Kreuzzeichen

Kriminalroman
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Juni 2020
  • |
  • 190 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-4171-6 (ISBN)
 
Kommissar Walter Braunagel erfährt durch einen Ingolstädter Kollegen von zwei auf kuriose Weise miteinander verbundenen Cold Cases:
1988 wurden bei Aushubarbeiten die Überreste eines Mannes gefunden, der offenbar während des Zweiten Weltkrieges bei einem Bombenangriff unbemerkt ums Leben kam. Wenige Zeit später meldeten Nachbarn den Tod eines ehemaligen Lehrers, in dessen Nachlass ein Brief des Toten gefunden wurde. Zwei relativ unspektakuläre Todesfälle, die niemanden weiter interessierten und längst als abgeschlossen galten.
Braunagel macht sich außer Konkurrenz auf Spurensuche, und gerät in die düstere Vergangen-heit zweier Männer, die durch mysteriöse Briefe und geheimnisvolle Kreuzzeichen miteinander verbunden waren.
Plötzlich rückt ihr Tod in ein völlig anderes Licht.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,38 MB
978-3-7519-4171-6 (9783751941716)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Carmen Mayer, geboren und aufgewachsen im württembergischen Mühlacker, lebt seit über vierzig Jahren mit ihrem Mann, ihrer Tochter und deren Familie in Ingolstadt. Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie zunächst als au pair in Paris, anschließend in den Bereichen Verkauf, Export und im Sekretariat größerer Industriebetriebe, und bereiste als Einkäuferin für deutsche Unternehmen Asien und Amerika.
Ihre ersten Veröffentlichungen als Autorin waren Kurzgeschichten, die über verschiedene Literaturforen im Internet erfolgreich den Weg zu ihren Leserinnen und Lesern fanden. Inzwischen hat sie eine immer größer werdende Fangemeinde für ihre historischen Romane, Krimis und mundartlichen Theaterstücke.
Sie ist aktives Mitglied bei den Mörderischen Schwestern e.V. und bei HOMER - Historische Literatur. Außerdem engagiert sie sich mit großer Begeisterung in einem Vorlese- und Mitspieltheater für Kinder, arbeitet ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz, und genießt so oft es geht dankbar die Zeit mit ihrer großen Familie, bei der sie für alle ihre Interessenbereiche Unterstützung findet.
Wenn Sie mehr über sie und ihre Bücher erfahren möchten, können Sie sich hier informieren:
https://autorin-carmen-mayer.com
https://maximum-verlag.de
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https://kulturkanal-ingolstadt.de

Ingolstadt, 9. April 1945


Zuerst ist da das anschwellende Dröhnen der Kampfflugzeuge, dann das Rumpeln und Krachen, das die Erde erzittern lässt. In den Kellern hört man nur den Einschlag, spürt das Beben, und die Kinder weinen stumm in den Armen ihrer Mütter.

Er hatte es nicht mehr bis zum Luftschutzkeller geschafft. Er war eine Treppe hinab gerannt, hinein in den dunklen Flur bis kurz vor die rettende Tür. Das Heulen der Sirenen gellte ihm in den Ohren, dann folgte das Donnern und das Beben, Staub, der ihm in die Lungen drang, Geröll, das auf ihn herunter prasselte, Mauerteile, die ihn unter sich begruben. Er hatte zuerst die Hände vors Gesicht geschlagen, dann den Kopf mit den Armen zu schützen versucht. Aber was nutzt das, wenn einen ein Haus erschlägt?

Das Letzte, woran er sich erinnerte, waren die Schmerzen, die sich über seinen ganzen Körper ausbreiteten. Sie waren auch das Erste, was jetzt wieder in sein Bewusstsein drang.

Blinzelnd öffnete er die Augen, versuchte vergeblich, sich umzudrehen. Es war stockdunkel. Er konnte sich nicht bewegen. Sein Körper war nur Schmerz, aber sein rechter Arm war frei. Als er nach unten tastete, fühlte er die raue Oberfläche zertrümmerter Mauerstücke neben sich und auf seinen Beinen.

Etwas Glattes presste sich gegen seine linke Schulter und den Arm. Er griff danach. Es war eine Tür. Der Teufel hatte eine scheiß Tür über ihn gelegt, um ihn nun langsam und hilflos unter einem Berg aus Schutt verrecken zu lassen. Irgendwann würden sie ihn ausgraben und auf dem Westfriedhof zusammen mit den anderen Opfern dieses Angriffs beisetzen.

'Johann Sebastian Sailer' würde auf einem Holzkreuz stehen. Falls jemand es überhaupt für notwendig halten sollte, eines auf sein Grab zu stellen.

Er lachte heiser, bekam einen Hustenanfall, schlug dabei mit Stirn und Nase gegen den Boden. Seine Bronchien rebellierten, die Rippen schmerzten, Blut rann an seiner rechten Schläfe herunter, tropfte ins Irgendwas unter seinem Gesicht.

Johann Sebastian Sailer.

Wie oft war gerade dieser Name der Schlüssel zu den Türen gewesen, die die meisten seiner Schüler vor ihm und den anderen Lehrern und Erziehern im Heim verschlossen hielten. Außerhalb des Lehrplans hatte er die Neuen kurz nach den ersten, offiziellen Unterrichtsstunden mit seinem Namensvetter bekannt gemacht, ihnen die Schwäbischen Heiligen Drei Könige vorgestellt und die Komödie zu Weihnachten aufführen lassen. Da waren sie aufgetaut, die kleinen Kerle, die anfangs verschüchtert und heimwehgeplagt in den beiden kalten Klassenräumen saßen und hofften, dass sie das Leben in diesen Mauern einigermaßen heil überstehen und als ganze Männer verlassen würden. Es wurde viel gemunkelt über Prügelstrafen und tagelanges Eingesperrtsein in den fensterlosen Karzern, die sich unter dem alten Gebäude befanden.

Johann kannte diese Verliese, wusste, dass die Gerüchte um sie einen wahren, bitteren Kern hatten.

Aber er hatte das alles nicht gewollt. Hatte niemals in ein angsterfülltes kleines Gesicht schauen, niemals vor den weit aufgerissenen Augen eines seiner Zöglinge kapitulieren wollen, wenn das gnadenlose Urteil des Heimleiters eine Strafe vorsah, die selbst einen Erwachsenen hätte erbleichen lassen.

Wie viele von ihnen mit gesenktem Haupt an ihm vorbeigeschlichen waren, ihm einen anklagenden Seitenblick zugeworfen und dann den Gang nach unten angetreten hatten, wusste er nicht mehr zu sagen. Gerade jetzt, da die Luft immer staubiger wurde, das Dunkel immer unerträglicher, der Schmerz immer heftiger, spürte er am eigenen Leib, was in diesen kleinen Seelen vor sich gegangen sein musste.

Er fühlte sich schuldig an dem, was so vielen Kindern angetan worden war und noch wurde. Was sie zerstörte, anstatt sie zu aufrechten, gefestigten Menschen werden zu lassen.

Dass ihm das alles seit jeher körperliche und seelische Schmerzen bereitete, war einer der Gründe dafür gewesen, weshalb er an diesem Tag hierhergekommen war.

Zu spät.

Er hätte sich viel früher auflehnen müssen gegen das Brechen der kleinen Seelen, das gnadenlose Umformen ihrer Persönlichkeiten, die ungerechten Strafen.

Aber er war feige gewesen. Hatte zu oft die Augen vor dem verschlossen, was seine Kollegen und Mitbrüder für selbstverständlich hielten, hatte sich zu wenig für die Kinder eingesetzt.

Das war jedoch nicht alles, was ihm ausgerechnet jetzt durch den Kopf ging.

Denn da war diese Tür, die auf seine Schulter drückte, seinen Arm einquetschte, verhindert hatte, dass er längst tot war. Sie war unter einem eingestürzten Haus und inmitten eines gnadenlosen Bombenhagels ein lächerliches Symbol für eine andere Tür geworden. Eine, die seine Seele gefangen gehalten, sein Denken und Fühlen vor anderen verschlossen und ihm so viele Schmerzen zugefügt hatte, dass er es manchmal kaum noch aushalten hatte können.

Johann Sebastian Sailer war das, was man hinter vorgehaltener Hand 'andersrum' nannte.

Er war schwul.

Dieses Anderssein war der eigentliche Grund dafür gewesen, warum er damals in diesen gottverdammten Orden eingetreten war. Er hatte geglaubt, durch die strengen Ordensregeln, durch den geordneten Ablauf innerhalb der Klostermauern, durch Gebete und die wohlwollenden Absichten seiner Mitbrüder eine Art Läuterung zu erfahren. Dass er schließlich als Lehrer an diesem Heim und der angeschlossenen Schule gelandet war, kam nicht von ungefähr. Er hatte mit allen Mitteln vermeiden wollen, dass jemand seine dunkle Seite entdecken und ihn hart dafür bestrafen würde. Lehrer in dieser Einrichtung zu sein würde ihn über alle Zweifel erhaben machen, der Zölibat vor unangenehmen Fragen schützen, hatte er gedacht.

Wie schwer das alles sein würde, wie absurd es war, und wie sehr er sich geirrt hatte, wurde ihm viel zu spät bewusst.

Der erste Pater, der ihm begegnete, machte ihm unmissverständlich klar, was er von Homosexuellen hielt. Er würde deren weibisches Verhalten mit eiserner Hand bestrafen und diese fehlgeleiteten Männer gnadenlos denunzieren.

Denunzieren.

1934 hatten Hitler und die NSDAP deutlich gemacht, dass Homosexualität wider die Natur und somit der Regierung ein Dorn im Auge sei. In einschlägigen Kreisen jedoch war klar, was hinter den Anschlägen auf Leib und Leben dieser Menschen in Wahrheit steckte: Weil Lesben und Schwule keine Kinder zeugten, die für den Weiterbestand des arischen Herrenmenschen wichtig waren, galten sie und ihre Beziehungen als unerwünscht. Dies mit der Folge, dass nach Verschärfung des §175 viele von der Gestapo verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden, wo sie mit einem aus Stoff geschnittenen 'rosa Winkel' als Homosexuelle gekennzeichnet und übel misshandelt, wenn nicht gar umgebracht wurden.

Johann Sebastian Sailer hatte sich vorbildlich verhalten, eine undurchdringliche, nach außen hin saubere und unangreifbare Fassade aufgebaut, um nicht entdeckt zu werden und das Schicksal anderer Schwuler teilen zu müssen.

Denn nicht nur die NSDAP verfolgte Männer und Frauen, die dem eigenen Geschlecht mehr zugetan waren als dem jeweils anderen. Auch von Mitgliedern der katholischen Kirche wurden sie verdammt, wie sie auch mehr oder weniger offen alle kinderlos bleibenden Beziehungen als wider die Natur und somit untragbar bezeichneten. Zuneigung und Achtung voreinander zählten nicht. Wer keine Kinder zeugen oder gebären konnte oder wollte, verweigerte seinen Beitrag zum Fortbestand der katholischen Kirche und war somit nicht wert, von ihr geschützt und getragen zu werden. Ausgenommen davon waren selbstverständlich alle Männer, die im Weihestand der katholischen Kirche und somit von ihr abgesegnet ehe- und kinderlos lebten.

Das jedenfalls hatte Johann oft genug hören und sich dabei auf die Zunge beißen müssen, um seine Wut über so viel unchristliches, unsoziales und vorsintflutliches Denken und Handeln nicht laut herauszuschreien. Noch dazu angesichts der unglaublichen Dinge, die hinter manch verschlossener Tür geschahen.

Jetzt steckte er hier fest, konnte sich nicht bemerkbar machen, rang nach Luft und war den Schmerzen in Kopf, Brust und Rücken hilflos ausgeliefert. Zum Glück spürte er seine Beine nicht, ahnte aber den Grund dafür und brach in Panik aus. Er bäumte sich vergeblich auf, fiel verzweifelt wieder in sich zusammen.

All die Kinder tauchten mit einem Mal vor seinem inneren Auge auf, die er nicht davor bewahren hatte können, in die unterirdischen Verliese des Heims gebracht und eingesperrt zu werden. Er hatte nichts unternommen, weil er nicht als weibischer Homosexueller auffliegen und von seinen Kollegen denunziert werden wollte.

Er war so ein Feigling gewesen.

Seine ehemaligen Schutzbefohlenen hatten inzwischen einen Verbündeten, dessen war er sich in diesem Augenblick sicher: den Teufel. Der hatte diese Tür auf ihn fallen lassen, damit er nicht schnell sterben, sondern langsam krepieren und währenddessen sein eigener Richter sein sollte.

In die ohrenbetäubende Stille hinein glaubte er das grausige Lachen all...

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