Ich habe so viel Spaß hier ohne dich

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2015
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7830-8 (ISBN)
 
Richards erste Ausstellung in Paris ist ein rauschender Erfolg. Die Bilder des Engländers, der seit Jahren mit seiner Familie in Paris lebt, gehen weg wie warme Semmeln. Doch Richard kann den Triumph nicht genießen, denn gerade hat ihn seine amerikanische Geliebte verlassen. Dabei haben alle Männer bloß Augen für seine bildschöne Frau Anne. Und Richard stellt bald fest, dass sein Herz sowieso nur ihr gehört. Er nimmt sich fest vor, wieder zum liebevollen Eheman und Vater zu werden. Doch ausgerechnet in diesem Moment entdeckt Anne die glühenden Liebesbriefe seiner Ex-Geliebten ...Courtney Maum erzählt intelligent, komisch und wahrhaft herzzerreißend von Richards verzweifelten Versuchen, seine Ehe zu retten. »Beim Lesen spürt man mehr und mehr einen Wunsch: Bitte, Anne, verzeih diesem Tolpatsch und gib ihm noch eine Chance!« The New York Times
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,60 MB
978-3-8270-7830-8 (9783827078308)
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1

Besonders bedeutende Augenblicke haben oft einen bitteren Beigeschmack, weil wir uns geradezu krankhaft danach sehnen, im Stich gelassen zu werden. Und so war ich bei meiner ersten Einzelausstellung in Paris im September 2002 weder stolz noch aufgekratzt, als ich die vielen Menschen sah, die meine Bilder betrachteten, sondern traurig. Enttäuscht. Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass mein künstlerischer Ruf auf einer Serie realistischer Ölgemälde von Zimmern aus der Schlüsselloch-Perspektive gründen würde, hätte ich auf meine Collage aus Treibholz, Sägeblättern und geschmolzenen Ramen-Nudeltüten, auf meine kleinen grünen Plastiksoldaten in Blasenfolie gedeutet, hätte die Bässe des Elektronikalbums Fancypants Hoodlums von Peaches hochgedreht und erklärt, dass ich mich nie verkaufen würde.

Doch hier war ich, umgeben von dreizehn erzählenden Gemälden, auf denen Zimmer zu sehen waren, in denen ich im Laufe meines Lebens mit verschiedenen Frauen gewohnt oder in denen ich mit diesen Frauen bestimmte Erfahrungen gemacht hatte. Die kaum sichtbaren Pinselstriche und die Palette von Ölfarben würden sich an jeder Wand, in jedem Zusammenhang und in jedem Land gut machen. Die Bilder waren nicht kontrovers, ganz sicher nicht politisch und verkauften sich wie verrückt.

Allerdings war der Eindruck, ich hätte mich verkauft, sehr persönlicher Natur, denn er wurde weder von meinem Galerist Julien geteilt, der glücklich durch den Raum schlenderte und rote Punkte an den Gipskartonwänden anbrachte, noch von den bunt gekleideten Exilanten, die mir mit Plastikgläsern voller Chablis zuprosteten. Es gab keinen Grund, schlechtgelaunt zu sein; ich war noch relativ jung und in Paris und hatte lange auf diesen Abend hingearbeitet. Doch seitdem Julien unter meinem ersten Gemälde der Serie, das den Titel Der blaue Bär trug, einen grünen Aufkleber angebracht hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich etwas Unwiderrufliches getan hatte, dass ich mich am falschen Ort befand und das schon seit Monaten. Schlimmer noch, ich besaß keinen Anker, niemanden, der mich wieder auf Kurs brachte. Die Frau, mit der ich seit sieben Jahren verheiratet war, eine nüchterne französische Rechtsanwältin, die mir während des Studiums zur Seite gestanden hatte, als ich noch Skulpturen aus dem Müll anderer Leute und Puppenhäuser aus Barbieverpackungen angefertigt hatte, war ein Gradmesser meines künstlerischen Niedergangs. Anne-Laure de Bourigeaud würde nicht lügen und mir sagen, ich hätte es geschafft. Der Mensch, der das getan hätte, der einzige Mensch, von dem ich mich trösten und antreiben lassen wollte, lebte jenseits des Ärmelkanals mit einem Mann zusammen, der zuverlässiger, unkomplizierter, verfügbarer war als ich. Und so musste ich mein Selbstwertgefühl aus roten Aufklebern und händeschüttelnden Möchtegernmäzenen beziehen. Doch später am Abend, als meine Frau für alle außer mir funkelte und strahlte, trieb ich ankerlos dahin und wäre am liebsten einfach untergegangen.

Nach der Vernissage legte Anne in unserem Peugeot energisch den ersten Gang ein. Wenn sie angespannt mit einem Schaltwagen durch Paris fährt, übt das eine fast kathartische Wirkung auf mich aus. Ich lasse sie oft ans Steuer.

Ihr Sicherheitsgurt spannte sich, als sie nach hinten griff und sich vergewisserte, dass unsere Tochter angeschnallt war.

»Alles klar, Prinzessin?«, fragte ich und drehte mich ebenfalls um.

Camille strich die wallenden Rüschen auf ihrem rosa Schlauchrock glatt, den sie für Dads großen Abend ausgesucht hatte.

»Non .«, gähnte sie.

»Du hast dir nicht den letzten Trinkjoghurt genommen, oder?«, fragte mich meine Frau.

Das Licht der Straßenlaternen fiel ins Auto, beleuchtete das Lenkrad, das verstaubte Armaturenbrett, das summende Elektroland unserer kleinen mobilen Welt. Anne war beim Friseur gewesen. Ich hütete mich, sie darauf anzusprechen, erkannte aber sofort den metallischen Erdbeergeruch des Haarsprays, der sich zweimal monatlich in unser Leben stahl.

Ich schaute ihr in die Augen, die sie in der lässigen und doch sorgfältig einstudierten Art der Französinnen wunderschön nachgezogen hatte. Ich zwang mich zu lächeln.

»Nein, habe ich nicht.«

»Gut«, sagte sie und manövrierte den Wagen aus der Parklücke. »Cam-Cam, wir essen noch eine Kleinigkeit, wenn wir nach Hause kommen.«

Paris. Paris bei Nacht. Paris bei Nacht zeigt einem Hunderte Augenblicke, die man erleben könnte. Man könnte das Paar unter der Straßenlaterne an der Place de la Concorde sein, das sich selbst fotografiert. Man könnte der alte Mann auf der Brücke sein, der auf die Hausboote hinunterschaut. Man könnte der Mensch sein, der das telefonierende Mädchen auf derselben Brücke zum Lächeln bringt. Oder man könnte der Mann in dem beschissenen französischen Auto sein, der mit seiner Frau über Trinkjoghurt diskutiert. Paris ist die Stadt der hundert Millionen Lichter, die manchmal flackern. Und manchmal verlöschen.

Anne schaltete die Nachrichten im Radio ein. Die weiche Altstimme der Sprecherin erfüllte den stillen Wagen: »Zum Auftakt eines Treffens in Camp David sicherte der britische Premierminister Tony Blair Präsident Bush seine volle Unterstützung bei der Auffindung und Zerstörung der Massenvernichtungswaffen zu, die angeblich im Irak lagern.« Dann näselte mein Premierminister: »Die Politik der Untätigkeit ist keine Politik, der wir uns in verantwortungsvoller Weise verschreiben können.«

»Genau«, sagte Anne. »Untätigkeit.«

»Das ist Wahnsinn«, sagte ich, ohne auf ihren Kommentar einzugehen. »Die Menschen haben Angst, weil man sie ihnen einredet. Und niemand fragt nach dem Grund.«

Anne setzte den Blinker.

»Ich glaube, es ist größtenteils eine Verschiebung.« Sie hob das Kinn, stolz auf ihr Arsenal an literarischen Fachbegriffen, das noch aus dem Grundstudium stammte. »Die großen Fragen sind zu beängstigend. Du weißt schon: wer eigentlich der Schuldige ist. Also haben sie sich ein leichtes Ziel ausgesucht.«

»Meinst du, Frankreich zieht mit?«

Ihre Augen wurden dunkel. »Niemals.«

Ich schaute aus dem Fenster auf den endlosen Fluss unter uns, der das rechte vom linken Ufer trennte, die Reichen von den noch Reicheren. »Aber es ist ein schlechtes Zeichen, dass Blair sich ihnen anschließt«, fügte ich hinzu. »Ich meine, die Briten? Früher haben wir Dinge zu Tode hinterfragt.«

Anne nickte, sagte aber nichts. Gerade fasste die Sprecherin die finanzielle Situation in der Eurozone seit der Einführung des Euro im Januar zusammen.

Anne drehte das Radio leiser und schaute in den Rückspiegel. »Cam, Schätzchen, hattest du einen netten Abend?«

»Na ja, war okay«, sagte unsere Tochter Camille und spielte an ihrem Rock herum. »Mein Lieblingsbild ist das mit den ganzen Fahrrädern und dann das, ähm, das mit der Küche und dann das mit dem blauen Bären, das früher in meinem Zimmer gehangen hat.«

Ich schloss die Augen wegen all der Frauen, selbst den kleinen, die Worte wie Zauberstäbe schwangen; eben noch waren sie zuckersüß und harmlos, dann plötzlich beißend.

Ästhetisch betrachtet war Der Blaue Bär eines der größten und daher teuersten Gemälde der Ausstellung - aber es war auch das heikelste, weil ich es ursprünglich als Geschenk für Anne gemalt hatte.

Der Blaue Bär ist ein Ölgemälde von 117 × 140 Zentimetern, auf dem das Gästezimmer in dem klapprigen, zugigen Haus eines Freundes in Centerville, Cape Cod, zu sehen ist. Dort verbrachten wir den Sommer nach unserem Examen, Mittzwanziger auf dem Scheitelpunkt, die sich die Frage nach dem Was jetzt? stellten und ans Babymachen dachten, was vielleicht nicht die Frage nach dem Was jetzt?, wohl aber die Frage nach dem Was dann? beantworten würde.

Wir waren die ersten aus unserem Freundeskreis, die heirateten, und es kam uns rebellisch und künstlerisch vor, ein Kind zu bekommen, während wir noch jung und schlank und ganz heftig ineinander verliebt waren. Gleichzeitig schmiedeten wir unsere Pläne aber auch in einem Traumland, sicher umschlossen von dem Mantra, das schon der Untergang so vieler privilegierter Weißer gewesen ist: Eine ungeplante Schwangerschaft passiert uns nicht.

Daher überraschte uns die Farbe auf dem Streifen, als Annes Periode nur fünf Wochen, nachdem sie ihre Spirale entfernt hatte, ausblieb und sie ein deutliches Pochen in den Brüsten spürte. Wir fanden es lustig - wir waren so symbiotisch in unserem Geschmack und unseren Wünschen, dass ein bloßes Gespräch eine Möglichkeit Realität werden ließ. Wir waren entzückt, sogar amüsiert. Fühlten uns gesegnet.

In den ersten Wochen am Kap baute ich noch Skulpturen aus Fundstücken, und Anne, eine begabte Illustratorin, lernte abwechselnd für ihr Jurastudium und arbeitete an neuen Bildern für ein Magazin, das sie während ihres Auslandsstudiums in Boston gegründet hatte. Es hieß Âne in America, ein Wortspiel mit ihrem Namen und dem französischen Begriff für Esel, âne. Darin schilderte sie die Fehltritte einer schüchternen, pessimistischen Pariserin in der lärmenden Welt zuckerwatteherziger, Diätbier bechernder Amerikaner, die darauf vertrauen, dass ihr unerschöpflicher Optimismus alles überwindet.

Doch während der Sommer dahinschlich und ich sie dabei beobachtete, wie sie laminierte Hardcover aus der städtischen Bibliothek las und ihren wachsenden Bauch streichelte, vollzog sich in diesem Engländer, der bis dahin ein Feind jeglicher...

»Letzter Versuch: Ein Künstler merkt zu spät, dass seine Frau die Beste ist.«, JOLIE, Nina Berendonk, 01.10.2015

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