretative Auswertung der leitfadengestützten Interviews mit Fachkräften arbeitet sie drei Typen des kommunikativen pädagogischen Umgangs mit Antisemitismus heraus. Sie diskutiert dabei die Bedeutung symmetrischer oder asymmetrischer Kommunikation und die relative Wirkungsmacht des Rationalen. Es stellt sich in der Praxis als kompliziert dar, judenfeindliche Äußerungen ausschließlich inhaltlich zu widerlegen. Pädagog_innen erreichen die Jugendlichen nicht, wenn sie sich auf Faktenwissen beschränken, lebensgeschichtliche und alltagspraktische Erfahrungen ihrer Zielgruppen jedoch unberücksichtigt lassen. Dies schließt einen soziogenetischen Blick auf die Mehrfachzugehörigkeiten mit ein. Erst damit wird es möglich, Aussagen infrage zu stellen und alternative Deutungen anzubieten.
Antisemitismuskritik im Kontext von Rassismus
Ausgehend von der faktischen, gesellschaftlichen Gleichzeitigkeit von antimuslimischem Rassismus und islamisiertem Antisemitismus diskutiert Saba-Nur Cheema, wie in der Bildungsarbeit damit umzugehen ist. Sie schließt sich den Kulturanalysen an, die im islamisierten Antisemitismus Analogien zum europäischen Antisemitismus feststellen. Beide Muster gehen von einem exklusiven Wir und von einer statischen binären Gesellschaftsordnung aus, die Juden systematisch ausschließt. Der Begriff des islamisierten Antisemitismus macht deutlich, dass dem ein Prozess der Politisierung von Religion vorausgeht und die antisemitischen Positionen nicht als islamisch aufzufassen und zu bezeichnen sind. Der pauschale Antisemitismusverdacht gegenüber Muslimen als religiös identifizierter Gruppe folgt einer "rassifizierenden Logik". Pädagog_innen benötigen ein reflektiertes Wissen über Erfahrungen von Rassismus und Stigmatisierung muslimischer Jugendlicher und gleichzeitig ein Bewusstsein für das Vorhandensein islamisierter antisemitischer Einstellungen. Cheema plädiert für eine anerkennungspädagogische, reflexive Haltung mit der doppelten Perspektive von Antisemitismus- und Rassismuskritik.
Anschließend beschreibt Anke Schu in der Diskussion empirischer Ergebnisse, wie muslimisch markierte Jugendliche, die von verschiedenen strukturell-rassistischen und sozioökonomischen Ausschlussmechanismen betroffen sind, Gefahr laufen, die ihnen zugeschriebenen Strukturkategorien zu übernehmen und dabei antisemitische Weltdeutungsmuster zu reproduzieren. Entlang von Interviews bespricht die Autorin die Bedeutung familiärer Erinnerungsbilder für die Selbstbehauptung gegen gesellschaftlich vermittelte Gefühle von Versagen und für die Konstitution einer Identität. Gegenstand der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit wird dieses familiäre Gedächtnis, wenn in ihm tradierte pejorative Darstellungen von Juden und insbesondere Israel als vermeintlich einziger Aggressor im Nahen Osten auftreten.
Unter dem Eindruck einer Wiederbelebung des deutschen nationalen Selbstbewusstseins nach 1989 rekonstruiert Jihan Jasmin Dean die Bündnispraktiken rassifizierter Anderer und geht den spezifischen Schwierigkeiten nach, sich innerhalb dieser Bündnisse gegen Antisemitismus zu positionieren und den Schulterschluss mit Juden und Jüdinnen zu suchen. Aus einer Perspektive der Teilhabe an People-of-Color-Räumen stellt sie sich die Frage, "wie wir gleichzeitig und gleichermaßen antisemitismus- und rassismuskritisch sein können". Sie problematisiert die spezifischen Aufnahmeregelungen für postsowjetische Juden und Jüdinnen als eine Form exkludierender Vereinnahmung. Erschwerend für die Bündnispolitik zwischen allen, die von Rassismus und Antisemitismus getroffen werden, ist zudem die im politischen Bewusstsein verbreitete Trennung von Migration und Jüdischsein. Obwohl jüdische Communities die Erfahrungen von Migration und Exil prägen, sind sie in der Regel nicht gemeint, wenn von Migrant_innen gesprochen wird. Die Anrufungspraktiken spalten. Die Ausblendung jüdischer Präsenz stellt Dean sowohl in der deutschen etablierten Gesellschaft wie in den rassifizierten Communities fest. Das Integrationsparadigma und Ausländergesetze haben diese Kluft vertieft. Dean erinnert an die Tradition feministischer Bündniskonferenzen, die versucht haben, sich sowohl gegen Rassismus als auch gegen Antisemitismus auszusprechen, und aus deren Umwegen und Sackgassen heutige Bündnispartner_innen lernen können.
Antisemitismuskritik im Kontext von Erinnern, Gedenken
und Religion
Die Ambivalenzen zwischen Selbstbestätigung und Selbstkritik in erinnerungspolitischen Positionen arbeitet Matthias Heyl heraus und bezieht sich dafür auf Stellungnahmen aus Kulturpolitik und Gedenkstättenverwaltung. Exemplarisch zeichnet er Linien der Aufarbeitung und Erinnerung nach und geht auf das immer wieder bekundete "Unbehagen an der Erinnerungskultur" ein. Dieses macht sich an der nationalen Etablierung des Erinnerns fest und an der Funktionalisierung des Gedenkens für das Ansehen Deutschlands im Ausland. Der Konsens ist zum Topos des Dissenses geworden. Heyl zeigt sich besorgt, dass mit der notwendigen Kritik am Umgang mit der Erinnerung zugleich eine Distanzierung von derselben einhergeht, die den alten und neuen Tendenzen in Richtung eines Schlussstriches indirekt zuarbeitet. Aus den unterschiedlichen Verlautbarungen werden insbesondere die Passagen reflektiert, die das Verhältnis zu den jüdischen Opfern ansprechen und sich dabei zwischen Abgrenzungs- und Verschmelzungswünschen bewegen, bis hin zu den religiösen Vorstellungen einer Erlösung, in denen sich auf bizarre Weise die Sehnsucht nach einem Ende der Geschichtsaufarbeitung ausdrückt.
In welcher Form Antisemitismus in Gedenkstätten angesprochen wird, reflektiert Verena Haug anhand einer Gesprächssequenz aus einer mehrtägigen Bildungsveranstaltung in einer KZ-Gedenkstätte. Haug macht deutlich, dass Antisemitismus thematisch nicht im Fokus der Gedenkstättenpädagogik steht, sondern eher indirekt vermittelt wird, weil die Gedenkstätten als Institutionen ein Staatsverständnis ausdrücken, das sich vom Antisemitismus abgrenzt. Wie dieser oberflächliche Konsens einen selbstreflexiven Zugang in der Auseinandersetzung mit dem historischen Ort eher blockiert als befördert, zeigt sie exemplarisch und problematisiert die Tendenz zur "Belehrungskommunikation".
Die Wirkungen christlicher Judenfeindschaft auf den säkularen Antisemitismus erläutert Christian Staffa anhand theologischer Interpretationen, die aus dem religiösen Judentum ein Gegenbild zum Christentum gemacht haben. Die Motive lassen sich in den Entgegensetzungen von "Alt gegen Neu, Fleisch gegen Geist, Gesetz gegen Gnade, Rache gegen Liebe" zusammenfassen. Im christlichen Antijudaismus, der in den modernen Antisemitismus eingeschrieben ist, sieht Staffa die eigene Unsicherheit des Christentums verarbeitet und die Angewiesenheit auf das Judentum abgewehrt. Erst nach der Shoah haben sich die christlichen Kirchen mit ihren judenfeindlichen Traditionen auseinandergesetzt, was bis in die Gegenwart andauert. Doch die Erklärungen beider christlicher Kirchen reichen nicht aus, um die gewaltförmige Negativsicht auf das Judentum an der kirchlichen Basis aufzuarbeiten. Bekannte Motive aus dem modernen säkularen Antisemitismus wie die Selbststilisierung als Opfer, die Projektion eigener Aggressivität und die Abwehr eines Unterlegenheitsgefühls haben im Christentum zur Verfestigung antisemitischer Überzeugungen beigetragen. Theologie und Kirche haben bisher in der antisemitismuskritischen Bildung keine Rolle gespielt, wodurch ein wesentlicher Teil der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus ausgeblendet wird.
Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Bildungspraxis in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin setzt sich Elke Gryglewski mit den Diskrepanzen zwischen medialer Aufmerksamkeit, politischem Diskurs und subjektiver Wahrnehmung der NS-Geschichte auseinander. Sie kritisiert eine lineare Fortschrittserzählung über die deutsche Aufarbeitungsgeschichte. Diese Darstellung ungebrochener Aufklärung über die eigene Verbrechensgeschichte trägt mit dazu bei, Eingewanderte als defizitär zu betrachten, wenn es um den Umgang mit dem Holocaust geht. Die reale Vielfalt von Migrationserfahrungen und die daraus sich ergebenden pluralen Geschichtsbeziehungen werden in der Folge eines Selbstbildes gelungener Aufarbeitung vernachlässigt. Gryglewski unterstreicht deshalb die Bedeutung der Selbstreflexion von Pädagog_innen im Feld historisch-politischer Bildung. Sie berichtet von einem Mangel an Anerkennungserfahrungen bei vielen Jugendlichen und betont die große Wirkung einer respektierenden, die jeweils individuellen Erlebnisse ernst nehmenden Bildungsarbeit.
Psychosoziale und gesellschaftstheoretische Antisemitismuskritik
Nach den Funktionen eines von Schuldabwehr motivierten Antisemitismus fragt Olaf Kistenmacher und geht auf der Grundlage von Adornos Analysen auf dessen Ausprägungen in Formen des codierten Antisemitismus und der Täter-Opfer-Umkehr ein. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Tabuisierung antisemitischer Äußerungen und dennoch artikuliertem Antisemitismus an weniger öffentlichen Orten führt in einen psychischen Konflikt, der Schamgefühle hervorruft. In der Bildungsarbeit eröffnet sich die Chance, diese zu reflektieren und damit den Neigungen zum Selbstmitleid zu entkommen. Dabei bietet Kistenmacher Perspektiven an, die Arbeit an der Schuldabwehr migrationsgesellschaftlich zu kontextualisieren. Anhand der Ausprägungen linker Militanz und Solidaritätsbewegungen erläutert der Verfasser, welche Formen die Schuldabwehr in Zusammenhängen eines linken und eines antiisraelischen Antisemitismus annimmt.
Den Verschränkungen von sexistisch-antifeministischen und antisemitischen Deutungsmustern gehen Eva Berendsen, János Erkens und Tom David Uhlig nach und setzen sich dafür mit aktuellen Anfeindungen von Feminismus und Genderforschung auseinander. Sie arbeiten Elemente der Vergeschlechtlichung des antisemitischen Ressentiments heraus und zeigen, wie Frauen und Juden zu personifizierten Trägern einer abgewehrten Moderne gemacht worden sind. Sexismus und Antifeminismus sehen sie in einem regressiven Naturverhältnis mit Antisemitismus verbunden.
Mit der Frage, was postkoloniale Theorie und Antirassismus anfällig für das antisemitische Ressentiment macht, befassen sich Meron Mendel und Tom David Uhlig. Entgegen dem mangelnden Austausch zwischen postkolonialer Forschung und Antisemitismusforschung erörtern sie, warum postkoloniale Theroretiker_innen oftmals aktuelle Formen von Antisemitismus ausklammern und sogar in ihrer Argumentation reproduzieren. Dabei differenzieren die Autoren verschiedene Facetten der Rassismusforschung und der postkolonialen Theoriebildung und problematisieren die dominant gewordene Orientalismus-These, die dazu neigt, in der sprachlichen Wissensproduktion des Westens die Hauptursache für soziale und wirtschaftliche Probleme in den arabischen Ländern zu sehen. Den damit einhergehenden dichotomen Denkmustern von Gut und Böse, Opfern und Tätern gilt ihre Kritik. Wenn Emanzipation und Aufklärung nicht mehr dialektisch reflektiert, sondern als westlich denunziert werden, dann droht auch der Abbruch einer Kritik des Antisemitismus.
Ausgehend vom Begriff des Ressentiments, der die Affekt- und Bedürfnisimmanenz des Antisemitismus betont, fragt Marina Chernivsky nach biografischen Verstrickungen, die die beiläufige Reproduktion von Antisemitismus begünstigen. Da dieser öffentlich geächtet ist, kommt es zu innerpsychischen Spannungen, wenn er im eigenen Bewusstseinshaushalt entdeckt wird. Juden werden als Subjekte derealisiert, weil sie eine unliebsame Erinnerung verkörpern und zu einer äußeren moralischen Instanz gemacht werden, die einen von den eigenen Verwandten trennt. Die Abspaltung von Gefühlen führt zur "überzogenen Rationalisierung eigener Ressentiments". Deshalb plädiert Chernivsky für eine explizite Auseinandersetzung mit den "Abwehr- und Distanzierungswünschen" in der Bildungsarbeit, die nur unter der Voraussetzung der "dialogischen Anerkennung" gelingen kann.
Eine tiefenhermeneutische Analyse rechtspopulistischer Reden der jüngsten Zeit nimmt Jan Lohl vor. Dabei arbeitet er als durchgängiges Element die Positionierung des deutschen Volkes als Opfer heraus sowie die ideologische Verflechtung von völkischem Nationalismus, antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus. Einer entsubjektivierenden Sprache, die keine handelnden Akteure kennt, kommt die Funktion zu, Verbrechen und Schuld außerhalb des moralisch reinen Binnenraums zu verorten. Mit der reinen Selbstreferenzialität auf das deutsche Volk wird jede intersubjektive Bezugnahme auf andere ausgeschlossen. Schuld und die dieser zugrunde liegende Verbrechen werden neutralisiert. Den sich in den Reden ausdrückenden sekundären Antisemitismus deutet Lohl als eine Abwehraggression. Als Akteure der Gewalt tauchen in den Reden die zu Fremden gemachten und als muslimisch identifizierten Migrant_innen auf. Sie werden projektiv zu Täter_innen nach nationalsozialistischem Vorbild, zielen sie doch darauf, das deutsche Volk zum Verschwinden zu bringen.
Dieser Band ist dank der großzügigen finanziellen Unterstützung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" entstanden.
Unser Dank gilt ebenfalls der Steuerungsgruppe der Tagungsreihe Blickwinkel - Juliane Wetzel, Gottfried Kößler, Sonja Böhme, Christa Meyer und Céline Wendelgaß - für die Ideen und Anregungen sowie Isabell Trommer vom Campus Verlag, die uns mit viel Geduld und Nachsicht tatkräftig unterstützt hat. Zuletzt danken wir ganz besonders unserem Kollegen Tom David Uhlig für die Mitarbeit an der Buchredaktion. Ohne seine Mitwirkung wäre das Buch nicht in dieser Form zustande gekommen.
Literatur
Adorno, Theodor W. (1977 [1962]), Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in: Gesammelte Schriften, Bd. 20.1, S.?360-383.
Bauman, Zygmunt (1995), Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt/M.
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