Wildwood - Das Geheimnis unter dem Wald

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. November 2013
  • |
  • 592 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10726-0 (ISBN)
 
Nach ihren Abenteuern im geheimnisvollen Wildwald kann sich die zwölfjährige Prue nur schwer wieder an den Alltag gewöhnen: Die Schule, die sie früher geliebt hat, langweilt sie plötzlich. Ständig muss sie an ihren Freund Curtis denken, der jetzt als tapferer Räuber in der Undurchdringlichen Wildnis lebt. Kein Wunder, dass Prue keinen Augenblick zögert, in das geheimnisvolle Waldreich zurückzukehren, als Curtis sie um Hilfe bittet. Denn ganz Wildwald droht für immer von der Landkarte getilgt zu werden.

Als der Winter in Portland anbricht, ist es für Prue Zeit, in den magischen Wildwald zurückzukehren. Denn merkwürdige Dinge ereignen sich diesseits und jenseits der Grenze. In dem geisterhaften Niemandsland am Rande der Stadt herrscht neuerdings ein Industrieboss, der seinen Einflussbereich auf die Undurchdringliche Wildnis ausdehnen will. Die beiden Schwestern von Prues Freund Curtis verschwinden spurlos, als sie sich auf die Suche nach ihrem Bruder machen. Prue selbst schwebt in höchster Gefahr: Ein unheimlicher Gestaltwandler scheint sie zu jagen. Gemeinsam mit Curtis dringt Prue bis in die Tiefen des Wildwalds vor, auf der Suche nach einer Antwort, wie dem Geschehen Einhalt zu gebieten ist. Ihnen bleibt nur wenig Zeit.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 91
  • |
  • 91 s/w Abbildungen
  • |
  • 91 schwarz-weiße Abbildungen
  • 12,02 MB
978-3-641-10726-0 (9783641107260)
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EINS

Ein Junge und seine Ratte

Es schneit.

Schnee so weiß wie eine Schwanenfeder, weiß wie eine Waldlilienblüte. Vor dem Dunkelgrün und Braun des Waldes blendet dieses Weiß beinahe. Weich liegt es zwischen den stillen Ranken von Efeu und Brombeerbüschen, es türmt sich am Fuße der hohen Tannen auf und es überdeckt die kleinen Gräben in den Senken um die dicken Zedernwurzeln.

Eine Straße windet sich durch den tiefen Wald. Auch sie ist von einer unberührten Schneedecke verhüllt.

Ja, wenn man nicht wüsste, dass sich unter dem Weiß eine Straße befindet, wenn man nicht wüsste, dass dort Jahrhunderte von Schritten und Hufschlägen, Meilen von verwitterten Pflastersteinen unter dem Schnee verborgen liegen, könnte man glauben, es wäre einfach nur ein brachliegender Streifen Erde, aus irgendeinem Grund unberührt vom üppigen Grün des Waldes. Es gibt keine Radfurchen, keine Reifenspuren auf dieser Straße. Keine Fußabdrücke stören das zarte Weiß des Schnees. Man könnte sie auch für einen Wildwechsel halten, wo kein Baum Wurzeln schlagen konnte, weil ein ständiger Strom schweigender Wanderer dort hindurchzieht: Hirsche, Elche und Bären. Doch selbst hier, in dieser abgelegensten Gegend der Welt, sind keine Tierfährten zu sehen. Je länger es schneit, desto mehr verschwindet die Straße und wird zum Teil dieses endlosen, riesigen Waldes.

Hör mal.

Die Straße liegt still.

Hör genau hin.

Ein fernes Klappern durchbricht plötzlich diese Stille, es ist der Klang von Wagenrädern, begleitet vom Wiehern eines Pferdes, das an die Grenzen seiner Kräfte getrieben wird. Die Hufe des Pferdes trommeln einen wilden Rhythmus auf den Boden, einen Rhythmus, der vom Schnee gedämpft wird. Sieh nur: Da kommt eine Kutsche um die Kurve geschossen, zwei der vier Räder hängen kurz in der Luft. Zwei schweißnasse schwarze Pferde ziehen den Wagen, Dampfwölkchen steigen aus ihren Nüstern auf wie Rauch aus einem Kamin. Über den Pferden ragt ein Kutscher auf, ein großer Mann in dicken schwarzen Wollsachen und einem zerlumpten Zylinder. Bei jedem Hufschlag bellt er die Tiere barsch an, schreit »HÜA!« und »LOS, SCHNELLER!« Er spart nicht mit Peitschenhieben. Auf seinem Gesicht liegt ein Ausdruck tiefer Bestürzung. In den kurzen Momenten zwischen den Schlägen seiner Peitsche späht er argwöhnisch in den Wald um sich herum.

Sieh genau hin: In der schlichten schwarzen Kutsche sitzt eine Frau, ganz allein. Sie ist in ein feines Seidengewand gekleidet, und ihr Gesicht ist von einem schimmernden rosa Schleier bedeckt. Mit leuchtenden Edelsteinen besetzte Ringe funkeln an ihren Fingern. In den Händen hält sie einen zarten Papierfächer, den sie unruhig auf- und zuklappt. Auch sie beobachtet die dicht stehenden Bäume zu beiden Seiten der Kutsche, als suchte sie jemanden oder etwas dazwischen. Ihr gegenüber steht eine prunkvolle Truhe auf dem Sitz, deren Seiten mit filigranen Mustern aus Gold und Silber verziert sind. Die Beschläge werden von einem Schloss zusammengehalten, dessen Schlüssel an einer dünnen goldenen Kordel um den Hals der Frau hängt. Nervös klopft sie mit dem Fächer an die Decke der Kutsche.

Der Kutscher hört das Pochen und treibt die Pferde an, lässt noch mehr Peitschenhiebe auf ihre wogenden Flanken niedersausen. Eine jähe Bewegung weiter vorn auf der Straße erregt die Aufmerksamkeit des Mannes. Er blinzelt in das helle Weiß des rieselnden Schnees.

Ein Junge steht mitten auf dem Weg.

Aber das ist kein gewöhnlicher Junge. Dieser Junge trägt eine elegant verzierte Offiziersjacke, wie ein Infanterist aus dem Krimkrieg. Seine Haare sind schwarz und lockig und ragen unter einer derben Pelzmütze mit Ohrenklappen hervor. Beiläufig schwenkt er eine leere Steinschleuder. Auf seiner Schulter sitzt eine Ratte.

»HALT!«, ruft der Junge. »DIES IST EIN ÜBERFALL!«

»Du hast ihn gehört!«, brüllt die Ratte. »Bleib stehen, Fettwanst!«

Der Kutscher stößt einen unterdrückten Fluch aus. Mit einer raschen Drehung des Handgelenks lässt er die Peitsche fallen und nimmt die Zügel in beide Hände. Er schnalzt ungeduldig damit, und die Pferde werfen sich nach vorn in ihren Galopp. Ein boshaftes Lächeln hat sich auf das Gesicht des Mannes gelegt. »HÜA!«, schreit er die gehetzten Pferde an.

Der siegessichere Gesichtsausdruck des Jungen ist auf einmal wie weggewischt, und er schluckt sichtlich. »Ich … ich meine es ernst!«, stammelt er.

Die aufgesprungenen Lippen des Kutschers verziehen sich und entblößen eine beeindruckende Reihe gelber Zähne. Er bremst nicht. Die Frau im Wagen stößt ein leises Quieken aus, als die Kutsche auf der verschneiten Straße schlingert. Schnell bückt sich der Junge und hebt einen Stein auf. Er wischt ihn an der Hose ab und legt ihn in die Schlaufe seiner Schleuder.

»Zwing mich nicht dazu«, warnt er. Man kann nicht erkennen, ob der Kutscher das hört. Er donnert mit beängstigender Geschwindigkeit auf den Jungen und die Ratte zu.

Mit lässiger Geschicklichkeit – ganz offensichtlich hat er das geübt – schleudert der Junge den Stein auf den Kutscher, der sich gerade noch rechtzeitig duckt; das Geschoss segelt über seinen Kopf hinweg in den hohen, schneebedeckten Farn des Waldes. Der Junge hat keine Zeit, einen weiteren aufzuheben, die Kutsche ist schon so nah, dass er den Schweiß der Pferde riechen kann.

Die Ratte quiekt ein leises »Huch!« und hechtet in den Straßengraben. Der Junge folgt ihr, und in einander verknäult kullern sie den kurzen Abhang hinunter. Die Kutsche rumpelt vorbei, während die Pferde erschrocken wiehern, weil sie die beiden Räuber beinahe überrannt hätten.

In der Kutsche stößt die verschleierte Frau einen ängstlichen Schrei aus und umklammert den Schlüssel an ihrem Hals. Der Kutscher, sehr zufrieden mit sich und seinem Wagemut, wirft einen Blick über die Schulter auf Junge und Ratte. »Vielleicht klappt’s ja beim nächsten Mal, ihr Armleuchter!«, brüllt er. Leider ist er dadurch kurz abgelenkt und sieht die Zedernstämme nicht fallen, die splitternd quer auf die Straße krachen. Drei Stück. Einer nach dem anderen. Bumm. Bumm. Bumm.

Die Frau kreischt, der Kutscher fährt herum und zieht heftig an den Zügeln. Die Pferde wiehern erneut panisch. Ihre Hufe suchen auf dem glitschigen Straßenbelag verzweifelt nach Halt. Die Kutsche kippt und wackelt und gibt ein bebendes Ächzen von sich. Doch geistesgegenwärtig brüllt der Mann aus voller Brust »HÜA!« und lenkt Pferde und Wagen geschickt durch den Hinderniskurs der umgestürzten Baumstämme. Menschliche Gestalten, weibliche und männliche, tauchen aus den Bäumen auf. Sie sind ähnlich gekleidet wie der Junge, doch ihre Uniformen passen nicht zusammen. Manche tragen zerschlissene Hemden, andere haben sich mit Halstüchern maskiert. Es sind alles Kinder, das älteste vielleicht fünfzehn. Ungläubig bestaunen sie das Geschick, mit dem der Kutscher den Wagen samt den beiden panischen Pferden durch ihre Falle manövriert. Innerhalb weniger Augenblicke hat er die Blockade überwunden und treibt nun die Pferde wieder an.

Unterdessen haben sich der Junge und die Ratte im Straßengraben wieder aufgerappelt und den Schnee von ihren Kleidern abgeklopft. Die Ratte hüpft zurück auf die Schulter des Jungen, während er die Finger an die Lippen hebt und einen schrillen Pfiff ertönen lässt. Aus dem dichten Gebüsch des Waldes kommt ein Pferd, ein braun-weiß geflecktes Pony. Der Junge springt auf und treibt es mit einem Tritt in die Flanken zum Galopp, die Ratte klammert sich an der Schulterklappe seiner Uniformjacke fest. Sie setzen über die drei Zedernstämme auf der Straße, bei der Landung spritzen Schnee und Matsch auf. Auch die Kinder im Wald haben sich aus ihrer Schockstarre gelöst und rufen ihre Pferde herbei; bald schon füllt sich die Straße mit galoppierenden Reitern, die den flüchtenden Wagen verfolgen.

Der Kutscher weiter vorne bemerkt es, und er verflucht die Verwegenheit der Räuber. Der Wind peitscht ihm ins Gesicht, und es herrscht jetzt dichtes, eisiges Schneetreiben.

Unter den berittenen Verfolgern gehört der Junge mit der Ratte eindeutig zu den schnellsten. Viele können das Tempo der Kutsche nicht halten und fallen zurück. Innerhalb von Minuten sind nur noch vier übrig: der Junge, ein weiterer, etwas älterer Junge und zwei Mädchen. Sie nähern sich der rasenden Kutsche und teilen sich auf, sodass zwei auf jeder Seite reiten. Ohne die Ohrenklappe der Pelzmütze loszulassen, an der sie sich inzwischen festhält, schreit die Ratte von der Schulter des Jungen dem Kutscher zu: »Rück dein Gold raus, und wir lassen dich ziehen!«

Der Kutscher reagiert mit einem schauerlichen Fluch, der den Jungen selbst in diesem extrem hektischen Moment erröten lässt. Er hat die Kutsche nun eingeholt und kann einen Blick hineinwerfen auf die verschleierte Frau, den Schlüssel an ihrem Hals, die Truhe mit den Beschlägen. Die Frau starrt ihn neugierig an, ihre großen braunen Augen funkeln über dem schimmernden Tuch vor ihrem Gesicht. Der Anblick lenkt den Jungen kurz ab, und die Ratte schreit: »PASS AUF!«

In dem Versuch, seine Verfolger aus dem Sattel zu holen, hat der Kutscher den Wagen nach links gezogen, und der Junge wäre beinahe genau in die Zugstränge der Kutsche geritten. Er schluckt einen spitzen Aufschrei hinunter und reißt sein Pferd von der Straße. Seine Hufe treffen auf das weiche Unterholz des Wegesrands, und es gerät ins Taumeln; der...

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