Von braunen Wurzeln und großer Einfalt

Südniedersächsische Medien in Geschichte und Gegenwart
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
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  • erschienen am 18. Januar 2019
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  • 284 Seiten
 
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978-3-7528-1868-0 (ISBN)
 
Unter den Zeitungen Südniedersachsens gab es einst stramm nationalsozialistische Vorkämpfer und Profiteure, aber auch Opfer der NS-Pressepolitik. Entsprechend konfliktreich war nach dem Weltkrieg der pressepolitische Neuanfang. Zwar entstanden nach 1945 neue, unbelastete Zeitungen. Doch viele alte, belastete (und heute angesehene) Blätter bewahrten ihre starke Stellung. Sie benötigten allerdings lange Jahrzehnte, um in der Demokratie anzukommen.
Heute ist die Medienlandschaft Südniedersachsens eintönig. Monopole kennzeichnen das Pressewesen. Die Qualität der Zeitungen ist gering, die Redaktionen haben deutliche politische Präferenzen. Alternative Blätter haben es schwer. Das Radio bietet für die regionale Berichterstattung nur kleinere Impulse.
Mit 45 Abbildungen, 46 Tabellen und drei Karten.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 5,28 MB
978-3-7528-1868-0 (9783752818680)
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Braune Saat. Presse in der Weimarer Republik


Simon Ledder

Am Ende des Ersten Weltkriegs war ganz Deutschland von Versorgungsengpässen und Kriegsmüdigkeit bestimmt. Der Kaiser dankte ab. Der Übergang zur neuen demokratischen Weimarer Republik sollte mit revolutionären Umwälzungen einher gehen, die insbesondere in konservativen Kreisen auf Kritik stießen.

Der Beginn der Weimarer Republik war in Göttingen ebenso wie in anderen deutschen Städten zunächst von dem Versuch geprägt, die Gesellschaft zu stabilisieren. Noch lange nach dem zu Ende gegangenen Krieg herrschte eine Lebensmittelrationierung, zudem mussten die 4.000 nach Göttingen zurückgekehrten bzw. hier stationierten Soldaten erst wieder einen Platz in der Gesellschaft finden, was ebenfalls nicht reibungslos verlief. Um etwa diese Soldaten in den regulären Wirtschaftsprozess eingliedern zu können, wurden Frauen aus der Arbeitswelt heraus gedrängt.42 Nicht zuletzt verbildlichte die Abdankung des Kaisers, wie stark der Umbruch war, den das gesellschaftliche und politische Leben erfuhr.

Die Nachkriegsprobleme schlugen sich in der Göttinger Presselandschaft nieder, die bis zum Beginn der 1930er Jahre von vier Zeitungen geprägt wurde, von denen es lediglich zwei bereits vor dem Weltkrieg gegeben hatte. Ältestes der Blätter war die Göttinger Zeitung, die 1864 erstmals erschienen war.

Das Blatt war so erfolgreich, dass es 1903 den Göttinger Anzeiger und 1914 den Göttinger Deutschen Boten aufkaufen konnte. Seit 1889 erschien das ebenfalls gut nachgefragte Göttinger Tageblatt (Abbildung).

Erste Nummer des Göttinger Tageblatts, 6.8.1889.

Abbildung: Stadtarchiv Göttingen

In den politischen Umbrüchen der Nachkriegszeit erschien am 19. September 1919 erstmals das Göttinger Volksblatt, das ab 1920 nur noch Volksblatt hieß und sich im Untertitel als >Organ für die werktätige Bevölkerung der Stadt Göttingen und der südhannoverschen Kreise Göttingen, Northeim, Einbeck, Duderstadt, Osterode, Harzgebiete und Uslar< auswies, ein sozialdemokratisches Parteiblatt.43 Erstmals am 15. Dezember 1923 wurde die Niedersächsische Morgenpost verkauft. Im Gegensatz zu den übrigen Zeitungen erschien die NM bereits früh morgens.44 Das Blatt scheiterte mangels finanzieller Ressourcen in der Weltwirtschaftskrise, so dass es am 1. November 1931 vom Verlag des Göttinger Tageblatts übernommen wurde.45 Lediglich kurzzeitig, zwischen Oktober 1919 und Juni 1920, erschienen zudem die Neuesten Nachrichten für Südhannover,46 sowie im Juli/August 1931 die Südhannoversche Morgenpost.47 Von der KPD ist für das Jahr 1931 das Erscheinen der Wochenzeitung Die Einheitsfront vermerkt,49 von 1932 bis 1933 gab die Partei in Göttingen das Organ Der Rote Stürmer heraus.50 Der Rote Stürmer, ein nicht im Zeitungdruck, sondern lediglich mit Schreibmaschinenschrift hektografierte >Wochenzeitung der K.P.D. Ortsgruppe Göttingen< (Abbildung), konnte in Form und Inhalt in der Leinestadt jedoch keinen relevanten publizistischen Beitrag leisten.

Der Rote Stürmer, Wochenzeitung der KPD, 27. Januar 1933.

Abbildung: Städtisches Museum Göttingen

Das Parteiblatt erschien 1932 in 46 und 1933 bis einschließlich 25. Februar in neun Nummern.51 Die Zeitung wurde auch in Einbeck und den umliegenden Dörfern verteilt, wo es das heimische KPD-Organ Rotes Echo ergänzte.52

Inhaltlich waren die Göttinger Blätter politisch unterschiedlich positioniert. Die Göttinger Zeitung rekrutierte ihre Leserschaft zunächst aus dem besitzenden und gebildeten Bürgertum, das sich auf die 1848er-Revolution bezog. Die politische Ausrichtung war nationalliberal, wobei das Deutsche Reich und der Staat Preußen bejaht wurden.53 Um die Jahrhundertwende entwickelte sich die Zeitung in Richtung deutsch nationaler, konservativer und antiliberaler Inhalte und polemisierte immer stärker gegen die Sozialdemokratie.55 In der Weimarer Republik positionierte sich die Göttinger Zeitung in der Nähe der liberaldemokratischen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die wie die Sozialdemokraten die Republik unterstützte bzw. verteidigte.56 Die Göttinger Zeitung konnte sich allerdings von der Wahrnehmung, ein Organ des Besitzbürgertums zu sein, nicht mehr frei machen, was den Erfolg in Arbeiterkreisen beschränkte.

Redaktion der Göttinger Zeitung, Ecke Weender Straße/Stumpfebiel (heute Carré).

Foto: Städtisches Museum Göttingen

Eine Zeitungsnummer umfasste in der Regel vier bis acht Seiten, am Samstag wurde noch als Beilage ein Sonntagsblatt hinzugefügt. Das Blatt druckte Informationen aus dem In- und Ausland, Kommentare, Unterhaltung, gewerbliche Anzeigen, Kleinanzeigen, kurze lokale Informationen und kurze Wirtschafts- und Börsenberichte. Der Hauptvertriebsweg der GZ war das Abonnement. Auf der Titelseite wurden die amtlichen kommunalen Bekanntmachungen veröffentlicht.57

Als 1889 das Göttinger Tageblatt gegründet wurde, positionierte es sein Verleger Gustav Wurm gegen die 1871 in Preußen entstandene Berliner Zentralmacht, anders als die Göttinger Zeitung. Dabei nutzte das GT einen im Lande herrschenden preußisch-hannoverschen Gegensatz: Nachdem der preußische Staat sich 1866 das Königreich Hannover einverleibt hatte, war 1869 die heimatlich-separatistische Deutsch-Hannoversche Partei (DHP) entstanden, die nach dem hannoverschen Herrscherhaus >Welfenpartei< genannt wurde. Zwar hatte es in Göttingen seit langem einen politischen Zweikampf zwischen den preußisch orientierten Nationalliberalen und den antipreußischen Welfen gegeben,58 anders als erstere hatten die Anhänger der DHP jedoch ihre Vorstellungen nicht in einer eigenen Zeitung vertreten gefunden. Erst das Göttinger Tageblatt richtete sich an die Wünsche dieser regionalistisch-hannoversch geprägten welfischen Leserschicht59 und hatte bald »den Welfenmarkt [...] fest in der Hand«.60 Seinen Aufschwung verdankte das GT allerdings auch seinen niedrigen Verkaufs- und Anzeigenpreisen, die teilweise um 50 Prozent unter denen der Konkurrenz lagen.61

Als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ein nationaler Überschwang durch die Bevölkerung rauschte, legte auch das GT seine regionalistischhannoversche zugunsten einer nationalistisch-deutschen Haltung ab.62 Mit Beginn der Wiemarer Republik charakterisierte sich das GT als »national« gesinnt, um anschließend weiter nach rechts zu wandern: So wie die protestantischen Anhänger der Welfenpartei immer mehr in Richtung NSDAP tendierten, bezeichnete sich auch das GT in der Selbstdarstellung ab 1924 als »nationalsozial« und ab 1928 als »rechtsradikal«.63 Noch während des Ersten Weltkriegs hatte das Göttinger Tageblatt aufgrund seiner Kritik an der Reichsregierung eine große Zahl sozialdemokratisch orientierter LeserInnen an sich binden können. Der Umschwung ins rechte Lager machte das Blatt jedoch für etliche ArbeiterInnen nicht länger tragbar.

Das Fehlen einer für die Arbeiterschaft bestimmten Zeitung ebnete den Weg für den Aufbau eines SPD-eigenen Blattes.64 Während sich die anderen Zeitungen trotz ihrer politisierenden Berichterstattung offiziell parteifern gaben,65 war das Volksblatt ausdrücklich nicht unpolitisch, sondern das 1919 gegründete Parteiorgan richtete sich mit sozialdemokratischem Blickwinkel sowohl gegen weiter links als auch gegen rechts stehende Parteien.66 »Parolen und Aufrufe an Parteimitglieder und Leser, sowie das Abdrucken vollständiger Parteitagsreden waren an der Tagesordnung.«67 Die lokale Berichterstattung nahm wenig Raum ein, die Zeitung berichtete vor allem über Themen, die das gesamte Reich betrafen.68

Die eigene Hauptaufgabe sah das VB darin, einen »Doppelkampf gegen die politischen Feinde und die politische Dummheit«69 zu fechten. Neben rechten Parteien und Gruppierungen griff man auch das Großkapital und den Adel an, in denen man die Geldgeber der Nationalsozialisten vermutete,70 womit das Parteiorgan kaum den Ansprüchen einer vollwertigen Zeitung genügte. Dabei betrachtete das Volksblatt sowohl die bürgerlich-liberale GZ als auch das national-konservative GT als Bedrohung für die Arbeiterschaft. Seinen Aufklärungsauftrag sah das...

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