Zwei Sorten Glück

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0348-2 (ISBN)
 

Nach ihrer desaströsen Geburtstagsfeier im Kreise der Familie beschließt Miriam, der Vernunft abzuschwören und nur noch auf ihr Herz zu hören. Und dieses schlägt seit einiger Zeit für einen sehr attraktiven, aber plötzlich verschwundenen Italiener. Miriam macht sich auf den Weg, ihm seinen Eiswagen nach Italien zurückzubringen. Die Reise wird ein Abenteuer, gelinde gesagt - auch, weil sich ihre Mutter und ihre Schwester völlig ungeplant anschließen. Doch am Ende der Reise wartet schon das Happy End ...

weitere Ausgaben werden ermittelt
Frida Matthes arbeitete viele Jahre für Funk und Fernsehen. Nach hunderten Reportagen über Fabergé-Eier, essbare Algen, Hundeernährungsberatung, Höhlenkäse und andere seltsame Phänomene fühlte sie sich gut gerüstet für die fiktive Welt des Schreibens. Mittlerweile hat sie unter Pseudonym mehrere Bücher veröffentlicht - und dabei Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste erobert. Frida Matthes lebt mit ihrer Familie in Köln.

Wer immer darauf wartet, dass andere mitkommen, verpasst das Leben.

1


Sich von der Vernunft zu verabschieden ist so befreiend, wie eine Diät zu beenden. Man hat auf einmal so viele Möglichkeiten! Selbst als vierundvierzigjährige geschiedene Alleinerziehende darf man auf einmal alles. Johannisbeerenkuchen mit Sahne zum Frühstück essen, Gelb zu Grün anziehen und sich die Haare selbst schneiden. Gut, vielleicht hätte ich es nicht unbedingt gestern Abend nach der Flasche Wein machen und eventuell auch nicht die Nagelschere benutzen sollen, aber jetzt ist es passiert. Ich wollte schon immer eine Ponyfrisur haben. Ist mir egal, dass es mir nicht steht. Immerhin sehe ich jetzt so kreativ aus, wie ich mich fühle.

Abgesehen davon ist der Unterschied zwischen richtig und falsch ja doch nur eine Fessel, die einem das eigene Gewissen aufzwängt oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung oder seine schrullige Familie. In meinem Kopf herrscht so eine Klarheit. Detox Your Brain - der neue Trend. Entschlacke deine Gedanken, schon fällt aller Stress von dir ab.

Als ich zum Beispiel an der Liste für meinen Sohn Basti und meinen Vater gearbeitet habe, auf der ich das notiert habe, was sie wissen und worauf sie achten müssen, wenn ich weg bin, habe ich bei Punkt 8 (Klopapierrollen nachlegen, sobald die Ersatzrolle angebrochen wurde) gestoppt, den Zettel zerknüllt und weggeschmissen. Sollen sie doch selbst sehen, wie das ist, wenn man auf dem Klo sitzt und kein Papier mehr da ist. To-do-Listen, Pflichtbewusstsein, bleierne Bürde des vorausschauenden Denkens - einfach weg damit! Freie Gedanken für eine freie Frau! Hab die Darf-man-, Soll-man-, Muss-man-Ketten gesprengt. Fühle mich so schöpferisch! Und ideenreich! Was vielleicht auch an diesem irrsinnigen Haarschnitt liegt, Modell »Aktionskünstlerin«. Ich könnte mich mit Silberfarbe überschütten und mit einem Meerschweinchen und einem roten Luftballon auf eine Verkehrsinsel stellen, und es wäre ein Live-Event.

Okay. Vielleicht sollten die Gedanken doch nicht allzu ungehindert strömen. Der Grat zwischen Freisein und Überschnappen ist schmaler, als man denkt. Andererseits muss ich in dieser Situation darauf gefasst sein, dass jede Menge Weisheiten aus mir raussprudeln. Deswegen habe ich beschlossen, alles genau zu dokumentieren. Die Erkenntnisse einer Reisenden. Wertvoll für die Nachwelt. Und für mich! Damit ich meine Wiedergeburt als neuer Mensch später noch mal nachverfolgen kann. Am Steuer eines Fahrzeugs zu sitzen ist ja fast so, wie sich in die Zelle eines Schweigeklosters zurückzuziehen, was schon so mancher getan hat, der danach sein Leben komplett umgekrempelt hat.

Ich nehme diese Aufgabe nun voller Wagemut an und stürze mich in das Abenteuer, den Eiswagen nach Montecchio, Umbrien, Italien zu fahren. Okay. Ich gebe zu, dass ich nicht völlig planlos aufbreche. Ich habe die Eisdielen in Montecchio im Internet recherchiert und dort die GELATERIA FANTASTICA, die GELATERIA TRADIZIONALE und die GELATERIA ANGELO gefunden. Voller Übermut habe ich gestern dort angerufen, bis mir klar wurde, dass ich kein Italienisch kann. Aber die Frau, mit der ich gesprochen habe, wusste, wovon ich sprach.

Sie rief direkt: »Lorenzo. Aaaah! Lorenzo!«

»Lorenzo Italia oder Germania?«

»Si, si, Lorenzo, Italia«, und dann folgte noch irgendwas, das ich nicht verstanden habe.

Aber wenn ich jetzt wieder anfange, alles komplett zu hinterfragen, kann ich gleich zu Hause bleiben und mich auf mein Sofa setzen, das mein Vater seit seinem Einzug in Beschlag genommen hat, und mit ihm irgendwelche Dokus über den Zweiten Weltkrieg gucken. Und das will ich nicht. Ich will Lorenzo finden, und dafür muss ich fast tausenddreihundert Kilometer zwischen mich und meine Familie bringen.

Ich habe also gepackt und bin bereit - bereit für meine Reise nach Italien.

Ich schleiche mich aus der Wohnung und gehe die Treppe runter. Vor Eduards Tür verharre ich kurz. Der Mann macht ja morgens früh immer Gymnastik, um sich bei seiner Stützmuskulatur einzuschleimen. Dieser Scharlatan, der mich so blamiert hat wie noch nie jemand in meinem ganzen Leben. Ich überlege kurz, ob ich das »Dr.« auf dem Klingelschild übermalen soll, aber ganz neu anzufangen bedeutet auch, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen und den Groll hinter sich zu lassen. Außerdem habe ich keine Hand frei.

Meine Schritte hallen von den Wänden wider, ich erreiche das Erdgeschoss.

Obwohl mir der Hausflur vertraut ist, kommt mir alles auf einmal so surreal vor. Ich bin mit dem Auto ohne Begleitung nie weiter als bis Frankfurt gefahren. In meinem Kopf summt und brummt es vor lauter Begeisterung darüber, dass ich allein losziehe. So mutig!

Ich durchquere die Hofeinfahrt. Da steht er. Der Eiswagen. GELATO ITALIANO. Ein wohliger Schauer fährt mir über den Rücken, als ich an die Minuten mit Lorenzo dem Eismann im Inneren des Wagens denke - zwischen den Regalen und den blinkenden Bottichen voller Eiscreme. Es ist doch so: Wo die Vernunft endet, fängt das Träumen an. Und warum sollte ich nicht von dem Eismann träumen? Davon, dass er sich unsterblich in mich verliebt hat? Dass er zwar aussieht wie ein Filmstar, aber dennoch verrückt nach mir ist? Und dass wir beide eine wundervolle gemeinsame Zukunft haben können, voller gelati, amore und Sette Peccati? Das ist die Eissorte, die er für mich kreiert hat, sie trägt den vielversprechenden Namen »Sieben Sünden«! Wer bestimmt denn, dass ich mich mit Männern wie Eduard oder Simon begnügen muss? Die Liebe kennt keine Grenzen. Ich bin richtig gerührt, so sehr glaube ich in dem Moment daran, dass meine Zukunft golden und wundervoll werden wird.

Vielleicht sollte ich meine Gedanken gar nicht für mich behalten, sondern gleich unters Volk bringen. Bloggen. Von unterwegs ins World Wide Web senden. Eiscreme und Wahrheit. Die Nomaden-Bloggerin. Na ja, gut. Ich sollte erst mal losfahren, dann kann ich immer noch überlegen, was ich unterwegs alles mache.

Ich steige also in den Wagen. Nehme bewusst den Geruch der vanillefarbenen Ledersitze wahr, die mich mit einem sanften Knirschen willkommen heißen. Stopfe meine Tasche und den Reiseproviant in den Fußraum der Beifahrerseite. Butterbrote, Bonbons, Müsliriegel, eine Flasche Wasser - und zur Bestätigung meiner Emanzipation von sinnlosen Regeln, eine Tüte Chips. Einfach so, weil ich Lust darauf habe! Schon läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich reiße die Tüte auf, schaufle mir eine Handvoll in den Mund, fantastisch. Morgens um sieben Uhr Chips am Steuer eines Eiswagens essen - die Unvernunft gefällt mir immer besser.

Gerade habe ich die Wangen bis zum Anschlag voll und bin wahnsinnig glücklich, da klopft es an die Seitenscheibe. Ich zucke zusammen, verschlucke mich und dann gleich noch mal, als ich sehe, wer da neben dem Auto steht: meine Mutter. Sie starrt von der Chipstüte zu dem Pony, den ich mir in einem Anfall von promillebedingtem Aktionismus geschnitten habe. An ihrem Blick kann ich sehen, was sie denkt: Was zur Hölle macht dieser Mensch mit der schrägen Frisur da?

Das würde ich mich auch fragen, wenn es mir nicht völlig egal wäre. Aber viel wichtiger ist die Frage: Was macht sie hier? Ich meine, sie wollte nie wieder mit mir reden. Und ich nicht mit ihr. Wir sind fertig miteinander.

Demonstrativ greife ich in die Chipstüte und stopfe mir den Mund voll. Essen ist allemal besser als reden.

»Miriam, du fährst also tatsächlich nach Italien«, sagt meine Mutter durch die Scheibe. Woher weiß sie das denn? »Ich habe mit meinem Lieblingsenkel telefoniert gestern Abend«, antwortet sie unaufgefordert.

Na toll, denke ich ärgerlich. Sonst die Verschlossenheit in Person, und jetzt posaunt mein Sohn überall meine Abenteuerpläne aus.

»Ich dachte, du willst nicht mehr mit mir reden«, sage ich.

»Will ich ja auch nicht, aber ich muss. Ich bin schließlich deine Mutter.«

Für einen Moment erwacht der Gedanke, dass sie eingesehen hat, wie unmöglich sie sich auf meiner Geburtstagsfeier vorgestern benommen hat.

»Und was willst du dann hier? Dich entschuldigen?«

»Wofür sollte ich mich entschuldigen?«, fragt sie zurück.

Wofür? Wirklich???

Während ich doch wieder anfange, mich zu ärgern, sehe ich, wie sie um das Auto herumgeht. Fassungslos schaue ich zu, wie sie die Beifahrertür aufmacht und einsteigt. Tausend Fragen liegen mir auf der Zunge, aber ich muss erst mal meinen Proviant retten, auf den sie fast mit ihren Ballerinas getreten wäre.

»Hey! Pass auf, da sind wertvolle Sachen drin!«

Ich hechte in den Fußraum.

»Dann ist das ja wohl kaum der richtige Platz dafür«, weist mich meine Mutter zurecht. Sie nimmt meine Tasche und den Proviantbeutel und hievt beides auf den mittleren Sitz, quetscht ihre eigene Tasche - warum hat sie Gepäck dabei? - zu ihren Füßen und schnallt sich an. »Na, dann los!«

»A. aber«, stammle ich. »Wie jetzt? Was willst du hier?«

»Ich fahre mit, ist doch klar. Du kannst das nicht allein.«

Ich schnappe empört nach Luft, aber sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Bei einer solch langen Fahrt ist eine Beifahrerin zwingend vorgeschrieben«, sagt sie.

»Bist du jetzt in der Fernfahrergewerkschaft, oder was?«

»Das ist gesunder Menschenverstand, mein Kind. Mehr nicht.«

Da sitzt sie seelenruhig in ihrer weinroten Tunika, auf...

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