Barbarendämmerung

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Oktober 2015
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98173-6 (ISBN)
 
Niemand kennt seinen Namen. Bevor er seine Opfer tötet, spricht er kein Wort. Er dringt in die Städte der Menschen ein und bringt Verwüstung. Er ist der Barbar - und sein Weg führt über Leichen, durch Blutströme und mündet in pures Entsetzen. Als die Menschen versuchen, den Barbaren für ihre Zwecke zu benutzen, gerät alles außer Kontrolle: Aus völliger Ruhe explodiert er zur totalen Raserei. Er besitzt kein Verständnis für Eigentum, Wert oder Schönheit. Er desertiert, zerstört alles und zieht, vom Blut seiner Feinde überströmt, durch unsere Straßen. Wage es nicht, dich dem Barbaren in den Weg zu stellen! Wenn du ihm begegnest, senke stattdessen den Blick. Denn der Barbar ist der vollendete Wilde - mit einer Würde und Gewalt, wie sie sonst nur einer Gottheit gleichkommen .
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,02 MB
978-3-492-98173-6 (9783492981736)
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Tobias O. Meißner, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane werden von der Kritik hochgelobt. Meißner wurde von der Zeitschrift »Bücher« als einer der »10 wichtigsten Autoren von morgen« ausgezeichnet. Bei Piper sind u.a. die apokalyptischen Epen um »Die Dämonen« sowie die High-Fantasy-Trilogie um die »Sieben Heere« erschienen.

üBeRSCHReiTeN

Um den Tod zu begehen, waren die Menschen gekommen.

Zuerst zerstreuten sie sich noch anderweitig.

Doch dann blies der Henker in sein Horn.

Die Menschen auf dem Festmarktplatz setzten sich in Bewegung. Weg von den Buden mit ihrem Fleischrauch und den kandierten Krusten, weg von den Feuerspeiern, die ihre Hitze über die Köpfe der Schaulustigen hauchten, weg von den überdachten Kartentischen, auf denen Hütchenspieler ihre Lügen verschleierten, weg von dem von stummgenähten Leibsklaven gezogenen Karussell, den schnatternden Wahrsagerinnen mit den Gesichtsbrandzeichen, den feilbietenden Fellhändlern, den Geschichten erzählenden Guckkastenmännern, den Tänzerinnen, die sich nach der Art von Schlangen wiegten, den Handwerkern mit ihrem zerbrechlich gehäuften Tand, den Kerzendrehern mit ihren Bienenwachshänden, den Sektenanwerbern mit ihren gemalten Untergängen, den Obstfrauen mit ihren schrumpeligen Früchten, den Getränkeausschenkern mit ihrem Schaum und ihren Scherereien, den Zuckerstangenmachern mit ihren klebrigen Versprechungen, den Musikanten, die sich selbst zum Tanz aufspielten, den dressierten, nacktrasierten Bärenkindern, weg von den bettelnden Krüppelkindern und den miteinander verfeindeten Glasbläserschulen.

Der Henker hatte in sein Horn geblasen, und alle Attraktionen verblassten vor der Holzbühne mit dem Richtblock.

Die Menschen drängelten, um die besten Stehplätze zu ergattern.

Unweit der Bühne gab es ein hölzernes Treppenpodest für die Ehrwürdigen und Schönen der Stadt. An die sechzig Sitzplätze standen dort zur Verfügung, vom Pöbel sorgfältig durch Ketten abgesperrt und von Bütteln behütet. Von diesen Sitzplätzen waren höchstens achtzehn besetzt, und der junge Gelehrte Welw Indencron war einer dieser wenigen. Um nichts in der Welt hätte er diese Hinrichtung verpassen mögen, denn er hatte bereits den kurzen Prozess mitverfolgt, den man dem Hinzurichtenden zugestanden hatte. Indencron war fasziniert gewesen, ausgesprochen fasziniert. Noch niemals zuvor hatte er einen Angeklagten erlebt, der kein einziges Wort erwidert hatte. Indencron studierte die Menschwissenschaften an der Akademie dieser Niederstadt und glaubte, schon einiges begriffen zu haben über das Wesen der Menschen, aber einer wie dieser war ihm noch nie untergekommen.

Die Menschen drängelten. Kinder nach ganz vorne. Ein Ältlicher kam zu Fall und schimpfte. Zwei Frauen beschwerten sich, dass sie zu wenig sehen konnten. »Setz dich doch auf meine Schultern, und zwar vor mein Gesicht, dann haben wir beide was davon, selbst wenn ich mit dem Rücken zur Köpfung stehen muss«, schlug ein Grobian der jüngeren der beiden Zeternden vor. Es gab Gelächter und hin und her fliegende Beleidigungen. Viele in der Menge aßen etwas, das sie sich eben noch von einer der Buden mitgenommen hatten, und da viel geschoben und gedrängt wurde, bekleckerten sich auch viele Leute gegenseitig, und es wurden herzhafte Knüffe und Maulschellen ausgeteilt.

Mit einem Wort: Die Stimmung stieg.

Der Henker war ein stattlicher Bursche mit einem Bauch wie ein Weinfass. Statt einer Henkerskapuze wie in anderen Städten üblich trug dieser eine blattgoldene Maske der unparteiischen Gerechtigkeit. Sein Richtbeil war nicht minder eindrucksvoll. Nicht jeder Mann im Publikum wäre in der Lage gewesen, dieses gewaltige Gerät überhaupt anzuheben. Der Henker ließ die Arme kreisen. Es wehte ein kühler Wind, er wollte nicht mit kalten Muskeln arbeiten.

Man brachte den Delinquenten.

Zwischen dem hinteren Bühnenbereich und dem Gefängnisgebäude wurde eine Gasse durch Seile und vereinzelte Stadtbüttel freigehalten. Auch dort drängten sich schon Schaulustige, die vorne keinen Platz mehr gefunden hatten. Die Schwächlicheren, die weniger Frechen und die Schlauen. Die Bühne war nämlich nicht erhaben genug, dass man von vorne ab der fünften Reihe noch gut sehen konnte, aber hier hinten war deutlich weniger los.

Der Delinquent hatte eine Kapuze auf, wie sie in anderen Städten der Henker trug.

Seine Hände waren hinter dem Körper gefesselt, seine Füße durch eine Kette behindert, die ihm nur Trippelschritte erlaubte. Dennoch gingen ein »Ah!« und ein »Oh!« durch die Menge. Der Delinquent war außergewöhnlich groß. Sein Körper starrte vor Schmutz, wies aber beeindruckend modellierte Muskeln und auch etliche Narben auf. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sein nur mit einem Schurz aus grobem Leinen bekleideter Leib schien jung zu sein, höchstens Mitte zwanzig. Im Gegensatz zum Henker zierte kein Quäntchen Fett seinen flach atmenden Bauch. Es war nicht zu erkennen, ob er Furcht hatte vor dem, was ihm bevorstand. Die Kapuze und die Trippelschritte verwehrten ihm eine wie auch immer geartete Haltung.

Ihm voraus ging der Stadtschreiber, flankiert von zwei Bütteln. Hinter dem Delinquenten kamen noch mal zehn Büttel in Zweierformation. Zehn schien einigen Zuschauern eine außergewöhnlich hohe Zahl zu sein, in der Regel hatten zum Tode Verurteilte allenfalls vier bis sechs Büttel hinter sich.

Über ein schmales Treppchen betrat der Stadtschreiber die Bühne, die beiden vorderen Büttel führten den Delinquenten an den Schultern ebenfalls hinauf. Der Henker spuckte schon mal in die Hände und verrieb die Spucke zwischen seinen wurstigen Fingern.

Der Verurteilte wurde zum Richtblock geführt und nahm dahinter Aufstellung. Sein Kopf machte den Eindruck, unter der Kapuze schuldbewusst gesenkt zu sein.

Genüsslich entrollte der Stadtschreiber ein Pergament und begann vorzutragen. Sein Redestil war ein eigenwilliger Singsang, in dem er einzelne, zufällig wirkende Worte betonte. Den Bürgern der Stadt war diese Melodie wohlvertraut.

»Hochverehrte Bürger! Auf Ratschluss der Stadtverwaltung befördern wir heute vom Leben ZUM Tode einen Mann, dessen Namen wir nicht kennen und der sich auch während des gerechten Prozesses auf unvergleichlich starrsinnige Weise geweigert HAT, uns über sich und seine Beweggründe Auskunft zu geben, obwohl Untersuchungen seiner Zunge und seines Kehlkopfes ergeben haben, dass er DURCHAUS des Sprechens mächtig ist. Wir wissen nur, dass er nicht von hier stammt, nicht aus dieser STADT und nicht aus diesem oder einem der angrenzenden Länder. Vermutungen deuten auf die Urwälder des Nordens HIN, aber das sind selbstverständlich in aller Begründetheit nur Vermutungen. Was wir wissen, mit Sicherheit, was BEZEUGT wurde von etlichen, ist, dass dieser Mann, dieser Unhold, in unserer Stadt vier Menschen erschlagen hat, dass vier Elternpaare nichts als TRÄNEN haben, wegen einer Wirtshauskeilerei, die aus sämtlichen akzeptablen Fugen GERIET. Zwei der vier Getöteten waren Büttel, die versuchten, des Rasenden habhaft zu werden, was ein umso schwerer wiegendes Verbrechen darstellt, weil der Verurteilte dadurch bewies, dass er das Recht UND Gesetz unserer Stadt missbilligt. Nur unter großen Mühen und erwähnten Verlusten konnte er ÜBERHAUPT dingfest gemacht werden, und selbst im Gefängnis betrug er sich dermaßen störrisch und uneinsichtig, dass er in gesonderte Verwahrung genommen werden MUSSTE. Wir werden nun unserer Pflicht nachkommen, diesen Unhold vom Leben zum Tode zu befördern, NICHT aus Rachsucht oder Vergeltungswut, wie seinesgleichen das tun würden, sondern aus dem begründeten Verdacht heraus, dass andernfalls weitere Unschuldige ihr Leben durch seine Hände verlieren WÜRDEN. Das Urteil wird VOLLSTRECKT im Einklang mit den Gesetzen des Hochadels. Der Kopf des Unholds wird im Nachfolgenden auf dem Schandpodest vorm Rathaus AUSGESTELLT und darf ausdrücklich von jedermann bespien werden.«

Die Holztribüne für die Betuchteren hatte sich inzwischen gefüllt. Indencron sog mit geweiteten Nüstern den Wohlgeruch der stadtbekannten Kurtisane Chaerea ein, die unmittelbar vor ihm Platz genommen hatte. Ganz vorne saßen die Angehörigen der vier Opfer des Unholds und schienen haltlos zwischen Weinen und Verwünschungen hin- und herzuschwanken. Das gesamte Podest bebte unter dieser Unruhe. Welw Indencron fragte sich, ob es überhaupt stabil genug konstruiert worden war. Als es noch fast leer gewesen war, hatte er sich ganz nach oben gesetzt, um den möglichst besten Blick über die Volksmenge zu haben, aber nun bereute er seinen Entschluss und hätte lieber weiter unten Platz genommen, doch da war nun alles besetzt. Immerhin entschädigte ihn Chaereas sinnlicher Duft für seine Sorgen. Sie wandte sich sogar einmal zu ihm um und lächelte ihn kokett an, war aber mindestens zwanzig Jahre zu alt, um seinem Geschmack zu entsprechen.

Die Menge johlte und rief den Stadtsprecher mit Namen. Er war beliebt aufgrund seines eigentümlichen Singsangs. Er solle noch irgendetwas weiterreden, forderten einige. Andere verlangten, dass man endlich mit der Köpferei anfange, wegen der sie doch schließlich gekommen seien.

Indencron blickte sich auf dem gesamten Marktplatz um. Auf zweien der Hausdächer konnte er Büttel mit Armbrüsten ausmachen. Das war eine ganz neuartige Vorsichtsmaßnahme, so etwas hatte er bei einer Hinrichtung noch nie gesehen. Der Verurteilte musste sich im Gefängnis wirklich ganz außerordentlich ungebührlich betragen haben.

Beim Prozess war nichts davon zu bemerken gewesen. Er interessierte sich für solche Fälle, in denen Individuen sich mit einer Übermacht anlegten. Das Aufbegehren gegen eine Mehrzahl schien ihm dem Studium des Menschseins eine hochinteressante Facette hinzuzufügen.

Während des Prozesses hatte der Unhold - so war er auch dort schon bezeichnet...

»Tobias O. Meissner ist so eine Art Wundertüte der Fantasy: Der deutsche Autor experimentiert gerne, bringt modernistische Elemente sowohl in den Stil als auch die Handlung seiner Romane ein - und hat damit bemerkenswerten Erfolg.«, DerStandart.at, 25.08.2012
 
»Langweilig wird es dem Leser dabei nie, und das ist zum einen Meißners im Wortsinn gewaltiger, bildhafter Sprache, zum anderen der beeindruckenden Stringenz des Buches zu verdanken. Konsequent nutzt der Berliner Autor sein Talent für so präzise wie ungewöhnliche Metaphern und plastische Konstruktionen, um die Fugen des barbarischen Charakters auszuarbeiten. Jenseits der moralischen Wertung eines Zivilisationsmenschen entwirft er einen Titelhelden, der zwar kein Wort redet (!!!), dennoch aber einen klaren Wertekodex vermittelt und auf dessen Basis eine überraschend dynamische und komplexe Entwicklung durchmacht.«, VIRUS, 01.08.2012
 
»Ein berauschendes Lesevergnügen.«, Virus chronicles

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