Das vergessene Zepter

Im Zeichen des Mammuts 3
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 14. April 2014
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  • 400 Seiten
 
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978-3-492-98080-7 (ISBN)
 
Ein neuer Auftrag für das »Mammut«: Riesen rufen den Geheimbund um Hilfe. Jäger stellen den Giganten nach, und nur die Magie des Fliegenstabs, eines vergessenen Zepters des legendären Königs der Riesen, kann Abhilfe schaffen. Rodraeg und seine Gefährten brechen zu einer Höhle auf, in der das Zepter verborgen liegen soll. Doch die Wächter des Artefakts stellen sich ihnen entgegen. Und Rodraegs Vergiftung an dem todbringenden Schwarzwachs wird zu einer unkalkulierbaren Gefahr .

Tobias O. Meißner schickt den beliebtesten Geheimbund der Fantasy in ein neues Abenteuer inmitten einer farbenprächtigen, bizarren und gefährlichen Welt.

»Selten wurde klassische Fantasy so originell umgesetzt!« Mephisto
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978-3-492-98080-7 (9783492980807)
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Tobias O. Meißner, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane werden von der Kritik hochgelobt. Meißner wurde von der Zeitschrift »Bücher« als einer der »10 wichtigsten Autoren von morgen« ausgezeichnet. Bei Piper sind u.a. die apokalyptischen Epen um »Die Dämonen« sowie die High-Fantasy-Trilogie um die »Sieben Heere« erschienen.
1 Ein zerbrochenes Fenster

Naenn wurde geschubst und gestoßen, die Menschen drängten über den Markt, weil weiter hinten plötzlich jemand seine Waren zu Schleuderpreisen feilbot. Beinahe strauchelte sie über einen Korb voller Birnen, fing sich an der Stange ab, welche die Plane des Standes stützte. Die Marktfrau schaute ihr argwöhnisch ins Gesicht, wie alle in Warchaim dies taten, obwohl oder weil sie mitten im Sommer ihren Mantel trug, um ihr Gesicht im Schatten der Kapuze bergen zu können. »Ist dir nicht gut, Mädchen?« fragte die Marktfrau und machte groß und klobig zwei Schritte auf sie zu, doch Naenn wich zurück und lief davon. Vielleicht hatte die Frau es ja nur gut gemeint, vielleicht hätte aber auch sie mit den Fingern auf sie gezeigt. Naenn war heiß und unwohl, seit Tagen schon mußte sie sich morgens übergeben. Vor Cajin konnte man das alles nicht verbergen, Cajin war überall, in allen Zimmern gleichzeitig mit seinem besorgten und munteren Gesicht. Sie hatte ihm verraten müssen, was ihr fehlte, er hätte sich sonst nur Sorgen gemacht und sie unnötigerweise in das Helelehaus geschickt. Er wußte nun Bescheid und zweifelte an ihr und ihrer Weisheit. Dies war kein Alptraum. Dies war tatsächlich aus Warchaim geworden seit der Nacht, in der das Fenster brach. Jeden Tag ging Naenn nun zum Markt und andere Besorgungen machen, ob sie nötig waren oder nicht. Sie hielt es nicht mehr aus in der Enge der kleinen Zimmer. Unfaßbar, wie Rodraeg es in einem ohne Fenster aushalten konnte. Sie selbst riß ihres auf, und der warme Gestank der Stadt schwallte ihr entgegen und trieb sie vor sich her, all die Kloaken und die Fäulnis von den Müllhaufen der Höfe. Sie vergrub sich in ihrem Garten. Die Mauern spendeten ihr tagsüber Kühlung und strahlten am Abend noch Sonnenwärme ab, wenn sie auf ihren vier mal vier Schritten Heimat Tomaten pflanzte und stützte, wenn sie die jungen Triebe ihrer Kräuterpflanzen aberntete, Karotten, Rote Bete, Mangold, Erbsen, Frühkohl, die ersten Strauchbeeren pflückte, um daraus süßen Brotaufstrich zu kochen, der Cajin so sehr mundete. Wenn sie Endivien säte, Spinat und Fenchel und alles mit einem dunkelblauen Kännchen goß, weil der Regen sich rar machte in diesem Sonnenmond.

Ein Warchaimer stellte ihr nach, ein junger gutgekleideter Kerl mit großen Händen, der von ihrem »Sonnenmund« sprach und ihrem »schönen Atmen«. »Ich lebe mit fünf Männern zusammen«, drohte sie ihm, als er vor zwei Tagen, während in den Gassen das Lunfest lärmte, am Waldrand hinter ihr auftauchte. Er lachte nur und sagte: »Die sind doch nie da. Du mußt sehr einsam sein, du schönes Wild.« Sie rannte und verbarg sich, beide Hände auf ihrem Bauch. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie hätte ihn niederschlagen wollen und auch können für seine Dreistigkeit, aber sie dachte an die friedlichen Weisheiten ihres Volkes und an Rodraeg, wie er sich hilflos geprügelt hatte, um das Verhängnis von ihr abzuwenden.

Das Fenster war zerbrochen, mitten in der Nacht.

Sie zählte die Tage seit dem Fenster, die Tage, in denen Rodraeg und Hellas und Bestar und Eljazokad immer noch nicht zurück waren von ihrer Wandryer Mission. Cajin rechnete ihr vor, daß es noch nicht soweit sein konnte, daß sie mindestens zwölf Tage brauchen würden vom Meer aus bis hierher, aber jeder einzelne Tag fand kein Ende, und in den Nächten quälten Naenn Träume und Hunger und Schweiß, und sie wälzte sich in ihrem Bett hin und her und bildete sich Wehen ein, wo noch lange keine sein konnten.

Sie betete viel. Zu den Zehn und besonders zu Lun, sowie zu den vielen kleinen oben in den Bäumen zwischen den Blättern hausenden Schutzgeistern der Schmetterlingsmenschen. Sie betete für ihren Vater, ihre Mutter, ihre beiden Großmütter, ihre kleine Schwester und ihren großen Bruder. Für die Hauptfrau des Schmetterlingshaines, für Riban Leribin, Rodraeg Talavessa Delbane und Ryot Melron, ihren Liebhaber, der so ungreifbar war wie ein Traum.

Sie dachte ans Davonlaufen, ans Frei- und Ungefragtsein, an Sonnen und Monde unter unverhülltem Himmel, gewiegt vom Rauschen machtvoller Bäume.

Sie dachte an vorher und nachher, an die ungewisse Zukunft ihres winzigen schutzbedürftigen Kindes, an giftblubbernde Flüsse, geschlachtete Wale und an den geheimniswabernden Brief, den der Kurier ihnen von Gerimmir überbracht hatte.

Als sie an diesem Tag, dem siebzehnten des Sonnenmondes, am späten Vormittag vom Marktplatz zurückkehrte und die Kutsche von Slaarden Edolarde vor dem Haus des Mammuts halten sah, blieb sie wie angewurzelt stehen und beobachtete aus sicherer Entfernung, als sei sie nur eine der Schaulustigen, die sich gerade in der Gasse aufhielten.

Als erster stieg Bestar Meckin aus. Der riesige, kraftstrotzende Klippenwälder hinkte, machte aber einen gutgelaunten Eindruck, sagte gerade etwas Spaßiges und hielt den anderen übertrieben vornehm die Kutschentür auf. Ihm folgte Hellas Borgondi. Der knapp dreißigjährige Bogenschütze mit den bereits schlohweißen Haaren tauchte unter den neugierigen Blicken der Umstehenden etwas ab und beeilte sich, ins Haus zu gelangen. Dritter war Eljazokad, der junge Magier, der erst vor einem Mond zum Mammut gestoßen war. Naenn spürte, wie sie aufatmete. Es gab niemals eine Garantie dafür, daß sie alle wieder zurückkehrten. Bei ihrem allerersten Auftrag waren sie zu viert aufgebrochen und nur zu dritt wiedergekommen. Diesmal schien zumindest in dieser Hinsicht alles geklappt zu haben. Und Bestar war gut gelaunt gewesen. Hellas war niemals gut gelaunt. Eljazokad sah ernst aus, aber nicht verwundet oder zerknirscht. Auch der Zeitplan stimmte. Cajin hatte sie sogar erst ab morgen erwartet, wie er immer wieder betonte.

Aber Rodraeg fehlte noch. Wo blieb Rodraeg? Weshalb stieg er nicht aus?

Eljazokad, der sich umsah, bemerkte sie, wie sie dort stand und unsichtbare Wände häufte zwischen sich, die Kutsche und die Welt. Er lächelte, hob grüßend die Hand und winkte sie heran.

Er meint mich. Ich gehöre doch dazu. Ich bin eine von ihnen. Irgend etwas stimmt mit Rodraeg nicht.

Furcht und Zweifel platzten von ihr ab wie die äußere grüne Schale einer Walnuß. Sie ließ die eingekauften Brote fallen und rannte zur Kutsche hin. Bestar hieb ihr jubelnd seine Pranke auf die Schulter, das war seine Art einer herzlichen Begrüßung. »Das wird schon wieder«, sagte er. »Mach dir keine Sorgen.«

»Rodraeg«, hauchte sie.

Da saß er, im Dunkel des Kutscheninneren. Rodraeg. Er trank aus einer kleinen Glasphiole, schlürfte die unbekannte Flüssigkeit in sich hinein, als gelte es sein Leben, und sah grauer und älter aus, als Naenn ihn in Erinnerung hatte. Äußerst gekrümmt saß er da, eine Hand in die Brust gekrallt. Seine Schläfen und seine Oberlippe glänzten feucht. Als er sie bemerkte, lächelte er, und es ging ein Ruck durch ihn. Er entfaltete sich, nahm ihre Hand, seine zweite Hand faßte die Bestars, und so zogen sie ihn hinaus, wo er schier erschlagen wurde vom hellen Licht. Rodraeg war schwer krank, das brauchte Naenn niemand zu erklären. Cajin hatte ihr erzählt, daß Rodraeg schon vor dem Aufbruch zum Meer mit ihr hatte sprechen wollen, damit sie ihm vielleicht Kräutertränke brauen konnte gegen die Vergiftung, die er aus der Schwarzwachsmine mitgebracht hatte, aber sie hatte ihm ja nur von sich erzählt, von sich und Ryot und dem Kind, und so war für ihn alles andere in Vergessenheit geraten. Bis es zu spät dafür gewesen war.

Ich bin eine eigensüchtige Närrin, schalt sich Naenn. Ich bekomme lediglich ein Kind, aber Rodraeg ist furchtbar krank. Sein Los wiegt weit schwerer als meins.

Eljazokad verabschiedete sich von Alins Haldemuel, dem Kutscher, und dankte ihm für die vorzügliche Fahrt. »Ich rolle jetzt wieder in Rigurds Stall ein«, sagte Haldemuel. »Falls ihr mich also erneut braucht, wißt ihr, wo ihr mich finden könnt.«

Bestar und Naenn führten den zittrigen Rodraeg zur Tür mit dem Mammutsymbol.

»Was ist da passiert?« fragte Rodraeg und deutete auf die zerbrochene Küchenfensterscheibe, die von Cajin behelfsmäßig mit zwei zurechtgeschnittenen Brettern abgedichtet worden war.

»Das muß euch Cajin erzählen«, sagte Naenn. »Ich habe weniger als die Hälfte davon mitbekommen. Aber es ist eine recht abenteuerliche Geschichte.«

»Wo steckt Cajin?« fragte Bestar. »Warum begrüßt er uns nicht?«

»Er schläft«, erklärte das Schmetterlingsmädchen. »Er arbeitet nachts am Hafen, damit wir uns eine neue Fensterscheibe leisten können.«

»Der Verrückte!« tadelte Rodraeg nicht ganz ernst gemeint. »Für so etwas haben wir doch den Kreis.«

Sie gingen nach drinnen, wo Hellas sich schon Hände und Gesicht gewaschen hatte. »Haben wir Wein im Haus?« fragte er, unruhig durch alle Räume streifend. »Es gibt viel zu berichten, und dafür sollte man Wein haben.«

»Wir hatten …«, gestand Naenn stockend, »kein Geld mehr für Wein.«

»Dann geh los, Eljaz, hol uns ein paar Flaschen.« Hellas drückte Eljazokad fünf Taler in die Hand. »Ich würde selber gehen, aber die Garde und einige Schankwirte sind nicht gut auf mich zu sprechen, und wir wollen doch keinen Ärger.«

Eljazokad tippte sich an die Stirn und verließ das Haus. Naenn staunte, wie sicher sie auftraten, wie gut aufeinander abgestimmt inzwischen ihre Bewegungen wirkten. Einen Mond lang waren sie zusammen gereist; Rodraeg, Bestar und Hellas waren vorher schon zwei Monde gemeinsam unterwegs gewesen, davon mehr als vierzig Tage in Gefangenschaft. Das Mammut schien zu einer Einheit gewachsen zu sein, so, wie Rodraeg das immer vorgehabt...

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