Intervention bei Stress

Anwendung und Wirkung des Stressimpfungstrainings
 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Dezember 2012
  • |
  • 262 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-456-75149-8 (ISBN)
 
Ein effektives klinisches Instrument für differenzierte und facettenreiche Interventionen Einer der Väter der kognitiven Verhaltenstherapie stellt in diesem Buch ein Programm für eine kognitive Stresstherapie vor: das Stressimpfungstraining (SIT). Dieses Trainingsprogramm eignet sich für die Vorbeugung ebenso wie für die eigentliche Therapie. Es vermittelt bewährte Strategien zur besseren Stressbewältigung. SIT ist kein Wunderheilmittel. Vielmehr ist es ein effektives klinisches Instrument für differenzierte und facettenreiche Interventionen. Das SIT ist, seit Meichenbaum es konzipiert hat, in vielen Studien weiter evaluiert worden. Lothar Schattenburg, der Übersetzer und Herausgeber der ersten deutschen Auflage, fasst die Ergebnisse in einem zusätzlichen Kapitel zusammen. Er schildert die Bedeutung, die das SIT in der heutigen Psychosomatik und Rehabilitationspsychologie und bei der Vorbeugung bzw. Behandlung von Partnerschaftsproblemen gewonnen hat. Abschließend werden Überlegungen angestellt, wie das SIT durch Aspekte der Tiefenpsychologie und einer Allgemeinen Psychotherapie sinnvoll ergänzt werden kann.
1., Aufl.
  • Deutsch
  • Bern
  • |
  • Deutschland
  • Erweiterte Ausgabe
  • 0,31 MB
978-3-456-75149-8 (9783456751498)
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Kapitel 2

Klinische Vorgehensweise bei der Prävention und Reduktion von Stress


Wie im Vorwort angedeutet, zeichnet sich das Stressmanagementtraining durch die Vermittlung spezifischer Bewältigungsstrategien aus. Dieser Ansatz ist ohne Zweifel fruchtbar, aber auch problematisch, wenn man sich das begrenzte Wissen über die Stresspsychologie vor Augen führt. So ist es möglich, dass der Trainer seine Klienten zu einer spezifischen Bewältigungsstrategie ermuntert, obwohl unter Umständen eine ganz andere Vorgehensweise gerechtfertigt gewesen wäre. In einigen Belastungssituationen können als Bewältigungsstile Rückzug, passives Abwarten, Trennung oder Verleugnung die effektivsten Strategien sein. Dann würde ein Training in Realitätstests, Problemlösungsstrategien oder Selbstbehauptung die Stressreaktionen nur noch verschlimmern (Lazarus, 1984).

Dieses Problem möchte ich an folgendem Beispiel verdeutlichen. Nachdem ich über mehrere Jahre hinweg mit impulsiven Kindern gearbeitet habe, war ich oft neugierig darauf, wie sich diese Kinder beruflich entwickeln würden. Meine übliche Vorstellung ist, dass sie einen psychotherapeutischen Beruf ergreifen würden. Sie leiten dann Stressseminare und schreiben Bücher über Stressbewältigung. Wie impulsive Kinder intervenieren oft auch Psychotherapeuten, bevor sie überhaupt das Problem verstanden haben. Hinzu kommt, dass ein Trainingsprogramm normalerweise die Grundzüge umreißt und kaum Details berücksichtigen kann, wie man z. B. Klienten auf Interventionen vorbereitet, sie zur Verhaltensänderung motiviert und mit Problemen des Widerstands, der mangelnden therapeutischen Mitarbeit und Rückfällen umgeht. Um derartige Probleme in den Griff zu bekommen, stellt das folgende Kapitel einige klinische Leitlinien vor, die als Wegweiser bei der Entwicklung, Durchführung und Evaluation von Stressbewältigungsprogrammen dienen.

Leitlinien für Trainingsprogramme

Sorgfältige Analyse

Zuerst muss eine sorgfältige Analyse des Trainingsziels vorgenommen werden. Obwohl dies eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird diese Regel oft ungenügend beachtet. Wie schwierig gestalten sich die Probleme und Herausforderungen der Klienten? Welche effektiven Bewältigungsstrategien sowohl auf der intra- oder interpersonalen als auch auf der Gruppen- oder Gesellschaftsebene können angewandt werden? Zur Beantwortung dieser Fragen muss berücksichtigt werden, dass die verschiedenen Indikatoren für die Belastungsbewältigung wie etwa soziale Integration, positives Denken, berufliche Integration und physiologische Symptome normalerweise nicht hoch miteinander korrelieren.

Wie Cohen (1984) treffend unterstrichen hat, gibt es keine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen irgendeiner Bewältigungsstrategie und einer effektiven Stressbewältigung. Unter gewissen Umständen können gewisse Bewältigungsstrategien zu einem Erfolg führen, unter anderen Umständen hingegen einen Misserfolg provozieren. Der Zeitpunkt, der Kontext und das Handlungsergebnis können den Adaptationsgrad der Belastungsbewältigung beeinflussen. Die relative Effektivität einer bestimmten Bewältigungsstrategie hängt davon ab, welche sozialen, psychologischen oder physiologischen Variablen gemessen werden und ob das Bewältigungsergebnis unter kurz- oder langfristigen Gesichtspunkten betrachtet wird. Eine spezifische Bewältigungsstrategie, die in einem bestimmten Moment effektiv sein kann, führt u. U. zu einem späteren Zeitpunkt oder in einem anderen Kontext nicht zum selben Ergebnis. Die Beziehung zwischen Stress, Bewältigungsstrategien und deren Effektivität ist komplex. Dies sollten jene bedenken, die Stressseminare durchführen. So können z. B. Interventionen, die auf die Beeinflussung eines Typ-A-Verhaltens abzielen, das physiologische Risiko einer koronaren Herzerkrankung verhindern, aber ebenso jenes persönliche und soziale Verhalten beeinflussen, das unsere Gesellschaft normalerweise für verstärkungswürdig hält. Dies könnte langfristig eine Verminderung von sozialen Gratifikationen zur Folge haben. Die Trainer müssen diesen Umstand bei ihrem Gesundheitskonzept im Blick behalten (Cohen, 1984).

Ein Buch über Stressmanagement sollte nicht vor, sondern nach einer erfolgreichen Forschung über die Psychologie dieser effektiven Bewältigungsstrategien geschrieben werden. Wortman hat herausgearbeitet, dass bei vielen Psychotherapeuten und beim Laienpublikum die Meinung vorherrscht, bei kritischen Lebensereignissen sei lediglich das kurzfristige Zulassen von negativen Gefühlen eine gute Anpassung. Folglich müssten Stressprogramme mit dem Ziel entworfen werden, dem Klienten dabei zu helfen, seinen emotionalen Ausdruck in derartigen Situationen zu unterdrücken. Jedoch haben Forschungen in Belastungssituationen wie etwa Rückenmarksverletzungen, Tuberkulose, Krebs oder die Geburt eines missgebildeten Kindes gezeigt, dass das bewusste Zeigen von negativen Gefühlen auf lange Sicht durchaus eine adaptivere Bewältigungsstrategie sein kann als die Unterdrückung des emotionalen Ausdrucks (Cohen, 1984; Wortman, 1983). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Wortman in seinem Literaturbericht: Eine positive Einstellung oder eine realistische Situationseinschätzung muss nicht immer die effektivste Bewältigungsstrategie sein.

Solche heterogenen Forschungsergebnisse bringen natürlich jene in Schwierigkeiten, die ein Stressprogramm entwickeln möchten. Was soll denn eigentlich trainiert werden, wenn man kaum über fundiertes Wissen auf dem Gebiet der Belastungsverarbeitung verfügt? Der Vorrat an Handlungsanweisungen, wie man sich auf Krisen zu unterschiedlichen Zeitpunkten adaptiv verhalten soll, ist begrenzt. Nach Wortman erfordern kritische Lebensereignisse eine Reihe von Bewältigungsstrategien, die sich über die Zeit in Abhängigkeit vom Krisenverlauf ändern. Jede Aufgabe kann eine unterschiedliche Bewältigungsstrategie erfordern. Jede Stressepisode erzwingt über die Zeitachse einen Anpassungsprozess. Diese Komplexität und unsere mangelhafte Kenntnis in der Stresspsychologie sollten eine Warnung sein für alle «Möchtegerntrainer» von effektiven Bewältigungsstrategien. Die Trainer sollten daher folgende Regeln beachten:

1. Seien Sie vorsichtig, wenn Sie dem Klienten spezifische Bewältigungsstrategien vorschlagen.

2. Teilen Sie dem Klienten offen den Stand des Wissens in der Psychologie der Belastungsverarbeitung mit.

3. Erarbeiten Sie gemeinsam mit dem Klienten die für ihn effektivsten Bewältigungsstrategien.

4. Bleiben Sie flexibel beim individuellen Anpassen des Trainingsprogramms an die Situation und die Fähigkeiten des Klienten.

5. Zur Bestimmung der zu trainierenden Therapieziele analysieren Sie die Effekte des Klientenverhaltens.

Goldfried und D’Zurilla (1969) sowie Turk, Meichenbaum und Genest (1983) haben eine derartige verhaltenstheoretisch orientierte Effektivitätsanalyse entwickelt, die aus drei Elementen besteht: der Problemdefinition, der Reaktionsanalyse in den verschiedenen Situationen und der Reaktionsevaluation unter dem Gesichtspunkt der Effektivität. Diese Effektivitätsanalyse kann bei der Entwicklung eines Stressmanagementtrainings angewandt werden. Bevor klinisch interveniert wird, müssen die zu trainierenden Kompetenzen und die angemessenen Ebenen der Intervention geklärt sein. Die gesunden Anteile des Klienten und förderliche Bedingungen in der Umwelt sollen identifiziert und verstärkt werden. Ferner soll abgeklärt werden, ob spezifische Stress erzeugende Faktoren wie negative Gedanken und Gefühle oder Partnerschaftsprobleme schon bestehende Bewältigungskompetenzen hemmen.

Vielfältigkeit und Flexibilität

Eng verbunden mit der Notwendigkeit «Denke, bevor du handelst!» ist die Forderung, dass jedes Stressmanagementtraining vielfältig und flexibel sein muss. Diese Leitlinie entspringt der Beobachtung, dass das Bewältigungsgeschehen weder eine einzelne Handlung noch ein statischer Prozess ist. Lazarus (1981) hat betont, dass sich die Belastungsverarbeitung aus mehreren Handlungen zusammensetzt, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und Änderungen durchlaufen. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt eine sinnvolle Bewältigungsstrategie bedeuten kann, ist in einem anderen Kontext ineffektiv. Dies gilt auch für den Umstand, dass eine Bewältigungsstrategie für gewisse Arten von Stressoren und für eine gewisse Population sinnvoll sein kann, in anderen Situationen aber versagt. So zeigen Pearlin und Schooler (1978), dass gewisse Bewältigungsstrategien in Abhängigkeit vom jeweiligen Stressor mehr oder weniger effektiv sind. Bewältigungsstrategien, die die Bindung und das Vertrauen zu engen Bezugspersonen betonen, sind bei Stressoren in Partnerschaftskonflikten effektiv. Im Gegensatz dazu scheint die Bewältigungsstrategie der kognitiven Distanzierung im Wirtschafts- oder Berufsleben am effektivsten zu sein. Unterschiedliche Stressoren erfordern unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Daher muss ein Stressmanagementprogramm ein flexibles Repertoire an Bewältigungsstrategien anbieten. Cohen (1984) fasst zusammen: «Die entscheidende Frage ist nicht die, welche Bewältigungsstrategien eine Person anwendet, sondern über wie viele Strategien sie in ihrem Repertoire verfügt und wie flexibel sie diese anwenden kann» (S. 269).

In einigen Situationen zielt die effektivste Belastungsverarbeitung direkt auf das Problem, während sie in anderen Situationen vorrangig emotionsorientiert ist. Lazarus und Folkman (1984) unterscheiden daher zwei Formen der Belastungsverarbeitung: (a) eine problembezogene Belastungsverarbeitung mit dem Ziel, das den Stress...

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