Seewölfe - Piraten der Weltmeere 613

Im Atlantik verschollen
 
 
Pabel eBooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 115 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96688-027-5 (ISBN)
 
Auf dem Achterdeck sah Kapitän Harris mit steigendem Entsetzen, wie seine Galeone buchstäblich abgewrackt wurde. Gerade eben hatte es in diesem furchtbaren Sturm den Fockmast erwischt. Vorn ragte nur noch ein zerbrochener Stumpf aus dem Deck. Der Mast war zweimal gebrochen und hing außenbords. Ein Gewirr aus Leinen, Fallen, Schoten, Wanten und Pardunen hielt ihn noch fest. Die Sturmsegel waren nur noch flatternde Fetzen. Bei dem nächsten hart überkommenden Brecher wurde der Fockmast zum tödlichen Rammbock. Die See holte wild mit ihm aus und schmetterte ihn voller Wucht an den Rumpf. Es krachte und knirschte. Durch das Heulen des Sturms war das Bersten von Planken zu hören, das Gurgeln von eindringendem Wasser...
  • Deutsch
  • 0,47 MB
978-3-96688-027-5 (9783966880275)

1.


Mit der Navigation standen die Kerle auf der Karavelle auf Kriegsfuß, und so hatten sie sich an den Konvoi der Auswandererschiffe achtern angehängt und jeden Kontakt zu den Schiffen vermieden. Der Konvoi würde sie in die Neue Welt bringen, sofern sie nicht den Kontakt mit den Schiffen verloren.

Das war William Anderleys größte Sorge - ein Sturm, der die Schiffe auseinandertrieb, womöglich ein Sturm, der nachts wütete, wenn nichts zu sehen war.

Verloren sie den Kontakt, dann blieb ihnen nichts weiter übrig, als stur nach Westen zu segeln, wo sie früher oder später auf Land stoßen mußten. Es war dann allerdings mehr als fraglich, ob sie ausgerechnet Virginia erreichen würden.

In dieser Nacht, es ging langsam dem Morgen zu, befanden sich nur der Bootsmann Tim Robinson und der Kapitän William Anderley an Deck. Die anderen Kerle schliefen bis zur nächsten Wache.

An Deck brannte keine Laterne. Sie hatten auch achtern keine Lampe gesetzt. Ihr Abstand zum letzten Schiff des Konvois, es war die Schebecke, betrug etwa fünf Meilen. Die Hecklaternen der Pilgerschiffe waren wie leuchtende Geisterfinger in der See zu sehen.

"Wir sollten ein bißchen dichter aufschließen", sagte der Bootsmann. "Sind jetzt ungefähr vier, fünf Meilen achteraus. Der Killigrew kümmert sich sowieso nicht mehr um uns, aber wenn wir die Schiffe aus den Augen verlieren ."

"Weiß ich selbst", sagte Anderley brummig. Er hatte ein dichtes, schwarzes Bartgestrüpp, das ihm bis zur Brust reichte und ihm ein abenteuerliches und verwegenes Aussehen verlieh. "Wir warten noch bis zur nächsten Wache, dann setzen wir zusätzlich ein Segel. Noch ist die Sicht so gut, daß nichts passieren kann, und es wird sich auch vorläufig nichts daran ändern."

"Wie du meinst, William, war nur ein Vorschlag. Ich habe immer ein bißchen Bammel, daß wir plötzlich allein auf weiter Flur stehen. Wir wissen nicht einmal, wie lange unsere Reise noch dauert. Oder hast du eine ungefähre Vorstellung?"

William Anderley, den die Kerle trotz seiner fehlenden navigatorischen Kenntnisse zum Kapitän ernannt hatten, schüttelte sich in lautlosem Lachen. Die Frage schien ihn zu amüsieren.

"Nein, nicht die geringste", gab er zu. "Ich habe das nur grob überschlagen und geschätzt. Kann sein, daß es noch vierzehn Tage dauert, kann aber auch noch einen ganzen Monat oder mehr dauern. Warum fragst du das?"

"Jack hat gestern den Proviant überprüft. Sieht ziemlich schlecht aus. Einiges ist durch Feuchtigkeit vergammelt, und zwei Fässer mit Hartbrot sind absolut ungenießbar geworden."

Anderley schluckte hart und räusperte sich die Kehle frei.

"Wie lange reicht das Zeug noch?" fragte er kurz.

"Wenn wir nicht mehr so reinhauen wie bisher, höchstens noch zehn Tage. Dann können wir unsere eigenen Planken fressen, sagte Jack."

"Verdammt. Sieht es wirklich so schlecht aus?"

"Leider ja."

"Na, das kann ja heiter werden", murmelte Anderley. "Hätten in London doch etwas mehr einsacken sollen, verflucht. Aber verhungern werden wir trotzdem nicht."

"Auf See sind schon viele verhungert und noch mehr verdurstet. Das kann uns ebenfalls passieren. Oder glaubst du, wir finden unterwegs eine Insel, wo wir uns eindecken können?"

"Ich weiß nicht, ob es hier Inseln gibt, ich glaube nicht. Aber ich dachte nicht an eine Insel."

"Sondern?"

"Wir werden uns Proviant beschaffen, wenn es wirklich hart auf hart geht. Doch dazu haben wir noch Zeit. Das will auch alles genau überlegt sein."

"Denkst du an eine der Galeonen? Das dürfte uns eine Menge Ärger einbringen. Die Killigrewburschen kennen keine Gnade."

"Das alles ist noch nicht spruchreif, Tim. Aber ich lege mich lieber mit den Killigrews an, als zu verhungern."

Robinson war von dieser Idee gar nicht begeistert, denn er fürchtete die "Killigrews", wie sie die Seewölfe nannten. Die würden es nicht zulassen, daß ein Wolf in die behütete Schafherde einbrach und Beute schlug. Er sagte jedoch nichts, denn es bestand ja die Möglichkeit, daß sie bald Land erreichten, das Land, in dem angeblich Milch und Honig flossen.

Eine halbe Stunde später wurden Jack und Ted hochgepurrt. Halb verschlafen setzten sie zusammen mit dem Kapitän ein weiteres Segel. Ganz langsam schlossen sie dann zu dem Konvoi wieder auf. In zwei Stunden konnten sie das Segel wegnehmen, um wieder hinterherzuhinken.

Von der Seemannschaft verstanden sie einiges, nur die navigatorischen Künste ließen sehr zu wünschen übrig. Das Kartenmaterial, das sie an Bord hatten, schauten sie erst gar nicht an.

Die Sterne verblaßten. Ein kühler Wind strich über das Meer. In einer knappen halben Stunde würde es hell werden.

Robinson zuckte zusammen, als es hart am Bug pochte. Ein ähnliches Geräusch erklang gleich darauf noch einmal an Backbord.

"Habt ihr das auch gehört?" fragte er. "Hörte sich an, als hätten wir was gerammt."

"Hier gibt es nichts zu rammen", sagte Anderley brummig. "Hier gibt's nur Wasser und Himmel. Aber ich habe es auch gehört. Vielleicht hat jemand auf den Galeonen was über Bord geworfen."

"Vielleicht ist auch nur was runtergefallen", meinte Jack. "Etwas, das wir möglicherweise brauchen können. Wollen wir nicht mal nachsehen?"

Sie stierten ins blasenwerfende Kielwasser, aber es war nichts zu sehen.

Anderley zeigte jetzt auch Interesse.

"Purrt die anderen Burschen hoch", befahl er. "Wenn sie an Deck sind, fahren wir eine Halse und sehen nach."

Abermals verging mehr als eine Viertelstunde, dann lag die Rabaukenkaravelle auf Gegenkurs.

Im Osten zeigte sich der erste schwache Schein einer kurzen Dämmerung.

Das Meer war noch dunkel wie der Himmel auch.

Sie starrten voraus, bis Robinson plötzlich die Hand ausstreckte und nach Steuerbord voraus zeigte.

"Da treibt etwas!" rief er. "Ein Bündel Lumpen oder so was. Sieht jedenfalls merkwürdig aus."

Sie hatten sich mit Haken bewaffnet und lagen auf der Lauer.

In der See trieb mit der Dünung tatsächlich etwas auf und ab, das an ein Bündel Lumpen erinnerte.

Als sie noch näher heran waren, erkannte Jack den Gegenstand.

"Das ist ein Kerl!" rief er. "Bestimmt über Bord gegangen!"

"Dann laß ihn treiben", meinte der Bootsmann. "Soll er seinem Kahn hinterherschwimmen. Ist nur eine Belastung für uns."

"Moment mal", sagte Anderley, "der sieht schon halbtot aus. Hievt ihn an Bord, vielleicht hat er was bei sich."

Es war typisch für die Kerle, daß sie so dachten. Mitleid war ihnen ein absolut fremder Begriff, und daß man einen in der See treibenden Mann nicht herzlos im Stich ließ, kümmerte sie auch nicht. Für sie war ein zusätzlicher Mann an Bord eine Belastung.

Die Bootshaken schossen vor und griffen in Hemd und Hose des Mannes. Zu viert hievten sie ihn hoch und legten die tropfnasse Gestalt an Deck.

Dort lag Ed Cornhill jetzt. Er war mit Hemd und Hose bekleidet, das Hemd war jedoch aufgerissen. Seine Augen waren geschlossen, aber sein Mund stand weit offen. Das Haar fiel ihm über die Stirn. Auf den ersten Blick sah er so aus, als lebe er noch.

"Der ist abgenippelt", stellte Anderley leidenschaftslos fest, nachdem er den Toten kurz berührt hatte. "Ganz kalt, der Bursche. Vermutlich ist er über Bord gegangen und ersoffen."

"Was sollen wir jetzt mit einer Leiche an Deck?" fragte Ted. "Tote Kerle an Bord bringen nur Unglück, das ist eine alte Weisheit."

"Ich bin auch dafür, daß wir ihn so schnell wie möglich wieder loswerden", sagte Jack schaudernd.

"Wir gehen erst wieder auf Gegenkurs", entschied der vollbärtige Kapitän. "Sonst verlieren wir den Anschluß. Auf Stationen."

Als das Manöver beendet war und die Karavelle wieder auf ihrem alten Kurs lag, sah Anderley sich den Toten noch einmal genauer an. Dabei entdeckte er eine dünne Schnur, die um den Hals des ertrunkenen Mannes lief.

"Da gibt's anscheinend noch was zu holen", sagte er ungerührt. "Sieht nach einem Brustbeutel...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

2,49 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen