Der verbotene Garten

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. März 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08400-4 (ISBN)
 
Es war mein Vater, der mir meinen Namen gab .

»Es war mein Vater, der mir meinen Namen gab. Mama sagte, ein Baum, so alt, dass er alle Geheimnisse von New York kannte, hätte ihn ihm zugeflüstert.«
1871: Das Mädchen Moth wächst in Manhattans Lower East Side auf. Die ersten Wörter, die sie lernt, sind jene, die die handgemalten Schilder ihrer Mutter, der Wahrsagerin, zieren: »Der Ring des Salomon«, »Der Gürtel der Venus«, »Herz«, »Schicksal«, »Glück« und »Leben«. Sehnsüchtig blickt sie oft in die verbotenen Gärten der großen herrschaftlichen Gebäude, bevor sie sich abends mit der Mutter auf ihr Lager legt. Als sie zwölf wird, erhält sie als Hausmädchen Zutritt in diese Welt. Doch bald erkennt Moth, dass sie selbst ein Gut besitzt, das manch einer höher erachtet als allen Schmuck und Besitz .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 50
  • |
  • 50 s/w Abbildungen
  • 4,43 MB
978-3-641-08400-4 (9783641084004)
weitere Ausgaben werden ermittelt

PROLOG

Ich heiße Moth und stamme aus den Slums der Chrystie Street. Meine Mutter war die Wahrsagerin unseres Elendsviertels, mein Vater der Mann, der ihr das Herz brach.

Als er davonlief, war ich drei Jahre alt. Er hatte das Mietgeld aus der Keksdose und unser einziges Silbergefäß mitgenommen – eine angelaufene Zuckerschale, die meine Mutter aus den rauchenden Trümmern eines Hauses an der Third Avenue geborgen hatte.

»Geh nicht …!« Wie oft flehte Mama das im Schlaf und zerrte an unserer gemeinsamen Decke, als wäre es seine Jacke. In solchen Momenten sehnte ich den Morgen herbei, wenn sie sich auf ihren Hass besann. Wenn die Bitterkeit in ihr wieder wach war und sie aufrecht hielt.

Nie nahm sie meine Hand. Nicht einmal einen Wangenkuss ließ sie zu. Wenn ich mich auf ihren Schoß setzen wollte, zog sie ein Gesicht und schob mich weg. »Ich habe dich als Baby in den Armen gehalten, bis sie mir fast abgefallen sind. Das, mein Kind, sollte genügen.«

Es machte nichts. Ich liebte sie.

Ich liebte die Art, wie sie sich ihr Seidentuch um den Kopf wickelte und die Enden seitlich herabhängen ließ. Ich liebte die Art, wie sie beim täglichen Blick in den Spiegel grinste, dabei Zähne und sogar das Zahnfleisch entblößte, ihr Tuch nach hinten über die Schulter warf und über dessen schwarzen Besatz fuhr, ehe sie das Schild, das von ihrer Tätigkeit kündete, in unser Fenster stellte. Auf dem Schild war eine elegante Hand mit langen Fingern zu sehen, über die Handfläche zogen sich allerlei Linien, Pfeile und Worte: Salomonring, Venusberg. Kopf, Herz, Schicksal, Glück, Leben. Dies waren die ersten Worte, die ich lesen konnte.

Meinen Namen hatte mir mein Vater gegeben. Mama sagte, er sei ihm an einem Ort namens Pear Tree Corner in den Sinn gekommen – »als Einflüsterung eines uralten Birnbaums, der noch sämtliche Geheimnisse dieser Stadt kannte«. Der Apotheker, dem Haus und Laden gehörten, hatte meinem Vater gesagt, er könne den Baum alles fragen, und wenn er nur aufmerksam genug lausche, dann würde er auch eine Antwort erhalten. Das hatte mein Vater geglaubt.

»Nenne das Kind Moth«, hatte der knotige Baum mit tief gesenkten Zweigen, die Blätter am Ohr meines Vaters, geraunt. Mama war damals dabei gewesen, schwerfällig, mit rundem Gesicht, mit mir im Bauch, sie aber hatte es nicht vernommen.

»Es war seltsam und zauberhaft«, hatte es ihr mein Vater geschildert. »So, als ob ein schönes Mädchen dir zum ersten Mal von Liebe spricht. Ich schwöre bei Gott.«

Mama hatte mich eigentlich Ada nennen wollen, nach der reichen Ada St. Clair, die ihr einmal begegnet war, doch das hatte mein Vater nicht erlaubt. Ihm war es einerlei, dass Miss St. Clair an jedem einzelnen Finger einen funkelnden Diamanten trug und zu ihren Füßen zwei Möpse keuchten. Er war fest davon überzeugt, es würde Unglück bringen, die Weisung des Baums zu missachten.

Später, nachdem er uns verlassen hatte, hatte meine Mutter noch versucht, mich Ada zu rufen, doch es war längst zu spät. Ich hörte nur auf Moth.

»Wo ist Papa?«, fragte ich immer wieder. »Warum ist er nicht da?«

»Das wüsste ich selbst gern. Geh doch zu dem Baum und frage den.«

»Und wenn ich mich verlaufe?«

»Dann sieh zu, dass du nicht weinst. Wildschweine streifen nachts durch die Stadt, und die fressen nichts lieber als furchtsame Mädchen wie dich.«

Mein Vater hatte noch Kohle in den Ofen gelegt, bevor er einfach fortging. Mama klammerte sich derart an diese letzte kleine Aufmerksamkeit, dass es sie fast in den Wahnsinn trieb. »Tut so was jemand, der nicht vorhat wiederzukommen?«, murmelte sie jedes Mal vor sich hin, wenn sie den Rost anhob und die alte Asche aus dem Ofen kehrte.

Sie wusste genau, was mit ihm geschehen war, doch es war so alltäglich und grausam, dass sie es nicht glauben wollte.

Mein Vater hatte ein Auge auf Katie Adams aus der Mott Street geworfen. Katie war sechzehn, ohne Kind und ohne Hemmungen. Mrs. Riordan, die im Hinterhaus wohnte, hatte einige Male beobachtet, wie die beiden es in der Gasse trieben.

»Sie lügen doch!«, hatte Mama geschrien, als Mrs. Riordan ihr das erzählte, doch die Alte hatte nur den Kopf geschüttelt und erwidert: »Warum sollte ich denn lügen? Lügen bringen nichts ein.«

Oft hatte Mama zum Fenster des Mädchens hinaufgebrüllt: »Katie Adams, du Hure, gib mir meinen Ehemann zurück!«

Wenn sich die Nachbarn über den Tumult beschwerten, ging mein Vater hinunter auf die Straße, um Mama zu beruhigen. Er küsste sie, bis sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, aber er kam nie mehr nach Hause.

»Der ist endgültig weg«, hatte Mrs. Riordan zu Mama gesagt. »Ihr Mann ist ein Mann, der nur das Erste will, und solche Männer brechen einer Frau das Herz.«

Sie meinte damit, dass ihn an jedem Mädchen nur das Erste interessierte – das erste Lächeln, der erste Kuss, das erste Mal, wenn er es ins Bett locken konnte. Bei Mama gab es nichts, was ihn gehalten hätte. Ihre ersten Male waren längst vorbei.

»Diese gottverdammte Katie Adams …«, murmelte Mama, wann immer etwas schiefging.

Das zu hören, war schrecklich. Lieber hörte ich Mama Worte wie Mist, Pisse oder Scheiße gebrauchen.

An dem Tag, als mein Vater fortging, ertönte auf der Straße »Sieg bei Shiloh!« An jeder Ecke riefen es die Zeitungsjungen, und ich stand auf der Treppe und sah meinem Vater nach. Als er den Gehweg erreichte, lüftete er den Hut und lächelte. Zucker rieselte aus der durchlöcherten Tasche, in der er Mamas silberne Dose verbarg, und sammelte sich weiß auf den Pflastersteinen. Manchen Menschen sind große, bedeutende Erinnerungen an die Jahre des Krieges geblieben – die glückliche Heimkehr eines Bruders, Geliebten oder Ehemanns, der Anblick des Leichenwagens von Präsident Lincoln, den all die schönen schwarzen Pferde mit ihrem Federputz über den Broadway ziehen. Mir blieben »Sieg bei Shiloh!« und ein rasches Lächeln.

Unser Zuhause waren zwei Zimmer in den sogenannten »Schlachthäusern«. Der Komplex bestand aus sechs Gebäuden mit je vier Geschossen – drei Häuser lagen ohne eine Lücke dazwischen direkt an der Straße, drei auf dem Grundstück dahinter. Wer dort lebte, konnte sicher sein, auch dort zu sterben. Im Sommer erstickte man an der Hitze, im Winter erfror man. Andere fielen Krankheit und Hunger, dem Zorn eines Nachbarn oder der eigenen Hand zum Opfer.

Manche Mutter darbte tagelang mit leerem Magen vor sich hin, damit sie genügend Geld hatte, um wenigstens den Kindern etwas Essbares zu kaufen. Wer mehr zusammenkratzen konnte, setzte eine Anzeige in den Evening Star:

MEIN LIEBSTER JOHN, komm bitte nach Hause.
Wir warten auf Dich.

–––––––––––––––––––––––––––

Gesucht wird FORREST LAWLOR,
zuletzt gesehen an der Kreuzung Grand und Bowery.
Er ist Vater von vier Kindern und von
Beruf Kupferschmied.

–––––––––––––––––––––––––––

An STEPHEN KNAPP, kriegsversehrt.
Ich werde Dich mit offenen Armen willkommen heißen.
Deine Dich liebende Gattin Elizabeth.

Sie versammelten sich in den Hinterhöfen, rieben Kleidungsstücke mit Steinen über die Waschbretter und klagten ihren verlorenen Männern nach. Eine neben der anderen hängten sie ihre Wäsche auf Leinen, die sich wie ein Fadenspiel durch das dunkle, enge Geviert der Höfe zogen.

Unser Hinterhof war besonders dürftig, denn er hatte nur drei und nicht vier Seiten. Seine Hauptattraktionen waren eine leckende Pumpe und die fünf Plumpsklos ihr gegenüber. Die Toilettenhäuschen stützten einander wie betrunkene Huren, und so schwankten, nässten und stanken sie auch. Nur eine einzige Tür ließ sich schließen, die anderen hingen halb aus den Angeln. Mr. Cowan, der Mann unserer Vermieterin, kümmerte sich weder um Reparaturen noch um den Müll, und so türmte sich auf dem Hof das, wofür niemand mehr Verwendung hatte: verfaulter Abfall, verkrüppelte Hocker, zerbrochenes Porzellan, eine magere, maunzende Katze mit ihren hungrigen Jungen.

Die Frauen tratschten und murrten, wenn sie vor der Pumpe Schlange standen, um sie herum krabbelten Heerscharen von Fliegen und Kindern. Die Kleinsten bettelten nach der Brust ihrer Mutter, die älteren Kinder wühlten und spielten mit Brettern und Ziegeln, bauten sich in den dreckigen Höfen Brücken und Trittsteine über die Rinnsale aus Unrat. So verbrachten die Kinder den Tag, während die Mütter kamen und gingen und ständig die Türen zu diesem kleinen Gefängnis schlugen.

Aus den Jungen wurden Gossenkinder, dann Taschendiebe, dann Schläger. Sie streunten durch die Straßen, die Augen auf die seltenen, faustgroßen Kohleklumpen in fremden Aschetonnen gerichtet, die Ohren auf das betörende Prasseln der Bohnen, in deren Säcke sie auf dem Tompkins-Markt ihre Messer stachen. Sie bettelten Damen um Almosen an, bedrängten Männer wegen Uhren und Ketten.

Kid Yaller, Pie-Eater, Bag o’ Bones, Slobbery Tom, Four-Fingered Nick. Ihre Spitznamen leiteten sich ab von Narben und fehlenden Körperteilen, von Großtuerei und Pech. Jack the Rake, Paper-Collar Jack, One-Lung Jack, Jack the Oyster, Crazy Jack. Sie trugen das Haar kurz geschnitten und hefteten die ausgefransten Jackenärmel an ihre Manschetten. Die wütende Hand eines Verkäufers sollte nichts festhalten, nicht einmal eine Laus sollte sich...

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