Sansibar, einfach

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7826-1 (ISBN)
 
Der Lehrer Dror Dagan stürzt sich in eine romantische Eskapade mit seiner Schülerin Omer. Sie fahren auf die Insel Sansibar; doch geraten dort die Vorstellungen des älteren Mannes mit denen seiner jungen Geliebten in Konflikt. Und außerdem wartet zu Hause auch noch Omers attraktive Mutter ...
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 3,17 MB
978-3-8270-7826-1 (9783827078261)
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1


Mitten beim Jahresausflug der Schule lag ich oberhalb des Amud, unter riesigen Platanen, deren Schatten nach fernen Orten dufteten, mit geschlossenen Augen, um das Plätschern des Baches in das Becken zu verdrängen, und fragte mich, was wird jetzt passieren, was für ein Leben erwartet mich noch. Dieses Alter, neunundvierzig, war so seltsam und überraschend wie das Gewehr neben mir, ein altes Modell, an das ich mich noch aus der Militärzeit erinnern konnte, vielleicht das Einzige, was sich nicht geändert hatte. Ich streichelte mit den Fingerspitzen darüber und empfand eine Art Solidarität, die Gemeinschaft von Außenseitern, die nicht zu dieser neuen Zeit gehören. Eine plötzliche Freude erfüllte mich: Wäre ich nicht von zu Hause ausgezogen, würde die Zeit viel schneller zu Ende gehen, doch nun war die Zukunft voller Überraschungen, fast wie die Zukunft meiner lärmenden Schüler, die wie eine Herde junger Tiere auf die Weide des Lebens lospreschen.

»Herr Dagan! Herr Dagan! Rotem ist von der Brücke gefallen!«

Ich stehe langsam auf, als wäre ich ein zufälliger Tourist ohne Verpflichtungen. Der Junge jammert, hinkt mir mit abgewinkeltem Arm entgegen. Einer der begleitenden Elternteile rennt auf ihn zu. Erleichtert überlasse ich ihm den Verletzten, beobachte von der Seite, wie er sich wieder erholt.

»Herr Dagan, Dror, kommen Sie ins Wasser!«

Der Unterschied zwischen mir und ihnen ist eine Illusion. Ich ziehe mich bis auf die Badehose aus und steige, wie ein mageres Kind, das sich vor dem kalten Wasser fürchtet, unter den ermutigenden Zurufen der tanzenden Nymphen in nassen T-Shirts um mich herum langsam hinunter, dann tauche ich mit dem ganzen Körper ein. Die Kälte weckt in mir die schneidende Erkenntnis: Wir haben ein kleines Kind, sie wird nie aus meinem Leben verschwinden, sie wird mich nie leben lassen. Vor lauter Verzweiflung verzichte ich auf das Bedürfnis, mich durch kräftige Bewegungen zu erwärmen, still nehme ich die Kälte in mir auf, die Gedanken und die Sinne erstarren, ich tröste mich mit der Illusion, dass sich etwas an meinem Zustand ändert.

Kuneitra ist von einem starken Licht überströmt, als würde der Tag nie zu Ende gehen, obwohl es schon sieben Uhr abends ist. Die Direktorin, die mich im Spaß als Dienstältesten bezeichnet, drängt mich, Erinnerungen aus der Kriegszeit zu erzählen, wie ich den Ort damals erlebt hatte. Für einen Moment begeistere ich mich dafür, versuche, den Lärm zu übertönen. »Die Stadt war schon immer traurig, denn wie ihr seht, ist ihre bestimmende Farbe schwarz.«

»Wer weiß, warum?«, fragt die Direktorin, gerade als sich der Sturm langsam legt.

Wieder ein Durcheinander. »Wegen des Basalts! Wegen des Basalts!«

»Das war die erste feindliche Stadt, die wir damals kennen gelernt haben. Sonst war der Krieg immer in der Wüste, und hier war es auf einmal wie im Ausland.« Gegen den Wind klingt meine Stimme seltsam, wie bei einer Beichte oder einer Einsatzbesprechung.

»Ein tolles Ausland!«, ruft einer, und alle lachen.

»Nein, wirklich«, ich versuche, sie zu überzeugen, »hier war alles so fremd, als wären wir in Nepal oder Tibet. Wir waren nicht so verwöhnt wie ihr, wenn die Ferien gerade anfangen, seid ihr schon am Flughafen.«

»Los, essen! Wir sterben vor Hunger!«

Der erloschene Vulkan bricht aus, wie Felsbrocken rollen sie zum Bus hinunter, der unten parkt.

»Wirklich traurig, wie am Ende der Welt«, flüstert eine seidene Stimme. Ich sehe sie von hinten, nur die glänzenden offenen Haare, und stelle mir ihren sehnsüchtigen Blick vor, der durch die Stadt hinter dem Zaun streift. »Sicher leben in dieser Stadt nur Geister. Vielleicht ist das die leere Stadt aus dieser Erzählung von Kafka.«

»Und der Turm ist in Wahrheit eine Moschee«, füge ich schnell hinzu, damit ich den Moment nicht verpasse, in dem die Literatur sich endlich mit dem Leben vereint.

»Aber wo ist die Uhr?« Sie schaut mich an, ihre Augen hinter der zierlichen Brille wechseln von Grün zu Grau, das Grau wird zu Nebel, der Nebel verbirgt einen Abgrund, wie eine versteckte Falle.

»Moscheen haben keine Uhren«, sage ich fasziniert.

»Hier gehen wir einen Schritt weiter«, höre ich die verführerische Stimme. »Die Zeit ist nicht nur faul, die Zeit ist nichtig.«

Ich werde zum Schüler. »Und dann? Was gewinnen wir?«

»Man kann tun und lassen, was man will.« Sie lächelt geduldig, als wäre dies die einzige Antwort.

»Omer! Omer! Herr Dagan! Die Stunde ist zu Ende!«

Ich fasse ihren Arm und erschrecke, weil ich nicht genau weiß, was ich angefasst habe, Fleisch oder Geist.

So habe ich sie zum ersten Mal wahrgenommen.

Sie rutscht am Hang aus, stolpert, ich beeile mich, sie zu erreichen, lege den Arm um sie, um sie hochzuheben. Unter dem Overall verbirgt sich ein Körper, der größer ist, als man erwarten würde. Der frische Honigduft ihrer Haare weckt in mir ein Traumbild des beginnenden Lebens, dunkle Böen werfen weiße Blütenblätter auf die Straße, ein Rock fliegt über Schenkeln hoch, die mit ängstlicher Freude den Sitz einer glänzenden Lambretta umklammern. Als ich einmal während einer Lehrerkonferenz gefragt wurde, wie ich mich konzentrieren könne, wenn die Mädchen sich so anziehen, hat der Frager bestimmt nicht an Omer gedacht. Was heißt das, so?, sagte ich, und alle Lehrerinnen lachten, weil sie dachten, ich würde den Naiven spielen. Mit nackter Brust und nacktem Bauch, stell dich doch nicht so an. Sie sind Kinder, was redet ihr da? Kinder! Sie wissen schon Sachen, an die du im Traum nicht denken würdest.

Die Gaskocher vor den Zelten rauschen. Ich muss mein Bedürfnis nach Schlaf stillen. Von ihr hätte ich nie behauptet, sie sei noch ein Kind. Das Meer ist träge, man sieht nur Hinterteile, ich erinnere mich an sie aus dem Kurs Kreatives Schreiben, den ich geleitet habe. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis sie anfing, sich zu beteiligen. Das erste Mal beschrieb sie eine Floßfahrt flussaufwärts, auf einem Strom, der sich teilte. Ich konnte mich nicht wirklich auf ihre Geschichte konzentrieren, denn mit einem Ohr hörte ich bereits die Glocken des Abschieds. Darüber will ich nicht nachdenken.

Alle haben gesagt, es sei nur meine wilde Fantasie, aber ich allein wusste, was sich hinter Smadars Beschwerden verbarg. Sie hatte das Gefühl, etwas Besseres verdient zu haben als einen Gymnasiallehrer, der es zu nichts bringt. Die verfluchte Erbschaft, die plötzlich von einem verstorbenen Onkel in Frankreich gekommen war, wirkte wie Öl, das man ins Feuer gießt, obwohl es umgekehrt hätte sein sollen. Aber nicht bei einer Kibbuznikit wie ihr, nicht bei der widerspenstigen Tochter einer asketischen Familie. Gerade in ihren Augen war Geld heilig. Sie konnte den Abstand zwischen ihr und mir nicht mehr ertragen. In einer Nacht war sie zur Prinzessin geworden, und ich passte nicht in den Palast. Du bist verrückt, sagten alle, als ich das Haus verließ, du solltest wenigstens Mitleid mit Ofer haben, du bist derjenige, der sich nicht daran gewöhnen kann, dass ihr Rasen grüner ist. Geld korrumpiert, behauptete ich, das habe ich schon immer gewusst. Das glänzende rote Auto, das sie gekauft hat, hat mich deprimiert, ihre Verschwendungssucht brachte mich zum Kochen, sie hat überall Geschenke verteilt. Du weißt nicht, was Großzügigkeit ist, beschuldigte sie mich, deshalb ärgerst du dich. Warum bist du dann nur mir gegenüber berechnend, warum bist du mir gegenüber nicht auch so großzügig? Die Armen deiner Stadt kommen zuerst dran, oder etwa nicht? Wenn ich dieses Wunderhorn wenigstens genossen hätte. Weißt du nicht, dass ich schon zehn Jahre lang nicht in London war? Du wagst es, dich zu beklagen?, schrie sie. Fang erst einmal an, deine Pflichten hier zu erfüllen, dann hast du vielleicht das Recht, etwas zu sagen, Routine ist für dich ein Schimpfwort, du bist nur zu etwas nütze, wenn dich die Muse küsst. Wenn du draußen nichts bewirken kannst, dann solltest du wenigstens zu Hause mehr machen. Und warum soll nur ich die Einkaufstaschen schleppen? Weil du einen Einkaufsfimmel hast, du kannst nicht in Ruhe schlafen, wenn der Kühlschrank nicht voll ist, mich kotzt dieser Konsum an. Ich denke wieder an den Streit, den sie hässlich nannte, der aber auf mich eine reinigende Wirkung hatte. Mitten in der Auseinandersetzung verließ ich die Wohnung und ging, wie ich es gewohnt war, zur Altstadt, um das Gefühl, versagt zu haben, durch die frische Luft zu besänftigen. Ich ging geradewegs zur Grabeskirche. Dort gibt es immer irgendeine Zeremonie, in die man sich hineinversetzen kann, ein anderer Mensch werden, die Frau hassen, die man liebt, und Gott lieben. Aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken, ich muss schlafen.

 

Manchmal hasse ich meine Schüler, und manchmal liebe ich sie. Manchmal sage ich, sie bekommen alle eine Fünf, manchmal will ich jedem eine Eins plus geben. Sie sind betrügerisch, und ich bin es auch. Ich trinke schwarzen Kaffee und fange mit dem Unterricht an. »Der Spaten wird für Feldarbeiten und bei Beerdigungen benutzt. Er dient dem Wachstum und dem Graben.« Ich rede leise, aus der Tiefe, meine Stimme erscheint mir überzeugend, sogar hypnotisierend.

Die Klasse fängt an, unruhig zu werden.

»Herr Dagan, was meinen Sie mit Graben?«

»Soll ich über Feldarbeit schreiben?«

»Nein, über die Totengräber!«, schreit jemand als Antwort.

Tosendes Gelächter. Durcheinander. Tische bewegen sich. Sie holen ihre Schulbrote aus den Ranzen.

»Herr Dagan, kann ich rausgehen, etwas trinken?«

Ich werde nervös.

»Niemand geht...

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