Der Sonne entgegen und über uns die Sterne

Im VW-Bus Richtung Osten
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. April 2020
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7504-9145-8 (ISBN)
 
Die Autoren fuhren in den Siebzigerjahren in einem umgebauten VW-Bus auf dem Hippie-Trail Richtung Osten. Ihnen ging es nicht um Bewusstseinserweiterung mit fernöstlicher Spiritualität oder mit Haschisch, sie wollten fremde Welten erleben und wissen wie man jenseits des nationalen Horizonts lebt.
Zweimal starteten sie in München. Über die Türkei, Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan erreichten sie Indien, Nepal, Sikkim und Sri Lanka.
Kommunikation und Orientierung waren schwierig, denn damals gab es kein Internet und kein GPS. Es waren neue Welten, die sie erlebten, andere Traditionen und Lebensweisen, menschliche Begegnungen, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben und Abenteuer, die heute so nicht mehr erlebt werden können, weil die Welt sich seitdem sehr verändert hat
1. Auflage
  • Deutsch
  • 16,43 MB
978-3-7504-9145-8 (9783750491458)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katrin Mees ist Oberstudienrätin am Thomas-Mann-Gymnasium in München.
Studium der Anglistik, Romanistik, Germanistik und Theaterwissenschaften in München und Paris.
Lehrtätigkeit am Lycée Condorcet in Paris.

UND DIE REISE BEGINNT


An einem Dienstag, dem 19. August 1975, ist es endlich so weit. Eigentlich wollten wir schon vor zwei Wochen starten, aber der Umbau des Wagens wurde einfach nicht fertig. Am Anfang ging es ganz schnell: Trennwand zur Fahrerkabine herausnehmen, Wagen umlackieren. Zweifarbig, oben weiß, damit er unter der Sonne nicht so stark aufheizt und unten orange als Kontrast- und Signalfarbe. Dann wurde es komplizierter: Einbau einer vorgefertigten Camping-Einrichtung. Die kam per Spedition als Bausatz. Klaus konnte sie bei seinem Onkel nicht einbauen, denn der war inzwischen richtig sauer, weil seine Hofeinfahrt nach den Lackierarbeiten nun in Orange strahlte. Meine Eltern zeigten Verständnis.

»Ihr könnt die Garage haben, es wird ja nur ein paar Tage dauern!«

Aber es dauerte länger, die Arbeiten gingen nicht so von der Hand wie gedacht. Teile passten nicht zusammen, waren zu groß oder zu klein, falsch gesägt.

»Wann seid ihr fertig?« Auf die jeden Morgen gestellte Frage antworten wir mit wenig überzeugendem Optimismus: »Bald, wir sind ja eigentlich schon fertig bis auf ...«

Diverse Vollmachten mussten noch ausgestellt werden.

»Für den Fall, dass wir unterwegs Ersatzteile brauchen!« Ich drücke meinen Eltern noch eine Kopie des Kfz-Scheins in die Hand.

»Und hier ist die Liste mit Anschriften der Deutschen Botschaften und Generalkonsulate auf der Reiseroute, schickt eure Briefe mit dem Vermerk »wird abgeholt« dorthin!«

Und Ersatzteile dürfen auch nicht vergessen werden: Zündkerzen, Dichtungen für Ölsieb und Ölablass-Schraube, Stoßdämpfer, Keilriemen, Bremsbeläge, Ersatzbirnen, Außenspiegel, Kupplungsseil und natürliche viele Dia- und Super 8-Filme. Und ein Grundig Radio, »Satellit 2000«, knapp sieben Kilogramm schwer, für den Kurzwellenempfang von Deutscher Welle und BBC.

Die letzten Kleinigkeiten werden wir unterwegs noch erledigen. Voller Erwartung und mit einer gewissen Anspannung beginnt endlich unsere lange Reise nach Asien. Die Eltern winken uns nach. Sicher sind sie froh, dass endlich wieder Ruhe bei ihnen einkehrt.

Nach einer ermüdenden Fahrt über den stark befahrenen Autoput, der Fernstraße durch Jugoslawien, kommen wir in Griechenland an und genießen den ersten Ruhetag in Kavala am Meer. Schon seit Wochen träumen wir von einem Ort, wo der Tag entspannt beginnt und ebenso endet. Wir faulenzen unter südlicher Sonne, und üben uns im »Dolce far niente«, was uns nicht schwerfällt.

Langsam bekommen wir auch unsere Unordnung im Bus in den Griff. All die vielen Sachen in Plastiktüten, die in den letzten hektischen Stunden vor unserer Abfahrt noch gekauft und dann einfach im Wagen abgelegt wurden, finden bald einen festen Platz. Auch die Flasche Sekt, mit der wir auf ein gutes Gelingen unserer Reise anstoßen wollen, möchten wir nicht mehr ständig in die Hand nehmen. »Die sollten wir mal öffnen, statt sie ständig umzuräumen!« Bis jetzt hatten wir einfach noch keine Zeit und Muße hierzu, aber zurück nach Hause bringen wir sie ganz bestimmt nicht mehr.

Wir bleiben nur einen Tag in Istanbul, die Stadt kennen wir schon von früheren Besuchen und außerdem wollen wir in zehn Tagen schon in Teheran sein. Ob unsere Zeitrechnung aufgeht, steht allerdings in den Sternen, denn noch liegen mehr als 2500 Kilometer vor uns und Straßen, die nicht immer in bestem Zustand sind. Und an den vielen Sehenswürdigkeiten unterwegs wollen wir natürlich auch nicht nur vorbei fahren.

Auf einem Campingplatz direkt am Marmarameer und noch weit vor dem Zentrum sitzen wir entspannt vor dem Wagen und genießen ein Efes Bier. In der Nähe steht noch ein VW-Bus. Ein junges Pärchen ist auf der Rückreise und träumt schon von den Annehmlichkeiten der Zivilisation.

Dann verschwindet er plötzlich im Wagen und als er wieder aussteigt, hat er sich einen Pelzmantel umgehängt. Wir schauen verdutzt. »Braucht man sowas in der Sommerhitze?«

Er gibt uns gute Ratschläge: »Wenn ihr nach Kabul kommt, müsst ihr euch unbedingt einen Mantel aus Wolfspelz machen lassen, der hält im Winter schön warm, am besten zwei, dann könnt ihr einen in Deutschland gut verkaufen. Und vergesst nicht euch auch Lederstiefel maßschneidern zu lassen!« Er gibt noch weitere Tipps und so wird der Abend sehr kurzweilig.

Als wir am nächsten Morgen starten, sind die anderen schon verschwunden. Ganz so eilig haben wir es heute nicht. Bis Ankara sind es 430 Kilometer und die sind an einem Tag gut zu schaffen. Die Fahrt über die Europabrücke, die seit zwei Jahren den Bosporus überspannt und Europa mit Asien verbindet, ist ein Erlebnis. Hoch über Istanbul sieht man vom Topkapi Serail bis zum Goldenen Horn im Dunst der flimmernden Sonne die eindrucksvolle Silhouette der Moscheen mit den sie frei überragenden Minaretten.

Bis Izmir haben wir ständig das Marmarameer im Blick, dann geht's über sanfte Steigungen ins Landesinnere nach Anatolien. Das Grün wird spärlicher, das Braun der sonnenversengten Wiesen und abgeernteten Feldern dominiert. Wir müssen uns konzentrieren, denn Kühe, Schafe, und Ziegen suchen auf abgeernteten Feldern nach Futter, verirren sich dabei auch auf die Autostraße und zwingen oft zu Vollbremsungen. Auch die türkischen Bus- und Lastwagenfahrer betrachten die Straße als ihr Revier und rasen rücksichtslos. Rechts und links wird überholt, je nachdem, wo sich eine Lücke ergibt. Manchmal gehen diese gewagten Manöver schief, wie unzählige Autowracks am Straßenrand und im Abgrund bezeugen. Es gilt hier eindeutig das Recht des Stärkeren. Da haben wir mit unseren bescheidenen 47 PS keine Chance.

Viele Frauen sind verschleiert und dick angezogen. »Wie kann man nur bei größter Tageshitze wollene Pullover tragen und über Hosen einen knielangen Rock und oftmals auch noch einen Mantel?«

»Schwitzen sie nicht bei dieser Hitze?« Wir schon, obwohl wir nur im T-Shirt unterwegs sind.

Manchmal fühlen wir uns wie im Mittelalter. In den kleinen Dörfern sind die Straßen nicht asphaltiert, keine Kanalisation, kein Strom. Bei Einbruch der Dunkelheit sorgen Kerzen und Petroleumlampen für Licht. Das wirkt romantisch und weckt Erinnerungen an die Zeit, wo auch bei uns noch nicht jeder Straßenwinkel hell ausgeleuchtet war.

Auf den Feldern wird gerade die Getreideernte eingebracht. Gedroschen wird mit Schlitten, die von Kühen endlos im Kreis über die Bündel aus Getreidehalmen gezogen werden. Mit stoischer Ruhe läuft das Hornvieh immer im Kreis herum. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Werden die Kühe langsamer, drischt der Bauer mit einer Peitsche auf sie ein. In einigen Dörfern hat der Fortschritt schon Einzug gehalten. Dort sehen wir Dreschmaschinen, deren Mechanik mit Hilfe eines Traktors in Bewegung versetzt wird. Das erinnert mich an die eigene Kindheit. Noch habe ich das Rattern und Rumpeln der Maschine im Ohr und vor meinem Auge staubt die Spreu in alle Himmelsrichtungen.

Aleman güzel, dost!


Das BP Mocamp in Ankara ist schnell gefunden, auch ein Restaurant. Satt und zufrieden bummeln wir in der lauen Abendstimmung zurück zu unserem Wagen.

»Was hältst du davon, wenn wir jetzt unsere Flasche aufmachen?«

Ich hole einen Eimer mit kaltem Wasser, um die Flasche zu kühlen. Zwei Nachtwächter schauen interessiert zu und kommen dann näher. Als sie erfahren, dass wir aus Deutschland sind, werden sie sehr gesprächig. Einer sagt immer wieder: »Aleman güzel, dost«, was zu deutsch etwa heißt: »Deutsche gut, Freund«. Bei unseren gegenseitigen Sprachkenntnissen bleibt das Gespräch aber eher einsilbig. Jedes zweite Wort ist »güzel«. Istanbul ist gut, Ankara ist gut, die türkischen Eier sind gut, überhaupt ist an diesem lauen, wunderbaren Abend alles gut und somit bleibt das Gespräch im Fluss. Die Flasche Sekt ist für die Türken tabu. Wir wollten mit ihnen anstoßen, aber sie bleiben standhaft: »Moslem, nix Alkohol!«

»Auf unser Wohl und auf das Gelingen der Reise!« Wir prosten uns zu und spüren wohl beide, dass die Abenteuer schon auf uns warten.

Ständige Beschäftigung mit dem Glauben


In Çorum sitzen wir gerade beim Essen. Vor uns Teller mit Döner Kebab und viel Pul Biber, scharfen Chiliflocken. Ein Türke spricht uns an:

»Kann ich mich zu Euch setzen?« Er hat drei Jahre in Frankfurt gearbeitet und mit dem Geld nun das Lokal gekauft. Alles glänzt noch neu. Wir loben seine Küche und meinen es ehrlich.

Bereits in Istanbul wollten wir uns noch Schutzgitter gegen Steinschlag an den Frontscheinwerfern anbringen lassen, aber daraus wurde nichts, weil Sonntag war und niemand arbeitete. Ob er eine Werkstatt kennt?

»Kein Problem, ich kann Euch helfen, mein Freund ist Automechaniker!«

In der Werkstatt zunächst lange Diskussion, wie was am besten gemacht wird, doch dann geht es zügig voran. Wir staunen, geschickt geht die Arbeit mit einfachstem Werkzeug von der...

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