In den Fängen der Tessiner Strafjustiz

Zwischen Unfähigkeit, Arroganz und politischem Kalkül
 
 
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  • 1. Auflage
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  • erschienen am 1. April 2020
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  • 144 Seiten
 
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978-3-907147-13-9 (ISBN)
 
Kein nächtlicher Polizeibesuch, kein Abführen in Handschellen. Spektakulär ist sie nicht, die Geschichte. Aber fünfzehn Jahre ungerechtfertigte Anklagen und Urteile, Demütigungen, berufliche Schikanierung. Mehrere Hunderttausend Franken Kosten. Akrobatische Verteidigungs- und Überlebens­übungen. Unter Stress, mit Glück und moralischer Unterstützung hat der Autor diesen Kampf gegen die Willkür überlebt, ohne daran zu zerbrechen.
Dies ist kein Kriminalroman, sondern eine Tatsachenschilderung.
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978-3-907147-13-9 (9783907147139)
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Der Autor, Dr. Otto Carl Meier, führte seit dem Jahre 1976 ein Anwalts- und Treuhandbüro in Zürich. Von 1978 bis 2019 war er ausserdem Honorargeneralkonsul der Republik der Seychellen in der Schweiz. Heute ist er hauptsächlich als Konsulent tätig und lebt auf Mahe (Seychellen), Italien und der Schweiz.

4 Die Untersuchung


4.1 Die Einvernahmen durch die Staatsanwaltschaft, die erste Runde 2004/05


Die erste Einvernahme durch die Tessiner Staatsanwaltschaft fand am 23. August 2004 statt.

Ich war am Abend vorher angereist, meine Tochter Janine begleitete mich, was mir Halt gab. Allerdings war ich zuversichtlich, hatte ich doch von den Machenschaften Matteuzzis und Oechslins keine Ahnung gehabt. Die Übernachtung in «meinem» Hotel war trotz der Annehmlichkeiten belastend. Nach einer Pizza im nahe gelegenen Restaurant in Paradiso versuchte ich zu schlafen.

Am nächsten Morgen wanderte ich bei schönem Sommerwetter dem See entlang, von Paradiso ins Zentrum von Lugano in den hässlichen «Palazzo di Giustizia». Die grauen abweisenden Mauern türmen sich über mehrere Stockwerke, und die Fenster empfangen den «Besucher» mit Argusaugen. Der Eingang: breit wie das halboffene Maul eines Krokodils.

Palazzo di Giustizia, Lugano

Durch den Haupteingang nach links erreicht man die Staatsanwaltschaft. Nach gebührendem Warten wurde ich in das Zimmer der verhörenden Staatsanwältin beordert. Staatsanwältin Maria Galliani führte die Untersuchung, die von 09.00 bis 21.00 Uhr dauerte. Galliani, eine zähe, unermüdliche Juristin, rauchte ununterbrochen während der ganzen Einvernahme; ihr Ziel war, mich, den Verwaltungsratspräsidenten, einer Straftat zu überführen. Galliani befasste sich hauptsächlich mit den zwei folgenden Themen:

Zum einen mit der Frage, ob es bei der Entschädigung der Klienten im «Settlement», d.h. dem Nachlassvertrag mit den Gläubigern - wie er infolge der schlechten Investitionen des anfänglichen Aktionärs der Sogevalor, Diego Abbas, notwendig geworden war -, mit rechten Dingen zugegangen sei (siehe Seite ). Galliani kam während der zwölfstündigen Einvernahme unablässig und immer wieder auf die Verwaltungsratssitzungen vom Oktober und November (siehe Seite ff.) zurück.

Zum zweiten kreiste sie wie ein Adler über seiner Beute über das Thema der Eingabe an die Bankenkommission und die Frage, ob die Dumont Inc. New York nicht doch Rodolfo Oechslin und Pierpaolo Matteuzzi gehört hätten. Auch hier schilderte ich ihr, was ich wusste und wie sich die Situation mir damals präsentierte, auch wies ich darauf hin, dass die Eingabe an die Bankenkommission mit Ausnahme eines ersten Entwurfes des Antrages und Fragebogens nicht von mir bearbeitet worden war.

Ich schilderte den Ablauf wahrheitsgetreu wie vorne («Die US-Connection» auf Seite 42 ff.) beschrieben und versuchte, die einzelnen Ereignisse in den Gesamtzusammenhang zu stellen, was sie aber nicht interessierte, wie auch später ihre Nachfolgerin nicht und ebenso wenig dann später das Gericht.

In meiner zweiten Einvernahme vom 23. März 2005, von 09.30 bis etwa 18.00 Uhr, ging es im gleichen Stil und zu den gleichen Themen weiter, und ich wiederholte, was ich bereits in der ersten Einvernahme gesagt hatte.

Ausser Protokoll liess ich dann die Bemerkung fallen, wie es um meinen Mitverwaltungsrat Fausto Arnaboldi bestellt sei. «E questo è un vecchio pensionato» - «Ach, dies ist ein alter Rentner», war die Antwort der Staatsanwältin. Wenn man bedenkt, dass dieser «alte Rentner» - ehemaliger Generaldirektor des Bankvereins (SBV) für das Tessin - als geschäftsführendes Mitglied des Verwaltungsrats immerhin ein permanentes Büro in der Sogevalor hatte, das er täglich nutzte und zudem jährlich 170 000 Franken an Honorar und zusätzlich Bonus bezog, dazu während einer bestimmten Zeit die Direktion leitete und Mitglied des Investitionsausschusses war, erstaunt diese Aussage doch einigermassen, insbesondere, nachdem sie mich, den Verwaltungsratspräsidenten, stundenlang in die Mangel genommen hatte, während Fausto Arnaboldi gerade einmal dreieinhalb Stunden einvernommen worden war. (Er wurde dann Jahre später, auf Verlangen der Verteidigung, nochmals während dreieinviertel Stunden einvernommen, allerdings ohne dass die Staatsanwaltschaft eine einzige Frage stellte!)

Am Ende dieser meiner zweiten Einvernahme liess Staatsanwältin Galliani jedoch durchblicken, dass sie mich für unschuldig hielt, aber das «Verfahren wegen der Privatkläger nicht einstellen könne». Diese Bemerkung erfolgte natürlich ausserhalb des Protokolls. Ihr war klar geworden, dass ich hintergangen worden war, wie dies auch klar aus den beiden Einvernahmeprotokollen hervorgeht. Mein Anwalt bei dieser Einvernahme war Mario Patocchi44, den ich gewählt hatte, nachdem mein früherer Anwalt per 1.1.2005 zur Bundesanwaltschaft gewechselt hatte.

Mario Patocchi, ein sehr netter, zuvorkommender und hilfsbereiter Mensch, und ich waren uns über die Vertretung einig geworden. Mario Patocchi war mit einer Staatsanwältin verheiratet,45 und ich fragte ihn, ob das kein Hindernis sei. Nein, natürlich nicht, seine Frau sei in den Fall Sogevalor überhaupt nicht involviert, zudem würde sie keine «Finanzfälle» behandeln.

4.2 Die übrigen Einvernahmen 2004 und 2005


Bis zum 24. September 2004 fanden 35 Einvernahmen von Angeschuldigten, Zeugen und Angestellten der Sogevalor sowie Geschädigten statt, dann noch eine weitere bis vor Ende 2004, im Jahre 2005 deren fünf und 2006 deren drei. Danach gab es keine Einvernahmen und Untersuchungshandlungen mehr bis im April 2011, mit Ausnahme von einer im Jahr 2009.

Die Einvernahmen des Verwaltungsrats und der obersten Geschäftsleitung

Wie vorne dargestellt, waren neben mir als Präsident noch folgende Herren im Verwaltungsrat gewesen: Dr. Giorgio Bernardoni als Vizepräsident, die Herren Rodolfo Oechslin und Pierpaolo Matteuzzi sowie Fausto Arnaboldi als geschäftsführende Verwaltungsräte und Pier Lodovico Pierotti (bis Ende 2000).

Giorgio Bernardoni wurde am 10. August 2004 einvernommen.

Pierpaolo Matteuzzi, der Hauptbeschuldigte, hatte sich ins Ausland abgesetzt und war nicht auffindbar. Allerdings hielt es die Staatsanwaltschaft nicht für notwendig, ihn zu suchen und auszuschreiben. Das geschah erst acht(!) Jahre später auf Verlangen und Insistieren der Verteidigung.

Rodolfo Oechslin wurde in dieser ersten Phase 2004/2005 siebenmal, Dr. Giorgio Bernardoni achtmal einvernommen. Die Einvernahmen von Giorgio Bernardoni hatten zu einem grossen Teil einerseits mit seinen Tätigkeiten im Zusammenhang mit Chantarella (vgl. Seite ) und den «Beratungen» seiner persönlichen Klienten, die er im Rahmen der Sogevalor betreute, zu tun - für beides wurde er mit massiven Vorwürfen konfrontiert -, anderseits mit seiner Tätigkeit für und um die Familienstiftung Telaya, die für eine gewisse Zeit Aktionärin der Dumont Investment gewesen war (vgl. Seite 42, «US-Connection»).

Rodolfo Oechslin war das «alter ego» von Pierpaolo Matteuzzi, er wusste im Wesentlichen über alles Bescheid und wurde entsprechend auch dazu einvernommen. Interessant sind seine Aussagen, dass die Liquiditätsschwierigkeiten der Fonds erst 2002 begannen; ferner gibt er zu, dass die Summen von 25 Millionen Dollar Müllers und Stones für die «Ablösung» anderer Kunden verwendet wurden.46 Die Zeugin D.E. bestätigt ihrerseits, dass die Reklamationen der Kunden erst Anfang 2004 begannen.47

Fausto Arnaboldi, der als geschäftsführender Verwaltungsrat (mit einem Honorar von 170 000 Franken zusätzlich Bonus) und mit seinen Aufgaben im Rahmen der Leitung der Direktion und im Investitionsausschuss stark in die Geschäftstätigkeit der Sogevalor involviert war, wurde gerade einmal während dreieinhalb Stunden einvernommen. Seine Ausführungen, die zum Teil in klarem Widerspruch stehen zu den Akten, so z.B. seinen eigenen Aussagen in den Sitzungen des Verwaltungsrats, wurden nicht hinterfragt. Wie gesagt, wurde er später auf Verlangen der Verteidigung nochmals einvernommen, ohne dass die Staatsanwaltschaft auch nur eine einzige relevante Frage gestellt hätte. Persönlich glaube ich allerdings, dass auch er hinters Licht geführt worden war, obwohl er praktisch täglich am Puls des Geschehens war.

Verwaltungsrat Pier Lodovico Pierotti, der an der Sitzung vom 13. Oktober 1999, welcher die Staatsanwaltschaft und die Gerichte eine derart erhebliche Bedeutung beimessen, dabei war (vgl. Seite ), als der «Rapport Francopagni» beschlossen wurde und der es übernommen hatte, Francopagni persönlich zu instruieren, und der mit seinem Sohn Dr. Mario Pierotti massgebend an der Neuausrichtung der Sogevalor im Jahr 1999 mitbeteiligt war,48 wurde dazu in dieser Phase nicht ein einziges Mal befragt. Erst sieben Jahre später, 2011, dann bereits ein kranker Mann, wurde er schliesslich beigezogen, ohne sich nunmehr an etwas zu erinnern, einzig daran, dass er von der Organisation einen guten Eindruck hatte.

Dr. Mario Pierotti war während drei Jahren, 1999 bis 2002, Direktor der Sogevalor, Mitglied des Investitionskomitees, aktiver...

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