Das Leuchten der Insel

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10288-3 (ISBN)
 
Kathleen McCleary trifft mitten ins Herz

Als Susannah merkt, dass ihren Kindern das hektische Leben an der Ostküste nicht guttut, beschließt sie, ein Jahr mit ihnen auf der einsamen Insel Sounder zu verbringen. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, keine Tankstelle. Sie flieht zugleich vor ihrer festgefahrenen Ehe und der Erinnerung an ein Unglück, das auch nach vielen Jahren noch einen Schatten auf ihr Leben wirft. Auf der Insel trifft sie die charismatische Betty. Die alte Dame und die Insel werden Susannahs Leben für immer verändern ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,47 MB
978-3-641-10288-3 (9783641102883)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2. Kapitel

Betty 2011

Betty Pavalak stand an ihrem Spülbecken und starrte aus dem Fenster, obwohl sie nichts als ihr eigenes Spiegelbild sehen konnte. Die Dämmerung trat jetzt schon früh ein. Die Nächte hier waren dunkler und schwärzer als alles, was ihr je begegnet war. Anfangs hatte sie das gehasst - die Nächte, die so dunkel waren, dass man draußen keinen Schritt machen konnte, ohne zu stolpern, und sich nicht sicher war, wo der Boden unter den Füßen begann. Nach dem hellen Licht und dem weiten Himmel von Seattle hatten diese am Rand der Wälder so früh anbrechenden Nächte sie bedrängt, als stünde sie in einem überfüllten Fahrstuhl. Mehr als einmal war sie aus dem Bett aufgestanden, hatte die obersten Knöpfe ihres Nachthemds aufgerissen und war auf die Veranda gestolpert, um durchzuatmen - das Gesicht zum Meer gewandt, ihrem Fluchtweg.

Betty zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, wobei sie beobachtete, wie der winzige rote Glühpunkt ihr Spiegelbild im Fenster aufleuchten ließ. Komisch, dass diese neue Mieterin, Susannah, herkam, weil sie das wollte. Betty hatte ebenfalls hier sein wollen, und zwar etwa sechs Monate lang, bis sie erkannte, dass das Leben auf einer entlegenen Insel nicht das Geringste an Bill Pavalak änderte und dass sie sich lediglich eine Art von Lebensstil aufgehalst hatte, die sich kein Mensch gegen Bezahlung antun würde - aufstehen bei Tagesanbruch, Hühner und Ziegen füttern, Holz für den hungrigen Ofen hacken, kochen und waschen und den ganzen Tag irgendwelche Arbeiten verrichten, und all das, ohne auch nur eine anständige Glühbirne brennen zu haben, die es ihr zumindest ein wenig erleichtert hätte. Aber nach sechs Monaten war sie schwanger geworden, und das Einzige, was sie sich noch mehr wünschte, als nach Hause zu ihrer Familie in Seattle zurückzukehren, war ein Baby. Daher war sie nach ihrer Flucht von der Insel wieder zurückgekommen und dann geblieben.

Inzwischen mochte sie die Nächte und empfand die Dunkelheit als sanft und tröstlich. Wenn sie aufs Festland fuhr, um sich mit ihren Schwestern in Seattle zu treffen oder den Arzt in Bellingham aufzusuchen, erschien ihr der überall herrschende Lichterschein hart und aufdringlich, eine visuelle Kakophonie. Sie wusste nicht mehr, ab wann genau ihr die hiesige Dunkelheit wohltuend vorgekommen war, ebenso wenig wie sie sich daran erinnern konnte, von welchem Moment an das Geräusch des auf das Dach hämmernden Regens einen beruhigenden Rhythmus angenommen hatte und nicht mehr das gleichförmige, aufdringliche Geprassel war, das sie in jenem ersten Jahr an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Es war immer eine Frage, wie man die Dinge betrachtete.

Betty trank einen letzten Schluck Kaffee und stellte ihren Becher auf die Theke. Sie drückte ihre Zigarette in dem Becher aus und nahm ihren Parka vom Haken an der Hintertür. Musste sie irgendetwas mitnehmen? Sie öffnete die Tür und sah nach draußen in den Himmel. Die Sonne würde erst in einer Stunde untergehen. Wenn die Fähre also pünktlich angekommen und die See im Governor's Channel nicht zu rau war, müsste Jim in zehn Minuten am Kai anlegen, und sie würden diese neue Familie noch bei Tageslicht in der Hütte unterbringen können. Aber für alle Fälle nahm sie die Taschenlampe vom Tresen mit.

»Hallo Grim.« Hood, ihr ältester Enkel (wenn man denn die zwei Minuten, die er früher auf die Welt gekommen war als sein Zwillingsbruder, gelten lassen wollte), erschien in der Tür. »Bist du fertig zum Aufbruch?«

Selbst in dem gedämpften Licht konnte sie seine grünen Augen sehen, die genauso aussahen wie die seines Vaters und die seines Großvaters.

»Ja, ich bin so weit«, sagte sie. »Lass mich nur noch mal schnell den Eintopf umrühren.«

Hood verdrehte die Augen: »Nun komm schon. Wir wollen da sein, wenn sie ankommen.«

»Du wirst da sein«, erwiderte sie. »Hier.« Sie reichte ihm die Taschenlampe und sah sich suchend in der Küche nach ihrem Holzlöffel um, den sie schließlich im Spülbecken fand. Sie wusste, dass die Zwillinge aufgeregt waren. Seit Sally Lewis vor drei Jahren weggezogen war, hatte es kein Kind in ihrem Alter mehr auf Sounder gegeben.

»Wo ist dein Bruder?«

»Der wartet im Wagen. Lass uns gehen!«

Betty hob den Deckel von der gusseisernen Pfanne und rührte den Eintopf langsam und vorsichtig um. Sie plante, diese Susannah und ihre Kinder an diesem Abend zu verköstigen und ihnen ein paar Vorräte für das Frühstück am nächsten Morgen zu geben. Sie würde wetten, dass Susannah, die es gewohnt war, rund um die Uhr geöffnete Lebensmittelläden, Gemischtwarenläden und Restaurants in ihrer Nähe zu haben, gar nicht auf die Idee gekommen war, Lebensmittelvorräte für einen oder zwei Tage mitzubringen. Na gut. Betty hatte ebenfalls nicht daran gedacht, als sie ihre erste Nacht auf Sounder verbracht hatte. Sie und Bill waren mit wenig mehr als zwei Sandwiches, ihren Reisetaschen und der Wut auf den jeweils anderen im Hafen angekommen. Susannah würde früh genug lernen, dass man nichts voraussetzen konnte, wenn man an einem Ort wie diesem lebte.

»Grim«, mahnte Hood. Die Jungs nannten sie »Grim«, seit sie sprechen konnten, ein von Jim, ihrem findigen Sohn, geprägtes Kosewort, als sie sich dagegen verwahrte, »Grandma« oder »Gram« genannt zu werden. »Können wir jetzt los?«

»Wozu die Eile?« Sie tauchte den Löffel in den Eintopf, schöpfte ein wenig von der Brühe zum Probieren ab, hob den Löffel an ihre Lippen und blies, damit sie abkühlte. Sie neckte ihn, und er wusste es. Sie war fast genauso aufgeregt über die Ankunft der neuen Mieter wie er. Susannahs Miete würde das geringe Einkommen von Betty ordentlich aufstocken, und um ehrlich zu sein, fühlte sich Betty ein wenig einsam, seit die Ferien zu Ende waren, Jim wieder unterrichtete und auch die Jungs den ganzen Tag in der Schule verbrachten. Zudem war Fiona, ihre Schwiegertochter, fort. Es würde gut sein, Susannah in der Nähe zu haben. Und da Susannah ohne ihren Mann hier sein würde, war es wahrscheinlich, dass auch sie sich einsam fühlen würde.

»Gut«, sagte sie zu Hood. »Lass uns aufbrechen.«

Sie stiegen in den Pick-up. Hood fuhr, auch wenn er erst vierzehn war, weil man das auf Sounder halt so machte. Betty fuhr nicht mehr gern, und Hood und Baker beherrschten es beide gut genug.

Der Wagen rumpelte die unbefestigte Straße entlang. Zwischen Hütte und Hauptstraße mussten sie drei Gatter passieren, wobei die Hauptstraße selbst auch nicht viel mehr war als ein Weg aus festgestampfter Erde, deren Löcher man mit Schotter aufgefüllt hatte. Vor jedem Gatter hielt Hood den Pick-up an, und Baker sprang hinaus, um das Tor zu öffnen. Hood fuhr langsam hindurch und wartete auf der anderen Seite, bis Baker das Tor geschlossen und verriegelt hatte und wieder in den Wagen gestiegen war. Es war so sehr Routine für die Jungen, dass sich keiner von ihnen darüber beschwerte, obwohl sie es eilig hatten. Schließlich wollten sie später nicht Ziegen oder Alpakas durch die Wälder jagen, weil sie ein Tor offen stehen gelassen hatten.

»Weißt du denn, ob sie scharf aussieht?«, fragte Hood, während sie in die Norduferstraße einbogen. Selbst nachdem sie fünfundfünfzig Jahre hier war, verblüffte Betty dieses Paradox, der Kontrast zwischen der magischen Schönheit der Straßen auf Sounder und ihren profanen Namen noch immer. Die unbefestigte Straße, die eine Wiese mit blauen Prärielilien und gelben Pfingstveilchen durchschnitt, deren Farben jedes Frühjahr neu erstrahlten, hieß Kiesgrubenstraße. Den Weg, der sich an einem Fluss und an großblättrigen Ahornbäumen entlangschlängelte, die sich im Herbst golden verfärbten, hatte man Hügelstraße genannt. Und dieser Weg, der durch einen Wald mit uralten Hemlocktannen, Zedern und Douglasien führte, war, wie gesagt, die Norduferstraße. Die Pioniere von Sounder mochten mutig gewesen sein, aber gewiss nicht sonderlich kreativ.

»Was?«, fragte Betty.

»Das neue Mädchen«, sagte Hood. »Sieht sie scharf aus?«

»Ich habe nicht darum gebeten, dass sie dem Mietvertrag Fotos beilegen«, erwiderte Betty trocken. »Mein Fehler. Ich glaube nicht, dass ich den Mietvertrag auflösen kann, falls die Tochter hässlich ist.«

Hood verdrehte die Augen: »Sehr witzig, Grim.«

»Susannah hat auch einen Sohn«, sagte Betty. »Ich glaube, er ist zehn oder elf. Ich hoffe, dass ihr ihm ebenfalls das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein.«

»Es ist seltsam, dass sie im Oktober herkommen«, meinte Baker. »Die Schule hat bereits angefangen. Warum ziehen sie um?«

»Ich hab euch alles gesagt, was ich weiß«, antwortete Betty. »Susannah sagte, dass sie eine Veränderung brauchen und dass sie sich seit ihrer Jugend irgendwie für San Juan interessiert.«

»Es ist seltsam, dass sie überhaupt herkommen«, warf Hood ein.

Betty verzichtete darauf hinzuzufügen, dass Susannah erwähnt hatte, ihre Tochter habe einige »Verhaltensprobleme«, und sie hoffe, das andere Lebenstempo auf der Insel möge helfen. »Lass sie unvorbelastet auf Sounder anfangen«, dachte Betty. Genau darum hatte sie sich selbst bemüht, als sie vor all den Jahren mit Bill hier eingetroffen war. Sie hatten die Farm ohne vorherige Besichtigung gekauft und waren mit allen möglichen Hoffnungen für ihren Neuanfang hergekommen, obwohl sie damals bereits seit vier oder fünf Jahren verheiratet gewesen waren.

Und Sounder hatte eine Zeit lang tatsächlich Wunder gewirkt. Jene ersten sechs Monate, nachdem sie...

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