Unter den Lebenden

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. April 2015
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7801-8 (ISBN)
 
Für den Erzähler ist der frühe Tod seines Freundes Boas Masor ein Schock, von dem er sich nicht erholt. Er ist ein berühmter Chirurg, mit der Alltäglichkeit des Sterbens vertraut. Doch Boas' Tod erscheint ihm "unfassbar", ja "skandalös". Er bringt auch sein eigenes Leben ins Wanken. Nichts ist mehr wie früher, keine medizinische Routine kann ihn vor seiner Trauer schützen. Wie ein Dibbuk, ein böser Totengeist, verfolgen ihn die Erinnerungen. Zu Lebzeiten verband die beiden Männer eine außergewöhnliche Freundschaft. Deshalb erscheint es ihm, als habe Boas' Tod seinen eigenen vorweg genommen. Eyal Megged erzählt die ergreifende Geschichte einer Freundschaft von Hemingwayscher Größe, die von Liebe, Streit, Versöhnung und Verlust handelt und vom Versuch, Antworten zu finden, auf "die verfluchten Fragen" des Lebens.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 1,88 MB
978-3-8270-7801-8 (9783827078018)
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Eyal Megged wurde 1948 in New York geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Er schreibt Romane und Gedichte sowie Kolumnen für die großen israelischen Tageszeitungen. Außerdem war er Redakteur der wöchentlichen Radiosendung Voice of Israel. 1993 wurde er mit dem Macmillan Prize ausgezeichnet.

2    Wie ein mittelalterlicher japanischer Dichter sich sorgfältig auf seinen Tod vorbereitete, Anweisungen für die Beerdigung hinterließ, den Besitz verteilte, ein Abschiedsgedicht schrieb, so hat es auch Boas getan. Je mehr der nahende Tod ihn zeichnete, desto stärker beschäftigten ihn die Vorbereitungen darauf. Nach seinem Tod fand man ein detailliertes Testament (in dem er mir einige der Bücher vermachte, die er auf unseren gemeinsamen Reisen gekauft hatte). Aber war er vor dem Tod auch so stürmisch erregt wie jener Dichter, wie vor einer Reise ins glückliche Ungewisse? Da bin ich mir nicht sicher. Nach meinen Erkundigungen bei seinen Angehörigen hatte er weitergelebt, als lauere der Tod nicht um die Ecke. Insofern zumindest erinnerte er nicht an einen japanischen Dichter aus alten Zeiten. Nichts weist darauf hin, dass er vor dem Tod seine Lebenslust verloren hatte. Die Wunder des Lebens nicht mehr schätzte - und obwohl er sich innerlich in sein Los gefügt hatte, war er keinesfalls gleichmütig. Er wollte sein schwindendes Leben möglichst verlängern: noch mehr sehen, noch mehr hören, noch einen Herbst erleben. Es sieht nicht danach aus, dass er sich mit religiös gefärbten Illusionen über den Tod als Blumenwiese oder als lichten Ort trösten konnte, ganz im Gegenteil, der Tod galt ihm als ein Nichtsein, das man nicht vorzeitig erreichen sollte.

Als er mit den Befunden zu mir kam, sagte ich ihm, wie er selbst ja wisse, sei es kein gutartiger Befall, die Heilungschancen seien gering, aber es gäbe eine Therapie, und es gäbe Hoffnung. Er erschrak nicht. Zumindest zeigte er keine Panik. Er fragte nicht mal, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Er wollte nicht zu viel wissen. Boas war sein Leben lang groß im Ignorieren. Häufig habe ich ihm das vorgeworfen, vor allem, als wir uns von alten Bekannten in enge Freunde verwandelten und die anhaltende Untreue seiner strahlenden Frau Rakefet - die einzige Frau, die sich in jener mageren Zeit mit den glänzenden Stars, die wir aus der Filmwelt kannten, vergleichen ließ - von allen Wänden hallte. Sie war bildschön, honigblond, beredt und verführerisch, und obwohl sie und ich immer Zuneigung füreinander empfanden, überwand die männliche Solidarität mit Boas jedes andere Gefühl. Aber bald entdeckte ich, dass Vorhaltungen bei ihm nichts fruchteten: Erwähnte ich auch nur andeutungsweise, was mir an Rakefets Lebenswandel missfiel, wechselte er sofort das Thema; so extrem war seine Verleugnung (oder vielleicht sollte man lieber sagen, so extrem war sein Schmerz), dass er jahrelang nicht ins Kino ging. Wo liegt da der Zusammenhang? Das habe ich mich anfangs auch gefragt, bis ich begriff, dass es in den Filmen viel um »freie Liebe« ging, wie man damals sagte, und um bezaubernde Frauen, die ihn an Rakefet erinnerten, Boas jedoch keinesfalls an das erinnert werden wollte, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Anders ist nicht zu erklären, dass er sich immer wieder weigerte, mit mir ins Kino zu gehen, und zwar zu einer Zeit, als ständig neue Meisterwerke auf die Leinwand kamen, in der vergangenen Blütezeit des Kinos. Damals konnte ich nicht ahnen, dass seine Gabe zu ignorieren eines Tages die allerschwerste Prüfung bestehen würde, er dank ihrer in seinem Todesjahr »ein Yogi des Krebses« werden würde, wie einer meiner Kollegen ihn nannte, einer der wenigen, die ich im elenden Umfeld meines Berufes schätze.

Boas bat mich damals, als ich ihm bestätigte, dass eine Operation sinnlos war: »Empfiehl mir eine Behandlung, die einen Tag in der Woche kostet, nicht mehr. Ich will diesem verfluchten Krebs nicht zu viel Zeit widmen.« Und so geschah es. Er kam mit seiner neuen Liebsten am festgesetzten Termin für ein paar Stunden ins Krankenhaus, erhielt seine Chemotherapie und vergaß an den übrigen Tagen praktisch seine Krankheit. Ich, für den diese Krankheit Broterwerb ist, konnte den Gleichmut, diese Yogi-Haltung, absolut nicht erreichen und warf mir vor, sie damals kritisiert zu haben. Weiß Gott, woher sie rührte. Vielleicht von dem festen Wunsch, jenen harten, bedauerlichen Satz zu verdrängen, den sein Vater, der berühmte Arzt, ihm im Brustton des Experten im Alter von zehn oder zwölf Jahren sagte, als er bei einer Blutabnahme umgekippt war: »Ein Arzt wird nie aus dir werden.« Einfach so hatte er ihm den Traum zerstört, den festen Vorsatz, in seine Fußstapfen zu treten. Es war ein ätzender, verheerender Satz, den Boas selbst mit den besten Mitteln, die ihm zu Verfügung standen, nicht überwand. Da nützten ihm weder sein rares Gespür für die feinsten Fasern der Lebewesen im Allgemeinen und des menschlichen Körpers im Besonderen noch sein hervorragendes Gedächtnis für die kleinsten Einzelheiten der Zelle etwas; all das kam gegen den Fluch nicht an. Niemand weiß genau, was einen stärkt oder schwächt. All mein gesammeltes Wissen über den Leib und seine Krankheiten liefert keine Antwort, und Boas tat sich schwer mit dem, was man »seelische Krise« nennt. Er erfasste, wie ein Körper verfällt, aber nicht, wie eine Seele zerbricht. Ich erinnere mich an seine Verwunderung, wenn ich bei der Ankunft in einer fremden Stadt ohne ersichtlichen Grund in Panik verfiel. Er begriff nicht den lähmenden Angstzustand, den er miterlebte; verstand nicht, wie ich urplötzlich meinen konnte, gleich zu sterben. Sein Staunen war für mich der schlagende Beweis dafür, dass er seelisch stabil war: Eine Krankheit versteht man nur, wenn man sie kennt.

Darf ich das prägende Ereignis in Boas' Leben preisgeben, von dem vielleicht nur ich allein weiß? Befreit der Tod von der Pflicht zu schweigen? Diese Frage passt nicht zu mir. Seit wann zaudere ich denn, wenn es um etwas geht, was ich für wahr halte? Seit wann gehe ich auf Zehenspitzen und rolle siebenmal die Zunge, ehe ich eine entschiedene Bemerkung mache? Ich gehe doch immer mit dem Kopf durch die Wand, sobald ich glaube, die Wahrheit entdeckt zu haben. Als gäbe es nur eine einzige Wahrheit. Als hätte ich sie gepachtet. Aber so bin ich nun mal, ändern werde ich mich nicht mehr. Ich muss mit den Verwicklungen leben, die diese Eigenschaft auslöst. Ich habe die Wahrheit über meine Stationskollegen gesagt, habe ihnen immer wieder ihre Schwäche vorgehalten, ihre Unfähigkeit, selbst die einfachsten Operationen durchzuführen, und was hatte ich davon? Ich habe mir meine Karriere vermasselt. Trotz meines hohen Ansehens bekomme ich nur Brosamen von ihrem Tisch. Deshalb habe ich alle Zeit der Welt, um beispielsweise diese Geschichte zu schreiben. Und obwohl Boas mir keine Erlaubnis erteilt hat, von ihm zu erzählen, könnte er durchaus zufrieden sein mit meinem Beitrag zu seinem geistigen Nachleben in unserer Welt, die er so liebte. Ich hoffe, wenn er auf der letzten Seite der Geschichte angelangt ist, wird er sich sagen: Ich bin richtig gut weggekommen, mehr als gut. Überlebensgroß, wie es sich in jeder Geschichte gehört. Ich hoffe, er wird am Ende finden, die Enthüllung habe sich gelohnt, obwohl ihm Enthüllungen stets gegen den Strich gingen. Ich hoffe es, kann aber natürlich nicht sicher sein. Häufig habe ich gedacht, es würde so und so kommen, und eingetreten ist das Gegenteil. Ich hatte gedacht, ich würde unsere chirurgische Station zu einem Ort der kompliziertesten Transplantationen machen, aber in Wirklichkeit gibt es ein pausenloses Gerangel mit Ärzten, denen ich nicht mal die Entfernung eines Blinddarms anvertrauen würde. Fast alle Fachleute meinen, es käme auf die Technik an, auf jedem Gebiet. Auf meinem Gebiet beispielsweise begreifen sie nicht, dass es im kritischen Moment, an dem Punkt, auf den sich alle Anstrengungen konzentrieren, nicht mit Technik allein getan ist; fast unmerkliche Nuancen in der Bewegung der Hand - ihre Stimmlage, könnte man sagen - sind das Entscheidende. Darin unterscheiden sich die wenigen Auserwählten von den übrigen Handwerkern, einschließlich der Virtuosen. Es geht hier nicht um den Austausch von Teilen der Herzkranzgefäße, was tatsächlich nur Wissen und Technik verlangt, sondern um jene Konzentration, die die ganze Außenwelt ausblendet und haarfein den einzig richtigen Schnitt möglich macht. Bei der Entfernung einer bösartigen Geschwulst im Bereich der Bauchspeicheldrüse beispielsweise entscheidet diese Fähigkeit schlicht und einfach über Leben und Tod. Doch bei Boas war es schon zu spät, um dieses Wunder zu bewirken, denn sein spezifischer Krebs zeigt sich erst spät, und seine problematische Position machte jede Operation unmöglich. Bei Boas' Erkrankung hätte sogar Beten mehr geholfen als jede Therapie.

Ich streife in meiner Freizeit stundenlang zwischen den Juden in den orthodoxen Vierteln und den Arabern in der östlichen Stadt umher. Das ist mehr oder weniger meine feste Strecke. Ich versuche dort, aus der Distanz der Fremdheit, zwischen den Spinnern und den Wehklagenden, den richtigen Weg zu finden, um über Boas' letztes Lebensjahr zu berichten. Man gerät so leicht in die Falle der Falschheit, wenn man von jemandem erzählt, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Jedes Festhalten am normalen Weg, dem vorhersehbaren Handlungsverlauf, führt einen nicht nur vom tatsächlich Geschehenen ab, sondern glattweg zur Lüge. Es gibt keine verlogenere Maske als die, die wir aufsetzen, wenn wir den unheilbar Kranken begleiten. Je schlimmer die Krankheit wird, desto verlogener die Maske. Man kann es mit dem Wort »Leugnung« kaschieren, aber das wäre nicht die ganze Geschichte. Nicht die ganze Wahrheit. Seit Boas' Erkrankung begleitete mich die Lüge unablässig wie ein Schatten. An jenem Nachmittag, an dem er mir seine Untersuchungsbefunde brachte, sagte ich ihm beim Abschied, als er schon an der Tür stand: »Ich meine, du hast den richtigen Weg gefunden, mit der Krankheit umzugehen, ich habe das Gefühl, du...

»Eyal Megged erzählt die ergreifende Geschichte einer Freundschaft und des Versuchs, Antworten auf schwere Fragen des Lebens zu finden.«, tachles - Das jüdische Wochenmagazin, 04.12.2015
 
»Doch das sind keine blutleeren metaphysischen Betrachtungen, sondern sehr emotionale und oft auch humorvolle Auseinandersetzungen mit dem Wesen der Freundschaft. Dabei geht es nicht nur ums Sterben, sondern auch um Frauengeschichten, Kinder, Reisen und vieles mehr. All das erzählt Eyal Megged in einem wunderbar gelösten Ton.«, Heilbronner Stimme, Uwe Grossner, 22.08.2015
 
»Eyal Megged zwingt seinen Leser, tief in die Reflexionen seines Erzählers einzutauchen über das, was der 'die verfluchten Fragen des Lebens' nennt. Sein Roman ist auf der einen Seite eine zornige Abrechnung mit dem Tod, aber auch ein psalmenartiger Lobgesang auf das Leben.«, amazon.de, Winfried Stanzick, 08.07.2015
 
»Dieser Roman ist von Ruth Achlama vorzüglich und elegant ins Deutsche übersetzt. Für mich war das eine Entdeckung, dieses Buch von Eyal Megged, in das man hineinversinken kann, das man als Schaufel nutzen kann, um die eigene Seele umzugraben [.] hochfaszinierend.», NDR "Gemischtes Doppel", Annemarie Stoltenberg, 30.06.2015
 
»[Eyal Megged] erzählt nicht nur vom Sterben, sondern auch von Frauen und Kindern, von Reisen nach Amerika und vom Hummus-Essen in der Jerusalemer Altstadt.«, Die Zeit, Iris Radisch, 25.06.2015
 
»Die Geschichte ihrer Freundschaft erinnert an Kain und Abel mit tiefem Neid auf den Erfolg oder das Glück des anderen. Jeder wird sich in diesem Buch seine eigenen Sätze anstreichen. Es packt Leser am Kragen und schüttelt an Nerven und Seele. Spannend, intelligent und geistreich lässt es seine Leser nicht aus der Pflicht, selbst über das nachzudenken, was Eyal Megged diese 'verfluchten Fragen' des Lebens nennt.«, NDR Kultur, Annemarie Stoltenberg, 12.05.2015

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